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Energie Gas ist das neue Öl

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Welche Folgen der Gasboom für die Energiewende hat

Die neuen Gas- und Dampfturbinenkraftwerke des Kraftwerksbetreibers E.On in Irsching (Oberbayern) Quelle: dpa

Wer sich von Ingolstadt dem Dörfchen Irsching nähert, kann sich leicht an den imposanten rot-weiß gestreiften Schornsteinen orientieren, die sich 200 Meter hoch an der Donau in den Himmel recken. Es sind jedoch nicht diese Ungetüme, die das Gelände des Kraftwerksbetreibers E.On zum Anziehungspunkt für Energieexperten aus aller Welt machen. Sie interessieren sich für zwei Neubauten: In den Blöcken vier und fünf rotieren die leistungsfähigsten Gas- und Dampfturbinen (GuD) der Welt. Siemens hat sie konstruiert und gebaut.

Rund 60 Prozent des verbrannten Erdgases wandeln die Maschinen in Elektrizität um. Weltrekord. Sie verbrauchen je erzeugter Kilowattstunde (kWh) ein Drittel weniger Brennstoff als der Durchschnitt der älteren weltweit installierten GuD-Anlagen.

Doch dem Betreiber hilft die außerordentliche Effizienz wenig. Nur relativ selten wird die volle Leistung der 561 und 845 Megawatt starken Turbinen abgerufen. Gaskraftwerke laufen derzeit in Deutschland von 8760 möglichen gerade einmal 2.500 bis 3.000 Stunden im Jahr, berichten Insider. Das macht ihren Bau zum Minusgeschäft. Damit sich die Investition rechnet, müssten die Erzeuger annähernd zehn Cent je kWh erlösen. Tatsächlich erhalten sie gegenwärtig jedoch gerade einmal sechs Cent im Durchschnitt.

Übersicht zur Nachfrageentwicklung nach Gas (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Die Gasschwemme wird sie aus dieser misslichen Situation nicht befreien. Denn jedes neu montierte Windrad und Fotovoltaikdach senkt wegen des Vorrangs für den grünen Strom tendenziell die Nachfrage nach Energie aus fossilen Quellen. Gas- und Kohlekraftwerke geraten immer mehr in die Rolle des Lückenbüßers.

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    Kohle bleibt wirtschaftlicher als Gas

    Und dabei haben die Kohleverstromer die besseren Karten. Sie können die kWh mit vier Cent rund einen Cent billiger produzieren als Gaskraftwerke – und werden daher zuerst zugeschaltet, wenn Strom knapp wird. Zwar stoßen die Kohlemeiler mehr als doppelt so viel Kohlendioxid aus wie ihre Gas-Pendants. Doch die Preise der Emissionszertifikate, die die Kraftwerksbetreiber für den Ausstoß von Treibhausgasen kaufen müssen, sind mit acht Euro je Tonne CO2 im Keller. Erst ab Preisen von 20 bis 30 Euro je Tonne wären Gaskraftwerke wegen ihres geringeren CO2-Ausstoßes wirtschaftlicher als Kohlemeiler.

    Selbst fallende Gaspreise würden den Kostennachteil der Gaskraftwerke nicht ausgleichen. Denn Kraftwerkskohle ist ebenfalls deutlich billiger geworden. Kostete die Tonne Anfang 2011 noch 150 Dollar auf dem Weltmarkt, ist sie jetzt schon für etwas mehr als 100 Dollar zu haben.

    So geraten die Gaskraftwerke in Europa ins Hintertreffen. Statt ihrer gleichen immer häufiger die billigeren, aber schmutzigeren Kohleanlagen das schwankende Stromangebot von Wind und Sonne aus.

    Und noch einen Effekt haben niedrigere Preise für Gas und Kohle. Der Zeitpunkt, an dem Wind und Sonne Elektrizität zu Kosten erzeugen können wie fossile Kraftwerke, verschiebt sich weiter in die Zukunft.

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