Klimaschutz Der geflutete Planet

Die Meere werden um viele Meter steigen, wenn die Staaten auf der Klimakonferenz in Paris keine radikalen Emissionsgrenzen ziehen. Wie stark gefährdet sind die Küsten – und was können wir retten?

Klimawandel: Ein Pinguin steht auf einem schmelzenden Eisblock. Quelle: REUTERS

Wenn sich Ben Strauss die Zukunft ausmalt, entstehen Bilder wie aus Katastrophenfilmen: Hongkongs Finanzviertel – vom Meer verschlungen. Big Ben in London: ein Solitär in den Wogen. Sogar das Pentagon, der Sitz des US-Verteidigungsministeriums, steht für Strauss eines Tages in den Fluten.

Noch sind das Simulationen des US-Thinktanks Climate Central, bei dem Strauss als Klimaforscher arbeitet. Aber die Schreckensbilder beruhen auf Zahlen. Strauss hat Daten über den Höhenverlauf der Küsten und die Zahl der Einwohner in seine Programme gespeist. Dann ließ er in seinem Computermodell den Meeresspiegel steigen. Das Ergebnis: Falls wir die Erde um vier Grad Celsius aufheizen, steigen die Meere in den nächsten Jahrhunderten vermutlich um neun Meter. Gebiete, auf denen heute 630 Millionen Menschen leben, liegen dann unterhalb des Meeresspiegels. „Dämmen wir den CO2-Ausstoß nicht kurzfristig ein“, warnt Strauss, „ist es kaum vorstellbar, dass viele der größten Küstenstädte den Anstieg des Meeresspiegels langfristig überleben.“

Big Player beim Klima-Poker in Paris

Ein Planet, dessen Landkarten neu geschrieben werden: Das ist es, was die Menschheit sich im Zeitalter der fossilen Brennstoffe gerade erschafft. Um 22,5 Zentimeter sind die Weltmeere seit 1880 gestiegen, also seit der Hochphase der Industrialisierung in Europa und den USA. Städte wie Venedig, London oder New York spüren die anschwellenden Wassermassen schon: Sie müssen sich für Milliarden Dollar hinter Deichen und Sperrwerken verschanzen. Investieren die großen Metropolen nicht massiv in Flutschutz, dann steigen die Schäden laut Weltbank bis 2050 auf eine Billion Dollar pro Jahr. Im Jahr 2100 droht gar der volkswirtschaftliche Kollaps: „Wenn wir nichts tun“, warnt Klimafolgenforscher Jochen Hinkel vom Berliner Thinktank Global Climate Forum, „vernichtet der Anstieg des Meeresspiegels dann jedes Jahr 100 Billionen US-Dollar an Vermögen.“ Mehr, als die gesamte Zivilisation heute jährlich erwirtschaftet.

Wenn sich Ende November die Staatschefs aus aller Welt in Paris treffen, um über den Klimaschutz zu verhandeln, geht es also nicht um Umweltschutz. Es geht darum, wie viel die Weltbevölkerung künftig ausgeben muss, um Landstriche und Metropolen vor dem Untergang zu bewahren.

Vor acht Jahren war der Weltklimarat (IPCC) noch optimistisch: Bis zum Jahr 2100, schrieben die Experten in ihrem Bericht, stiegen die Ozeane höchstens um 59 Zentimeter. Seitdem hat die Realität die Befürchtungen überholt: Die beiden größten Eismassen des Planeten, die Eisschilde in Grönland und der Antarktis, schmelzen schneller als erwartet. Inzwischen glauben etwa Forscher der US-Weltraumbehörde Nasa: Wir müssen eher mit einem Meter Anstieg bis zum Jahr 2100 rechnen – wenn nicht mit mehr. Das hat gravierende Folgen:

  • Überschwemmungen, die bisher statistisch alle 100 Jahre auftraten, treffen dann New York zwei Mal im Jahr – und Kalkutta sogar fast einmal im Monat. Allein in Bangladesch sind laut einem Bericht der Asiatischen Entwicklungsbank künftig 36 Millionen Einwohner von den Fluten bedroht.
  • Meerwasser dringt durch den Boden ins Land und verseucht Brunnen und Äcker. Längst geschieht das auf den Atollen des Inselstaats Kiribati im Pazifik, wo Menschen nur noch das Wasser nutzen können, das sie in Regentonnen sammeln.
  • Manche Gebiete versinken bis 2100 für immer, etwa Teile Floridas. Denn Miami und Co. sind auf porösem Kalkstein gebaut, durch den das Meerwasser unaufhaltsam einsickert – selbst Deiche helfen nicht.

Einige der wichtigsten Fragen der Gegenwart lauten daher: Wie viel CO2 darf die Menschheit noch in die Atmosphäre blasen, um eine Megaflut zu verhindern? Haben Millionen Menschen eine Chance, ihre Heimat zu retten? Und welcher technische und ökonomische Aufwand ist dazu nötig?

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