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Grüne Pioniere Sozial ist sexy

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Guter Wille reicht nicht aus


Um soziale Projekte so weit zu bringen, diese Lektion hat Kolb gelernt, reicht guter Wille nicht aus. Die Öffentlichkeit mag applaudieren. Aber dauerhaft sei die Hilfe nur, wenn die Projekte effizient wie ein Unternehmen geführt werden. Kolb glaubt sogar, dass auch Produkte mit sozialem Anspruch zu einer Marke werden müssen – mit allem was dazugehört: Marketing, Vertrieb und Werbung. Je besser sich ihre Taschen verkaufen, desto mehr Näherinnen kann sie beschäftigen.


Und so versucht Kolb, wo immer es geht, Prominente als Multiplikatoren für ihre Idee zu begeistern. Vor einigen Wochen erst ließ sich Schauspielerin Sibel Kekilli („Gegen die Wand“) auf der Berlinale mit einer von Kolbs Handtaschen auf dem roten Teppich ablichten.


Experten honorieren Kolbs Ansatz. Gerade hat sie den Social Entrepreneur Award der Victress Initiative erhalten. Deren Ziel ist, in Deutschland den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Zu den Unterstützern gehören Kanzlerin Angela Merkel, Unternehmerin Jette Joop und der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle. Die Jury der Initiative sieht Kolb als Vorbild, weil sie ökonomische Kompetenz intelligent mit Nachhaltigkeit verbinde.


In die Wiege gelegt war der derart Gelobten die Rolle als sozialunternehmerisches Vorbild nicht unbedingt. Ihr Vater arbeitete für ein Stuttgarter Unternehmen, das Regelungstechnik für Klimaanlagen baut. Als fußballverrückter VfB-Anhänger nahm er sie schon mit sechs Jahren zu jedem Heimspiel mit – auf einer Vater-Sohn-Karte; Töchter hatte der Verein damals nicht vorgesehen. Ihre Mutter war Hausfrau und hatte wenig Möglichkeiten, sich zu entfalten. Umso hartnäckiger hat sie ihre älteste Tochter zu Selbstständigkeit und unabhängigem Denken erzogen – auch wenn der Widerstand groß ist.


Das hilft ihr heute, auch heftige Kritik auszuhalten. Etwa von solchen Weltenrettern, die nur nicht kommerzielle Hilfsprojekte akzeptieren. Wer wie Kolb von armen Näherinnen hergestellte Taschen für teures Geld in Edelboutiquen statt in Dritte-Welt-Läden verkaufe, müsse ein Ausbeuter sein, werfen sie der gebürtigen Stuttgarterin vor.


Kolb muss in solchen Momenten ihr Temperament zügeln. Allenfalls ein Funkeln in ihren Augen verrät dann, wie ärgerlich sie wird. Natürlich gebe es Projekte bei denen Ausbeutung in armen Ländern mit Wohltätigkeit maskiert werde. Aber heißt der Umkehrschluss, die Näherinnen gar nicht zu beschäftigen? Lieber arbeitet Kolb an der Zukunft. Sie hat die Kollektion um Nagelscheren-Necessaires, iPad-Hüllen und Armbänder ergänzt, um nicht von den Taschen abhängig zu sein. Auch Brillenetuis und Lederhausschuhe sind in Arbeit. Zugleich treibt Kolb den Ausbau des Vertriebs voran. In diesen Tagen eröffnet sie in Berlins Mitte ihren ersten eigenen Ausstellungsraum – zehn weitere Boutiquen in Deutschland, New York und Zürich verkaufen ihre edle Ware ebenfalls. Weitere sollen folgen.


Ein Massengeschäft strebt sie trotzdem nicht an. Wenn sie die Herstellung dieses Jahr auf monatlich 200 Taschen, Hüllen und Etuis aus Schafs- und Ziegenleder verdoppeln kann, ist sie zufrieden. „Unser Marken- zeichen ist exklusive Handwerkskunst.“
Obwohl sie ein handgefertigtes Unikat erwerben, zahlen Käufer für die Taschen mit 190 bis 490 Euro mitunter weniger als für vergleichbare gängige Modeluxusmarken, die maschinell hergestellt werden. Mit den Einnahmen finanziert Kolb die Ausbildung der Näherinnen und ihr Gehalt. 50 Prozent des Gewinns aus den Verkäufen fließen über ihre Abury-Stiftung an die Berberdörfer: für den Bau von Straßen, Brunnen und Schulen. Gerade hat Kolb die erste Schule eröffnet. Sie ist stolz, mit ihrem Engagement Bildung, und damit Zukunft, in diesen vernachlässigten Landstrich zu bringen.

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