WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Klimaschutz Wie Wasserstoff die Luftfahrt sauber machen soll

Kleinmaschine vom Typ Piper Malibu des britischen Start-ups ZeroAvia hat Quelle: ZeroAvia

Lange war Wasserstoff nur ein Forschungsthema, doch jetzt will die Branche das Gas ernsthaft zum Ersatz für Kerosin machen. Die Coronakrise könnte den grünen Wandel beschleunigen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Mitte Juni am britischen Flughafen Cranfield: Eine Gruppe Zuschauer in gelben Warnwesten steht auf dem Rasen, auch die Feuerwehr hat sich mit zwei Einsatzwagen an der Startbahn postiert. Langsam rollt sie los, die blaue Propellermaschine mit sechs Sitzen, auf zu ihrem ersten Testflug, auf in die Zukunft der Luftfahrt. 

Das Video vom gelungenen Debüt der Kleinmaschine vom Typ Piper Malibu wird später im Internet die Runde machen. Es ist ein wichtiger Erfolg für das britische Start-up ZeroAvia. Dessen Ingenieure haben der Maschine einen neuen Antriebsstrang verpasst: Statt Kerosin tankt sie Strom. Noch stammt der aus Akkus, aber schon beim nächsten großen Testflug im Herbst sollen ihn Brennstoffzellen aus Wasserstoff erzeugen. 

Innovationen wie diese kann die Branche dringend gebrauchen. Spätestens seit die Fridays-for-Future-Bewegung sich Gehör verschafft hat, ist der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids im Luftverkehr zum Politikum geworden. Bis 2050, so die Selbstverpflichtung des Branchenverbands Air Transport Action Group, sollen die Emissionen um 50 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005 sinken. Nur wusste bislang niemand, wie das gelingen soll.

„Vor einem Jahr sprachen alle in der Branche noch von Batterien”, sagt Julian Renz, Projektmanager bei ZeroAvia. „Jetzt ist Wasserstoff Mittelpunkt der Diskussionen.” Weltweit investieren Staaten und Konzerne in die Massenproduktion des neuen Energieträgers. Allein Deutschland will neun Milliarden Euro in die Wasserstoff-Wirtschaft stecken, und nun hat auch die Europäische Union eine Wasserstoff-Offensive vorgestellt. 

Ziel dieser Initiativen ist es, das Gas zum Treibstoff des 21. Jahrhunderts zu machen. Erste Züge und Schiffe fahren schon damit, Stahlwerke und Düngemittelfabriken testen Wasserstoff als neuen Energieträger. „Wasserstoff könnte eine Möglichkeit sein, Luftfahrt emissionsfrei weiterzuführen”, sagt Jochen Kaiser, Leiter für visionäre Flugzeugkonzepte beim Münchner Luftfahrt-Think-Tank Bauhaus Luftfahrt.

Schon 2023 soll der erste Flieger abheben

Die Gründer von ZeroAvia wollen jetzt Tempo machen: „Wir wollen den Wandel zu einer nachhaltigen Luftfahrt beschleunigen”, sagt Renz. Schon in drei Jahren will er die ersten Regionalflieger mit Wasserstoffantrieb auf den Markt bringen: Zehn bis zwanzig Passagiere sollen darin Platz finden - und rund 800 Kilometer weit fliegen können. Strecken wie München - Berlin wären damit zu schaffen.

Die Briten sind nicht allein: Auch Flugtaxi-Start-ups wie Alaka’i und der koreanische Drohnenentwickler Doosan Mobility Innovation arbeiten an Fliegern mit Brennstoffzellen. Sogar der Flugzeugbauer Airbus wägt die Möglichkeiten ab.

In der Luftfahrt brauchen neue Technologien besonders lange, bis sie abheben. Und zudem wird es teuer. Das gilt erst recht für völlig neue Antriebe. Die Branche hofft nun auf Unterstützung durch die staatlichen Wasserstoff-Förderungen, die zuletzt verkündet wurden. So plant die französische Regierung Medienberichten zufolge, in den nächsten drei Jahren 1,5 Milliarden Euro in die Entwicklung eines Flugzeugs mit Wasserstoffantrieb zu stecken. Ziel sei es, bis 2035 ein CO2-neutrales Flugzeug zu entwickeln.

Bei Airbus halten sie dies für realistisch: In den Jahren von 2026 bis 2028 könne ein Programm zum Bau eines solchen Fliegers starten. Bis dahin seien fünf Jahre Zeit, die nötigen Technologien zur Reife zu bringen. „Wir arbeiten schon seit einiger Zeit daran”, heißt es bei dem Konzern, „wir fangen nicht bei Null an.” Noch ziehe man verschiedene Technologien in Betracht, Wasserstoff sei eine davon. Die größte Herausforderung liege darin, die neuen Technologien für den Einsatz in der Luftfahrt zertifiziert zu bekommen. Branchenkenner spekulieren, dass der Nachfolger des A 320 ein Wasserstoff-Flugzeug werden könne.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%