Greenpeace warnt Kohlekraftwerke sind Quecksilber-Schleudern

Greenpeace schlägt Alarm: Alte Kohlekraftwerke stoßen nicht nur jede Menge CO2 aus, sondern auch giftiges Quecksilber. Das Schwermetall gelangt über die Nahrung in unsere Körper. Die Umweltschützer fordern strengere Grenzwerte.

Greenpeace warnt vor Quecksilber-Gefahr durch Kohlemeiler. Quelle: dpa

Die Greenpeace-Aktivisten rücken im Morgengrauen mit ihren Beamern an. Auf die riesigen Kühltürme von sieben Kraftwerken projizieren sie Totenkopf-Bilder und den Spruch „Kohle tötet“. Mit dieser Lichtshow wollten die Umweltschützer vor ein paar Wochen darauf aufmerksam machen, dass bei der Stromproduktion vor allem aus Braunkohle nicht nur schädliche Treibhausgase freigesetzt werden, sondern auch das giftige Schwermetall Quecksilber.

Jetzt legt Greenpeace mit einer neuen Studie nach. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Während in Deutschland gerade eine heftige Lobbyschlacht um die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) geplante Klimaschutz-Strafabgabe für die Braunkohle tobt, versammeln sich Anfang Juni im spanischen Sevilla europäische Experten, um über künftige EU-Schadstoffgrenzen auch für Kohle-Kraftwerke ab dem Jahr 2020 zu beraten. Für Quecksilber gibt es bislang europaweit gar keine einheitliche Obergrenze.

Greenpeace fürchtet, dass die EU nicht den Mut hat, der durch den Vormarsch von Wind- und Sonnenstrom ohnehin gebeutelten Kohle-Industrie ähnlich strenge Vorgaben wie die USA vor die Nase zu setzen. Dort dürfen bestehende Braunkohle-Kraftwerke nicht mehr als 4,8 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abluft ausstoßen, bei der Steinkohle sind es 1,5 Mikrogramm. In der EU ist ein Jahresgrenzwert von 10 Mikrogramm für Braunkohle-Meiler im Gespräch, der in Deutschland bereits ab 2019 gelten wird.

Die am meisten verschmutzten Orte weltweit
Agbogbloshie (Ghana)Der Stadtteil der Millionenmetropole Accra ist schon mehrfach zu trauriger Berühmtheit gekommen: Hier leben 40.000 Ghanaer auf einer Fläche von etwa 1.600 Hektar Land und sind dabei den Giften der sie umgebenden Elektromülldeponie ausgesetzt. Handys und Laptops werden hier zerlegt, um noch verwertbare Rohstoffe, wie Eisen und Kuper, zu finden. Quelle: Blacksmith Institute
Tschernobyl (Ukraine)Die Katastrophe von Tschernobyl ist vielen noch im Gedächtnis als dort im April 1986 ein Nuklearunfall ereignete. Damals waren über über 150,000 Quadratkilometer und Millionen von Menschen betroffen. Bis heute besteht eine Sperrzone um den Reaktor. Die Stadt Prypat wurde zur Geisterstadt. Quelle: Blacksmith Institute
Dserschinsk (Russland) Dass die Stadt heute noch zu den am meisten verschmutzten Städten der Welt zählt, hängt vor allem mit seiner Geschichte zusammen. Während des Kalten Krieges wurden hier sowjetische Chemiewaffen wie das Nervengas Sarin und Senfgas hergestellt. Bis heute befindet sich hier eines der Zentren chemischer Industrie. Viele der Chemikalien befinden sich mittlerweile auch im Grundwasser. Quelle: Blacksmith Institute
Citarum River (Indonesien)13.000 Quadratkilometer auf denen insgesamt neun Millionen Menschen leben für die der Fluss der Lebensmittelpunkt ist. Allein 2000 Firmen bedienen sich des Wassers und leiten ihrerseits giftige Chemikalien in das Wasser. Quelle: dpa
Hazaribagh (Indien)270 registrierte Gerbereien gibt es in ganz Bangladesch, allein in der Region gibt es 90-95 Stück mit bis zu 12.000 Angestellten. Jeden Tag erzeugen diese 22.000 Kubikliter giftigen Müller, darunter krebserregendes Chrom. An diesem Giftfluss leben die Arbeiter. Quelle: Blacksmith Institute
Kabwe (Sambia)Wie so oft ist auch in der viertgrößten Stadt der Zentralprovinz der Arbeitsort, gleichzeitig auch der Ort mit den großen Risiken für Gesundheit und das Leben. In der Region wird besonders hochwertiger Blei abgebaut, der zu Boden- und Wasserverseuchung führt. Eine Viertel Million Menschen sind von der Verschmutzung betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Kalimantan (Indonesien)Auch hier sind rund eine Million Menschen durch die Verseuchung von Quecksilber und Cadmium betroffen. Aber Goldminen sorgen dort für das Einkommen von 43.000 Menschen. Quelle: Blacksmith Institute
Matanza-Riachuelo (Argentinien)Der mehr als 60 Kilometer lange Fluss ist schon lange nicht mehr sauber: Um die 15.000 Fabriken, darunter viele Färberei leiten ihre Abwässer mit Chemikalien, darunter Schwermetalle, in den Fluss. Mehr als 20.000 Persinen sind davon betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Norilsk (Russland)Die zweite russische Stadt unter den besonders verschmutzten Städten weltweit ist eine recht weit im Norden: Die Bedrohung entsteht vor allem durch Kupfer, Nickeloxid und andere Schwermetalle. 135.000 Menschen, vor allem Fabrikarbeiter sind akut von der Umweltverschmutzung betroffen, allerdings gibt es dazu keine näheren Angaben. Die Lebenserwartung der Fabrikarbeiter liegt aufgrund dieser Problematik zehn Jahre unter dem russischen Durchschnitt. Quelle: Blacksmith Institute
Niger Delta (Nigeria)Die Bewohner sind etwa im afrikanischen Niger-Delta dem Öl fast schutzlos ausgesetzt. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Schadstoffe sind laut Green Cross etwa gleich hoch wie die von Aids, Tuberkulose und Malaria. Das Delta macht etwa acht Prozent der Gesamtfläche Nigerias aus und ist insgesamt 70.000 Quadratkilometer aus. Quelle: Blacksmith Institute

Greenpeace fordert, den Ehrgeiz zu verzehnfachen - auf 1 Mikrogramm: „Mit schon heute verfügbaren Technik kann der Quecksilberausstoß in Kohlekraftwerken um 80 Prozent reduziert werden“, meint Energie-Experte Andree Böhling. Einige deutsche und ausländische Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke würden schon seit Jahren weniger als 3 Mikrogramm schaffen, weil sie hochmoderne Filter einsetzten. Die Kosten für eine Nachrüstung aller Kraftwerke seien überschaubar.

Wie soll Quecksilber gelagert werden?

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ist die Quecksilber-Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt sehr bewusst. Deshalb will sich die SPD-Politikerin aus dem Kohle-Land Nordrhein-Westfalen von Greenpeace nicht nachsagen lassen, die Regierung trete in Brüssel für zu lasche Vorgaben ein. Wichtig sei, erstmals überhaupt einen Quecksilber-Grenzwert zu etablieren, der ambitioniert, aber auch realistisch für alle 28 EU-Staaten sei, sagt ein Sprecher der Ministerin.

Der Greenpeace-Vergleich mit den USA hinke. Dort würden reine Quecksilber-Abscheider in Kraftwerken eingesetzt, während in Europa die Filter weitere Schadstoffe aus der Abluft holten. Ungeklärt sei die Frage, wo und wie das in den Vereinigten Staaten anfallende Quecksilber überhaupt gelagert werden soll.

Welche Fische auf den Teller dürfen
Fische Quelle: dpa
Greenpeace Fisch-Einkaufsratgeber Quelle: dpa
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Fischzucht Forellen und Störe Quelle: dpa/dpaweb
lachs Quelle: AP
Karpfen Quelle: AP
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Forelle Quelle: dpa
Hering Quelle: dpa/dpaweb
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ScholleSo richtig soll man auch diesen Fisch nicht essen. Denn wer Scholle aus dem Wildfang serviert, der setzt laut Greenpeace ebenfalls nicht auf nachhaltige Lebensmittel. Eine kleine Empfehlung gibt es nur für die Pazifische Scholle, die mit Grund-Langleinen oder Snurrewaden und Ankerwaden aus den Gewässern Nordostpazifik, Beringsee oder Golf von Alaska gezogen wird. Quelle: dpa
Schwertfisch Quelle: dpa
Shrimps/Garnelen/Scampi Quelle: AP
Thunfisch Quelle: dpa
Tintenfisch Quelle: REUTERS
Zander Quelle: dpa/dpaweb

Unbestritten ist die Gesundheitsgefahr, die von dem Schwermetall ausgeht. Die Mediziner und Toxikologen Peter Jennrich und Fritz Kalberlah haben für Greenpeace ein Gutachten erstellt und sind besorgt. Die Quecksilber-Belastung in Deutschland, dem größten Emittenten in Europa, sei deutlich zu hoch. „Jedes dritte in der EU geborene Baby kommt heute mit zu hohen Quecksilberwerten zur Welt“, meint Kalberlah. Die Emissionen müssten drastisch verringert werden.

Aufpassen müssen vor allem Verbraucher, die gern und viel Fisch essen, weil das industriell ausgestoßene Quecksilber sich in den Weltmeeren ablagert und in die Nahrungskette gelangt. Die Deutschen zählen in Europa eher zu den Fischmuffeln, konsumieren weniger Meeresfrüchte als der EU-Durchschnitt. Das spiegelt sich bei der Quecksilber-Belastung wider, wie das Umweltbundesamt (UBA) schon Mitte 2014 erläuterte. Für eine Pilotstudie waren in 17 EU-Ländern Haarproben von jeweils 120 Kindern im Alter von 6 bis 11 Jahren sowie von deren Müttern untersucht worden.

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Im Mittel wiesen die 1836 Kinder aus den beteiligten Ländern 0,145 Mikrogramm Quecksilber pro Gramm Haar auf - die deutschen Kinder aber nur 0,055 Mikrogramm. Auch die deutschen Mütter hatten entsprechend geringere Werte. „Vor allem führte steigender Fischkonsum bei Kindern und Müttern zu einem Anstieg des Quecksilbergehaltes“, so das UBA-Fazit. Amalgam-Zahnfüllungen, kompakte Leuchtstofflampen oder Haarfärben hatten keinen Einfluss auf den Quecksilbergehalt der Haare. Das gilt auch für zerbrochene Fieberthermometer.

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