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Fukushima Streit um die Zukunft der Atomkraft in Japan

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Brennpunkt Futaba

Ein Mann hängt seine Wäsche, in einem Evakuierungszentrum in Kazo, zum Trocknen auf. Quelle: dapd

Erst hörten die Menschen in Futaba in der Ferne einen gewaltigen Knall. Dann regneten Schaumstoffteilchen so groß wie dicke Schneeflocken auf sie herab. Das war vor knapp einem Jahr am 12. März nachmittags, 25 Stunden nach Erdbeben und Tsunami. Eine Wasserstoffexplosion im drei Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hatte das Gebäude von Reaktor 1 zerfetzt.

"Ich dachte, wir sind alle erledigt", erinnert sich Bürgermeister Katsutaka Idogawa an den traumatischen Moment. Seitdem ist der 65-jährige ein Bürgermeister ohne Stadt: Denn Futaba liegt in der 20-Kilometer-Sperrzone um die zerstörten Atommeiler. Seine 7000 Einwohner mussten ihre Heimat am Explosionstag verlassen. Nur ein paar Mal durften sie sich mit einer Sondererlaubnis wichtige Papiere und Habseligkeiten holen.

Düstere Notunterkunft

Sein Büro hat Idogawa heute im Direktorenzimmer einer alten Oberschule in Kazo 70 Kilometer nördlich von Tokio. Inzwischen leben der stets im Arbeitsanzug gekleidete Gemeindevorsteher und 500 meist ältere Atomflüchtlinge aus Futaba schon elf Monate hier.

Die Atmosphäre in dem fünfstöckigen Gebäude ist düster. In den muffigen Klassenzimmern wohnen jeweils bis zu zehn Menschen, ohne Zwischenwände, Möbel, Betten, Telefon und eigene Toilette. Die Guckfenster zum Flur sind mit Stoff und Papier zugeklebt. Mit ausdruckslosen Gesichtern starren viele auf den Boden. Einige bleiben den ganzen Tag auf ihrem Futon liegen. "Wir haben keine Lebensmotivation mehr", klagt ein Mann Anfang 50.

Nicht einmal das in Japan so wichtige Essen hellt ihren Alltag auf. In dem Gebäude ist Kochen verboten. Die täglich gelieferten Essenpackungen voll kaltem Reis und fettiger Sachen können die Flüchtlinge nicht mehr sehen. Viele lassen die Hälfte liegen, andere leiden an Verstopfung. Nur einmal in der Woche bringen freiwillige Helfer eine heiße Miso-Suppe vorbei.

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