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Klimaschutz Der geflutete Planet

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Die große Schmelze

Eisbären sind heute nicht unterwegs in Ny-Ålesund, also lässt Kathrin Lang das Gewehr im Schrank. Die Sonne strahlt ihr ins Gesicht, als die Forscherin aus Deutschland mit Mütze und Wollschal vor die Tür tritt und durch den Schnee stapft, hinüber zur Wetterstation. Jeden Tag um kurz vor zwölf lässt sie einen Wetterballon in den Himmel über der Arktis steigen.

Ny-Ålesund, auf dem Archipel Spitzbergen gelegen, ist eine der nördlichsten Siedlungen der Welt, nur 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt. 70 Wissenschaftler leben hier, einmal im Monat landet ein Flugzeug mit Lebensmitteln. Lang leitet eine Forschungsbasis des deutschen Alfred-Wegener-Instituts. Abgeschiedener als sie kann man kaum arbeiten. Und trotzdem ist sie einer der ersten Menschen, die mitbekommt, was mit dem Planeten nicht mehr stimmt.

Von ihrer Wetterstation aus sieht Lang den Fjord, der seit ein paar Jahren im Winter nicht mehr zufrieren will. Sie hört von Kollegen, dass sie jetzt Makrelen im Meer fangen, Fische also, die vor Kurzem nur viel südlicher, in wärmeren Gewässern lebten. Vor allem aber sieht Lang die Daten ihrer Wetterballons.

Impressionen aus Spitzbergen
Forscher Quelle: Andreas Menn für WirtschaftsWoche
Kathrin Lang Quelle: Andreas Menn für WirtschaftsWoche
Eis schmilzt Quelle: Andreas Menn für WirtschaftsWoche
Spitzbergen Gletscher Quelle: Andreas Menn für WirtschaftsWoche
Grönland Quelle: Andreas Menn für WirtschaftsWoche
Spitzbergen Quelle: Andreas Menn für WirtschaftsWoche

Und die sprechen eine klare Sprache: „Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest des Planeten“, sagt Lang. War das Jahr 2015 weltweit im Schnitt bisher ein Grad Celsius wärmer als die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, sind es in der Arktis schon zwei Grad. Am Boden sind die Temperaturen im Winter seit 1993 sogar im Schnitt um sechs Grad gestiegen. Ursache ist eine tückische Rückkopplung: Am Pol reflektiert das helle Eis 80 Prozent des Sonnenlichts ins All. Je mehr Eis aber schmilzt, desto mehr Wärme bleibt am Boden. Und desto schneller schmilzt das Eis.

Was die Forscher auf Spitzbergen wie im Labor untersuchen, nimmt 1000 Kilometer weiter westlich, in Grönland, gigantische Ausmaße an. Vom Jakobshagen-Gletscher etwa, einem Eiskoloss so groß wie Österreich und die Schweiz zusammen, fließen 17 Kilometer pro Jahr ins Meer – drei Mal schneller als vor 20 Jahren. „Dieser eine Gletscher enthält genug Wasser“, sagt Eric Rignot, leitender Erdsystemwissenschaftler bei der Nasa, „um den Meeresspiegel um einen halben Meter anzuheben.“ Ein halber Meter mehr – dann wären die deutschen Deiche schon zu flach, um eine Sturmflut abzuwehren.

Und das Schmelzen hat gerade erst begonnen. „Der Meeresspiegelanstieg ist wie ein Riesenstein, den wir langsam ins Rollen bringen“, sagt Anders Levermann, Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Einmal in Bewegung, sei er nicht zu stoppen.

Wie viel Eis schmilzt – das sagen Computersimulationen immer genauer vorher. Wie schnell – das ist viel schwerer zu berechnen. Klimafolgenforscher Levermann geht von 200 bis 2000 Jahren aus, bis ganze Eisschilde verschwinden. Dass es erheblich rascher gehen kann, zeigen Sedimentproben vom Ende der letzten Eiszeit: Vor 14 500 Jahren stiegen die Meere mehr als drei Meter pro Jahrhundert. Bei dem Tempo wären viele Städte schon im Jahr 2100 ausradiert. Aber auch ohne Turbo-Schmelze wird es ungemütlich.

Mögliche Folgen der Erderwärmung

In New York haben die Menschen schon einen Vorgeschmack auf diese Welt im Wasser bekommen. Die Bilder gingen um die Welt, als Hurrikan Sandy 2012 durch die Metropole fegte: Manhattan im Dunkeln, U-Bahn-Schächte unter Wasser, Tausende Menschen auf der Flucht. Kraftwerke fielen aus, Krankenhäuser mussten evakuiert werden, geschätzte 250 000 Autos zerstörte der Sturm. 53 Menschen starben.

New York rüstet nun seine 840 Kilometer lange Küste gegen die Monsterstürme auf – für 20 Milliarden Dollar. Rund um Lower Manhattan entsteht eine Kette aus Böschungen und Schutzmauern, die bei Sturmflut das Wasser abwehren soll. Unter dem FDR Drive, einer Hochstraße am East River, werden Schutzwände befestigt. Bei Hochwasser lassen sie sich herunterklappen. Südlich von Staten Island schütten Boote Riffe auf, die die Wellen brechen.

Auch Deutschland verstärkt seine Küsten: 1471 Kilometer Deiche, Sperren und Wehre werden um 50 Zentimeter aufgestockt. Allein Hamburg lässt sich den Ausbau ab nächstem Jahr 550 Millionen Euro kosten, Niedersachsen investiert 800 Millionen Euro. Alle neuen Bauten sind so angelegt, dass sie sich in Zukunft leicht erhöhen lassen. „Wir wehren problemlos einen Meter Meeresspiegelanstieg ab“, sagt Rainer Carstens, Planungsleiter beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Doch das verschlingt weitere Milliarden.

Erderwärmung

In den Augen der Küsteningenieure wird die Anpassung an den Klimawandel zum gigantischen Bauprojekt: Teuer, aber machbar – zumindest in den reichen Industrieländern. „Viele reden davon, dass wir uns von der Küste zurückziehen müssen“, sagt Robert Nicholls, Professor für Küsteningenieurwesen an der Universität Southampton, „aber das ist Unsinn.“ Es gebe viele Wege, das Land zu schützen: erneuerte Dünen, künstliche Sandbänke, Hochwassermauern.

Aber auch er muss einräumen, dass die Zukunft böse Überraschungen bereithält: „Wir werden größere Desaster an den Küsten erleben“, sagt Nicholls, „als wir je gesehen haben.“ Denn wenn mehr Menschen in die Städte ziehen, mehr Vermögen hinter Deichen sitzt, wächst auch der Schaden, sobald ein Wall bricht oder eine unerwartet hohe Sturmflut eintritt. Allein die chinesische Millionenstadt Guangzhou muss laut einer in der Fachzeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlichten Studie im Jahr 2050 mit Schäden von 13,2 Milliarden Dollar pro Jahr rechnen – selbst wenn sie ihren Küstenschutz anpasst.

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