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Glyphosat Letzte Runde im Kampf um das Unkrautgift

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Kompromisslinien

Sollte Glyphosat wegfallen, bräuchten die Landwirte mehr Maschinen – das müsste van der Ley eigentlich freuen. Doch er sagt: "Wenn Glyphosat verboten würde, muss zwar ein Teil des Pflanzenschutzes mit Maschinen erfolgen – aber was bringt das, wenn der Landwirt kein Geld mehr verdient, um sie zu kaufen?"

Wer bei Lemken einen Pflug bestellt, investiert so viel wie in einen gehobenen Mittelklassewagen, rund 30.000 Euro.

Die Kompromissformel

Für das Unternehmen ist es daher eine zweischneidige Sache: Wird Glyphosat verboten, stehen die Landwirte vor steigenden Produktionskosten. Große Investitionen werden dann aufgeschoben – oder bei der günstigeren Konkurrenz gekauft. Zudem erinnert sich van der Ley daran, dass der Pflug vor gar nicht allzu langer Zeit beinahe so umstritten war, wie Glyphosat es heute ist. Denn in vielen Gebieten Deutschlands kommt es zu Erosionen, wenn die Böden zu intensiv bearbeitet werden. Gerade dort, wo der Boden abschüssig ist. Die Folge sind schneller steigende Flusspegel bei Niederschlag, auch die Qualität des Bodens selbst leidet massiv.

Win-win-Situation: Anthony van der Ley, Geschäftsführer bei Lemken profitiert sowohl bei einem Glyphosatverbot als auch bei Genehmigung. Quelle: Andreas Teichmann für WirtschaftsWoche

So wurden die eigentlich fruchtbaren Ebenen im Mittleren Westen der USA in den Dreißigerjahren aufgrund der andauernden Sandstürme „Dust Bowl“ genannt, innerhalb weniger Jahre kam es zu großen Dürren, Hungersnöten und Landflucht.

Van der Ley zieht aus dem Ausflug in die Geschichte eine Lehre für die Gegenwart: „Früher wurde der Pflug verteufelt, jetzt das Glyphosat. Beides ist nicht richtig. Wahrscheinlich liegt die beste Lösung in einer maßvollen Kombination der Mittel.“

Ähnlich argumentiert auch die Pflanzenschutzabteilung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), bekannt für ihre goldenen und silbernen Lebensmittelsiegel. Finanziert teils von der Lebensmittelindustrie, teils vom Staat. Dennoch empfiehlt sie einen erstaunlich differenzierten Ansatz: Glyphosat ist wichtig für bestimmte Situationen und soll dort erlaubt bleiben; doch wo es durch andere Methoden ersetzbar ist, sollte es ersetzt werden.

Ob sich am Ende diese eine Kompromisslinie durchsetzt?

Es sieht ein wenig danach aus. Das Europaparlament hat sich auf eine Empfehlung geeinigt, die vorsieht, Glyphosat erst mal für einen kürzeren Zeitraum zuzulassen, um weitere Forschungen zu ermöglichen. Die EU-Kommission, die letztlich entscheidet, könnte auch die Grenzwerte verschärfen oder die Einsatzgebiete von Glyphosat einengen.

Bahn-Vegetationsmanager Gerhardt hat sich derweil schon mal seinen eigenen Kompromiss gebastelt – er kombiniert die Macht des Faktischen mit dem Möglichen.

Ergebnis: „Sollten die Grenzwerte weiter verschärft werden, könnten wir reagieren“, sagt er. Selbst wenn das Mittel verboten würde, hätte Gerhardt vorerst eine Lösung zur Hand. „Wir haben das durch unsere Rechtsabteilung schon prüfen lassen, zumindest die bereits gekauften Herbizide dürften wir noch verbrauchen.“

Sie reichen noch bis Ende 2017.

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