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Glyphosat Letzte Runde im Kampf um das Unkrautgift

Kein Pflanzengift wird häufiger eingesetzt als Glyphosat. Doch nun könnte die EU es verbieten, am Freitag schaltete sich auch das Kanzleramt ein. Ganze Branchen gerieten im Falle eines Verbots durcheinander. Über die Macht des Glyphosats.

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Chemie: Glyphosat wird häufiger eingesetzt als jedes andere Pflanzengift. Quelle: dpa Picture-Alliance

Mit seinem roten VW-Bus fährt Heinrich-Wyrich Adolphi quer über den Acker. Mitten auf dem Feld stoppt der 58-jährige Landwirt das Fahrzeug und steigt aus. „Ja, hier ist es besonders schlimm!“ Aus dem Boden ragen viele kleine, hellgrüne Halme wenige Zentimeter über die Oberfläche. Adolphi geht in die Hocke und zerrt an einem der Pflänzchen – so lange, bis er eine 40 Zentimeter lange Wurzel in der Hand hält. Er streckt seinen Arm, das gesamte Geflecht ist so lang wie sein Oberkörper. Aus dem feuchten Erdklumpen windet sich ein Regenwurm in Richtung Himmel.

„Das ist das schlimmste Kraut, das wir hier auf dem Acker haben können: die Quecke“, sagt Adolphi. Die Quecke wächst schnell und wird in einigen Monaten so groß sein wie das Getreide, das hier dann eigentlich stehen soll. Wenn Adolphi die Quecke mit Maschinen mäht, verschlimmert er das Problem. Denn aus jedem Stück Queckenwurzel entsteht eine neue Pflanze. Es ist ein Teufelskreis. Das Einzige, was das Unkraut komplett vernichtet: Glyphosat.

So bringen die kleinen Grashalme den Landwirt in eine Bredouille. Adolphi möchte im Prinzip gerne auf Glyphosat verzichten. „Glyphosat hat meiner Meinung nach nichts auf den Feldern zu suchen. Doch als Spezialmittel für bestimmte Situationen kann ich darauf noch nicht verzichten“, sagt er.

Gentechnik

Seine Grübeleien wären womöglich vernachlässigenswert, würden sich nicht woanders, jenseits von Äckern und Wiesen, sehr viele andere Menschen ähnliche Gedanken machen. Gedanken, die dazu führen könnten, dass Adolphis Grübeleien bald ein Ende haben – nicht weil er eine Lösung gefunden, sondern weil der Gesetzgeber ihm eine vorgeschrieben hätte.

In der Politik ist umstritten, wie es mit dem Glyphosat weitergehen soll. Zuletzt brach in der großen Koalition ein offener Streit um das Unkrautgift aus. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag in Berlin: „Es ist offenbar, dass es derzeit keine einheitliche Position in der Bundesregierung zu diesem Thema gibt.“ Deshalb würden in den kommenden Tagen Gespräche unter Beteiligung des Bundeskanzleramts geführt - mit dem Ziel, eine gemeinsame Linie zu finden.

Mitte kommender Woche will die EU-Kommission entscheiden, ob sie die Zulassung des Pflanzengifts Glyphosat verlängert. Ganze Branchen ständen vor Umbrüchen: Bauern müssten mit dem Unkraut fertig werden, Chemiekonzerne sich neue Geschäftsfelder suchen, und Hersteller von Landmaschinen könnten auf neue, große Einnahmequellen hoffen.

Dieser Hebel ist so kräftig, weil Glyphosat in seinem Markt einen Stellenwert erreicht hat, wie ihn nur wenige Produkte erreichen. In Deutschland werden rund ein Drittel der Ackerfläche und unzählige öffentliche Flächen damit behandelt. Für die wichtigste Anwendung, den „Nachauflauf“, wenn die Saat noch im Boden ist, das Unkraut aber bereits sprießt, ist Glyphosat gar Monopolist. Marktführer Monsanto vertreibt den Wirkstoff unter dem Namen „Roundup“, insgesamt stellen über 90 Chemieunternehmen den Wirkstoff her.

Weltweite Produktion von Glyphosat, in Tausend Tonnen

Glyphosat, 1973 von Monsanto erfunden, war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Unschlagbar billig, wirksamer als alle Konkurrenten, zudem schnell abbaubar und damit ungefährlicher für das Grundwasser als die Konkurrenz. Kein Wunder, dass die EU zögert, wie nun mit dem Stoff zu verfahren ist. Im Juni läuft die Genehmigung für Glyphosat aus. Entscheidet die EU nichts, endet die Ära Glyphosat also von selbst.

Zur Auswahl stehen den Beamten zwei konkurrierende Untergangsszenarien, von Chemielobbyisten auf der einen und NGOs auf der anderen Seite gleichermaßen laut beschrien. Die breite Phalanx der Gegner schreibt dem Mittel massive gesundheitliche Nebenwirkungen zu. Auf der anderen Seite stehen Chemieindustrie und Landwirte. Sie warnen: Alle Alternativen sind deutlich schädlicher. Und ein Verzicht auf das Herbizid würde Landwirtschaft unmöglich machen.

Die Weltgesundheitsorganisation findet: Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserregend“. Demgegenüber steht die Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung und der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit: „nicht“ beziehungsweise „wahrscheinlich nicht“ krebserregend. Die Frage der Schädlichkeit ist kaum in einem Satz zu beurteilen. Und obwohl diese Frage die öffentliche Debatte beherrscht, ist sie eigentlich nebensächlich: Solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass Glyphosat zu Krebserkrankungen führt, sollte man auf Alternativen ausweichen – falls es sie gibt.

Unangenehme Nebeneffekte

Genau in diesem Zwiespalt liegt deshalb die wirklich heikle Frage: Welchen Preis müssen Industrie, Landwirtschaft und Verbraucher bezahlen, wenn Glyphosat verboten wird?

Großverbraucher Bahn

Wenn Felix Gerhardt über Glyphosat spricht, dann denkt er in ganz großen Dimensionen. Drei Tankwaggons braucht er allein, um das Wasser zum Verdünnen des Wirkstoffs im Einsatz zu transportieren. Denn Gerhardt beackert nicht irgendein Feld, sondern das gesamte Schienennetz der Deutschen Bahn, 33 500 Kilometer. „Glyphosat ist für uns der entscheidende Wirkstoff, um die Sicherheit im Schienenverkehr zu garantieren“, sagt Gerhardt.

Die Bahn verbraucht dafür 75 Tonnen Glyphosat im Jahr, das entspricht 0,4 Prozent der gesamten Menge in Deutschland und macht den Konzern zum größten Einzelverbraucher. Sie braucht den Wirkstoff in erster Linie um das „Schotterbett“ vor „Verkrautung“ zu schützen, wie es in bildhafter Bürokratensprache heißt. Konkret bedeutet das: Wenn sich Pflanzen mit ihren Wurzeln im Schotter breitmachen, geben sie diesem eine zusätzliche Festigkeit, die die Gleise daran hindert, sich zu bewegen – genau dafür aber ist das Schotterbett da.

In einem Bereich von knapp sieben Metern rings um die Bahntrasse wird daher gespritzt. Einmal im Jahr sendet der Konzern dafür spezielle Spritzzüge aus, auf alle Gleise des Landes. Der Glyphosat-Express besteht aus zwei Lokomotiven, drei Tankwagen, zwei Versorgungswagen und dem Applikationswagen, von dem aus gespritzt wird. Mit 40 Kilometern in der Stunde ist er unterwegs und in den normalen Fahrplan eingebunden.

Gerhardt selbst würde auf diese Touren gerne vermeiden. „Wenn es möglich wäre, würde ich am liebsten ganz ohne chemische Verfahren auskommen“ sagt der studierte Forstwirt, der seine Aufgabe als Verantwortlicher für „Vegetationsmanagement“ als Auftrag zum Umweltschutz interpretiert. Aber selbst Gerhardt sagt: „Ich sehe derzeit nicht, wie das ohne Auswirkungen auf Ökologie und Streckenverfügbarkeit möglich sein sollte. Wir suchen dennoch permanent nach alternativen Möglichkeiten.“

Die Deutsche Bahn hätte drei Möglichkeiten, ohne Pflanzengifte auszukommen, erklärt Gerhardt. Erstens, sie könnte die Pflanzen abfackeln. Diese Möglichkeit haben Landwirte auch, die unangenehmen Nebeneffekte liegen zum einen in der extrem schlechten Ökobilanz, zum anderen zerstört Hitze die Wurzeln nicht besonders nachhaltig, es müsste also deutlich öfter gefackelt werden, was die Ökobilanz noch weiter verschlechtert.

Eine andere Alternative wäre es, das Schotterbett selbst häufiger komplett zu reinigen. Bisher macht die Bahn das alle 25 Jahre, dann wäre es alle 10 bis 15 Jahre fällig. Gerhardt: „Das würde die Streckenverfügbarkeit aber wohl massiv beeinträchtigen.“ Das hieße: noch mehr Verspätungen, noch teurere Tickets.

Bliebe Variante drei, die Verwendung eines anderen Giftes. Da bricht bei Gerhardt wieder der Pflanzenfreund durch: „Das hieße: Wir ersetzen ein gut erforschtes Mittel durch ein wenig erforschtes Mittel, was unter Umständen noch viel mehr Nebenwirkungen hat.“

Überbietungswettbewerb der Nebenwirkungen

Nebenwirkungen, bei denen landet man irgendwann immer, wenn es um den Einsatz von Glyphosat geht. Ob für den Verbraucher, die Deutsche Bahn oder die Landwirte, für oder gegen Glyphosat sprechen am Ende die unterschiedlich großen Probleme des Einsatzes oder des Verzichts. Preissteigerung, Sicherheit des Schienenverkehrs, Krebs – es ist ein Überbietungswettbewerb der Nebenwirkungen.

Auch der Bauer Adolphi spricht viel über die Nebenwirkungen eines Glyphosatverzichts – die positiven. Um zu erklären, warum er das vermeintliche Wundermittel schon heute meidet, wo es geht, läuft der Landwirt in eines seiner Felder.

Dann schabt er mit seinem Wanderschuh über den Ackerboden. Unter der obersten Erdschicht ist der Boden feucht. „Der Boden gibt nicht so viel Wasser ab, als wenn ich ihn mit Glyphosat bearbeiten würde“, sagt er. Außerdem speichere der Boden mehr Wärme. Mäuse und Schnecken bleiben fern, da er die Erde öfter wenden muss als mit Glyphosat.

Nicht mehr wegzudenken

In der Halle des Landwirts stehen verschiedene große Geräte, die er regelmäßig an seinen Traktor hängt. An den zehn Scharen des Pflugs klebt noch feuchter Torf. „Wenn ich den Boden maschinell bearbeite, kann ich Stroh und Ernterückstände in die Erde einarbeiten, das sind alles Nährstoffe“, sagt er. „Meine Methode ist aufwendig, aber ich finde das einfach sinnvoller, als alles einfach wegzuspritzen“, sagt er.

Die größten Chemiekonzerne der Welt
Platz 10 - PPG Industries (USA) Quelle: AP
Linde Quelle: dpa
Platz 8: Air Liquide (Frankreich) Die Erfindung von flüssiger Luft legte den Grundstein für einen Weltkonzern. Im vergangenen Jahr kam der französische Chemieriese auf einen Umsatz von 19,08 Milliarden Dollar. Quelle: obs
Platz 7: Henkel (Deutschland)Weltweit ist der Düsseldorfer Konzern bekannt für seine Marken Persil, Pril oder Pritt. Mit einem Umsatz von 19,69 Milliarden Dollar spielt der Dax-Konzern auch unter den internationalen Chemieriesen vorne mit. Quelle: dpa
Platz 6: Dupont (USA)Der komplette Name des amerikanischen Chemieriesens lautet „E I Du Pont de Nemours“. Das geht zurück auf die französischen Gründer, die in die USA emigriert waren und dort 1802 begannen, Sprengstoffe zu produzieren. Heute macht das Unternehmen in über 80 Ländern weltweit einen Umsatz von insgesamt 24,6 Milliarden Dollar. 2017 erfolgte die Fusion mit dem Rivalen Dow Chemical zum größten Chemiekonzern der Welt. Quelle: dpa
LyondellBasell Industries (Niederlande) Quelle: REUTERS
Platz 4 - Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien) Quelle: SABIC

Bauer Adolphi ist damit eine absolute Ausnahme. Aus der konventionellen Landwirtschaft ist Glyphosat nicht mehr wegzudenken. Bei manchen Früchten gibt es kaum noch glyphosatfreie Felder: Bei Raps werden rund 90 Prozent aller Flächen damit bespritzt, bei der Gerste zwei Drittel. 5,5 Millionen Tonnen wurden so allein im vergangenen Jahr ausgebracht – mehr als von allen anderen Pflanzengiften zusammen.

Der maximale Erfolg des Stoffs erklärt sich aus dem besonderen Wirkmechanismus. Glyphosat wird nicht nur über die Wurzel, sondern auch über die grünen Pflanzenteile aufgenommen. Landwirte können es deshalb verwenden, wenn die Saat noch im Boden ist, die Unkräuter aber schon sprießen. Alle anderen Mittel, die ähnliche Eigenschaften aufweisen, sind dabei so toxisch, dass sie entweder keine Zulassung bekommen – oder schon lange verboten sind.

Kein Glyphosat = teureres Brot?

Glyphosat befreit die Felder von allem, was stört. Der Wirkstoff hat die Landwirtschaft hochproduktiv gemacht. Die Erfolgsgeschichte von Glyphosat geht einher mit steigenden Erträgen und Deckungsbeiträgen der Landwirte. Vor einiger Zeit haben Forscher des Julius-Kühn-Instituts die Konsequenzen eines Glyphosatverbots untersucht. Ihre Prognose: Die zusätzlichen Kosten betragen bei Weizen bis zu 17 Prozent des Deckungsbeitrags. Denn nur der Pflug sei annähernd wirkungsäquivalent – die teuerste Art der Bodenbehandlung. Klingt ärgerlich, aber besser als Krebs.

Adolphis maschineller Kampf gegen Unkraut ist also im Vergleich teuer. „Natürlich ist mein Deckungsbeitrag geringer als bei anderen“, sagt er. Dass er darauf verzichtet, ist auch eine Frage des Sich-leisten-Könnens. Denn er hat einen Vorteil: Adolphi bewirtschaftet ausschließlich eigene Felder und konkurriert nicht mit anderen Landwirten auf dem Pachtmarkt. Das entlastet ihn von dem Druck, auf jeder einzelnen Fläche die dafür ausgegebene Pacht mitverdienen zu müssen. Für alle anderen gilt: Wer kein Biobauer ist und derzeit versuchen würde, auf Glyphosat zu verzichten, wäre in wenigen Monaten ruiniert.

Kann es wirklich sein, dass es zu einem Wirkstoff keine einzige brauchbare Alternative gibt?

In Brüssel sind die Lobbyisten längst auf Hochtouren. Führende Herbizidhersteller haben 2008 einen Interessenverband gegründet, die „European Crop Protection“. Von den 18 Mitarbeitern haben vier Zugang in die Parlamentsräume. Daneben sponsert der Verband Veranstaltungen im Europaviertel, wie zuletzt Ende April zur Zukunft der Landwirtschaft. Das Mantra: Landwirtschaft ist unmöglich ohne Herbizide.

In ihrer jüngsten Kampagne zeichnen die Lobbyisten ein Szenario, laut dem weltweit 80 Prozent der Erntemengen wegfallen würden, gäbe es keine Herbizide mehr. Das klingt mindestens ebenso absurd wie die von Glyphosatkritikern benannte Krebsgefahr von Bier, von dem man 1000 Liter täglich trinken müsste, um etwas von den Glyphosatrestmengen zu spüren.

Neue Chance für Europas Chemiekonzerne?

Die Aufregung der Industrie endet erst auf jenen Ebenen, auf denen nicht mehr die Kaufleute und Juristen den Ton angeben, sondern die Wissenschaftler. Hermann Stübler, 63, ist ein solcher, der auf dem elterlichen Hof ausgebildete Landwirt leitet beim Chemiekonzern Bayer die Herbizidforschung. Er hat erlebt, wie eine ganze Branche Stück für Stück dem süßem Gift verfiel, einfach weil es so praktisch war. Und gleichzeitig hohe Renditen versprach. Allein der Erfinder und Marktführer Monsanto macht jährlich mit Glyphosatprodukten fünf Milliarden Dollar Umsatz und zwei Milliarden Dollar Gewinn. Macht eine Umsatzrendite von 40 Prozent.

Alternativlosigkeit auf dem Acker?

„Als der überwältigende Erfolg klar wurde, haben viele Konzerne kaum noch einen Sinn in der weiteren Wirkstoffforschung für neue Herbizide gesehen“, sagt Stübler. „Glyphosat ist ein extrem wirkungsvolles Mittel, damals ohne jegliche bekannte Resistenzen, zu einem günstigen Preis“, resümiert er die Glyphosatvorteile, „es war zu der Zeit kaum vorstellbar, etwas Besseres zu entwickeln.“ Ein Fehler, findet Stübler heute.

Das sind die dicksten Deals des Jahres
Chinesen greifen in der Schweiz zuBei der bisher teuersten chinesischen Firmenübernahme im Ausland will der Chemiekonzern Chemchina den Schweizer Agrarchemie-Anbieter Syngenta schlucken. Das würden sich die Chinesen umgerechnet 43 Milliarden Euro kosten lassen. Bis zum Ende des Jahres solle der Deal abgeschlossen sein. Quelle: AP
„Batman“ wird ChineseChina verleibt sich erstmals ein Hollywood-Filmstudio ein. Für 3,2 Milliarden Euro kauft der Mischkonzern Dalian Wanda die Mehrheit am „Batman“- und „Godzilla“-Produzenten Legendary Entertainment. Wanda-Chef Wang Jianlin will das im Jahr 2000 gegründete Filmstudio mit der eigenen Sparte zusammenlegen und dann an die Börse zu bringen. „Wanda Cinema ist in China bereits enorm gewachsen, aber das reicht nicht“, sagte der reichste Mann der Volksrepublik. „Kinounterhaltung ist ein globales Geschäft, und wir wollen mitreden.“ Quelle: Bloomberg Quelle: dapd
Wang Jianlin hat große Pläne Quelle: REUTERS
Haier will edel werdenHaier ist bereits der weltweit größte Hersteller von Haushaltsgeräten, doch will er sein Image als Billigmarke abstreifen und über diesen Zukauf auch in ein höherwertiges Segment einsteigen. Quelle: AP
Müll-Fusion in NordamerikaDer kanadische Müllentsorger Progressive Waste Solutions schließt sich mit dem US-Konkurrenten Waste Connections zusammen. Der Wert des Aktiendeals liegt bei 7,2 Milliarden Euro. Quelle: dpa
Abbott übernimmt AlereDas US-Unternehmen Abbott Laboratories will für 7,4 Milliarden Euro den Diagnostik-Spezialisten Alere kaufen, wie Abbott am Montag ankündigte. Mit Alere will der Konzern aus der Nähe von Chicago sein Geschäft mit Schnelltests ausbauen, die direkt in Arztpraxen Hinweise auf eine Erkrankung geben. Alere stellt solche Untersuchungs-Sets unter anderem für Aids und Malaria her. Quelle: AP
Johnson Controls kauft Tyco Noch in diesem Jahr wollen sich Johnson Controls und Tyco zusammenschließen. Der US-Autozulieferer kauft den irischen Mischkonzern Tyco, der zu den führenden Brandschutz-Anbietern zählt, für umgerechnet 26,4 Milliarden Euro. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die bisherigen Johnson-Aktionäre etwa 56 Prozent der Anteile des neuen Unternehmens halten. Quelle: dpa

Wie verbreitet diese Einstellung war, zeigte sich schon bald an der Zahl angemeldeter Herbizidpatente. Innerhalb von zehn Jahren sank deren Zahl um mehr als zwei Drittel. Unter den bis 2020 absehbaren Patentanmeldungen der Branche ist kein einziger Glyphosatkonkurrent, schätzt Stübler. Er sollte es wissen: Bayer ist heute neben Syngenta der einzige Konzern weltweit, der überhaupt noch in relevantem Umfang an Herbiziden forscht – und der einzige, der eine Alternative zu Glyphosat anbieten kann. „Liberty“ nennen sie bei Bayer das Produkt, hinter dem der Wirkstoff Glufosinate-Ammonium steckt. Der Konzern vertreibt den Wirkstoff seit 1985, nach dem weltweiten Erfolg von Glyphosat war es selbst im Konzern ein wenig in Vergessenheit geraten.

Erst als vor ein paar Jahren in den USA erste Unkräuter gegen das Wundermittel Roundup resistent wurden, begann man bei Bayer, sich wieder für Liberty zu interessieren. Das ist zwar teurer in der Herstellung und komplizierter in der Anwendung, angesichts meterhoher Unkrautpflanzen in den Mais- und Sojafeldern der Great Plains ist das inzwischen aber nebensächlich.

Derzeit baut Bayer im US-Bundesstaat Alabama sogar ein ganz neues Werk, allein für die Herstellung der Vorstufen von Liberty. Auch am Forschungszentrum des Konzerns auf dem ehemaligen Hoechst-Gelände im Westen Frankfurts hat der Konzern rund 150 Millionen Euro in die Glufosinate-Entwicklung investiert.

Das Ende der Alternativlosigkeit?

Ist es also höchstens eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland die Zeit der Alternativlosigkeit auf dem Acker vorbei ist? „Die großen Probleme der deutschen Landwirte kann Liberty leider nicht lösen“, räumt Stübler ein. Zumindest müsste sich dafür der Klimawandel zunächst gehörig beschleunigen, denn anders als sein Namensvetter zweiten Grades ist der Wirkstoff Glufosinate sehr kälteempfindlich und daher zwar für das kontinentale Klima von Kansas oder Oklahoma geeignet, aber nicht für mitteleuropäische Breitengrade.

Die chemischen Alternativen für Bauern in Europa sind daher tatsächlich sehr beschränkt. Zwar weist Stübler darauf hin, dass gerade aufgrund der zunehmenden Resistenzen gegen Glyphosat derzeit alle Hersteller von Pflanzengiften ihre Forschung ausbauen. „Die Pipeline an neuen Wirkstoffen füllt sich sehr langsam wieder“, sagt Stübler. Aber: „Dass darunter ein gleichwertiger Ersatz für Glyphosat ist, glaube ich nicht. Der Wirkstoff war wirklich eine Jahrhundertentdeckung.“

So bliebe den Bauern im Falle eines Verbotes wohl tatsächlich nur der Weg des Landwirts Adolphi: häufiger pflügen, häufiger mit anderen Maschinen den Boden bearbeiten.

Wenn der Pflug die Lösung ist, Anthony van der Ley sollte es wissen. Schließlich ist der vergnügliche Holländer Geschäftsführer des Unternehmens Lemken. Fast jeder zweite Pflug, der in Deutschland verkauft wird, trägt die blaue Farbe des Konzerns. Eine Welt ohne Glyphosat, für ihn wäre es eine Welt stark steigender Gewinne. „Viele Landwirte schauen sich nach Alternativen zur Chemie um. Deshalb werden Pflüge zurzeit sehr stark nachgefragt“, sagt er.

Gerade ist der Firmenchef aus Usbekistan zurückgekommen, einem der Hauptwachstumsmärkte für Lemken. Doch auch in Deutschland laufen die Geschäfte gut. Rund 40 Lkws fahren pro Tag vor, um Maschinen vom Niederrhein auf die Felder zu bringen. Mit einem Jahresumsatz von gut 300 Millionen Euro ist Lemken im Vergleich zu den Branchengrößen John Deere oder Claas zwar eine kleine Nummer, im Bereich der Pflüge steht man neben dem norwegischen Konzern Kvernerland aber an der Spitze des deutschen Marktes.

Kompromisslinien

Sollte Glyphosat wegfallen, bräuchten die Landwirte mehr Maschinen – das müsste van der Ley eigentlich freuen. Doch er sagt: "Wenn Glyphosat verboten würde, muss zwar ein Teil des Pflanzenschutzes mit Maschinen erfolgen – aber was bringt das, wenn der Landwirt kein Geld mehr verdient, um sie zu kaufen?"

Wer bei Lemken einen Pflug bestellt, investiert so viel wie in einen gehobenen Mittelklassewagen, rund 30.000 Euro.

Die Kompromissformel

Für das Unternehmen ist es daher eine zweischneidige Sache: Wird Glyphosat verboten, stehen die Landwirte vor steigenden Produktionskosten. Große Investitionen werden dann aufgeschoben – oder bei der günstigeren Konkurrenz gekauft. Zudem erinnert sich van der Ley daran, dass der Pflug vor gar nicht allzu langer Zeit beinahe so umstritten war, wie Glyphosat es heute ist. Denn in vielen Gebieten Deutschlands kommt es zu Erosionen, wenn die Böden zu intensiv bearbeitet werden. Gerade dort, wo der Boden abschüssig ist. Die Folge sind schneller steigende Flusspegel bei Niederschlag, auch die Qualität des Bodens selbst leidet massiv.

Win-win-Situation: Anthony van der Ley, Geschäftsführer bei Lemken profitiert sowohl bei einem Glyphosatverbot als auch bei Genehmigung. Quelle: Andreas Teichmann für WirtschaftsWoche

So wurden die eigentlich fruchtbaren Ebenen im Mittleren Westen der USA in den Dreißigerjahren aufgrund der andauernden Sandstürme „Dust Bowl“ genannt, innerhalb weniger Jahre kam es zu großen Dürren, Hungersnöten und Landflucht.

Van der Ley zieht aus dem Ausflug in die Geschichte eine Lehre für die Gegenwart: „Früher wurde der Pflug verteufelt, jetzt das Glyphosat. Beides ist nicht richtig. Wahrscheinlich liegt die beste Lösung in einer maßvollen Kombination der Mittel.“

Ähnlich argumentiert auch die Pflanzenschutzabteilung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), bekannt für ihre goldenen und silbernen Lebensmittelsiegel. Finanziert teils von der Lebensmittelindustrie, teils vom Staat. Dennoch empfiehlt sie einen erstaunlich differenzierten Ansatz: Glyphosat ist wichtig für bestimmte Situationen und soll dort erlaubt bleiben; doch wo es durch andere Methoden ersetzbar ist, sollte es ersetzt werden.

Ob sich am Ende diese eine Kompromisslinie durchsetzt?

Es sieht ein wenig danach aus. Das Europaparlament hat sich auf eine Empfehlung geeinigt, die vorsieht, Glyphosat erst mal für einen kürzeren Zeitraum zuzulassen, um weitere Forschungen zu ermöglichen. Die EU-Kommission, die letztlich entscheidet, könnte auch die Grenzwerte verschärfen oder die Einsatzgebiete von Glyphosat einengen.

Bahn-Vegetationsmanager Gerhardt hat sich derweil schon mal seinen eigenen Kompromiss gebastelt – er kombiniert die Macht des Faktischen mit dem Möglichen.

Ergebnis: „Sollten die Grenzwerte weiter verschärft werden, könnten wir reagieren“, sagt er. Selbst wenn das Mittel verboten würde, hätte Gerhardt vorerst eine Lösung zur Hand. „Wir haben das durch unsere Rechtsabteilung schon prüfen lassen, zumindest die bereits gekauften Herbizide dürften wir noch verbrauchen.“

Sie reichen noch bis Ende 2017.

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