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Ernährung Tiefkühlkost lässt junge Kunden kalt

Fischstäbchen sind für Kinder und Jugendliche noch in Ordnung. Aber danach lässt die Begeisterung für Tiefkühlkost nach: Viele junge Verbraucher sehen Lebensmittel aus dem Eisschrank kritischer als ihre Eltern. Das stellt die Hersteller vor Probleme.

Kinder lieben Fischstäbchen, aber wenn sie älter werden, wird die Tiefkühlkost immer unbeliebter. Quelle: obs

Die Hersteller von Tiefkühlkost machen sich Sorgen über die Kunden von morgen. Jahrelang ging es mit den Verkaufszahlen von Pizza, Hähnchenschnitzeln und Hackbällchen aus dem Eisschrank steil nach oben. Aber jetzt melden die Marktforscher den Herstellern einen alarmierenden Trend: Bei vielen jungen Leuten ist Tiefkühlkost out. Sobald sie das Fischstäbchen-Alter verlassen haben, rümpfen viele junge Leute über Fisch, Fleisch oder Gemüse aus der Kühltruhe die Nase.

Die größten Ernährungsmythen
Verlängern Chili-Schoten das Leben? Quelle: REUTERS
Schokolade Quelle: dpa
Je mehr Vitamine desto besser Quelle: dpa
Brot macht dick und ist ungesundGerade für die Verfechter kohlehydratarmer Nahrung steckt der Teufel im Brot: Es mache dick und trage sogar Mitschuld an Diabetes. Das ist so allerdings nicht richtig: Gerade Vollkornbrot (echtes Vollkornbrot, kein mit Malz eingefärbtes Weißbrot) hat sehr viel Ballaststoffe. Die sind gesund und machen satt. Außerdem liefert es verschiedene Vitamine sowie Iod, Flur, Magnesium und Zink. Quelle: dpa
"Light", "Leicht" oder "Fettarm" - das ist gut für die schlanke LinieDie Lebensmittelindustrie hat den Trend zu bewusster Ernährung entdeckt und nutzt ihn mit Fitness- und Wellness-Begriffen gezielt aus. Doch die Verbraucherorganisation Foodwatch warnt: Oft werden so Lebensmittel beworben, die alles andere als kalorienarm sind. Der Verein hat das Nährwertprofil von sogenannten Fitness-Müslis, Wellness-Wasser oder Joghurt-Drinks überprüft und kam zu dem Ergebnis, dass die scheinbar "gesunden" Lebensmittel Softdrinks oder Fast-Food-Snacks beim Zucker-, Salz- oder Fettgehalt oftmals in nichts nachstehen. Bei fettarmen Produkten wird der Geschmacksmangel häufig durch zahlreiche andere Inhaltsstoffe, etwa Stärke und Zucker, ausgeglichen - der Kaloriengehalt unterscheidet sich kaum, ist manchmal durch den hohen Zuckergehalt sogar höher - und gesund ist das Light-Produkt noch lange nicht. Quelle: dpa
Kartoffeln machen dick Quelle: dpa
Öko-Lebensmittel sind gesünder Quelle: dpa

Es gebe eine „kritische Distanz“ zu Tiefkühlkost, beschrieb der Vorstandschef des Deutschen Tiefkühlinstituts, Udo Perenz, das Dilemma. „Es ist notwendig, das Image der Tiefkühlkost nachhaltig zu verbessern.“ Doch das wird nicht ganz einfach. Denn nicht der Geschmack ist es, der jungen Leuten den Appetit auf Tiefkühlessen verdirbt, wie das Marktforschungsinstitut iconkids herausfand, das auf die Erforschung des Verhaltens junger Verbraucher spezialisiert ist. Vielmehr finden sie Tiefkühlkost peinlich. „Wenn ich Tiefkühlkost kaufe, habe ich das Gefühl, dass die Leute auf das Kassenband starren und mich danach beurteilen“, lautete eine Antwort bei einer Befragung junger Kunden. „Wenn ich mit Freunden koche, geht Tiefkühlkost gar nicht, weil es das Flair des Selbstgekochten stört“, antwortete ein Anderer.

Von Pferdelasagne und Ehec-Sprossen
2016: Plastik im SchokomantelAbermillionen Schokoriegel müssen in die Werkstatt – sozusagen. Nachdem eine Kundin in einem Marsriegel auf ein Stück Plastik gebissen hat, hat der Hersteller mit einer gigantischen Rückruf-Aktion begonnen. Sie gilt mittlerweile für alle Staaten der Europäischen Union, mit Ausnahme von Bulgarien und Luxemburg. Betroffen sind Riegel der Marken Mars und Snickers mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum vom 19. Juni 2016 bis 8. Januar 2017 zurück; zudem alle Produkte der Marke Milky Way Minis und Miniatures sowie mehrere Celebrations-Mischungen mit diesem Mindesthaltbarkeitsdatum. Quelle: dpa
2016: Glyphosat und Malz, Gott erhalt'sPro Jahr konsumiert ein Deutscher durchschnittlich 107 Liter Bier. Und damit nicht nur, streng nach dem deutschen Reinheitsgebot, Wasser, Hopfen, Hefe und Malz, sondern auch noch eine gerüttelte Menge Glyphosat – das weltweit meist eingesetzte Pestizid. In deutschen Bieren wurden Mikrogrammwerte deutlich über den Grenzwerten für Trinkwasser gemessen, im krassesten Fall 300-fach über dem Grenzwert. Direkte Gefahr für die Gesundheit besteht allerdings nicht. Quelle: dpa
2014: Dänischer Wurstskandal erreicht DeutschlandIn Dänemark stellte sich 2014 heraus, dass Produkte des Wurstherstellers Jørn A. Rullepølser mit Listerien-Bakterien verseucht waren. Listerien sind für gesunde Menschen in aller Regel ungefährlich, allerdings ein Risiko für immungeschwächte Personen und schwangere Frauen. In Dänemark starben innerhalb von 30 Tagen zwölf Menschen, 15 weitere erkrankten. Der Betrieb wurde geschlossen, die Produkte zurückgerufen. 160 Kilogramm waren auch an einen deutschen Supermarkt in Schleswig-Holstein an der dänischen Grenze gegangen – sie waren bereits verkauft, bevor sie sichergestellt worden konnten. Verbraucher wurden gebeten, die Wurst zu vernichten oder zurückzugeben. Quelle: dpa
2014: Käse mit ColiDas Unternehmen Vallée-Verte rief die zwei Käsesorten „Saint Marcellin“ und „Saint Felicien“ zurück. In den Produkten der französischen Käserei Fromageries L'Etoile wurden Coli-Bakterien nachgewiesen. Diese können innerhalb einer Woche nach Verzehr zu teils blutigem Durchfall, Bauchschmerzen, Erbrechen sowie Fieber führen. Gerade bei Kindern besteht außerdem die Gefahr von Nierenkomplikationen. Quelle: dpa
2014: Von wegen Edel-Hähnchen2014 deckte die „Zeit“ auf: Das Neuland-Gütesiegel, gegründet vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dem deutschen Tierschutzbund und der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft, als ganz besonderes Qualitätssiegel hielt bei Brathühnchen nicht so ganz, was es versprach. Eigentlich sollten Neulandtiere aus Freilandhaltung stammen, gefüttert mit Körnern aus der Region. Tatsächlich stammen in Norddeutschland viele Tiere aus einem ganz gewöhnlichen industriellen Schlachtbetrieb in Niedersachsen. Quelle: dpa
2013: Pferd in der LasagneZusammen mit der Ehec-Epidemie wohl der aufsehenerregendste Lebensmittel-Skandal der vergangenen Jahre: 2013 stellte sich heraus, das Rindfleisch in mehreren Fertiglasagnen aus der Tiefkühlung war eigentlich Pferd. Im Anschluss wurden in Labortests rund 70 Fälle von falsch etikettierten Fertigprodukten nachgewiesen. Die größte Menge an Pferdelasagne gab es in Nordrhein-Westfalen mit 27 Fällen, gefolgt von Hessen (13), Baden-Württemberg (8) und Bayern (8). Weitere betroffene Länder waren Mecklenburg-Vorpommern (5), Brandenburg (4) und Hamburg (2). Quelle: REUTERS
2013: Noch mehr PferdBegonnen hatte der Skandal in Irland und Großbritannien, wo bereits im Januar Hamburger-Frikadellen auftauchten, die Spuren von Pferd enthielten. Bei Hamburgern der Marke Tesco waren es sogar deutlich mehr als nur „Spuren“: Sie bestanden zu 23 Prozent aus Pferdefleisch. Die Tiefkühl-Hackbällchen „Köttbullar“ der Möbelhaus-Kette Ikea in tschechischen Häusern enthielten ebenfalls Pferd und flogen daraufhin aus dem Sortiment – zum Ausgleich landete in schwedischen Tiefkühlregalen Lasagne mit einem Pferdefleischanteil von bis zu 100 Prozent. In ganz Europa wurden schließlich Händler festgenommen, die falsch deklariertes Fleisch verkauften. Quelle: dpa

„Es ist also nicht mehr so ganz gesellschaftsfähig“, fasste iconkids-Geschäftsführer Ingo Barlovic die Ergebnisse zusammen. Hin und wieder eine Pizza aus dem Gefrierfach sei ok, andere Lebensmitteln müssten aber frisch sein. Zwar kochten junge Leute seltener selbst als früher - aber wenn, dann richtig. Um das Ansehen der Tiefkühlwaren bei der Jugend zu verbessern, wollen die Hersteller deshalb verstärkt um die Jüngeren werben. „Viele denken, dass Gemüse aus dem Supermarkt frischer ist als aus der Tiefkühltruhe“, sagt die Geschäftsführerin des Tiefkühlinstituts, Sabine Eichner, das die Interessen der Hersteller vertritt. Durch das Schockfrosten des Gemüses gleich nach der Ernte sei aber oft das Gegenteil der Fall.

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Das Ende des „Ice-Age“ ist aber nicht zu befürchten. Nach rasanten Wachstumsraten in den vergangenen Jahren liegt der Verzehr an Tiefkühlprodukten in Deutschland bei mehr als 40 Kilo pro Kopf und Jahr - Tendenz weiter steigend. Die Salami-Pizza führt die Liste der meistverkauften Tiefkühlprodukte weiter an, aber auch Fischstäbchen bleiben mit 23 Stück pro Jahr und Person ein Renner. Marktforscher Barlovic warnt dennoch davor, die Tiefkühl-Skepsis der Jugend auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn die Essensvorlieben bleiben auch im Alter bestehen, wie ein Langzeit-Vergleich des Nutella-Verzehrs in verschiedenen Altersgruppen gezeigt habe: Die Menschen, die mit 20 regelmäßig Nutella essen, streichen es sich auch mit 50 noch aufs Brot und würden es sich auch noch im Altersheim wünschen. „Je länger man wartet, desto schwerer werden Verhaltensänderungen.“

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