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Energieeffizient Bauen Deutsche Mittelständler glänzen in Kalifornien

Das Hauptquartier des Fahrdienstleisters Uber wird eine sogenannte „atmende Fassade“ schmücken. Quelle: Matthias Hohensee

Ob bei Apple, Google oder dem neuen Uber-Hauptquartier: Deutsche Ingenieurskunst ist in Kalifornien gefragt. Vor allem, wenn es um nachhaltiges Bauen geht.

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Die Mission Bay, ein neuer Stadtteil im Osten San Franciscos, ist eine einzige Baustelle. Auf dem ehemaligen Marschland haben sich rund 60 Biotech-Unternehmen angesiedelt. Dort entsteht gerade eine neue Basketball-Arena für die Golden State Warriors und direkt daneben das neue Hauptquartier von Uber. An einem Mittwochnachmittag stapft eine Delegation von amerikanischen und deutschen Umwelt- und Konstruktionsexperten über die Bautreppen in dem elfgeschossigen Rohbau, der bis Ende des Jahres fertiggestellt sein soll.

Organisiert hat die Führung die Deutsch-Amerikanische Handelskammer in San Francisco. Es gilt, deutsche Technologie zu bewerben. Wenn schon nicht in Form von Silicon-Valley-Start-ups, dann zumindest in deren Gebäuden. Das Hauptquartier des Fahrdienstleisters wird eine sogenannte „atmende Fassade“ schmücken: Vorgelagerte Terrassen, verkleidet mit Kastanienholz-Tafeln, drapiert mit hängenden Pflanzen, geschützt von sich je nach Klima öffnenden und schließenden Fenstern. Die Mechanismen für die gigantischen, stockwerkhohen Fenster hat die Josef Gartner GmbH aus Gundelfingen an der Donau entwickelt. Ein über 150 Jahre altes Unternehmen, das seit 2001 zur italienischen Permasteelisa Gruppe gehört. Brian Walz, Projektmanager von Truebeck Construction, demonstriert die Sonderanfertigung.

Nahezu flüsterleise bewegen sich die Fenster. „Sie falten sich innerhalb von zwei Minuten nach außen auf und schließen sich innerhalb von neunzig Sekunden“, erklärt Walz. Der Plan ist, dass die Meeresluft vom Pazifik die Außenhaut des Gebäudes natürlich kühlt, unterstützt von sich öffnenden Dachfenstern und den Holzpanelen. Das soll die Klimaanlage für die dahinter liegenden Großraumbüros entlasten und so bis zu 30 Prozent Energie sparen. Ein Gebäude, das durch Umgebungsluft dank sich öffnender Fenster gekühlt wird? Was für Europäer nicht gerade sensationell klingt, ist für San Francisco ein Novum. „Ich kenne keine andere Konstruktion dieser Dimension in San Francisco“, sagt Debbie Raphael, Leiterin der Umweltschutzbehörde.

Zwar sind die Amerikaner international für eher laxe Auflagen bekannt, beispielweise was das Gründen von Unternehmen angeht. Doch beim Bauen ist vieles noch strenger reglementiert als in Deutschland, vor allem in Kalifornien. Hier gibt es seit den Siebzigerjahren Vorgaben zur Energieeffizienz. Trotzdem sind hermetisch abgeriegelte Bürogebäude mit Fenstern, die sich nicht öffnen lassen, oft noch die Regel. Doch unter dem Druck, Energie zu sparen und Treibhausgase zu reduzieren, sind die Bestimmungen weiter verschärft worden. Nicht ohne Grund, entfallen in den USA doch 70 Prozent des Stromverbrauchs auf gewerbliche Gebäude und Wohnhäuser.

Ab 1. Januar 2020 müssen alle neu gebauten Wohngebäude mit Solaranlagen versehen werden. Bei kommerziell genutzten Gebäuden gibt es strengere Auflagen für Beleuchtung, Lichteinfall, Wasserbrauch und Kühlung. Besonders im Silicon Valley sind Unternehmen bereit, bei neuen Konzernzentralen über die Vorgaben hinaus zu gehen – nicht nur wegen des Image, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Der Strompreis in Kalifornien liegt sechzig Prozent über dem US-Durchschnitt.

Laut einer Booz-Allen-Studie wächst der nachhaltige Bausektor mit 15,1 Prozent pro Jahr schneller als der konventionelle mit etwa 9,1 Prozent. Für deutsche Mittelständler aus der Bauindustrie ist Nordamerika ein Wachstumsmarkt, gerade bei innovativen Lösungen. In San Francisco und dem Silicon Valley kommen deutsche Mittelständler so immer öfter zum Zug, unter anderem bei Apple, Uber oder Google.

Oder beim Oceanwide Center, einem Komplex aus zwei bis zu 278 Meter hohen Türmen, der gerade in San Franciscos Innenstadt hochgezogen wird. Er soll Appartements und ein Waldorf Astoria Hotel beherbergen. Ein wichtiges Designelement des von Foster und Partners entwickelten Komplexes sind die vitrinenartigen Fenster, die ebenfalls von Josef Gartner geliefert werden. Sie liefern viel natürliches Licht, ähnlich wie beim Apple-Hauptquartier. Der ufo-förmige Campus hatte einen anderen schwäbischen Mittelständler weltweit bekannt gemacht: Die Seele-Tochter Sedak aus Gersthofen. Dessen mächtige, gebogene Glasscheiben wurden in die Fassade eingefügt, die wiederum von Josef Gartner umgesetzt wurde.

Apple-Gebäude Quelle: imago images

Mit Gebäudehüllen ist das Bremer Unternehmen Vector Foiltec in Nordamerika gut im Geschäft. Es ist auf das Überdachen von Gebäuden mit sogenannter ETFE-Folie spezialisiert. Dieser Kunststoff ist besonders lichtdurchlässig und isoliert dennoch gut gegen Hitze. „Weil er zugleich sehr leicht ist, kann viel Stahl bei der Konstruktion eingespart werden“, erklärt Geschäftsführer Philipp Lehnert. Eins der Vorzeigeprojekte in Kalifornien ist der 2014 eröffnete Hauptbahnhof von Anaheim, der wegen seiner Dachkonstruktion aus ETFE-Folien weniger Energie zum Kühlen und Beleuchten benötigt und dafür ausgezeichnet wurde.

Eine Autostunde weiter nördlich zeigt die Warema GmbH aus Marktheidenfeld, dass umweltfreundliche Technologien sich nicht auf Bürogebäude beschränken müssen. In der Nähe des Flughafens von Los Angeles hat sie gemeinsam mit Bosch, Stiebel Eltron und Knauf ein Passivhaus aufgestellt; das erste neu errichtete in Los Angeles. Das 160-Quadratmeter-Wohnhaus mit seinen vier Zimmer und drei Bädern ist mit Spezialjalousien ausgestattet. Mit Hilfe einer Wetterstation und Sensoren richten sich diese so aus, dass sie an heißen Tagen das Sonnenlicht abschotten und zugleich trotzdem genügend Licht ins Haus lassen. An kälteren Tagen wird das Sonnenlicht zum Aufwärmen genutzt. Es ist ein Musterhaus, das Passivhäuser in Kalifornien populär machen soll. „Wir wollten zeigen, dass so etwas auch in kleinerem Maßstab interessant ist“, sagt Ralf Nowakowski von Warema.

Mehr im typischen Silicon-Valley-Stil liegt MeteoViva. Das Start-up aus Jülich offeriert eine cloudbasierte Lösung, die mit Hilfe maschineller Intelligenz das Zusammenspiel von Heizungen und Klimaanlagen steuert und so für eine angenehme Raumtemperatur sorgt. Das funktioniert, indem das aktuelle Wetter, Sonneneinstrahlung, Architektur des Gebäudes und technische Eigenschaften der verwendeten Anlagen einkalkuliert werden. „Durchschnittlich sparen unsere Installationen zwanzig Prozent Energie“, sagt Geschäftsführer Stefan Hardt. Die Lösung wird bei der EZB in Frankfurt genutzt, auch auf deutschen Großflughäfen kommt sie zum Einsatz. Im Hauptquartier der Fraport spart es rund 19 Prozent Energiekosten, im Terminal A von Düsseldorf rund 30 Prozent. MeteoViva baut derzeit sein US-Büro aus, laut Hardt ist die Ausrüstung „für mehrere promintente Gebäude in San Francisco derzeit in der Akquisephase“.

Bei der Verleihung des Energie-Effizienz-Preises der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in San Francisco, bei dem deutsche Vorzeigeunternehmen wie Josef Gartner, Warema, MeteoViva und Vector Foiltec geehrt wurden, erfahren die Anwesenden am eigenen Leib, wie groß die Marktchancen weiterhin sind: In dem Veranstaltungsgebäude gegenüber der Bay Bridge frieren die europäischen Gäste. Der fensterlose Saal ist automatisch heruntergekühlt – auf die in den USA üblichen Bibber-Temperaturen.

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