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Grüner Pionier David gegen die Müllmafia

Alte Fernseher, Kühlschränke oder Mikrowellen landen meist auf riesigen Deponien irgendwo in Afrika. Ein kanarischer Unternehmer setzt im Kampf gegen illegale Müllexporte auf die Marktkräfte – und soziales Handeln.

David Bustabad Quelle: Jesús Bilbao

Die Geschichte von David Bustabad ist auch die vom Kampf eines Sohnes gegen die Zweifel seines Vaters. Denn als der heute 40-Jährige aus dem Örtchen Arico auf der spanischen Kanareninsel Teneriffa seinen Vater davon überzeugen wollte, das elterliche Sägewerk um einen Recyclingbetrieb für gebrauchte Holzpaletten zu erweitern, winkte der Senior ab.

„Zu risikoreich fand er die Idee, zu schlecht die Geschäftsaussichten“, erzählt Bustabad junior. Also zog er das Palettenrecycling nach dem Betriebswirtschafts- und Managementstudium an der Universität in Santa Cruz de Tenerife kurzerhand mit einem anderen Investor hoch. „Das hat das Verhältnis mit meinem Vater nicht unbedingt verbessert“, so der Unternehmer.

Wie Sie Elektronik recyclen können

Wohl aber seinen Weg in die grüne Wirtschaft vorgezeichnet, der über Palettenrecycling und Ökolandwirtschaft 2012 in der Gründung eines weiteren Müllverwertungsunternehmens mündete: des Elektroschrott-Recyclers E-Waste. Und was Bustabad da am Südostfuß des ehemaligen Kanarenvulkans Teide in Sichtweite der Küste aufgebaut hat, ist eines der wohl effizientesten und vermutlich auch eines der profitabelsten Elektroschrott-Recyclingunternehmen Europas.

Effizient und vermutlich auch profitabel

Nur gerade einmal zwei Jahre nach dem Start verwertet E-Waste ein Viertel des gesamten Elektroschrotts, der auf den Kanaren anfällt. Zuvor wurden Kühl- und Klimageräte, Mikrowellen, Fernseher und sonstiger Technikmüll entweder aufs spanische Festland verschifft, gelangten als illegaler Müllexport auf die riesigen Schrotthalden Afrikas – oder landeten irgendwo im Hinterland oder an den Stadträndern der Insel.

Nicht nur auf Teneriffa. Jüngst erst zählten spanische Umweltschützer landesweit auf wilden Müllkippen rund eine halbe Million Kühlschränke.

Was mit unserem Müll passiert
Insgesamt betrug das Abfallaufkommen im letzten Jahr in Deutschland rund 343 Millionen Tonnen, 36,7 Millionen Tonnen davon waren Hausabfälle. Das entspricht also 456 Kilogramm Müll pro Einwohner. Seit dem Jahr 2002 ist das Abfallaufkommen zwar leicht gesunken, jedoch wird laut Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit immer noch zu viel Abfall erzeugt. Immerhin: 14 Prozent der Rohstoffe, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, werden mittlerweile aus Abfällen gewonnen; entsprechend werden der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundenen Umweltbelastungen reduziert. Quelle: dpa
Grund ist die am 8. Mai 1991 beschlossene Verpackungsverordnung, die den Grundstein für die Mülltrennung in Deutschland legte. Von den 456 Kilogramm Müll pro Nase und Jahr sind 164 Kilogramm Restmüll, 113 Kilo Biomüll, und 148 Kilogramm getrennte Wertstoffe, also Papier und Pappe (72 Kilogramm), Glas (24 Kilogramm) und Holz (14 Kilogramm). Pro Einwohner fielen zusätzlich rund 30 Kilogramm Sperrmüll an. Quelle: Statista Quelle: dpa
Die Mülltrennung nutzt aber nicht nur der Umwelt und liefert billige Rohstoffe, sie schafft auch Arbeitsplätze: Fast 200.000 Beschäftigte arbeiten in rund 3.000 Abfallentsorgungs- oder Verarbeitungsbetrieben. Sie machen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro jährlich. Quelle: dpa
Anders als in vielen anderen Ländern landen unsere Abfälle eher selten auf Deponien zum Verrotten. Zuvor müssen sie in irgendeiner Art und Weise verwertet werden. Hausmülldeponien beispielsweise dürfen seit Mitte 2005 nur noch vorbehandelte Abfälle aufnehmen, bei denen organische Bestandteile nahezu völlig entfernt sind. Anders sieht es beispielsweise in Bulgarien, Rumänien, Griechenland oder Polen aus, wo mehr als 70 Prozent der Abfälle auf Deponien landen. Quelle: dpa
Ein großer Teil der Abfälle in Deutschland, nämlich 35 Prozent, werden deshalb in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die Überreste landen dann auf der Deponie. Die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, wird vielfach zur Erzeugung von Strom oder zum Heizen verwendet. Wir heizen also mit unserem Müll. Quelle: ZB
Immerhin 18 Prozent unserer Abfälle kompostieren wir. Quelle: dpa
47 Prozent der kommunalen Abfälle werden recycelt - damit ist Deutschland der Wiederverwertungskönig innerhalb der 28 EU-Staaten. In keinem anderen Land wird ein so großer Anteil der kommunalen Abfälle noch einmal verwendet. Quelle: AP

Für Bustabad, einen passionierten Surfer, der mit wallendem Lockenkopf und Vollbart aber genauso gut als Bergführer durchginge, ist der Schrott in der Landschaft – natürlich – ein ökologisches Problem: „Ein nicht ordentlich entsorgter Fernseher kann bis zu 80.000 Liter Grundwasser kontaminieren.“

Ökologisches Problem und ökonomische Verschwendung

Aber er ist auch eine immense ökonomische Verschwendung. Denn längst lassen sich die in den Maschinen verbauten Rohstoffe wieder profitabel weiterverkaufen. Wenn sie denn sortenrein aufbereitet sind.

Seine Kunden sind Stiftungen wie Ecolec, die in Spanien für die Gerätehersteller die Entsorgung übernehmen, und Unternehmen, die an den Rohstoffen interessiert sind, die er durch das Recyceln gewinnt; darunter Aluminium, Silber, Stahl und Kupfer.

Was künftig alles in die gelbe Tonne gehört
In den gelben Sack oder die gelbe Tonne gehören weder Glas noch Papier - das liegt auf der Hand. Ab sofort müssen Verbraucher aber noch genauer hinschauen, wohin sie ihren Müll werfen. Konserven, Dosen, Alu-Folien, Flaschen und beispielsweise Joghurtbecher gehören ebenfalls nicht in die gelbe Tonne oder den gelben Sack. Quelle: dpa
Teebeutel in den gelben Sack zu entsorgen, wird mit Änderung der EU-Richtlinien zum Tabu. Die Änderung der EU-Vorgaben sind nun ein erster Schritt zu einer Reform, die das System der gelben Tonne retten soll. Dazu sollen Schlupflöcher in den Regelungen nach und nach gestopft werden. Bisher konnten Verbraucher ihre Verpackungen beispielsweise im Supermarkt zurückgeben werden und so Abgaben an die dualen System sparen. „Nach den veröffentlichten Zahlen ist allein die Menge der Eigenrücknahmen um 166 Prozent gestiegen“, sagt der Präsident des Bundesverbands der Entsorgungswirtschaft (BDE), Peter Kurth. Quelle: dpa
Kleiderbügel sind Plastik und gehören in den gelben Sack? Weit gefehlt. Auch sie dürfen ab sofort nicht mehr in gelber Tonne oder gelbem Sack entsorgt werden. Ab 2015 sollen dann Ausnahmetatbestände wie Eigenrücknahmen ganz gestrichen werden. So soll verhindert werden, dass weitere Mengen bei den dualen Systemen abgemeldet werden. Für schwarze Schafe oder Trittbrettfahre könnten dann Strafzahlungen drohen.   Quelle: dpa
Bei der neuen Richtlinie geht es im wahrsten Sinne des Wortes auch um die Wurst, Denn deren Pelle gehört ab sofort in den Restmüll, nicht in die gelbe Tonne. Auslöser für die neuen Vorgaben war eine Beschwerde des für die Entsorgung zuständigen dualen Systems, dass die unbezahlten Abfallmengen stiegen. Bei dem dualen System (beispielsweise DSD mit dem grünen Punkt) müssen Hersteller Gebühren zahlen, wenn sie Joghurtbecher oder Milchtüten entsorgen wollen. Während aber die Mengen konstant blieben, ist die Zahl bezahlter Verpackungen im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gesunken. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Ab sofort ein absoluter No-Go in gelber Tonne und gelbem Sack: Grablichter. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss zahlen. Für 2014 rechnet die EU mit einem Fehlbetrag von bis zu 350 Millionen Euro durch falsch entsorgte Verpackungen. 2013 waren von 2,4 Millionen Tonnen gesammelter Leichtverpackungsabfälle 40 Prozent „Fehlwürfe“, also falsch entsorgter Müll. „Wenn Verpackungen aus Kostengründen als selbstzurückgenommen gemeldet, aber in der Realität nicht zurückgegeben werden und im gelben Sack landen, gaukelt dies hohe Recyclingquoten vor“, kritisiert der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch. Denn da ein Recyclingzwang nur für bezahlte Abfallmengen gilt, werde so auch das Recycling geschwächt. Quelle: dpa
Milchtüten sollten in Zukunft ebenfalls nicht in den gelben Sack entsorgt werden. Der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, erklärt, warum es so verheerend sein kann, seinen Müll als selbstzurückgenommen zu melden und ihn dann trotzdem im gelben Sack zu entsorgen: „Wenn Verpackungen aus Kostengründen als selbstzurückgenommen gemeldet, aber in der Realität nicht zurückgegeben werden und im gelben Sack landen, gaukelt dies hohe Recyclingquoten vor." Denn da ein Recyclingzwang nur für bezahlte Abfallmengen gilt, werde so auch das Recycling geschwächt. Quelle: AP

Und so zerlegen in den 10.000 Quadratmeter großen grau-orange gestrichenen Hallen am Rand der Mülldeponie von Arico inzwischen gut 30 Mitarbeiter mehr als 100 verschiedene Gerätetypen in ihre Bestandteile, darunter alleine 320.000 Kühlschränke im Jahr.

Bustabads Truppe neutralisiert mit modernster Technik giftige Kühl- und Schmiermittel und bereitet die wertvollen Rohstoffe im Schrott für den Weiterverkauf auf. Im Fall von Kühlschränken, sagt der Ökounternehmer, seien immerhin etwa 80 Prozent der gewonnenen Materialien wiederverkäufliche Wertstoffe.

Soziales Unternehmertum

Das ist zwar nur ein winziger Teil jener nach Schätzungen rund 50 Millionen Tonnen Elektromüll, den die Industriestaaten jährlich weltweit produzieren. Aber es ist die Blaupause für einen prosperierenden Wirtschaftszweig.

Schließlich ist das Geschäft für E-Waste hoch profitabel – bei knapp vier Millionen Euro Jahresumsatz blieb für den grünen Pionier vergangenes Jahr ein Nachsteuergewinn von 1,3 Millionen Euro – und der Beweis, wie symbiotisch sich Umweltschutz und ökonomischer Erfolg ergänzen können.

Und soziales Unternehmertum, denn der Multiunternehmer belässt es nicht bei der umwelt- und ressourcenschonenden Aufarbeitung von alter Elektrik.

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