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Klimaschutz Der geflutete Planet

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Wo die Wellen aggressiver werden

Auch Teile der Millionenstadt Boston an der Ostküste der USA werden Ende des Jahrhunderts bei Flut unter Wasser liegen – darunter das historische Viertel Back Bay. Üblicher Preis für ein Haus hier: 20 Millionen Dollar. Vergangenen Sommer setzten sich Stadtplaner in Boston zusammen. Ihr Vorschlag: Aus Straßen sollen Kanäle werden, die das Flutwasser kontrolliert aufnehmen. Boston würde das Venedig der Ostküste.

Der holländische Architekt Koen Olthuis denkt sogar noch weiter: „Wir werden nicht nur am Wasser leben, sondern auf dem Wasser“, sagt er. Um zu zeigen, was er damit meint, klettert er an einem Herbsttag am Stadtrand von Delft auf einen Deich. Dahinter: ein Kanal, auf dem ein halbes Dutzend Häuser schwimmt. Seit mehr als zehn Jahren perfektioniert Olthuis mit seinem Architekturbüro Waterstudio Pontons, auf denen ganze Villen Platz haben.

„Bald bauen wir ganze Quartiere auf dem Wasser“, sagt Olthuis, „mit Straßen, Häusern und Bäumen darauf.“ Los geht es auf den Malediven. Der Inselstaat im Indischen Ozean könnte bis Ende des Jahrhunderts untergehen. Dort baut Olthuis auf dem Wasser eine Ferienanlage mit 185 Häusern. Zu Luxuspreisen. Doch in Massen produziert, sollen die Plattformen preiswerter werden. „Steigt der Meeresspiegel“, sagt Olthuis, „dann steigen die Häuser mit.“

Zahlen zur Erderwärmung

In einem Slum in Doha, Bangladesch, plant Olthuis ein schwimmendes Klassenzimmer. Die Viertel der Armen ließen sich so auch schnell mit Kraftwerken oder öffentlichen Toiletten aufrüsten, glaubt er. Es ist eine von vielen Ideen, auf die Entwicklungsländer sehr bald angewiesen sein werden.

Die Flut steht sehr hoch an diesem Sommerabend in Beira, Mosambiks zweitgrößter Metropole, und als Daviz Simango das Marktviertel am Strand erreicht, baden schon Dutzende Häuser im Wasser. Der Bürgermeister ist mit einer Gruppe deutscher Entwicklungshelfer und Journalisten unterwegs, er will trommeln für sein großes Flutschutzprojekt, das Beira vor Überschwemmungen schützen soll. Plötzlich hört Simango es krachen, in einer Seitengasse springen Menschen zur Seite, und dann stürzt die Veranda eines Fischerhauses ächzend in die Wogen.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

Der Bürgermeister schaut sich den Schaden an, es ist nicht das erste Haus, das dieses Jahr in die Brüche geht. „Die Wellen werden aggressiver“, sagt Simango. „Das Wasser steigt und zerstört Stück für Stück unsere Küste.“

Experten aus Südafrika haben Beiras Küste akribisch untersucht. Steigt das Meer um einen Meter, sind ganze Straßenzüge, die dem Ozean am stärksten ausgeliefert sind, nicht mehr zu retten. Und großen Teilen der Stadt drohen verheerende Flutschäden. Bürgermeister Simango holt seinen Blackberry aus der Tasche und tippt ein paar Zahlen ein. „16 Millionen Euro“, sagt er schließlich, „das ist das ganze Budget der Stadt.“ Davon könnte Beira sich gerade mal einen oder zwei Kilometer Wellenbrecher leisten.

In Mosambik an der flachen Ostküste Afrikas, wo 90 Prozent der Menschen von weniger als zwei Dollar pro Tag leben, muss Flutschutz ohne teure Deiche auskommen. Wie, das will Beira mit einem Projekt im Herzen der Stadt beweisen. Dort, wo sich bisher der Rio Chiveve schlängelte, ein Fluss, der mit jeder Flut vom Meer her anschwillt, sind seit Monaten Bauarbeiter im trockenen Erdreich unterwegs. Sie baggern den Rio Chiveve auf drei Kilometer Länge frei, damit das Wasser wieder abfließen kann. An der Mündung errichten sie ein Wehr aus Beton und Stahltoren, die sich schließen, sobald eine Sturmflut zu viel Wasser in den Fluss drängt. Bei Ebbe öffnen sich die Schleusen, und das gestaute Flusswasser kann ins Meer fließen.

Umwelt



Am Ufer pflanzen Bauarbeiter Tausende Mangrovenbäume, deren Wurzeln das Erdreich vor Erosion schützen. Knapp 16 Millionen Euro kostet das Projekt. 13 Millionen Euro davon steuert die deutsche Förderbank KfW bei. Es wird nur eines von vielen Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern sein, die die Industrieländer künftig finanzieren. Bis 2020 sollen dazu jährlich 100 Milliarden Dollar in den Green Climate Fund (GCF) fließen, einen Klimaschutzfonds der Vereinten Nationen. Bislang haben allerdings rund 20 Staaten nur zehn Milliarden Dollar zugesagt – und noch weniger tatsächlich eingezahlt.

Es wird also Orte auf der Welt geben, an denen die Menschen vergeblich auf teure Deiche hoffen. „Dünn besiedeltes Land“, sagt Klimafolgenforscher Hinkel, „werde wir vermutlich aufgeben.“ Und was Metropolen droht, wenn das Klima sich um mehr als zwei Grad erwärmt, vermögen selbst Küstenschützer nicht zu prophezeien.

Sieben, zehn oder mehr Meter Wasseranstieg – die gigantischen Deiche und Sperrwerke, die dann nötig wären, hat noch niemand erprobt.

Hier geht es zu unserem großen Multimedia-Spezial zum Klimawandel. Darin: Infografiken, Animationen und Videoreportagen aus Spitzbergen, Mosambik und den Niederlanden.

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