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Freytags-Frage

Muss Fracking verboten werden?

Neben Flüchtlingskrise und Griechenland-Rettung wird es im politischen Herbst vor allem auch um Fracking gehen. Die Diskussion ist kontrovers und bisweilen wenig sachlich. Was spricht für, und was gegen Fracking?

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Protestplaket gegen Fracking Quelle: dpa

Ein heißer Herbst steht der Politik bevor: So wird es um Fracking, TTIP, Flüchtlinge Griechenland-Rettung und vieles mehr gehen. Schon in wenigen Tagen wird sich der Bundestag mit dem Regelungspaket Fracking, das im Kabinett am 1. April dieses Jahres verabschiedet wurde, befassen. Geplant ist, das Hydraulic Fracturing (kurz: Fracking) in Gesteinsregionen oberhalb von 3000 Meter Tiefe grundsätzlich zu verbieten. Die Erfahrungen wären nicht ausreichend, um alle Gefahrenpotentiale abzuschätzen. Zum Zwecke der Erfahrungsgenerierung werden aber wissenschaftliche begleitete Erprobungsmaßnahmen geplant. Auf Basis dieser Erprobungen soll eine unabhängige Kommission die Unbedenklichkeit prüfen. Dieses wird Gegenstand der Debatte sein.

Im Vorfeld verläuft die Diskussion darüber sehr kontrovers. Beide Seiten – Kritiker wie Befürworter – lassen es dabei an Schärfe nicht fehlen und argumentieren bisweilen wenig sachlich.

So verweisen Umweltschutzgruppen immer wieder auf die Gefährdungen gerade des Trinkwassers und fordern konsequent ein Verbot des Fracking. Sie lehnen das Paket ab und bedienen sich dabei augeklügelter Internet-Kampagne, die nach Auffassung und Erkenntnis vieler Naturwissenschaftler gezielte Fehlinformationen verbreiten (dieses Phänomen ist leider bei vielen dieser Kampagnen zu beobachten), denn nach einschlägigen und aktuellen Studien ist das Risiko einer Grundwasserverschmutzung und anderer Umweltschäden vernachlässigbar. Dessen ungeachtet wird mit großem Widerhall das Gegenteil behauptet.

Was hinter „Fracking“ steckt

Die Befürworter verweisen auf die Energiesicherheit und die Notwendigkeit, den Übergang zur endgültigen Energiewende zu sichern. Auch sie argumentieren gelegentlich polemisch, indem sie etwa ein Steinzeitalter heraufbeschwören, falls Fracking als Methode zur Gasgewinnung nicht genutzt würde.

Insgesamt ist die Diskussion zu aufgeheizt, was beiden Positionen nicht gerecht wird, denn beide sind – zumindest in Teilen – nachvollziehbar und müssen vorsichtig gewichtet werden. Also gibt es gute Gründe für Sachlichkeit und wissenschaftliches Vorgehen. Hier findet der Versuch statt, ein wenig dazu beizutragen. Gegen die Fracking-Technologie sprechen vor allem folgende Behauptungen, entnommen einem offenen Brief verschiedener Umweltschutz-Organisationen:

  • Es drohe die Gefahr der Grundwasserverunreinigung, wenn Chemikalien mit der Frac-Flüssigkeit in die Tiefe eingeleitet werden.
  • Es drohe Schadstoffbelastung von Luft und Boden.
  • Letztlich führe dies zur weiteren Klimaschädigung durch CO2 und austretendes Methan.

Unkonventionelle Gasvorkommen

  • Diese Probleme bedingten dann Erkrankungen wie unter anderem Krebs.
  • Man fürchtet zudem die Auslösung von Erdbeben mit Schädigung von Gebäuden und Beeinträchtigung der Bohrlochintegrität sowie eine Flächenzerstörung durch Industrialisierung der Landschaft.
  • Hinzu kommen Bedenken darüber, dass Experten einen zu hohen Einfluss auf den Entscheidungsprozess hätten.

Allerdings sind diesen Vorbehalten einige Argumente entgegenzuhalten. Gerade die Landschaftszerstörung ist auch eine Begleiterscheinung des Zuwachses an Windrädern; man reise nur nach Dithmarschen! Diese optische Verschandelung wird aber selten kritisiert.

Auch die Rolle der Experten in der politischen Entscheidungsphase sollte nicht überschätzt werden. Es entscheidet immer noch das Parlament. Eine neue Studie der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) sowie zahlreiche Wissenschaftler, darunter der Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Professor Kümpel, zeigen überdies auf, dass die Befürchtungen hinsichtlich potentieller Umweltprobleme nicht berechtigt sind. Grundwassergefährdung ist demnach nahezu ausgeschlossen. Klimaschädigende Abgase sind eine Begleiterscheinung aller fossilen Brennstoffe und haben in der spezifischen Fracking-Diskussion nichts zu suchen. Es findet bereits Fracking statt, jedoch in tieferen Gesteinsschichten. Erdbeben als Folge sind nicht überliefert.

Deutschland braucht eine sichere Versorgung

Solche Unbedenklichkeitsbescheinigungen reichen natürlich nicht aus, eine Technologie zu befürworten. Es muss auch eine Nachfrage geben, die in der Tat vorhanden zu sein scheint. Denn ein Land wie Deutschland braucht eine sichere Versorgung mit Strom und Wärme in gleichbleibender Qualität. Diese aufrecht zu erhalten, ist nicht einfach und bedarf enormer Anstrengungen. Einige Schwierigkeiten bestehen:

Da sind zunächst unsere unmittelbaren Herausforderungen der Energieversorgung in Deutschland zu nennen. Diese haben ihre Ursache vor allem in der planwirtschaftlichen Politik der Energiewende.

  • Durch den Wegfall der Atomenergie besteht Bedarf an herkömmlicher Energie auch weiterhin.
  • Gleiches gilt dann, wenn die Energieträger der Wende – Wind und Sonne – ausfallen. Dann muss immer noch genug Kapazität zur Verfügung stehen.
  • Diese wird in der Regel mit ineffizienten Kohlekraftwerken bereitgestellt, weil sie abgeschrieben sind, während effiziente Gaskraftwerke (zum Beispiel eine hochmoderne Anlage in Irsching) keinen Strom produzieren, da sie noch zu teuer sind.
  • Die Energiewende wird langsam so teuer, dass die Bundesregierung handeln muss, wenn sie nicht einerseits Zustimmung, andererseits den Verlust weiterer Arbeitsplätze befürchten will. Eine vergleichsweise saubere heimische Alternative zum Erdöl macht da durchaus Sinn.
  • Ein weiteres Argument bezieht sich auf den Ölpreis. Gegenwärtig ist Öl sehr billig, so dass die Suche nach heimischen Alternativen nicht dringlich erscheint. Das kann sich schnell ändern, und möglicherweise auch sehr stark. In diesem Fall ist die Erkenntnis über eine heimische, saubere und – hoffentlich – sichere Alternative sehr beruhigend.

Insgesamt ist zu erwarten, dass der Preisanstieg fossiler Brennstoffe irgendwann abrupt sein wird. Das wird noch einige Jahre bis Jahrzehnte dauern, ist aber recht sicher (bei endlichen Ressourcen ist ein Preisanstieg unvermeidbar). Eine heimische Alternative hilft bei der Anpassung.

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis es gelingt, die Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe hinzubekommen. Deren Preisanstieg wird die Suche nach nachhaltiger Energieversorgung verstärken; in der Zwischenzeit kann heimisches Gas helfen.

Umwelt



Hinzu kommt, dass wir unsere fossilen Brennstoffe zumeist aus Ländern beziehen, die politisch nicht sehr zuverlässig sind (Russland, Naher Osten). Grundsätzlich spricht nichts gegen den Außenhandel, denn gegenseitige Abhängigkeit macht unabhängig. Je unbeständiger die Lieferländer sind, desto geringer die Unabhängigkeit. Sie kann durch eine heimische Ergänzung des Energiemix noch gesteigert werden.

All diese Argumente sprechen zumindest dafür, die Erprobungen vorzunehmen. Dies müssten gerade die Befürworter der Energiewende verstehen. Denn sie sind nicht dagegen vorgegangen, als die Bundesregierung mit der Abschaltung der Atomenergie ein enormes Risiko hinsichtlich der Energieversorgung eingegangen ist. Das Risiko einiger – sorgfältig überprüfter und mit hohen Auflagen versehener – Erprobungsmaßnahmen dürfte da doch überschaubar sein. Das Regelungspaket sieht zudem strenge Umweltauflagen vor. Hier besteht also die gute Chance, einen Standard des Hydraulic Fracking zu setzen, der sowohl den Umweltbedenken als auch der Energienachfrage angemessen Rechnung tragen kann. Deshalb sollte der Bundestag dem Regelungspaket zustimmen. Fracking muss nicht verboten werden – schon gar nicht in Unkenntnis der Chancen und Risiken.

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