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Glyphosat Letzte Runde im Kampf um das Unkrautgift

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Alternativlosigkeit auf dem Acker?

„Als der überwältigende Erfolg klar wurde, haben viele Konzerne kaum noch einen Sinn in der weiteren Wirkstoffforschung für neue Herbizide gesehen“, sagt Stübler. „Glyphosat ist ein extrem wirkungsvolles Mittel, damals ohne jegliche bekannte Resistenzen, zu einem günstigen Preis“, resümiert er die Glyphosatvorteile, „es war zu der Zeit kaum vorstellbar, etwas Besseres zu entwickeln.“ Ein Fehler, findet Stübler heute.

Das sind die dicksten Deals des Jahres
Chinesen greifen in der Schweiz zuBei der bisher teuersten chinesischen Firmenübernahme im Ausland will der Chemiekonzern Chemchina den Schweizer Agrarchemie-Anbieter Syngenta schlucken. Das würden sich die Chinesen umgerechnet 43 Milliarden Euro kosten lassen. Bis zum Ende des Jahres solle der Deal abgeschlossen sein. Quelle: AP
„Batman“ wird ChineseChina verleibt sich erstmals ein Hollywood-Filmstudio ein. Für 3,2 Milliarden Euro kauft der Mischkonzern Dalian Wanda die Mehrheit am „Batman“- und „Godzilla“-Produzenten Legendary Entertainment. Wanda-Chef Wang Jianlin will das im Jahr 2000 gegründete Filmstudio mit der eigenen Sparte zusammenlegen und dann an die Börse zu bringen. „Wanda Cinema ist in China bereits enorm gewachsen, aber das reicht nicht“, sagte der reichste Mann der Volksrepublik. „Kinounterhaltung ist ein globales Geschäft, und wir wollen mitreden.“ Quelle: Bloomberg Quelle: dapd
Wang Jianlin hat große Pläne Quelle: REUTERS
Haier will edel werdenHaier ist bereits der weltweit größte Hersteller von Haushaltsgeräten, doch will er sein Image als Billigmarke abstreifen und über diesen Zukauf auch in ein höherwertiges Segment einsteigen. Quelle: AP
Müll-Fusion in NordamerikaDer kanadische Müllentsorger Progressive Waste Solutions schließt sich mit dem US-Konkurrenten Waste Connections zusammen. Der Wert des Aktiendeals liegt bei 7,2 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Abbott übernimmt AlereDas US-Unternehmen Abbott Laboratories will für 7,4 Milliarden Euro den Diagnostik-Spezialisten Alere kaufen, wie Abbott am Montag ankündigte. Mit Alere will der Konzern aus der Nähe von Chicago sein Geschäft mit Schnelltests ausbauen, die direkt in Arztpraxen Hinweise auf eine Erkrankung geben. Alere stellt solche Untersuchungs-Sets unter anderem für Aids und Malaria her. Quelle: AP
Johnson Controls kauft Tyco Noch in diesem Jahr wollen sich Johnson Controls und Tyco zusammenschließen. Der US-Autozulieferer kauft den irischen Mischkonzern Tyco, der zu den führenden Brandschutz-Anbietern zählt, für umgerechnet 26,4 Milliarden Euro. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die bisherigen Johnson-Aktionäre etwa 56 Prozent der Anteile des neuen Unternehmens halten. Quelle: dpa

Wie verbreitet diese Einstellung war, zeigte sich schon bald an der Zahl angemeldeter Herbizidpatente. Innerhalb von zehn Jahren sank deren Zahl um mehr als zwei Drittel. Unter den bis 2020 absehbaren Patentanmeldungen der Branche ist kein einziger Glyphosatkonkurrent, schätzt Stübler. Er sollte es wissen: Bayer ist heute neben Syngenta der einzige Konzern weltweit, der überhaupt noch in relevantem Umfang an Herbiziden forscht – und der einzige, der eine Alternative zu Glyphosat anbieten kann. „Liberty“ nennen sie bei Bayer das Produkt, hinter dem der Wirkstoff Glufosinate-Ammonium steckt. Der Konzern vertreibt den Wirkstoff seit 1985, nach dem weltweiten Erfolg von Glyphosat war es selbst im Konzern ein wenig in Vergessenheit geraten.

Erst als vor ein paar Jahren in den USA erste Unkräuter gegen das Wundermittel Roundup resistent wurden, begann man bei Bayer, sich wieder für Liberty zu interessieren. Das ist zwar teurer in der Herstellung und komplizierter in der Anwendung, angesichts meterhoher Unkrautpflanzen in den Mais- und Sojafeldern der Great Plains ist das inzwischen aber nebensächlich.

Derzeit baut Bayer im US-Bundesstaat Alabama sogar ein ganz neues Werk, allein für die Herstellung der Vorstufen von Liberty. Auch am Forschungszentrum des Konzerns auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände im Westen Frankfurts hat der Konzern rund 150 Millionen Euro in die Glufosinate-Entwicklung investiert.

Das Ende der Alternativlosigkeit?

Ist es also höchstens eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland die Zeit der Alternativlosigkeit auf dem Acker vorbei ist? „Die großen Probleme der deutschen Landwirte kann Liberty leider nicht lösen“, räumt Stübler ein. Zumindest müsste sich dafür der Klimawandel zunächst gehörig beschleunigen, denn anders als sein Namensvetter zweiten Grades ist der Wirkstoff Glufosinate sehr kälteempfindlich und daher zwar für das kontinentale Klima von Kansas oder Oklahoma geeignet, aber nicht für mitteleuropäische Breitengrade.

Die chemischen Alternativen für Bauern in Europa sind daher tatsächlich sehr beschränkt. Zwar weist Stübler darauf hin, dass gerade aufgrund der zunehmenden Resistenzen gegen Glyphosat derzeit alle Hersteller von Pflanzengiften ihre Forschung ausbauen. „Die Pipeline an neuen Wirkstoffen füllt sich sehr langsam wieder“, sagt Stübler. Aber: „Dass darunter ein gleichwertiger Ersatz für Glyphosat ist, glaube ich nicht. Der Wirkstoff war wirklich eine Jahrhundertentdeckung.“

So bliebe den Bauern im Falle eines Verbotes wohl tatsächlich nur der Weg des Landwirts Adolphi: häufiger pflügen, häufiger mit anderen Maschinen den Boden bearbeiten.

Wenn der Pflug die Lösung ist, Anthony van der Ley sollte es wissen. Schließlich ist der vergnügliche Holländer Geschäftsführer des Unternehmens Lemken. Fast jeder zweite Pflug, der in Deutschland verkauft wird, trägt die blaue Farbe des Konzerns. Eine Welt ohne Glyphosat, für ihn wäre es eine Welt stark steigender Gewinne. „Viele Landwirte schauen sich nach Alternativen zur Chemie um. Deshalb werden Pflüge zurzeit sehr stark nachgefragt“, sagt er.

Gerade ist der Firmenchef aus Usbekistan zurückgekommen, einem der Hauptwachstumsmärkte für Lemken. Doch auch in Deutschland laufen die Geschäfte gut. Rund 40 Lkws fahren pro Tag vor, um Maschinen vom Niederrhein auf die Felder zu bringen. Mit einem Jahresumsatz von gut 300 Millionen Euro ist Lemken im Vergleich zu den Branchengrößen John Deere oder Claas zwar eine kleine Nummer, im Bereich der Pflüge steht man neben dem norwegischen Konzern Kvernerland aber an der Spitze des deutschen Marktes.

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