WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Klimawandel „Natürlich gibt es Unsicherheiten“

Der Klimawandel wirft neue Fragen auf. Für den Physiker Johannes Orphal bestehen trotzdem keine Zweifel: Der Mensch ist für die Erwärmung auf dem Planeten verantwortlich.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Der Physiker Johannes Orphal Quelle: Pressebild

WirtschaftsWoche: Herr Orphal, auf einer Skala von 1 bis 100: Wie sicher sind Sie und Ihre Kollegen, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist?
Oprhal: Ohne zu zögern: 100. Der Mensch hat mit seinen Treibhausgasemissionen schon heute eine deutliche Erderwärmung ausgelöst.

Der Chemiker und ehemalige RWE-Manager Fritz Vahrenholt hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem er behauptet, die Sonne sei schuld an der Erderwärmung und nicht der vom Menschen. Was stimmt denn nun?
Es gibt zwar auch verschiedene natürliche Faktoren, aber die Behauptung, der Einfluss der Sonne wäre wichtiger als die Treibhausgasemissionen ist nicht wissenschaftlich begründbar. Die Variabilität der Sonne hat, soweit wir es heute wissen, einen weitaus geringeren Einfluss als der Mensch.

Bildergalerie: Schnelle Wege aus der Klimafalle

Schnelle Wege aus der Klimafalle
Klimaexperten haben mehr als 400 Methoden zur Bekämpfung des Klimawandels unter die Lupe genommen. Im Fokus der im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichten Untersuchung stand ausnahmsweise nicht der Klimakiller CO2, sondern das Treibhausgas Methan sowie Ruß, der in der Atmosphäre dafür sorgt, dass weniger Sonnenstrahlung ins All reflektiert wird. Schon mit einigen einfachen Maßnahmen, so die Wissenschaftler, ließe sich der Ausstoß von Methan und Ruß so stark reduzieren, dass der globale Temperaturanstieg bis zum Jahr 2050 um ein Drittel geringer ausfallen würde als bislang vorhergesagt. Die zehn wichtigsten Maßnahmen im Überblick. Quelle: dpa
Durch eine bessere Filterung bei der Entlüftung von Kohleminen würde deutlich weniger Methan freigesetzt. Quelle: dpa
Lecke Gaspipelines sind eine weitere Treibhausgas-Quelle, die sich mit relativ geringem Aufwand schließen ließe. Quelle: dpa
Deponie-Gas, dessen Hauptbestandteil Methan ist, entsteht durch den bakteriologischen und chemischen Abbau von organischen Inhaltsstoffen des Mülls. Seine Freisetzung zu verhindern und es nutzbar zu machen, würde dem globalen Klimawandel entgegenwirken, so die Forscher. Quelle: dpa
Durch unkontrolliertes Abblasen bei der Ölförderung gelangen ebenfalls große Mengen Methan in die Atmosphäre, die durch verbesserte Fördertechnik eingefangen werden könnten. Quelle: dpa
Auch durch eine bessere Aufarbeitung der bei der Nutztierhaltung anfallenden Exkremente – etwa durch Vergärung in Biogasanlagen – ließe sich der Methanausstoß deutlich verringern. Quelle: dpa
Keine andere Kulturpflanze setzt soviel Methan frei wie Reis. Durch verbesserte Anbaumethoden, weniger Dünger und eine weniger intensive Bewässerung ließe sich der Methanausstoß beim Reisanbau reduzieren. Quelle: dpa

Herr Vahrenholt behauptet, dass natürliche Einflüsse wie die Sonnenaktivität noch gar nicht genug erforscht sind, um sie als Hauptfaktor des Klimawandels auszuschließen.
Es ist überhaupt nicht wahr, dass in Deutschland an keiner Universität und keinem Lehrstuhl darüber geforscht werden darf, wie groß der Anteil der natürlichen Einflüsse am Klimawandel ist, wie Vahrenholt sagt. An meinem Institut, wie auch an vielen anderen, wird schon lange zu diesen Fragen gearbeitet. Wir haben vor zwei Jahren am KIT eine neue Forschergruppe sogar ausschließlich zum Thema „Sonnenvariabilität und Klima“ eingerichtet. Bisher zeigen die Ergebnisse aber, dass der Einfluss eher gering ist.

Aber wie erklären Sie, dass in den vergangenen zehn Jahren die Temperaturen global kaum gestiegen sind, wo doch die CO2-Emissionen sehr stark zunehmen?
Es ist keine Überraschung, dass es nicht immer eine einfache, lineare Temperaturzunahme gibt. Das Klimasystem der Erde ist sehr kompliziert. Es gibt viele starke Kopplungen zwischen verschiedenen atmosphärischen Prozessen. Dazu gehört die Wolkenbildung, aber auch die Strömungen in den Ozeanen und Veränderungen auf der Erdoberfläche, wie Schnee, Eisvorkommen und Vegetation.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Wenn die Temperatur nunmehr langsam steigt, können wir dann Entwarnung geben?
Nein, weil ein Betrachtungszeitraum von zehn Jahren viel zu kurz ist, um überhaupt von „Klima“ zu sprechen. Wir betrachten in der Klimaforschung generell viel längere Zeitabschnitte, und da ist die Temperaturzunahme sehr deutlich zu sehen. Ein einzelner frostiger Winter oder sehr heißer Sommer sagen noch gar nichts über den Klimawandel aus.

„Niemand weiß, wie sich die Erde 2100 verhält“

Ein riesiges Eisstück bricht im Jahr 2007 am weltberühmten Perito Moreno Gletscher in Patagonien, Argentinien ab. Orphal: „Wir müssen die Unsicherheiten in der Klimaforschung noch klarer kommunizieren.“ Quelle: dpa

Nun geben auch Skeptiker wie Vahrenholt zu, dass Treibhausgase die Erde erwärmen - aber nur um höchstens ein Grad. Wie kommt es zu den Vorhersagen des Weltklimarates, dass sich die Erde künftig um bis zu sechs Grad erwärmen könnte?
Das hängt unter anderem mit den schon angesprochenen Rückkoppelungseffekten zusammen. Sie sind es, die die vom CO2 ausgelöste Erwärmung noch verstärken. Dazu gehört zum Beispiel die eben erwähnte Wolkenbildung. Allerdings sind diese Rückkopplungseffekte eine der größten Unsicherheiten in der Klimawissenschaft. Deshalb wird darüber derzeit sehr viel geforscht.

Das bedeutet, die Wissenschaftler sind noch gar nicht sicher, wie stark diese Effekte eigentlich sind?
So ist es. Zwar zeigen die heutigen Modelle ohne Ausnahme eine starke Zunahme der Temperatur im kommenden Jahrhundert, und belegen auch mit großer Sicherheit, dass der Mensch für die bislang beobachteten Veränderungen maßgeblich verantwortlich ist. Im Weltklimarat (IPCC) und vielen anderen großen internationalen Initiativen werden jetzt aber hochkomplizierte Computermodelle des Klimasystems und Messungen verglichen, um diese Rückkoppelungseffekte noch besser zu verstehen und ihre Auswirkungen quantitativ abzuschätzen. Es geht ja vor allem darum, wie zuverlässig diese Modelle für Vorhersagen sind.

Bildergalerie: Das sind die staubigsten Städte Deutschlands

Das sind die staubigsten Städte Deutschlands
Der Auto Club Europa hat die zehn deutschen Städte mit der größten Feinstaub-Belastung aufgelistet. An manchen Städten werden laut der Studie die gesetzlichen Vorgaben beim Jahresmittelwert sowie beim Tagesmittelwert um ein Vielfaches überschritten. Die Grenzwerte für Feinstaub sind innerhalb des Immissionsschutzgesetzes festgeschrieben. Demnach darf der Jahresmittelwert 40 µg/m³ (Mikrogramm pro Kubikmeter Luft) nicht überschreiten - beim Tagesmittelwert liegt die Grenze bei 50 µg/m³. Der Tageswert darf nicht öfter als an 35 Tagen im Kalenderjahr überschritten werden. Positivbeispiele zeigt die Liste der zehn deutschen Städte mit der reinsten Luft. Die Rankings erfolgen nach dem jeweiligen Jahresmittelwert. Quelle: dpa
Platz 10: Eröffnet wird die Liste der am meisten durch Feinstaub belasteten Städte von Ludwigsburg. 2010 wurde dort 54 Mal der Tagesgrenzwert von 50 µg/ m³ überschritten - das ist 15 Mal öfter als erlaubt. Der Jahresmittelwert liegt mit 34 µg/ m³ im Rahmen. Ludwigsburg ist nicht die einzige baden-württembergische Stadt auf der Negativ-Liste. Die Hälfte der staubigsten Städte liegt nämlich in dem vermeintlichen Musterländle. Quelle: dpa
Platz 9: Ob den Besuchern der Düsseldorfer Kö wohl bewusst ist, dass sie in einer der zehn staubigsten Städte Deutschlands shoppen? Wohl eher nicht. Aber tatsächlich wurde der Tagesgrenzwert von 50 µg/ m³ in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt 2010 ganze 46 Mal überschritten - höchstens erlaubt sind aber 35 Mal. Immerhin liegt der Jahresmittelwert mit 35 µg/ m³ noch im Rahmen. Quelle: dpa
Platz 7: Obwohl die Stadtverkehrsgesellschaft von Frankfurt (Oder) zu den Preisträgern von „Anspruchsvolle Umweltstandards im ÖPNV-Wettbewerb“ gehört, hat die brandenburgische Stadt dennoch mit ihrer Feinstubbelastung zu kämpfen. Die Zahl der Tageswerte über 50 µg/ m³ liegt bei 57, obwohl laut Vorgabe nur 35 erlaubt sind. Der Jahresmittelwert liegt bei 35 µg/ m³. Damit liegt Frankfurt (Oder) auf Rang 7 der staubigsten deutschen Städte - diese Position teilt es sich mit einer weiteren Stadt... Quelle: Flickr
Platz 7: Sicherlich hat die Sprengung der beiden Bausparkassen-Hochhäuser in der Innenstadt von Leonberg jede Menge Staub aufgewirbelt. Schuld an der hohen Feinstaubbelastung wird sie aber wohl nicht sein - schließlich fand die Sprengung bereits 2009 statt. Dennoch wurde 2010 der Tagesgrenzwert 57 Mal überschritten. Erlaubt wäre das laut der Vorgaben aber nur an 35 Tagen. Der Jahresmittelwert von Leonberg lag bei 36 µg/ m³. Quelle: picture-alliance
Platz 6: Abgase und demnach eine hohe Feinstaubbelastung machen auch der baden-württembergischen Stadt Heilbronn zu schaffen. Zwar wird die jährlich zulässige Feinstaubbelastung mit einem Mittelwert von 36 µg/ m³ nicht überschritten, allerdings liegt die Zahl der zulässigen Tageswerte über 50 µg/ m³ auch hier über den Vorgaben. An 65 Tagen kam es zu einer Überschreitung - das sind 30 mehr als erlaubt. Quelle: ap
Platz 5: In Sachsen-Anhalt hat es Halle an der Saale auf die Negativliste der staubigsten Städte Deutschlands geschafft. Dort liegt der Jahresmittelwert bei 37 µg/ m³. Der Tagesgrenzwert von 50 µg/ m³ wurde 57 Mal überschritten. Quelle: flickr

Und, wie zuverlässig sind sie?
Das hängt neben den Rückkopplungen auch stark von anderen Parametern ab, darunter besonders die zukünftigen Emissionen von Treibhausgasen. Das Problem ist, dass wir die Zukunft niemals mit absoluter Sicherheit vorhersagen können. Die Modelle stützen sich auf gut dokumentierte Klimabeobachtungen in den vergangenen 100 Jahren und rechnen sie in die Zukunft weiter. Das ist die vernünftigste und zuverlässigste Methode. Aber ob die Erde sich bis 2100 genauso weiter verhält, wie sie es im 20. Jahrhundert getan hat, kann heute niemand vorhersagen.

„Die Wirtschaft muss den Wandel begreifen“

Orphal: „Klimawandel hin oder her, unsere Technologien müssen sauberer werden“ Quelle: dpa

Entgegen der weit verbreiteten Darstellungen von Politikern und Medien gibt es also noch Unsicherheiten, was den Klimawandel betrifft?
Natürlich und darüber müssen wir die Öffentlichkeit informieren! Im IPCC findet diese Diskussion auch statt und sie wird in den Berichten, die übrigens im Internet öffentlich zugänglich sind, sehr gut dargestellt. Ganz besonders die Fragen, wie stark sich der Klimawandel regional auswirkt und wie wir die existierenden Klima-Modelle noch weiter verbessern können, sind heftig umstritten. Aber daran wird fieberhaft gearbeitet. Außerdem: Wir haben zwar schon viele Messdaten, aber die reichen noch lange nicht aus, damit wir wirklich alle diese komplexen Prozesse so gut verstehen, wie es Politik und Öffentlichkeit von uns erwarten. Dass Vahrenholt jetzt behauptet, er könne die Entwicklung des Klimas genauer vorhersagen als der Weltklimarat, ist angesichts der vielen offenen Fragen ziemlich unglaubwürdig.

Also ist Vahrenholts Buch viel Lärm um Nichts?
Die Argumentation des Buches ist aus wissenschaftlicher Sicht sehr dilettantisch. Ein interessanter Nebeneffekt ist aber durchaus, dass eine wichtige Debatte jetzt auch in der Öffentlichkeit stattfindet. Wir müssen die Unsicherheiten in der Klimaforschung noch klarer kommunizieren. Denn die gibt es in vielen Punkten. Aber genau daran arbeiten die Forscher.

Außer, dass der Mensch die Erde mit Treibhausgasen erwärmt und die Erwärmung stetig zunimmt, scheint also vieles ungeklärt. Wie sollen Politik und Wirtschaft auf diese Unsicherheiten reagieren?
Wenn ein Mensch erkrankt, dann bemüht sich der Arzt erst einmal um eine möglichst genaue Diagnose, bevor er ihn behandelt - sonst besteht das Risiko, dass er die falsche Therapie einsetzt. Es besteht allerdings die Gefahr, dass wir es beim Klimawandel anders herum machen: Wir Klimawissenschaftler werden jetzt schon zu Anpassungsstrategien an den Klimawandel befragt, wo doch die genauen Folgen, besonders auf regionaler Ebene, noch nicht wirklich gesichert sind.

Also machen wir einfach weiter wie bisher?
Nein, natürlich nicht. Denn was Fakt ist: Der Mensch schadet der Umwelt massiv. Die Atmosphäre, die Flüsse, das Grundwasser und die Luft sind heute schon verschmutzt, und die fossilen Rohstoffe gehen ganz sicher irgendwann zu Ende. Klimawandel hin oder her, unsere Technologien müssen sauberer werden, und wir brauchen in Zukunft Ersatz für Öl, Gas und Kohle in Form erneuerbarer Energien. Das müssen Politik und Wirtschaft verstehen und entsprechend handeln. Aber die wachsenden Emissionen von Treibhausgasen werden mit Sicherheit zu einer zunehmenden Erwärmung führen, das ist nun einmal die Physik des Treibhauseffekts. Darum ist es wichtig, auch diese Emissionen in Zukunft zu begrenzen.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%