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Graswurzeltechnik Wie Crowdfunding eine grüne Technik-Bewegung in Gang bringt

Wir stehen vor einer grünen Technikrevolution - ohne Beteiligung großer Unternehmen und der Politik. Wie das funktioniert.

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Für solch außergewöhnliche, grüne Technikprojekte, wie etwa eine genveränderte Pflanze, die leuchtet, wie eine Nachttischlampe war es früher fast unmöglich, an Geld zu kommen. Dank Crowdfunding-Plattformen und privaten Finanziers stehen wir inzwischen vor einer grünen Technikrevolution - ganz ohne Beteiligung großer Unternehmen oder der Politik. Quelle: Gemeinfrei

Eine Pflanze, die leuchtet, wie eine Nachttischlampe; eine schwerkraftbetriebene Leuchte für Entwicklungsländer oder ein Gerät, das die Meere von Plastikmüll befreit: Für solch außergewöhnliche, grüne Technikprojekte war es früher fast unmöglich, an Geld zu kommen. Finanzinvestoren sind die grünen Visionen oft zu heikel. Sie tendieren eher dazu auf Konzepte zu setzen, die anderswo schon einmal funktioniert haben. An Banken war sowieso nicht zu denken. Zu groß ist den Finanziers das Risiko, dass neue Technologie-Ideen am Ende doch nicht funktionieren - oder keinen Markt finden.

Grüner High-Tech für Stadt und Land
Schlafkapsel von Leap-Factory Quelle: PR
Prototyp eines wärmespeichernden Grills Quelle: PR
Mini-Windkraftwerk von MRT Wind Quelle: PR
Leuchtendes Kindle-Cover Quelle: PR
Selbstversorgende Insel in der Südsee Quelle: PR
Tomaten in einem Gewächshaus Quelle: dpa
Ein Schild mit der Aufschrift "Genfood" steckt in einer aufgeschnittenen Tomate neben einem Maiskolben Quelle: dpa/dpaweb

Wenn überhaupt Geld fließen sollte, mussten grüne Erfinder auf staatliche Mittel hoffen, um ihre Visionen umsetzen zu können.

Nun aber gibt es plötzlich doch private Finanziers für die grüne Technik-Visionen. Befeuert von neuen Internet-Portalen, entsteht eine technologisch getriebene ökologische Graswurzelbewegung: Erfinder und Forscher stellen ihre Ideen im Internet vor und sammeln Geld dafür auf sogenannten Crowdfunding-Plattformen. Kickstarter und  Indiegogo sind die beiden wohl bekanntesten Vertreter dieser recht neuen Kategorie.

Im Grunde sind es Websites, auf denen Erfinder und Gründer ihre Ideen einem weltweiten Publikum vorstellen können. Wer die Idee mag, kann sie entweder mit einem kleinen Geldbetrag unterstützen oder mit einer etwas höheren Summe gleich ein Exemplar des neuen Produkts bestellen. Wie auch immer:  Ein Profil ist auf diesen Crowdfunding-Plattformen so schnell eingerichtet wie ein Account bei Facebook.

Das spricht sich herum. Und so erscheinen mittlerweile fast im Wochentakt neue, faszinierende Ideen, die mitunter weltweit für Aufmerksamkeit sorgen: Viel diskutiert wurde kürzlich etwa über die Idee des 18-jährigen Boyan Slat. Der niederländische Student hat ein Gerät entwickelt, das wie ein Staubsauger Plastikmüll aus Ozeanen fischen soll. 90.000 Dollar sammelte er nach kurzer Zeit für seine Idee bei Indiegogo ein. Genug, um das Projekt voranzutreiben.

Crowdfunding ist sogar eine Alternative, wenn herkömmliche Investoren in Schwierigkeiten geraten. Das Startup Changers etwa finanziert seine solarbetriebenen Ladegeräte via Crowdfunding, nachdem der Hauptinvestor, ein Solartechnikunternehmen, selbst in Geldnot geriet. Das Berliner Unternehmen entschied sich für die Plattform Seedmatch und sammelte dort bereits rund 90.000 Euro ein.

WiWo Green 2/2013

Bemerkenswert ist an dieser ganzen Bewegung, dass dadurch auch völlig abgedrehte Ideen eine Chance bekommen: Amerikanische Forscher wollen beispielsweise die Gene einer Pflanze so verändern, dass das Gewächs im Dunkeln leuchtet. Das neue genveränderte Gewächs soll mindestens Nachttischlampen, eines Tages aber vielleicht gar Straßenlaternen ersetzen.

Fast 400.000 Dollar sind bei Kickstarter für das leuchtende Gewächs schon zusammengekommen - und jeden Tag steigt die Summe. Wer an das Projekt glaubt, kann für 40 Dollar ein paar Samen des neuen Gewächses ordern, für 120 Dollar gibt es eine Pflanze und wer 10.000 Dollar zahlt, dessen Name wollen die Wissenschaftler in das Genom der Pflanze schreiben. Lieferung allerdings nur, wenn alles klappt. Geplant ist das Jahr 2014.

Internationale und deutsche Crowdfunding-Plattformen
Kickstarter
startnext
MySherpas
VisionBakery
IndieGoGo
ArtistShare

Noch allerdings sind die Forscher nicht sonderlich weit: In einem ersten Schritt entnehmen sie genetische Strukturen aus Organismen, die auch Glühwürmchen zum Leuchten bringen. Daraus stellen sie in einem weiteren Schritt ein Material her, das sie in Pflanzen einbringen können. Gelingt ihnen das, leuchten die Pflanzen.

Den Anfang machen die Forscher gerade mit der Acker-Schmalwand, einer eher anspruchslosen Pflanze.

Die Forscher nutzen dabei den Effekt, dass einige Bakterien in der Lage sind, DNA in manche Pflanzenzellen zu übertragen. Die Forscher wollen auf diese Weise nicht den gesamten genetischen Code der Pflanze ändern, sondern nur den Teil einbauen, der mithilfe des Proteins Luciferase die Pflanze zum Leuchten bringt.

Vor einigen Jahren wäre die Idee in jedem Fall ein kühner Plan geblieben.

Die Investoren im sozialen Netz aber teilen das Risiko. Sie zahlen, wenn sie nicht unbedingt ihren Namen in dem Genom einer Pflanze hinterlassen wollen, oft nur kleine Beträge und bekommen als erste Dividende die ersten Samen zugeschickt - wenn alles gut geht.

Die technische Graswurzelbewegung passt in die Zeit. Jeder weiß, dass der grüne Umbau unserer Wirtschafts- und Technologiewelt nur gelingen kann, wenn wir versuchen, ganz neue Wege zu gehen. Das gilt vor allem für die Erforschung und Entwicklung neuer nachhaltiger Techniken. Doch die Mittel dafür sind nicht in dem Maße gestiegen, wie es nötig wäre. Stattdessen fließen Milliarden in die Subventionierung von Ökostrom und damit in bereits veraltete Technik.

Umwelt



Daher nehmen die Bürger das Thema selbst in die Hand und werden auch finanziell Treiber des grünen Wandels.

Dabei kann man immer wieder beobachten: Weil die Menschen dabei eigenes Geld investieren, achten sie - mehr als die öffentliche Hand - darauf, es wirkungsvoll einzusetzen. Auch davon profitiert der Fortschritt. Die Politik sollte überlegen, wie sie gerade dieses Engagement fördert. Investitionen in Wachstumsunternehmen steuerlich zu begünstigen wäre eine Überlegung wert.

Jede Menge privates Engagement sieht man auch bei der Energiewende. Während Bund, Länder und Konzerne über den Leitungsausbau streiten, formiert sich in Städten wie Berlin eine Bürgerbewegung, die das Stromnetz übernehmen will. Andernorts entstehen Energiegenossenschaften, die Windparks aufbauen, wo Investoren fehlen. Wieder andere organisieren genossenschaftlich Siedlungen, deren Häuser kaum noch Energie aus dem Netz benötigen.

Die Menschen wissen, wenn nur genug mit anpacken, kann der Wandel gelingen.

Und vielleicht haben ja tatsächlich bald Abertausende eine leuchtende Pflanze auf dem Nachttisch.

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Mit diesem Text beenden wir unsere ThemenWoche zur Nachhaltigkeit bei WirtschaftsWoche Online. Alle Themen zum Nachlesen finden sie auf wiwo.de/themen/Green Economy

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