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Energiewende nach Hause bringen Wie sich der Energieverbrauch steuern lässt

Die Idee, Haushalte „intelligenter“ zu machen und Strom nur dann zu verbrauchen, wenn er günstig und ausreichend vorhanden ist, könnte mit dem EEBus-System Standard werden. Ein wichtiger Schritt zur Energiewende.

Das bittere Fazit aus einem Jahr Energiewende
Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG im brandenburgischen Jänschwalde (Spree-Neiße) Quelle: dpa
Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder Quelle: dpa
Die Flagge Österreichs weht auf einem Hausdach Quelle: dpa
Ein Strommast steht neben Windkraftanlagen Quelle: AP
Windräder des Windpark BARD Offshore 1 in der Nordsee Quelle: dpa
Eine Photovoltaikanlage der Solartechnikfirma SMA Quelle: dpa
Euroscheine stecken in einem Stromverteile Quelle: dpa

„Mal weht der Wind, mal nicht. Gibt’s ‘nen Akku für grünen Strom?“, fragt eine Frau in der aktuellen Werbung eines Energieerzeugers. Zwar beantwortet das Projekt EEBus nicht die Frage nach dem Akku, könnte die Antwort aber weniger notwendig machen: Indem wir zukünftig einfach den Strom dann nutzen, wenn wir mehr davon haben. Etwa dadurch, dass die Waschmaschine automatisch aus bleibt, wenn gerade Flaute herrscht und anspringt, wenn viel produziert wird. Dann könnte die Energiewende Einzug in die deutschen Haushalte finden – und dem Verbraucher zuhause sogar noch Ersparnisse bringen.

Mit der Energiewende hat Deutschland sich selbst vor eine technische Herausforderung gestellt: Bis zum Jahr 2020 sollen rund 35 Prozent des Stromverbrauchs in der Bundesrepublik aus regenerativen Quellen gedeckt werden, so das Ziel der Bundesregierung. Das Problem dabei: Die Nutzung erneuerbarer Energien bringt große Lastschwankungen mit sich. Experten warnen schon jetzt davor, dass deutschen Haushalten dann zu Spitzenzeiten das Licht ausgehen könnte.

Das macht ein flexibles Lastmanagement erforderlich: „Dadurch, dass wir zukünftig vermehrt auf erneuerbare Energien setzen werden, müssen wir reagieren. Dieser Schritt macht es notwendig, den Verbrauch an die Erzeugung anzupassen“, sagt Til Landwehrmann, Geschäftsführer des Vereins EEBus Initiative.

Dolmetscher zwischen Stromnetz und Waschmaschine

Genau dieses Ziel soll mithilfe des EEBus-Systems verwirklicht werden. EEBus ist sozusagen der Dolmetscher: das Vernetzungskonzept, das vorhandene Ressourcen und die Steuerung der Verbraucher aufeinander abstimmt. Wenn weniger Strom produziert wird, bekommt das intelligente System zuhause einen gewissen Impuls aus dem Netz, sodass die Waschmaschine erst zwei Stunden später den Waschgang startet, weil dann mehr eingespeist wird und der Verbraucher vielleicht sogar weniger zahlt.

„In der Energiewelt von morgen trägt der Endkunde dazu bei, regenerative Energien noch effizienter zu nutzen, indem er seinen Verbrauch in günstige, grüne Zeiten verlegt“, sagt Alexander Pippert, verantwortlich für Smart Home bei E.ON. Der Energieversorger unterstützt die EEBus-Initiative ebenfalls seit kurzer Zeit.

Als erstes großes Energieunternehmen wurde E.ON Mitglied des Vereins EEBus Initiative, der die führenden Unternehmen, Verbände und Akteure der deutschen und internationalen Energie- und Elektrowirtschaft vernetzt.

Auch RWE zeigt Interesse an dem System und in nächster Zeit soll ein weiterer „der großen vier“ Energieversorger laut Landwehrmann möglicherweise einsteigen, um die EEBus-Idee voranzutreiben: eine Technologie, die eine reibungslose Kommunikation zwischen elektronischen Geräten und Energieversorgern möglich macht.

Milliardenmarkt für Unternehmen

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

In Zukunft dürften Verbraucher zum einen damit gelockt werden, dass sie mit einem flexiblen Energieverbrauch Kosten sparen, zum anderen dürfte aber auch ein gewisser Zwang herrschen: „Wir müssen die Stabilität des Stromnetzes sichern und so muss ich gewisse Schritte einfach machen, um das zu garantieren“, sagt Landwehrmann.

Für Unternehmen bedeutet die Teilnahme an dem Projekt EEBus die Chance für die eigene Angebotspalette: „Durch das EEBus-Konzept können wir in Zukunft beispielsweise Produkte und Dienstleistungen entwickeln, um mit den Haushalten mithilfe gerätespezifischer Protokolle zu kommunizieren, flexible Tarife bereitzustellen und bestimmte Lasten zu beeinflussen“, so Pippert.

„Dahinter steckt zukünftig ein Milliardenmarkt, der auf die teilnehmenden Unternehmen wartet“, sagt auch Landwehrmann.

Aktuelle Studien zeigen, dass die Grundlage für den Ausbau bereits geschaffen ist: In einem Bericht des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Pike Research etwa steht, dass 2010 weltweit lediglich drei Prozent der sogenannten „Informations-und Kommunikationssysteme“, zu denen auch EEBus zählt, vertrieben wurden. Bis 2015 soll dieser Wert aber bereits auf 70 Prozent und bis 2020 sogar auf 85 Prozent ansteigen. „Im Bereich Smart Home steckt zukünftig ein Milliardenmarkt, der auf die teilnehmenden Unternehmen wartet“, sagt auch Landwehrmann. Gute Aussichten also.

Ein Schritt, der sich finanziell und ökologisch lohnt

In Deutschland rechnet Landwehrmann damit, dass das EEBus-System sich in zwei bis drei Jahren durchgesetzt haben könnte. Dafür müssen aber noch mehrere Hindernisse gekappt werden: „Die Bürger müssen noch einmal genau aufgeklärt werden, dass es immer teuer wird, Strom ständig so zu verbrauchen, wie wir wollen“, so Landwehrmann. Außerdem müssten bei den Energieversorgern die Voraussetzungen für variable Tarife geschaffen werden, sodass sich ein flexibler Stromverbrauch für den Kunden auch lohne. „Wir sind da aber auf dem richtigen Weg.“

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Ein Zeichen dafür, dass die Entwicklung bereits in diese Richtung geht, sind "intelligente Zähler". Sie zeigen dem Verbraucher an, wann sie wie viel Strom verbrauchen. Viele Energieversorger wie Stadtwerke bieten diese Systeme bereits seit einiger Zeit an - ein erster Schritt zur bedachten Energienutzung in den eigenen vier Wänden. Denn jeder Verbraucher kann sehen, zu welcher Zeit am Tag wie viel verbraucht worden ist. Einen wirklichen Nutzen daraus - was das die Zähler also wirklich intelligent machen würde, hat der Verbraucher bisher jedoch nicht.

Das käme dann nun im nächsten Schritt: Mit dem Wissen, um die vorhandenen Ressourcen und Preise, sollte zukünftig Jedermann entsprechende Geräte und Angebote nutzen können, um wirklich Einfluss auf diesen Verbrauch zu nehmen, der sich finanziell und ökologisch lohnt. Schleudert die Waschmaschine dann also, wenn der Wind weht, ist die Energiewende zuhause angekommen

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