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Grüner Pionier David gegen die Müllmafia

Alte Fernseher, Kühlschränke oder Mikrowellen landen meist auf riesigen Deponien irgendwo in Afrika. Ein kanarischer Unternehmer setzt im Kampf gegen illegale Müllexporte auf die Marktkräfte – und soziales Handeln.

David Bustabad Quelle: Jesús Bilbao

Die Geschichte von David Bustabad ist auch die vom Kampf eines Sohnes gegen die Zweifel seines Vaters. Denn als der heute 40-Jährige aus dem Örtchen Arico auf der spanischen Kanareninsel Teneriffa seinen Vater davon überzeugen wollte, das elterliche Sägewerk um einen Recyclingbetrieb für gebrauchte Holzpaletten zu erweitern, winkte der Senior ab.

„Zu risikoreich fand er die Idee, zu schlecht die Geschäftsaussichten“, erzählt Bustabad junior. Also zog er das Palettenrecycling nach dem Betriebswirtschafts- und Managementstudium an der Universität in Santa Cruz de Tenerife kurzerhand mit einem anderen Investor hoch. „Das hat das Verhältnis mit meinem Vater nicht unbedingt verbessert“, so der Unternehmer.

Wie Sie Elektronik recyclen können

Wohl aber seinen Weg in die grüne Wirtschaft vorgezeichnet, der über Palettenrecycling und Ökolandwirtschaft 2012 in der Gründung eines weiteren Müllverwertungsunternehmens mündete: des Elektroschrott-Recyclers E-Waste. Und was Bustabad da am Südostfuß des ehemaligen Kanarenvulkans Teide in Sichtweite der Küste aufgebaut hat, ist eines der wohl effizientesten und vermutlich auch eines der profitabelsten Elektroschrott-Recyclingunternehmen Europas.

Effizient und vermutlich auch profitabel

Nur gerade einmal zwei Jahre nach dem Start verwertet E-Waste ein Viertel des gesamten Elektroschrotts, der auf den Kanaren anfällt. Zuvor wurden Kühl- und Klimageräte, Mikrowellen, Fernseher und sonstiger Technikmüll entweder aufs spanische Festland verschifft, gelangten als illegaler Müllexport auf die riesigen Schrotthalden Afrikas – oder landeten irgendwo im Hinterland oder an den Stadträndern der Insel.

Nicht nur auf Teneriffa. Jüngst erst zählten spanische Umweltschützer landesweit auf wilden Müllkippen rund eine halbe Million Kühlschränke.

Was mit unserem Müll passiert
Insgesamt betrug das Abfallaufkommen im letzten Jahr in Deutschland rund 343 Millionen Tonnen, 36,7 Millionen Tonnen davon waren Hausabfälle. Das entspricht also 456 Kilogramm Müll pro Einwohner. Seit dem Jahr 2002 ist das Abfallaufkommen zwar leicht gesunken, jedoch wird laut Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit immer noch zu viel Abfall erzeugt. Immerhin: 14 Prozent der Rohstoffe, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, werden mittlerweile aus Abfällen gewonnen; entsprechend werden der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundenen Umweltbelastungen reduziert. Quelle: dpa
Grund ist die am 8. Mai 1991 beschlossene Verpackungsverordnung, die den Grundstein für die Mülltrennung in Deutschland legte. Von den 456 Kilogramm Müll pro Nase und Jahr sind 164 Kilogramm Restmüll, 113 Kilo Biomüll, und 148 Kilogramm getrennte Wertstoffe, also Papier und Pappe (72 Kilogramm), Glas (24 Kilogramm) und Holz (14 Kilogramm). Pro Einwohner fielen zusätzlich rund 30 Kilogramm Sperrmüll an. Quelle: Statista Quelle: dpa
Die Mülltrennung nutzt aber nicht nur der Umwelt und liefert billige Rohstoffe, sie schafft auch Arbeitsplätze: Fast 200.000 Beschäftigte arbeiten in rund 3.000 Abfallentsorgungs- oder Verarbeitungsbetrieben. Sie machen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro jährlich. Quelle: dpa
Anders als in vielen anderen Ländern landen unsere Abfälle eher selten auf Deponien zum Verrotten. Zuvor müssen sie in irgendeiner Art und Weise verwertet werden. Hausmülldeponien beispielsweise dürfen seit Mitte 2005 nur noch vorbehandelte Abfälle aufnehmen, bei denen organische Bestandteile nahezu völlig entfernt sind. Anders sieht es beispielsweise in Bulgarien, Rumänien, Griechenland oder Polen aus, wo mehr als 70 Prozent der Abfälle auf Deponien landen. Quelle: dpa
Ein großer Teil der Abfälle in Deutschland, nämlich 35 Prozent, werden deshalb in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die Überreste landen dann auf der Deponie. Die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, wird vielfach zur Erzeugung von Strom oder zum Heizen verwendet. Wir heizen also mit unserem Müll. Quelle: ZB
Immerhin 18 Prozent unserer Abfälle kompostieren wir. Quelle: dpa
47 Prozent der kommunalen Abfälle werden recycelt - damit ist Deutschland der Wiederverwertungskönig innerhalb der 28 EU-Staaten. In keinem anderen Land wird ein so großer Anteil der kommunalen Abfälle noch einmal verwendet. Quelle: AP

Für Bustabad, einen passionierten Surfer, der mit wallendem Lockenkopf und Vollbart aber genauso gut als Bergführer durchginge, ist der Schrott in der Landschaft – natürlich – ein ökologisches Problem: „Ein nicht ordentlich entsorgter Fernseher kann bis zu 80.000 Liter Grundwasser kontaminieren.“

Ökologisches Problem und ökonomische Verschwendung

Aber er ist auch eine immense ökonomische Verschwendung. Denn längst lassen sich die in den Maschinen verbauten Rohstoffe wieder profitabel weiterverkaufen. Wenn sie denn sortenrein aufbereitet sind.

Seine Kunden sind Stiftungen wie Ecolec, die in Spanien für die Gerätehersteller die Entsorgung übernehmen, und Unternehmen, die an den Rohstoffen interessiert sind, die er durch das Recyceln gewinnt; darunter Aluminium, Silber, Stahl und Kupfer.

Was künftig alles in die gelbe Tonne gehört
In den gelben Sack oder die gelbe Tonne gehören weder Glas noch Papier - das liegt auf der Hand. Ab sofort müssen Verbraucher aber noch genauer hinschauen, wohin sie ihren Müll werfen. Konserven, Dosen, Alu-Folien, Flaschen und beispielsweise Joghurtbecher gehören ebenfalls nicht in die gelbe Tonne oder den gelben Sack. Quelle: dpa
Teebeutel in den gelben Sack zu entsorgen, wird mit Änderung der EU-Richtlinien zum Tabu. Die Änderung der EU-Vorgaben sind nun ein erster Schritt zu einer Reform, die das System der gelben Tonne retten soll. Dazu sollen Schlupflöcher in den Regelungen nach und nach gestopft werden. Bisher konnten Verbraucher ihre Verpackungen beispielsweise im Supermarkt zurückgeben werden und so Abgaben an die dualen System sparen. „Nach den veröffentlichten Zahlen ist allein die Menge der Eigenrücknahmen um 166 Prozent gestiegen“, sagt der Präsident des Bundesverbands der Entsorgungswirtschaft (BDE), Peter Kurth. Quelle: dpa
Kleiderbügel sind Plastik und gehören in den gelben Sack? Weit gefehlt. Auch sie dürfen ab sofort nicht mehr in gelber Tonne oder gelbem Sack entsorgt werden. Ab 2015 sollen dann Ausnahmetatbestände wie Eigenrücknahmen ganz gestrichen werden. So soll verhindert werden, dass weitere Mengen bei den dualen Systemen abgemeldet werden. Für schwarze Schafe oder Trittbrettfahre könnten dann Strafzahlungen drohen.   Quelle: dpa
Bei der neuen Richtlinie geht es im wahrsten Sinne des Wortes auch um die Wurst, Denn deren Pelle gehört ab sofort in den Restmüll, nicht in die gelbe Tonne. Auslöser für die neuen Vorgaben war eine Beschwerde des für die Entsorgung zuständigen dualen Systems, dass die unbezahlten Abfallmengen stiegen. Bei dem dualen System (beispielsweise DSD mit dem grünen Punkt) müssen Hersteller Gebühren zahlen, wenn sie Joghurtbecher oder Milchtüten entsorgen wollen. Während aber die Mengen konstant blieben, ist die Zahl bezahlter Verpackungen im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gesunken. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Ab sofort ein absoluter No-Go in gelber Tonne und gelbem Sack: Grablichter. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss zahlen. Für 2014 rechnet die EU mit einem Fehlbetrag von bis zu 350 Millionen Euro durch falsch entsorgte Verpackungen. 2013 waren von 2,4 Millionen Tonnen gesammelter Leichtverpackungsabfälle 40 Prozent „Fehlwürfe“, also falsch entsorgter Müll. „Wenn Verpackungen aus Kostengründen als selbstzurückgenommen gemeldet, aber in der Realität nicht zurückgegeben werden und im gelben Sack landen, gaukelt dies hohe Recyclingquoten vor“, kritisiert der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch. Denn da ein Recyclingzwang nur für bezahlte Abfallmengen gilt, werde so auch das Recycling geschwächt. Quelle: dpa
Milchtüten sollten in Zukunft ebenfalls nicht in den gelben Sack entsorgt werden. Der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, erklärt, warum es so verheerend sein kann, seinen Müll als selbstzurückgenommen zu melden und ihn dann trotzdem im gelben Sack zu entsorgen: „Wenn Verpackungen aus Kostengründen als selbstzurückgenommen gemeldet, aber in der Realität nicht zurückgegeben werden und im gelben Sack landen, gaukelt dies hohe Recyclingquoten vor." Denn da ein Recyclingzwang nur für bezahlte Abfallmengen gilt, werde so auch das Recycling geschwächt. Quelle: AP

Und so zerlegen in den 10.000 Quadratmeter großen grau-orange gestrichenen Hallen am Rand der Mülldeponie von Arico inzwischen gut 30 Mitarbeiter mehr als 100 verschiedene Gerätetypen in ihre Bestandteile, darunter alleine 320.000 Kühlschränke im Jahr.

Bustabads Truppe neutralisiert mit modernster Technik giftige Kühl- und Schmiermittel und bereitet die wertvollen Rohstoffe im Schrott für den Weiterverkauf auf. Im Fall von Kühlschränken, sagt der Ökounternehmer, seien immerhin etwa 80 Prozent der gewonnenen Materialien wiederverkäufliche Wertstoffe.

Soziales Unternehmertum

Das ist zwar nur ein winziger Teil jener nach Schätzungen rund 50 Millionen Tonnen Elektromüll, den die Industriestaaten jährlich weltweit produzieren. Aber es ist die Blaupause für einen prosperierenden Wirtschaftszweig.

Schließlich ist das Geschäft für E-Waste hoch profitabel – bei knapp vier Millionen Euro Jahresumsatz blieb für den grünen Pionier vergangenes Jahr ein Nachsteuergewinn von 1,3 Millionen Euro – und der Beweis, wie symbiotisch sich Umweltschutz und ökonomischer Erfolg ergänzen können.

Und soziales Unternehmertum, denn der Multiunternehmer belässt es nicht bei der umwelt- und ressourcenschonenden Aufarbeitung von alter Elektrik.

Mitarbeiter sollen die Idee international verbreiten

Sein Geschäftsmodell sieht vor, viele Auszubildende zu beschäftigen und dass 40 Prozent der Mitarbeiter behinderte oder benachteiligte Menschen sind, etwa Langzeitarbeitslose. Parallel dazu betreibt Bustabads Umweltstiftung Recicla Ökoaufklärung: Direktorin Carlota Cruz organisiert etwa Führungen für rund 30.000 Besucher der Fabrik pro Jahr: „Sie sollen erfahren, wie Giftstoffe neutralisiert werden, statt in Afrika, Asien oder Lateinamerika auf illegalen Halden zu landen.“

Daneben schleust Bustabad Dutzende Studenten als Praktikanten durch die Abteilungen, um seine Idee weiterzutragen, auch über die Kanaren hinaus. In den kommenden Jahren will er beispielsweise E-Waste Lateinamerika aufbauen.

Auch deshalb hat Bustabad viele nationale und internationale Preise bekommen, darunter eine Auszeichnung der englischen Organisation European Business Awards. 2012 zeichnete ihn zudem der mittlerweile auf den Thron aufgerückte damalige spanische Kronprinz Felipe mit dem spanischen Erfinderpreis aus.

Zehn Orte, die ihre Einwohner krank machen
Platz 10: Niger River Delta, NigeriaWie viele Menschen von dem verschmutzten Niger River Delta betroffen sind, kann niemand so genau sagen. Fest steh: es sind zu viele. Jedes Jahr fließen etwas 240.000 Barrel Rohöl in den Fluss. So ist die Gegend neben dem Öl auch noch mit einer Menge Hydrokarbonaten verseucht. Gesundheitliche Konsequenzen für die Menschen der Region sind Unfruchtbarkeit und Krebs. Alles begann mit Operationen von großen Petroleum-Firmen in den 1950er Jahren. Das Delta erstreckt sich über 70.000 Quadratkilometer und bedeckt damit acht Prozent der nigerianischen Fläche. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 9: Matanza-Riachuelo, ArgentinienEntlang des 60 Kilometer langen Matanza-Riachuelo-Flusses haben sich eine Reihe von Mittelstandsunternehmen angesiedelt, viele davon arbeiten mit Chemikalien. Derzeit gehen Schätzungen von 15.000 Unternehmen aus, die regelmäßig Giftstoffe in den Fluss in der Nähe von Buenos Aires ablassen. Untersuchen des Mülls am Ufer ergaben Spuren von Zink, Kuper, Blei, Nickel und Chrom – allesamt mit Werten weit über dem Zulässigen. Alleine der Chrom-Wert beispielsweise ist fast sechs Mal höher als empfohlen. Folgen für die mehr als 20.000 betroffenen Menschen sind Diarrhö, Atembeschwerden und Krebs. Doch es gibt Fortschritte. So spendete die Weltbank zuletzt eine Milliarde Dollar, um die Gegend zu säubern. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 8: Agbogbloshie, Ghana Agbogbloshies größter Segen ist zugleich auch ein Fluch für die Menschen in der Nähe von Accra in Ghana. Die Region ist die zweitgrößte Elektromüll-Verwertungsgegen in West Afrika. Alleine aus Europa werden jedes Jahr 215.000 Tonnen Elektromüll importiert. Circa die Hälfte der Importe kann repariert und weiterverkauft werden. Das Problem stellt der Rest dar: Um an das Kupfer in den Kabeln zu kommen, werden sie verbrannt. Dafür wird auch Styropor verbrannt. Die Kabel enthalten jedoch auch Blei, welches somit in die Luft steigt und auch im Boden verbleibt. Mehr als 40.000 Menschen leiden so unter Bleivergiftungen. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 7: Norilsk, RusslandNorilsk in Russland wurde 1935 als Industriestadt gegründet. Bis in die 2000er Jahre war hier der größte Schmelzstandort für Schwermetalle weltwelt. Fast 500 Tonnen Nickel und Kupfer oxidieren jedes Jahr in die Luft. Durch die Verschmutzung liegt die Lebenserwartung in Norilsk zehn Jahre unter dem russischen Durchschnitt. Etwa 130.000 Menschen in einem 60-Kilometer-Radius rund um die Region sind davon betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 6: Hazaribagh, BangladeschIn Bangladesch gibt es 270 registrierte Gerbereien – 95 Prozent davon befinden sich in und um Hazaribagh, verteilt auf einer Fläche von 25 Hektar. Viele von diesen Gerbereien nutzen alte, überholte und ineffiziente Methoden. Insgesamt beschäftigen sie zwischen 8.000 und 12.000 Arbeiter. Jeden Tag pumpen die Gerbereien zusammen 22.000 Kubikliter unter anderem chromhaltiges, giftiges Wasser in den Buriganga, Dhaka's größten Fluss und Hauptwasserversorgung. Die Häuser der Arbeiter liegen oft direkt neben verseuchten Flüssen und Kanälen. Neben dem verseuchten Wasser ist die Arbeit in den Gerbereien ein Gesundheitsrisiko an sich: beim mixen von mehreren Chemikalien führt häufig zu schweren Atembeschwerden. So leiden insgesamt mehr als 160.000 Menschen in der Region unter den Gegebenheiten. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 5: Kalimantan, IndonesienKalimantan ist der indonesische Teil der Insel Borneo. In zwei der fünf Provinzen sind Goldminen die Hauptarbeitgeber für 43.000 Menschen. Das geborgene Gold ist allerdings mit Quecksilber verbunden: Dieses muss in einem Schmelzverfahren erst „abgebrannt“ werden. So gelangen jedes Jahr schätzungsweise 1.000 Tonnen Quecksilber in die Umgebung – das sind 30 Prozent der vom Menschen verursachten Quecksilber-Emission. Der Quecksilber-Dampf kann durch die Luft weite Strecken überwinden und wurde so schon zu einem internationalen Problem. Viele Mienenarbeiter schmelzen die Verbindung in ihren Häusern, wodurch die Dämpfe im inneren bleiben. Außerdem gelangt das Quecksilber auch in Flüsse und wird so auch über Fische weiterverbreitet. So sind insgesamt mehr als 225.000 Menschen betroffen. Mittlerweile macht die indonesische Regierung aber Fortschritte und arbeitet mit NGO´s wie zum Beispiel dem Blacksmith Institut zusammen, um die Mienenarbeiter besser zu schulen. Quelle: Blacksmith Institute
Platz 4: Dzerzhinsk, RusslandWährend der Sowjet-Ära war Dzerzhinsk eine der größten russischen Chemie-Standorte des Landes, inklusive chemischer Waffen. Auch heute noch ist es noch ein wichtiges Zentrum der russischen Chemie-Industrie. Zwischen 1930 und 1938 wurden circa 300.000 Tonnen chemischer Abfälle unsachgemäß in Dzerzhinsk und Umgebung entsorgt. Dadurch gelangten 190 verschiedene Chemikalien ins Grundwasser. Wasserproben aus dem Jahr 2007 ergaben Dioxin-Werte, die tausendfach über den zulässigen Werten lagen. Dies veranlasste das Buch der Guinness World Records Dzershinsk den Titel der „am meisten verschmutzten Stadt“ weltweit zu verleihen. Hohe Phenolwerte verursachen Augen-, Lungen- und Nierenkrebs. 300.000 Menschen sind davon potenziell bedroht. Quelle: Blacksmith Institute

Trotzdem war der Start von E-Waste alles andere als ein Selbstläufer: Von der ersten Idee 2008 bis zum Start der Schrottverwertung vergingen rund vier Jahre zäher Investorensuche. „Die Kanaren sind kein idealer Ort für Unternehmen wie unseres“, sagt Bustabad und ergänzt: „Es ist ein Kampf gegen viele Interessen.“

Was er nicht sagt: Die spanischen Inseln, nur ein paar Hundert Kilometer vor der Küste von Marokko und Westsahara gelegen, gelten als großer Umschlagplatz für illegale Müllexporte nach Afrika.

Gase neutralisieren

Statt bei privaten Investoren wurde der Recycling-Unternehmer mit seiner Geschäftsidee daher bei Förderfonds der Europäischen Union fündig. Weiteres Geld für den Aufbau der neun Millionen Euro teuren High-Tech-Anlage im Hinterland der Touristeninsel stammt aus staatlich geförderten Krediten.

Das Geld steckte Bustabad in Technik des österreichischen Herstellers Untha Shredding Technology und der italienischen Ventilazione Industriale. Mit deren Hilfe fängt E-Waste die Gase in den alten Geräten – etwa umweltschädliche Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) – auf und recycelt sie. Die Technik erlaubt etwa, die FCKW zu 99,8 Prozent zu neutralisieren und in ungefährliche Salze umzuwandeln, versichert der Spanier.

Die am meisten verschmutzten Orte weltweit
Agbogbloshie (Ghana)Der Stadtteil der Millionenmetropole Accra ist schon mehrfach zu trauriger Berühmtheit gekommen: Hier leben 40.000 Ghanaer auf einer Fläche von etwa 1.600 Hektar Land und sind dabei den Giften der sie umgebenden Elektromülldeponie ausgesetzt. Handys und Laptops werden hier zerlegt, um noch verwertbare Rohstoffe, wie Eisen und Kuper, zu finden. Quelle: Blacksmith Institute
Tschernobyl (Ukraine)Die Katastrophe von Tschernobyl ist vielen noch im Gedächtnis als dort im April 1986 ein Nuklearunfall ereignete. Damals waren über über 150,000 Quadratkilometer und Millionen von Menschen betroffen. Bis heute besteht eine Sperrzone um den Reaktor. Die Stadt Prypat wurde zur Geisterstadt. Quelle: Blacksmith Institute
Dserschinsk (Russland) Dass die Stadt heute noch zu den am meisten verschmutzten Städten der Welt zählt, hängt vor allem mit seiner Geschichte zusammen. Während des Kalten Krieges wurden hier sowjetische Chemiewaffen wie das Nervengas Sarin und Senfgas hergestellt. Bis heute befindet sich hier eines der Zentren chemischer Industrie. Viele der Chemikalien befinden sich mittlerweile auch im Grundwasser. Quelle: Blacksmith Institute
Citarum River (Indonesien)13.000 Quadratkilometer auf denen insgesamt neun Millionen Menschen leben für die der Fluss der Lebensmittelpunkt ist. Allein 2000 Firmen bedienen sich des Wassers und leiten ihrerseits giftige Chemikalien in das Wasser. Quelle: dpa
Hazaribagh (Indien)270 registrierte Gerbereien gibt es in ganz Bangladesch, allein in der Region gibt es 90-95 Stück mit bis zu 12.000 Angestellten. Jeden Tag erzeugen diese 22.000 Kubikliter giftigen Müller, darunter krebserregendes Chrom. An diesem Giftfluss leben die Arbeiter. Quelle: Blacksmith Institute
Kabwe (Sambia)Wie so oft ist auch in der viertgrößten Stadt der Zentralprovinz der Arbeitsort, gleichzeitig auch der Ort mit den großen Risiken für Gesundheit und das Leben. In der Region wird besonders hochwertiger Blei abgebaut, der zu Boden- und Wasserverseuchung führt. Eine Viertel Million Menschen sind von der Verschmutzung betroffen. Quelle: Blacksmith Institute
Kalimantan (Indonesien)Auch hier sind rund eine Million Menschen durch die Verseuchung von Quecksilber und Cadmium betroffen. Aber Goldminen sorgen dort für das Einkommen von 43.000 Menschen. Quelle: Blacksmith Institute

Inzwischen stehen in den Hallen bei Arico auf fünf verschiedenen Recycling-Linien komplexe Fließband-, Neutralisierungs- und Schredderanlagen. Ein normaler Kühlschrank beispielsweise ist in gerade einmal einer Minute zerlegt und sortenrein entsorgt. Die zurückgewonnenen Materialien, aufs Kleinste zerstückelt, sauber eingetütet oder in Kartons gepackt, verkauft E-Waste an Wertstoffhändler weiter. „Diese Geschwindigkeit und Effizienz machen uns so profitabel“, sagt Bustabad.

Recyceln – das bessere Geschäft?

Auch deshalb glaubt der Unternehmer, dass sein Vorbild auf lange Sicht auch der „Müll-Mafia“, wie er sie nennt, das Geschäft abgraben könnte. Der Spanier will mit seinen Kampagnen, in seiner Stiftung und an Unis und Businessschulen zeigen, dass Recyceln das bessere Geschäft ist: „Wenn die Zahlen und die rechtlichen Grundlagen stimmen, werden mehr und mehr Firmen in das Geschäft investieren und die Kriminalität in diesem Sektor verdrängen.“

Bustabad selbst sieht sich für wachsende Nachfrage jedenfalls gerüstet. Derzeit laufe die Anlage im Zwei-Schicht-Betrieb, „aber wir könnten locker auch drei fahren“.

Selbst die eigene Familie, erzählt der grüne Pionier augenzwinkernd, spannt er ein: „Eines der ersten Worte, das meine drei Kinder gelernt haben, war ,Recycling‘.“ Und auch der Vater habe inzwischen eingelenkt und dem Sohn zugestanden, „dass man mit Umweltbewusstsein sehr wohl Geld verdienen kann“.

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