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Klimaschutz Die globale Ohnmacht

Knapp 20 Jahre nach ihrem Beginn ist die weltweite Klimapolitik gescheitert und der CO2-Ausstoß höher denn je. Dabei hat die Erderwärmung drastische, kaum noch übersehbare Folgen. Die zehn wichtigsten Fragen zum Klimagipfel in Durban.

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Ausgetrocknete Erde in Kenia Quelle: dpa

Vor wenigen Tagen fand der Klimawandel seinen Weg bis nach Münster. Kurz vor Beginn der Adventszeit flanierten die Münsteraner bei frühlingshaften 20 Grad durch ihre Altstadt – manche gar in kurzen Hosen. Getrübt wurde die spätsommerliche Idylle nur durch die geschlossenen Biergärten – die nur bis Ende Oktober ausschenken dürfen. Früher war das kein Problem. Doch Renate Dölling vom Hotel- und Gaststättenverband hat beobachtet, dass der Herbst immer öfter zum verlängerten Sommer wird. „So einen November haben wir noch nicht erlebt“, sagt sie und verhandelt mit der Stadt über längere Öffnungszeiten: Biergärten sollen künftig Hefeweizen ausschenken dürfen bis die Weihnachtsmärkte öffnen.

9000 Kilometer südlich haben die steigenden Temperaturen weit dramatischere Folgen. In Südafrika, wo am 28. November in Durban der 17. Weltklimagipfel beginnt, war der Sommer schon immer heiß. Doch mit jedem Zehntelgrad mehr, klagt Südafrikas Umweltministerin Edna Molewa, weite sich die Trockenheit aus. Äcker verwandeln sich in Wüsten, und die Betreiber von Kohlekraftwerken geraten in Schwierigkeiten: Sie brauchen riesige Mengen Wasser zur Kühlung – ebenso die Minenbesitzer, um Gold, Kupfer und Platin abzubauen.

Mit den richtigen Apps die Welt retten
Ökologischen Fußbadruck berechnenDie kostenlose App CO2Rechner für das iPhone ermöglicht dem Anwender einen schnellen Überblick über sein „CO2-Sündenkonto“. In gewohnter iPhone-Steuerung lassen sich allerlei Daten eintragen – von der Wohnungsgröße bis zur Verkehrsmittelnutzung. Spannend wird es, wenn verschiedene Parameter verändert werden. Schnell wird so deutlich, welche persönliche Klimaschutzmaßnahme dem Klima wie viel bringen würde. Quelle: PR
Anleitung zum Gutsein I„Abstimmung über den Geldbeutel“ wird das Verhalten von Konsumenten genannt, die beim Kauf auf ökologische und soziale Aspekte des Produkts achten. Ein Problem dabei ist die mangelnde Transparenz. Selbst Konsumenten, die bereit sind, für ökologisch korrekte Produkte mehr zu bezahlen, müssen erst einmal wissen, welche das sind. Die kostenlose App GoodGuide ist angetreten, diese Wissenslücke zu schließen. Sobald die ein Barcode in die Kamera gehalten wird, sucht sie das entsprechende Produkt aus der Datenbank samt Informationen zu Gesundheit sowie ökologischen und sozialen Bewertungen. Die 120.000 gespeicherten Barcodes sind allerdings überwiegend Produkte des US-Markts - für europäische Kunden muss noch nachgebessert werden. Quelle: PR
Anleitung zum Gutsein IINach einem ähnlichen Prinzip wie GoodGuide funktioniert auch die für iPhone und Android-Smartphones erhältliche kostenlose App Barcoo. Sie enthält deutlich mehr Produkte des deutsches Markts. Ökologische Aspekte stehen hier zwar nicht im Vordergrund, werden neben Kundenbewertungen und Preis aber auch angezeigt. Nach dem Scannen einer Mineralwasserflasche erfährt der Nutzer beispielsweise: „Abgefülltes Mineralwasser verursacht etwa 300g CO2 pro Liter – Trinkwasser kommt auf unschlagbare 1g CO2“. Daneben wird auch eine Nachhaltigkeitsampel für den Hersteller des Produkts angezeigt, die auf einer Bewertung der sozialen und ökologischen Verantwortung basiert. Zu bestimmten Produktkategorien wird auch gleich ein Miniguide angeboten. Beim „Miniguide Wasser“ erfährt der App-Nutzer beispielsweise die Unterschiede zwischen Produktbezeichnungen wie „Natürliches Mineralwasser“, „Quellwasser“, „Tafelwasser“ oder „Heilwasser“. Quelle: PR
FischratgeberViele Inhaltsstoffe von Fisch sind gesund - doch die rücksichtslose Überfischung der Meere gefährdet den Bestand vieler Arten. Die kostenlose App WWF-Fischratgeber für iPhone und Android-Smartphones fragt weltweit Datenbanken über Fischbestände ab und zeigt Ihnen so aktuell immer an, bei welchen Sorten Sie ohne schlechtes Gewissen zugreifen können. Auch die Fang- oder Zuchtmethode fließen dabei in die Bewertung ein. Eingeteilt werden sämtliche Fischsorten in die Kategorien „Gute Wahl“, „Zweite Wahl“ und „Lieber nicht“. Zu jedem Fisch zeigt die App Hintergrundinformationen an. Ergänzend bietet auch die kostenlose App Seafood Watch in englischer Sprache Informationen zum Fischverzehr. Quelle: PR
Naturkost-WegweiserWo es Nahrungsmittel aus ökologischer Landwirtschaft und Bio-Fleisch gibt, zeigt der kostenlose Bio & Naturkost Finder für das iPhone. Dort sind über 3000 Bioverkaufsstellen samt Bewertungen von Nutzern gespeichert, Die nächstgelegenen lassen sich jeweils nach Entfernung sortiert anzeigen. Via Google Maps wird dem Nutzer der Weg gewiesen. Quelle: PR
Energie-Check für Umwelt und GeldbeutelDie Heizcheck-App Deutschen Energie Agentur (Dena) bietet einen schnellen Energie-Check für das eigenen Haus an. Dadurch sollen Hausbesitzer Energie-Einsparpotenziale erkennen  - etwa eine bessere Dachdämmung. Der Rechner zeigt an, wie viel Hausbesitzer sparen könnten, wenn sie verschiedene Parameter verändern. Der Heiz-Check kann auch online durchgeführt werden. Quelle: PR
Fahrgemeinschaften bilden„Alleine fahren ist kostspielig – für den Geldbeutel des Fahrers und den Planten“. Das ist das Motto der kostenlosen App Avego Driver. Sie unterstützt einen iPhone-Nutzer dabei, ökologisch vorteilhafte Fahrgemeinschaften zu bilden – und zwar in Echtzeit. Die registrierten Fahrer werden automatisch über Mitfahrer auf ihrer Route informiert. Die App sieht dabei vor, dass sich Fahrer und Beifahrer die Kosten teilen. Die Organisation von gemeinsamen Fahrten funktioniert dabei umso besser, je mehr Nutzer sich daran beteiligen. Dabei wird auch die Öko-Bilanz erfasst: Bei jeder Fahrt rechnet die App aus, wie viel CO2 die Fahrgemeinschaft gegenüber einer Individualfahrt eingespart hat. Weitere Öko-Apps für iPhone, Android-Smartphones und Blackberry finden Sie in der Übersicht von www.berggruener.de Quelle: PR

Zwei Szenen, eine Ursache: Knapp 20 Jahre nach dem Beginn der internationalen Klimapolitik erreicht die globale Erwärmung neue Spitzenwerte, und die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist so hoch, als hätten die vielen Klimakonferenzen seit der ersten Zusammenkunft 1995 in Berlin nie stattgefunden.

Während sich nun Spitzenbeamte aus aller Welt zu einem weiteren Gipfel aufmachen, wird überdeutlich, dass die Klimaretter vor den Scherben einer gescheiterten Politik stehen. Auf der ganzen Welt verursacht der Wandel Katastrophen: Dürren in Texas, Hungersnöte in Ostafrika, Hochwasser in Bangkok. Dort denkt die Regierung schon daran, die Hauptstadt zu verlegen.

Die schärfste Warnung kommt ausgerechnet von der Internationalen Energieagentur (IEA), dem Expertenclub, der Regierungen und Energieunternehmen berät: IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol drängt die Politik zum Handeln, damit die Temperaturen um nicht mehr als zwei Grad ansteigen. Das ist die Grenze, bis zu der Forscher die Folgen der Erwärmung noch für beherrschbar halten. „Die Tür zum Zwei-Prozent-Ziel schließt sich“, warnt Birol. „Passiert nicht bald Entscheidendes, ist sie für immer zu.“

Starke Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen

Braunkohlekraftwerk Jaenschwalde Quelle: dapd

Dabei hatten die Regierungschefs schon 1997 im japanischen Kyoto beschlossen, den jährlichen Treibhausgas-Ausstoß bis 2012 unter den Stand von 1990 zu senken. Doch das Ziel ist nicht mehr zu erreichen. Schlimmer noch: Eine gerade veröffentlichte Studie des US-Energieministeriums belegt, dass die globalen CO2-Emissionen so stark gestiegen sind wie nie zuvor. Laut IEA erreichte der CO2-Ausstoß mit 30,6 Gigatonnen 2010 einen traurigen Rekordwert. Und mit jeder weiteren Tonne CO2 heizt sich das Klima weiter auf.

In einem neuen Report warnt die IEA daher vor der zunehmenden Abhängigkeit der Welt von fossilen Brennstoffen: Die Hälfte des im vergangenen Jahrzehnt hinzugekommenen Stromverbrauchs wird mit Kohle gedeckt, dem Klimakiller Nummer eins. Auch in Deutschland sind neue Kohlekraftwerke in der Diskussion, nachdem die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernenergie vorgezogen hat. Das Comeback der Kohle ist ein globaler Trend: Allein in China geht im Durchschnitt jede Woche ein neuer Meiler ans Netz.

Um die Klimaziele noch erreichen zu können, ist stattdessen eine tief greifende Veränderung des globalen Energiesystems erforderlich. Vor allem aber müsste sich die Weltgemeinschaft auf verbindliche Regeln einigen: Das in Kyoto beschlossene Klimaabkommen, mit dem konkrete Reduktionsziele für Treibhausgase vereinbart wurden, läuft nächstes Jahr aus. Kaum jemand würde im Moment darauf wetten, dass in Durban eine Nachfolgeregelung gefunden wird. Wichtige Länder wie etwa Russland, Japan und Großbritannien plädieren dafür, neue verbindliche Reduktionsziele frühestens 2018 zu vereinbaren.

Ist vor dem Hintergrund dieser globalen Ohnmacht wirksamer Klimaschutz noch möglich? Welche Optionen bleiben? Auf den nächsten Seiten finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen zum bevorstehenden Klimagipfel.

Klimasünder

Greenpeace CO2 Quelle: dpa

1. Der Aufbau einer Wirtschaft, die weniger CO2 ausstößt, ist gescheitert. Welche Länder schneiden am schlechtesten ab?

Anders als erhofft ist es nicht gelungen, die Energieeffizienz bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen so zu verbessern, dass trotz Wirtschaftswachstum weniger Treibhausgase entstehen. Der Klimaexperte der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC), Leo Johnson, zieht in einer aktuellen Studie ein ernüchterndes Fazit: „Der Aufbau einer CO2-armen Industrie ist vorerst gescheitert.“ Die Zahlen bestätigen das: In vielen Industrie- und Schwellenländern – darunter auch in Deutschland – ist der Kohlendioxidausstoß im Aufschwung stärker gestiegen als das Bruttoinlandsprodukt. Weltweit hat die CO2-Intensität, also der Anteil der je Produkteinheit freigesetzten Treibhausgase, um 0,6 Prozent zugelegt. Dabei müsste er bis 2050 jährlich um 4,8 Prozent sinken, um die Erderwärmung auf die angestrebten zwei Grad zu begrenzen.

Schmutziges Wachstum
Brasilien Quelle: dpa
Platz 12: ChinaVeränderung CO2-Ausstoß (zum Vorjahr): +10,4% Zuwachs Bruttoinlandsprodukt: +10,3% Quelle: dpa
Platz 11: IndienVeränderung CO2-Ausstoß (zum Vorjahr): +9,1% Zuwachs Bruttoinlandsprodukt: +9,7% Quelle: dapd
Südkorea Quelle: AP
Japan Quelle: AP
Russland
USA Quelle: Reuters

Die PwC-Experten halten das Ziel für nicht mehr erreichbar. Größte Sünder waren Brasilien, Großbritannien und Südkorea. Aber auch in Japan, den USA und China fällt die Bilanz schlecht aus.

Eine Wende ist nicht in Sicht. Denn mit massiven Investitionen in neue Kohle- und Gaskraftwerke zementieren die Energieunternehmen für Jahrzehnte die Vorherrschaft der Strom- und Wärmeversorgung aus fossilen Quellen. Eigentlich müsste die Nutzung von Kohle und Öl, die heute 60 Prozent der weltweit benötigten Energie liefern, von 2016 an zurückgehen, um das Klimaziel zu schaffen. Das schreibt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem jüngsten Weltenergie-Ausblick.

Hält dagegen der jetzige Trend an, schnellt der Verbrauch von Kohle bis 2035 um 60, der von Öl um 25 Prozent empor. Entsprechend langsam schreitet der Ausbau von Wind, Sonne und Biomasse voran. Erneurbare Energien werden laut IEA 2035 gerade mal einen Anteil von 15 Prozent erreichen. Das Weltwirtschaftsforum und die Investmentexperten von Bloom- berg New Energy Finance erklären den Fortschritt in Trippelschritten mit dem erforderlichen enormen Kapitalbedarf. Ihnen zufolge müssten bis 2020 jährlich 500 Milliarden Dollar in saubere Effizienz- und Energietechnologien fließen, um die grüne Wende noch zu schaffen. Tatsächlich wurde vergangenes Jahr mit 243 Milliarden Dollar nicht einmal die Hälfte dieser Summe investiert.

Wissenschaft

Überschwemmung Bangkok Quelle: dpa

2. Was wissen wir über den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Stürmen, Dürren und Überschwemmungen?

Geht es um die Folgen des weltweiten Klimawandels, prophezeien Politik und Medien immer neue Katastrophenszenarien: Ganze Landstriche könnten unter Wasser stehen, Hurrikane Küsten verwüsten und Dürren Millionen Menschen in den Hunger treiben. Wie realistisch dieses Bild ist, darüber sind sich die Forscher uneins. So löste der neueste Sonderbericht des Weltklimarates über die Folgen des Klimawandels, der am 18. November in der ugandischen Hauptstadt Kampala vorgestellt wurde, schon vor der Veröffentlichung Streit aus. Vor allem die Aussage, die Erderwärmung führe mit großer Wahrscheinlichkeit heute schon zu einer wachsenden Zahl extremer Wetterereignisse, sehen viele Wissenschaftler mit Skepsis. Dass beispielsweise Stürme weltweit zugenommen hätten, kann Hans von Storch vom Meteorologischen Institut der Universität Hamburg und selbst Autor für den Weltklimarat, nicht bestätigen. „Bei der Anzahl von Taifunen in Asien, Polarstürmen und Starkwinden über der Nord- und Ostsee hat unser Team für die vergangenen Jahre keine Zunahme festgestellt“, sagt von Storch. Auch in den nächsten 20 Jahren werde der Anstieg so gering sein, dass er nicht einmal messbar sei. Fehlalarm auch bei Hurrikanen, wie eine Studie der Universität Miami belegt: Orkane traten in den vergangenen Jahren nicht häufiger auf. In Zukunft ist sogar mit weniger Wirbelstürmen zu rechen. Das räumt selbst der neue Bericht des Klimarats ein. Allerdings werden die Hurrikane in Zukunft etwas heftiger, so die Untersuchung.

Laut von Storch werden mit steigenden Temperaturen auf der Erde allerdings die Regenfälle intensiver – und mit ihnen die Überschwemmungen. Der Grund: Bei höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser in die Atmosphäre, was zu mehr Regen führt. Die Fluten treten vor allem dort auf, wo es heute schon zu viel Regen gibt, in Südostasien zum Beispiel. Konsens ist unter Forschern zudem, dass die Erderwärmung extreme Dürreperioden verursacht. So warnte das amerikanische National Center for Atmospheric Research in Colorado vor Kurzem: Schon im Jahr 2030 könnten Dürren die USA und den Mittelmeerraum heimsuchen. Sie wären ähnlich stark wie die bislang schlimmsten Trockenphasen in den Siebzigerjahren in der Sahelzone Nordafrikas. Auf lange Sicht könnte der Klimawandel sogar die Erde schwanken lassen. So berechneten Forscher der Royal Society in London, dass die Gewichtsverlagerung durch das Abschmelzen der Polkappen Verschiebungen der Erdplatten auslöst, die zu See- und Erdbeben führen.

Strategie

Eisbär springt auf eine Eisscholle Quelle: dpa/dpaweb

3. Sollten wir versuchen, uns an den Klimawandel anzupassen, statt ihn verhindern zu wollen?

Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass eine intelligente Kombination aus Vermeidung von Emissionen und Anpassung an die Folgen der Erderwärmung dem Klima und der Wirtschaft am besten hilft. Wie das im Kleinen funktioniert, zeigt ein Projekt, das der diesjährige Klimagipfel-Gastgeber Südafrika mit Unterstützung des deutschen Entwicklungsministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Township Cosmos City vorantreibt: Eine halbe Autostunde von Johannesburg entfernt entstehen 40 Quadratmeter große Häuser, deren Dächer und Fenster gegen Hitze und Kälte isoliert sind. Die Bewohner kommen darin – trotz steigender Sommertemperaturen – ohne Klimaanlage aus. Warmes Wasser erzeugen sie nicht mehr mit dem Elektroboiler, sondern wie die Krankenschwester Thembekile Molefe per Solarkollektor. Das hat ihren Stromverbrauch und damit auch ihre CO2-Emissionen mehr als halbiert. Die 32-Jährige zahlt monatlich nur noch umgerechnet 15 statt 40 Euro an den Energieversorger. Damit haben die Südafrikaner Treibhausgase reduziert, die Folgen der Erwärmung erträglich gehalten und Kosten gespart – genau das könnte zur neuen Erfolgsformel im Kampf gegen den Klimawandel werden.

Allein auf Vermeidung zu setzen, das hat jüngst die EU-Kommission vorgerechnet, würde dagegen unbezahlbar werden und Unternehmen wie Verbraucher überfordern: Würde die EU an ihrem Ziel festhalten, den CO2-Ausstoß in Europa bis 2050 um 80 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken, kämen auf die Industrie Kosten von fast elf Billionen Euro zu. Nicht besser ergeht es den privaten Haushalten: Ihre Energieausgaben würden sich bis 2030 verdoppeln – von heute 7 bis 8 auf 15 Prozent ihres Einkommens. Allerdings sind auch die globalen Kosten der Anpassung an den Klimawandel gewaltig. Sie schwanken je nach Studie zwischen 49 und 171 Milliarden Dollar jährlich.

Temperaturanstieg

Hochwasser in Bangkok

4. Die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen ist kaum noch möglich. Welches neue Ziel wäre realistisch?

Von der Vorgabe, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, haben sich viele Forscher verabschiedet. „Realistischer ist es, wenn wir uns auf eine Erderwärmung von vier Grad einstellen“, sagt der Umweltwissenschaftler Mark New von der Universität in Oxford. Aber selbst für dieses Ziel müssten sich die Staatschefs in Durban verpflichten, die Energieversorgung ihrer Länder radikal umzukrempeln. Wie das aussehen könnte, hat die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem World Energy Outlook beschrieben: So dürfte der Energieverbrauch in den Industriestaaten nicht mehr steigen. Zudem müssten alle Länder ab 2020 ihren Kohleverbrauch einfrieren. Den steigenden Energiebedarf der Entwicklungs- und Schwellenländer wollen die IEA-Experten mit weniger klimaschädlicher Atomenergie decken. Zugleich soll der Anteil grüner Energie weltweit bis 2035 um die Hälfte zunehmen. Ein weiteres Problem ist der Verkehr: Er muss mit alternativen Kraftstoffen und Elektroantrieben rollen. Dafür müssen Staaten und Unternehmen in den nächsten 25 Jahren rund 3,6 Billionen Dollar in Forschung investieren.

Trotz allem jedoch wären die Folgen des Klimawandels gewaltig: Eine Erwärmung um vier Grad, so das Ergebnis einer Tagung von 50 hochrangigen Klimawissenschaftlern an der englischen Oxford-Universität, würde bedeuten: Das Grönland-Eis taut ab, und der Regenwald im Amazonas verwandelt sich teilweise in baumlose Savanne. Dem um über einen Meter steigenden Meeresspiegel könnte immerhin mit Dämmen und Landgewinnung Einhalt geboten werden, allerdings wird das teuer. Auch die Landwirtschaft würde eine Erwärmung von vier Grad vor Probleme stellen: In Afrika könnte wegen der Hitze keines der Grundnahrungs- mittel wie Mais, Weizen und Yams mehr wachsen. Züchter müssten die Pflanzen durch geschicktes Kreuzen der zähesten Sorten erst fit für den Klimawandel machen.

Konsum

Radfahrer auf dem Spree-Uferweg Quelle: dpa

5. Verbraucher lieben alles, was grün ist. Verbessert das zumindest die private Klimabilanz?

Werner Schulz ist nicht nur Deutschlands grünster Professor. Wohl keiner kennt das ökologische Gewissen der Deutschen besser als er. Schulz lehrt Umweltmanagement an der Universität Hohenheim und analysiert seit Jahren, wie stark Verbraucher bei Konsumentscheidungen auf Umwelt- und Klimaschutz achten. Er selbst geht mit bestem Beispiel voran: Er fährt einen sparsamen VW Golf, hat sein Haus isoliert, isst weniger Fleisch, fliegt weniger und kauft regionale Produkte. Mittlerweile arbeitet sein gesamter Lehrstuhl klimaneutral, weil das Institut Geld in ein Projekt für CO2-sparende Öfen in Eritrea investiert. Die Forschungsobjekte von Schulz sind dagegen weit entfernt davon, Saubermänner zu sein. Zwar wollen die Deutschen klimabewusst leben – doch ihre Realität sieht anders aus. So hat sich laut Statistischem Bundesamt ihr CO2-Fußabdruck seit 2000 nur um sieben Prozent reduziert, vor allem wegen höherer Preise für Öl und Gas – weniger aus Sorge um das Klima.

In den USA emittieren Haushalte sogar mehr CO2 als vor zehn Jahren. Dabei könnte schon eine spritsparende Fahrweise – der richtige Reifendruck, passende Schaltvorgänge und reduziertes Tempo – bis zu 15 Prozent CO2 sparen, hat Schulz errechnet. Dennoch: Jetzt sind mehr Verbraucher bereit, für den Klimaschutz tiefer in die Tasche zu greifen: Acht Prozent der Haushalte beziehen Ökostrom, und im vergangenen Jahr kompensierten Flugpassagiere mehr als 90 000 Mal ihren Kohlendioxidausstoß. Dabei zahlen Reisende pro Tonne CO2 rund 20 Euro an Organisationen wie Atmosfair, die damit Klimaprojekte in Indien und Afrika unterstützen. Ein CO2-freier Flug von Frankfurt nach Tokio kostet so 160 Euro mehr. Aber was ist das schon für ein gutes Gewissen?

Klimapolitik

Markt in Kamerun Quelle: dapd

6. Welche Ansätze bleiben, den Klimawandel zu akzeptablen Kosten zu bremsen?

Die Klimapolitik in ihrer jetzigen Form ist gescheitert. Prominentestes Beispiel dafür ist der Emissionszertifikatehandel, dessen Ziel es war, den Ausstoß von CO2 mit einem Preis zu versehen und dadurch Einsparungen attraktiv zu machen. Dafür bekam jedes Unternehmen eine bestimmte Menge CO2-Zertifikate kostenlos zugeteilt – für jede darüber hinaus ausgestoßene Tonne sollte es Zertifikate kaufen. Der Staat verteilte jedoch zu viele Zertifikate, sodass sich kein funktionierender Markt etablierte: Die Zertifikatepreise sind daher nicht nennenswert – außerhalb Europas wird das Handelssystem überhaupt nicht genutzt. Vor der Konferenz in Durban ruhen die Hoffnungen daher auf einem neuen Instrumentarium, darunter einem sogenannten Klimafonds, der von Industrieländern mit 100 Milliarden Dollar gefüllt wird. Sein Ziel ist es, ärmeren Ländern zu helfen, ihre Emissionen zu reduzieren und sich dem Klimawandel anzupassen, mit Küstenschutz in Bangladesch zum Beispiel oder Erdwärme in Indonesien.

Ob der Fonds aber wirklich einen Unterschied machen kann, hängt nicht nur vom finanziellen Umfang, sondern auch vom Wortlaut der Vereinbarung ab. Denn schon beim vorletzten Klimagipfel in Kopenhagen haben sich Industrieländer die Verpflichtung auferlegt, bis zur Einführung des Fonds 30 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung zu stellen. Bis heute ist jedoch kaum Geld geflossen. Manche Umweltschützer setzen ihre Hoffnung daher darauf, dass eine globale Steuer, etwa auf Finanztransaktionen oder Flüge, eingeführt und für Klimaprojekte verwendet wird. Auch wenn die Idee mit Brasilien und Argentinien auf dem jüngsten G20-Gipfel in Cannes zwei neue Fürsprecher gewonnen hat, scheint die Umsetzung eher unwahrscheinlich, solange sich die USA (Finanztransaktionen) und China (Flüge) sperren. Große Chancen auf Verwirklichung hat hingegen das sogenannte „REDD+“-Abkommen. Bereits in Cancun haben sich die Staaten auf dieses Programm zur Rettung der Wälder, die größten CO2-Speicher, geeinigt. Dabei sollen Staaten belohnt werden, die die Rodung stoppen. Eine sinnvolle Strategie für die Zeit nach Durban wäre zudem möglicherweise eine sehr geringe weltweite Steuer, wie sie der niederländische Umweltökonom Richard Tol vorschlägt: Zwei Dollar pro Tonne CO2, das würde den Unternehmen nicht wehtun und dennoch Anreize zum Einsparen schaffen. Die australische Regierung hat gerade eine solche Steuer eingeführt.

Forscherstreit

Aktivisten mit einem schmelzenden Globus Quelle: REUTERS

7. Nicht jeder folgt den Warnungen der Klimaforscher. Was ist von den Einwänden der Kritiker zu halten?

Ist der vom Menschen verursachte Klimawandel nur eine Erfindung übereifriger Wissenschaftler? Das glauben Scharen von Hobbyforschern, die in Hunderten Internet-Blogs versuchen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel zu widerlegen. Ihre Argumente sind vielfältig: Das Treibhausgas CO2 sei gar nicht schädlich sagen die einen; andere meinen, die Erwärmung habe natürliche Ursachen wie eine erhöhte Sonneneinstrahlung. Nur haben Wissenschaftler diese Argumente mehrfach widerlegt. Erst Ende Oktober hebelte ein Team der Universität Berkeley unter Führung des Physikers Richard Muller einen der Haupteinwände der Klimawandelleugner aus. Das Argument: Viele Messstationen hätten früher in freier Natur gelegen, befänden sich heute wegen der Urbanisierung aber in wärmeren Städten. Deshalb seien die Temperaturkurven unglaubwürdig, die etwa der Weltklimarat verwendet. Nach Analyse von 1,6 Milliarden Messdaten aus 39 000 Wetterstationen fand Mullers Team heraus, dass nur ein statistisch unbedeutender Prozentsatz der Messungen vom Urbanisierungseffekt betroffen ist. Die Berkeley-Ergebnisse zeigen sogar noch eine stärkere Erwärmung der Erde als vom Weltklimarat beobachtet.

Neben der Arbeit im Internet organisieren sich die Skeptiker auch in Thinktanks wie dem Europäischen Institut für Klima und Energie (Eike) in Jena. Dessen Team rekrutiert sich vor allem aus pensionierten Hochschullehrern und lobbyiert bei CDU- und FDP-Politikern und in Unternehmen. Vorbild für Eike sind klimawandelskeptische Denkfabriken in den USA. Dort glaubt fast die Hälfte der konservativen US-Wähler nicht an den Klimawandel, ermittelten Wissenschaftler der US-Universität Yale.

An den Universitäten dagegen zweifelt kaum noch jemand am Treibhauseffekt: Mehr als 90 Prozent der Klimaexperten sind überzeugt, dass der Mensch für die jüngste globale Erwärmung verantwortlich ist. Das ergab schon 2009 eine Umfrage der Universität von Illinois in Chicago unter 3146 Forschern.

Dabei gibt es durchaus Bedarf für eine kritische Debatte. Immerhin sind insbesondere die Folgen, die eine Temperaturerhöhung auf das Klima der Erde hat, noch immer unklar: Richard Lindzen etwa, Forscher am renommierten Massachusetts Institute of Technology in den USA, versucht seit Jahren nachzuweisen, dass die aus den höheren Temperaturen resultierende Wolkenbildung langfristig zur Abkühlung der Erde führt – denn Wolken reflektieren die Sonnenstrahlung stärker. Bisher aber konnte Lindzen die Fachkollegen mit seiner Theorie nicht überzeugen.

Geopolitik

Tropfen von einer Eisscholle Quelle: AP

8. Wasserknappheit, Rohstoffarmut und Kampf um Ackerflächen: Wo könnte der Klimawandel neue gefährliche Konflikte auslösen?

Der Klimawandel verändert das Gesicht unseres Planeten, und dieser Wandel birgt Zündstoff. Besonders deutlich wird das in der Arktis. Eine Studie der US-Regierung kommt zum Ergebnis, dass dort mehr als ein Fünftel der unerschlossenen Öl- und Gasvorkommen lagern. Weil das Eis schmilzt, werden die Rohstoffe im Wert von geschätzten rund neun Billionen Dollar zugänglich. Schon streiten die Anrainer USA, Kanada, Russland, Dänemark und Norwegen über die Hoheitsrechte. Zum Säbelrasseln gehören Kriegsschiffe und U-Boote in den umstrittenen Gebieten. Der US-Geograf und Autor Laurence C. Smith ist davon überzeugt, dass die Arktis in einigen Jahrzehnten den Rest der Welt mit Öl, Erzen und Fisch versorgt. Immerhin kann die Menschheit hoffen, dass der Streit um die Arktis unter Vermittlung der UN gewaltlos gelöst wird. Anderswo, etwa in Äthiopien, ist es kritischer. Im Südwesten des Landes haben saudische Investoren riesige Flächen gepachtet, um Reis und Getreide anzubauen. Die heimischen Bauern hat die sozialistische Regierung Äthiopiens vertrieben.

Auch in Perus Hauptstadt Lima stehen die Zeichen auf Sturm: Weil die Andengletscher wegen der Erderwärmung schwinden, steht die Wasserversorgung der acht Millionen Einwohner vor dem Kollaps. Kommt es so weit, fürchten Verantwortliche einen Bürgerkrieg ums Wasser. Konflikte bahnen sich auch in Asien an, seit China mithilfe von Staudämmen Wasser, das sonst nach Indien geflossen wäre, aufs eigene Territorium umleitet. Auch hier könnte Krieg drohen. Das wäre nicht mal neu: Schon die Völkerwanderungen der ersten Jahrhunderte wurden wohl dadurch ausgelöst, dass Reiterstämme Asiens nach Klimaveränderungen Richtung Westen zogen. Dort trafen sie auf Germanen und Slawen, die dann selbst ins Römische Reich eindrangen und so letztlich dessen Untergang bewirkten.

Vorbilder

Forscher im Labor Quelle: PR

9. Welche Unternehmen haben den CO2-Ausstoß am stärksten reduziert?

Die Suche nach Klimaschutz-Vorbildern ist nicht leicht. Die Treibhausgas-Emissionen sind 2010 auch in Deutschland gestiegen. Zu wenige Unternehmen haben sich wirklich ambitionierte Ziele gesetzt. Das belegt eine Studie des Carbon Disclosure Projects (CDP), einer Organisation, die im Auftrag von Investoren die Klimafreundlichkeit der 3000 weltweit größten Unternehmen ermittelt.

Die Spar-Stars
CO2 Buchstaben Quelle: AP
Auf dem zehnten Platz liegt die Deutsche Postbank mit 4,20 Prozent eingespartem CO2. Die Umweltziele hat das Unternehmen in einem Umweltprogramm veröffentlicht: Unter anderem die „Reduzierung von CO2 Emissionen aus dem Geschäftsbetrieb um 20% bis 2012“. Quelle: REUTERS
Der Wasch- und Reinigungsmittelkonzern Henkel hat 5,10 Prozent eingespart. Das Unternehmen schreibt sich „Qualität“ und „Verantwortung“ auf die Fahne. Quelle: dpa
Siemens nutzt seit Kurzem Fernwärme aus einer Klimaschutzpatenschaft. Damit hat das Unternehmen in 2010 8,10 Prozent CO2 eingespart. Quelle: dapd
Der Autokonzern Volkswagen konnte im Vorjahr 14,80 Prozent weniger CO2 produzieren. Nach eigenen Angaben unterbietet Volkswagen die EU-Richtlinien seit 2006 und senkt seine Emissionswerte kontinuierlich. Quelle: dapd
Der Energie-Riese E.On liegt mit CO2-Einsparungen von 20,50 Prozent auf Platz fünf der deutschen Großunternehmen. Das Unternehmen gibt an seit 2010 den gesamten CO2-Fußabdruck zu messen. Quelle: dapd
Der Versicherer Allianz erreicht den vierten Platz: 22 Prozent CO2 konnte das Unternehmen einsparen. Dicht gefolgt von... Quelle: dpa

Demnach stiegen in Deutschland und Österreich die Emissionen von Maschinenbau- und Luftfahrtunternehmen um 50 Prozent. Automobilkonzerne kamen auf 13 Prozent und Transportunternehmen auf 10 Prozent mehr CO2-Emission als im Vorjahr. Doch es gibt sie trotzdem, die Erfolgsgeschichten: Unternehmen, die ihre Gebäude sanieren, Reisen reduzieren oder die in der Produktion weniger Treibhausgase verursachen: Die Deutsche Bank beispielsweise konnte ihren CO2-Ausstoß in einem Jahr um knapp 28 Prozent senken, vor allem durch eine klimatechnisch hoch effiziente Sanierung ihrer Zentrale in Frankfurt (siehe Tabelle). Unter anderem damit und mit weniger Reisen reduzierte auch die Allianz ihren sogenannten CO2-Fußabdruck um 22 Prozent. Auch in der Industrie finden sich Vorbilder. Der Chemiekonzern BASF hat seinen CO2-Ausstoß in einem Jahr um mehr als 22 Prozent gesenkt – vor allem mithilfe neuer Technologien: So wandelt BASF beispielsweise den klimaschädlichen Abfallstoff Lachgas mithilfe von Katalysatoren in seine unschädlichen Bestandteile Stickstoff und Sauerstoff um. Ähnlich der Pharmakonzern Bayer, der sein Geschäftsmodell umstrukturiert und die CO2-intensiven Teile an den Chemiekonzern Lanxess übergeben hat. Zudem setzt Bayer auf energiesparende Prozesse bei der Chlorproduktion. Nach Ansicht der Nachhaltigkeitsexperten von Oekom Research sind Bayer und BASF vergleichsweise nachhaltige Vorbilder für die gesamte Chemieindustrie.

Die Positiv-Beispiele zeigen, dass echter Klimaschutz keine einmalige PR-Aktion sein kann: Schon länger pochen Investoren auf mehr Klima- und Ressourceneffizienz, schlicht deshalb, weil sie sich um mögliche Kosten in der Zukunft sorgen.

Technologie

Aufforstung Quelle: AP

10. Lässt sich die Erderwärmung mit technischen Mitteln stoppen?

Raketen, die Chemikalien in der Atmosphäre verteilen, oder im Weltall schwebende Sonnensegel: Das technologische Arsenal, mit dem Forscher den Temperaturanstieg der Erde stoppen wollen, ist anscheinend grenzenlos. Sie verfolgen dabei vor allem zwei Strategien: Einerseits wollen sie die CO2-Konzentration in der Atmosphäre senken. Das ließe sich mit großen Aufforstungsprogrammen erreichen, etwa in tropischen Savannenregionen. Nicolas Gruber, Klimaexperte der ETH Zürich, hält das für am ehesten umsetzbar. Doch neue Bäume allein werden nicht reichen. Forscher erwägen daher, Ozeane mit Eisen zu düngen, damit sie dank stärkeren Algenwachstums mehr CO2 aufnehmen. Das allerdings könne laut Gruber „empfindliche Folgen für die marine Tierwelt haben“. Denn der spätere Zerfall der Algen senke den Sauerstoffgehalt im Ozean. Zugleich könne das noch die Produktion von klimaschädlichem Lachgas ankurbeln.

Zur zweiten Strategie der Klima-Ingenieure gehören Verfahren, die die Sonneneinstrahlung auf den Planeten mindern, um die Erwärmung zu bremsen. Wissenschaftler erwägen dafür laut einer Studie des Bundesforschungsministeriums, Raketen mit Schwefeldioxid in die Stratosphäre zu schießen. Die Chemikalie würde sich dort in winzige Partikel verwandeln, sogenannte Aerosole, die die Sonnenstrahlen zurück ins All reflektieren. Noch aufwendiger ist der Vorschlag, die Strahlen im All mithilfe Tausender satellitengroßer Sonnensegel zu reflektieren, damit sie gar nicht erst in die Atmosphäre eindringen können. So spannend die Ideen für die Ingenieure sein mögen, so große Fragen werfen sie auf: Reduzieren wir die Sonneneinstrahlung, könne laut Gruber der Wasserkreislauf durcheinandergeraten: Regionen, in denen es häufig regnet, könnten austrocknen, Dürregebiete umgekehrt in Fluten versinken. Überhaupt gibt es bislang kaum Abschätzungen darüber, was die Umsetzung der Ideen kosten würde, insbesondere wenn man die unbeabsichtigten Folgekosten berücksichtigt.

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