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Fossile Energie Deutschlands Alternativen zu Russlands Gas

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Umdenken der Skeptiker

Laut ExxonMobil besteht der in Labortests untersuchte Frackcocktail zum einen aus Cholinchlorid, das Hühnerzüchter auch als Masthilfe einsetzen. Der zweite Zusatz mit dem komplizierten Namen Butyldiglycol kommt in Lacken und Haushaltsreinigern vor und kann die Augen reizen. Ob das Spargemisch im Schiefer funktioniert, könnten aber nur Pilotprojekte zeigen, heißt es bei ExxonMobil.

Experten wie Hans-Joachim Kümpel, Leiter der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover, sprechen sich schon länger für wissenschaftlich begleitete Pilotbohrungen in Deutschland aus. Nun kommt sogar Unterstützung von bisherigen Kritikern des Verfahrens: Aus dem Umweltbundesamt (UBA) ist zu hören, die Behörde halte ein generelles Verbot von Schiefergasfracking mit der neuen ExxonMobil-Mixtur nicht mehr für nötig. Das Unternehmen müsse aber auch die Rückläufe aus dem Boden aufbereiten, eine salzige Brühe, die neben Frackmitteln krebserregende Benzole, Schwermetalle und radioaktive Substanzen enthalten kann. Die wäre nach Ansicht von Experten, die das UBA beauftragt hat, machbar.

Freilich, das neue Verfahren überzeugt nicht alle. Greenpeace kritisiert: Selbst wenn das Frackgemisch ungefährlich wäre, seien die rücklaufenden Flüssigkeiten zu umwelt- und gesundheitsschädlich. Sie könnten bei Unfällen austreten. Bedenklich bleibe der hohe Wasserverbrauch.

Aber auch für dieses Problem gibt es mittlerweile eine Lösung. So hat das Chemie-Start-up TouGas aus Frankfurt am Main ein Gel entwickelt, um statt mit Trinkwasser – nur darin lösten sich bisher die Chemikalien optimal – mit Salzwasser zu fracken. Damit lässt sich das Wasser immer wieder im Kreislauf in die Schiefergasfelder pressen. Ob die Europäer das Produkt jemals im großen Stil einsetzen, wagt TouGas-Chef Tore Land nicht vorauszusagen. Derzeit kommen seine Kunden vor allem aus Kanada und den USA, aber zunehmend auch aus China und der Golfregion. „Dort hat der nächste Schiefergasboom schon begonnen“, so Land.

Technisch förderbare Schiefergasvorkommen europäischer Staaten und Stand der Förderung Quelle: EIA, BGS, PGI, BGR, USGS

In Europa werde das noch länger dauern, warnen einige Experten. Für eine nennenswerte Schiefergasproduktion fehle es an Bohrausrüstung und Daten, wo eine Erkundung lohne, sagt Alexander Weiss, Senior-Partner und Energiespezialist bei McKinsey Deutschland. Zudem hätten Landbesitzer kaum Interesse an Bohrungen unter ihren Grundstücken, weil sie nicht die Rechte an den Rohstoffen besäßen. „Damit verdienen sie auch nicht an der Förderung“, erklärt Weiss.

All das wird zumindest anfangs die Preise nach oben treiben. Bis zu 15 Millionen Euro könnte eine Schiefergasbohrung in Europa kosten, schätzt Quentin Philippe, Energieexperte bei der Boston Consulting Group in London – mehr als doppelt so viel wie in den USA. Aber selbst dann könnte Schiefergas mit einem Preis von rund 28 Cent pro Kubikmeter mit Erdgas aus Russland konkurrieren, glaubt Alexander Gusev, der am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam zu Schiefergas forscht. Gäbe es erst einmal genug Bohrfirmen, würden die Preise sinken.

Allerdings, bisher ist all das nur Theorie. Erst die Praxis kann beweisen, wie hoch der Ertrag europäischer Schiefergasfelder tatsächlich ist – und das bestimmt am Ende auch den Preis. Damit entwickelt sich Polen aktuell zu einer Art Testlabor. Hier wird sich zeigen, ob sich Gas durch Fracking in ausreichender Menge und zu akzeptablen Kosten gewinnen lässt.

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