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Koordinator des Deutschen Rettungsrobotik-Zentrums „Als Autos die Straßen eroberten, hatte die Feuerwehr noch Experten für Pferdekutschen“

Dirk Aschenbrenner, Chef der Berufsfeuerwehr Dortmund. Quelle: PR

Bei der Digitalisierung hinken Deutschlands Feuerwehren der Privatwirtschaft um Jahre hinterher. Der Chef des neuen Rettungsrobotik-Zentrums erklärt warum – und wie sich das jetzt ändern soll.

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Dirk Aschenbrenner (51) ist Chef der Berufsfeuerwehr Dortmund und zugleich Koordinator des Deutschen Rettungsrobotik-Zentrums in Dortmund.

WirtschaftsWoche: Herr Aschenbrenner, die Stadt Dortmund und die Dortmunder Berufsfeuerwehr betreiben mit dem Institut für Feuerwehr- und Rettungstechnologie (IFR) ein bundesweit einzigartiges Forschungszentrum. Wieso hängen die Feuerwehren bei Forschungsprojekten der Industrie sonst so weit hinterher?
Dirk Aschenbrenner: So möchte ich das nicht ausdrücken. Es gab und gibt in den Feuerwehren immer wieder sehr innovative Köpfe, die mit sehr viel Herzblut und Einfallsreichtum große Innovationen schaffen. Diese Tradition reicht zurück bis zu Conrad Dietrich Magirus oder Carl Metz, die in Ulm oder Karlsruhe den Bau von Löschfahrzeugen und Drehleitern etabliert haben. 

Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass Innovation im deutschen Lösch- und Rettungswesen eine Nebenrolle spielt.
Innovation ist ja kein Selbstzweck. Es ist nicht damit getan, einfach nur tolle Technik zu erfinden. Wir müssen sinnvolle Dinge zur Einsatzreife zu bringen. Und das dauert bei uns fraglos länger als in einem normalen Industrieunternehmen, weil davon auch das Leben unserer Einsatzkräfte abhängt. Wenn ich meine Leute als Einsatzleiter ins Feuer schicke, dann mache ich das lieber mit Technik, von der ich aus jahrelanger Erfahrung weiß, dass man ihr vertrauen kann. Und nicht mit irgendwelchen Neuheiten, von denen nicht klar ist, was man ihnen zumuten kann.

Trotzdem, mitunter geht diese Vorsicht wohl ein wenig zu weit. 1996 haben die EU-Innenminister beschlossen, den alten, analogen Polizeifunk durch moderne, digitale Kommunikationsnetze zu ersetzen. Ein knappes Vierteljahrhundert später nutzt die Feuerwehr diesen Digitalfunk noch immer nicht flächendeckend. 
Für die Verzögerungen beim Digitalfunk gibt es viele Gründe. Und die Feuerwehren, die ja kommunale Einrichtungen sind, hängen beim Aufbau des Digitalfunks, der durch Bund und Länder betrieben wurde, ganz hinten in der Kette. Da ist es nicht meine Sache, die Schwierigkeiten, die es gab und gibt, zu kommentieren. Dennoch stimmt es natürlich grundsätzlich: Feuerwehren sind sehr konservative Institutionen. Sicher auch wegen des besonderen Sicherheitsanspruchs. Aber auch, weil die Menschen, die bei uns arbeiten, nicht immer aus den innovativsten Berufsfeldern stammen. Um mal einen historischen Vergleich zu verwenden: Als die Autos die Straßen eroberten, dominierten bei den Feuerwehren die Experten für Pferdekutschen und Dampfspritzen. Und heute haben wir eher Kraftfahrzeugelektroniker und keine Drohnenpilotinnen in unseren Reihen.

Die aber brauchen Sie künftig?
Ja, wir haben hier in Dortmund schon verschiedene Fluggeräte im Einsatz, mit denen wir Einsatzstellen aus der Luft erkunden können. Drohnen sind ein gutes Beispiel, wie wir innovative Technik aus dem zivilen Alltag in unsere Arbeit integrieren. Aber auch dafür, warum das mitunter so schwierig ist. Denn lange Zeit war es uns beispielsweise gar nicht erlaubt, mit den Geräten über Einsatzstellen zu fliegen. Erst die Novelle des Luftfahrtrechts hat da eine Ausnahme für uns geschaffen. Und auch die reicht noch nicht so weit, wie wir es gerne hätten.

Wo klemmt es denn?
Wir beschaffen gerade eine weitere, neuartige Drohne, die in der Lage wäre, bei einem Alarm direkt von der Hauptwache aus den Löschzügen autonom vorauszufliegen und Einsatzstellen aus der Luft vorab zu erkunden. Für die 10 bis 15 Kilometer bis zur Stadtgrenze braucht so ein Flieger nur ein paar Minuten. Das würde uns einen deutlichen Informationsvorsprung bringen und den Beamten in der Leitstelle helfen, die Lage schneller und besser einzuschätzen und bei Bedarf früher die richtigen zusätzlichen Kräfte zu alarmieren.

Konkrete Pläne

Und woran scheitern Sie?
Technisch wäre das längst machbar. Aber auch da klemmt es wieder beim Rechtlichen. Denn autonom agierende Drohnen, sind bisher auch nicht zugelassen. Wir versuchen nun, die Technologie trotzdem zur Einsatzreife zu bringen. Zum Beispiel, indem wir zusätzliche Ortungs- und Kommunikationstechniken nutzen, wie etwa eine Peilung über das LTE-Funknetz. Dazu kommen zusätzliche automatische Warnungen an die übrigen Luftfahrzeuge in der Umgebung. Das testen wir am Deutschen Rettungsrobotik-Zentrum, das gerade hier in Dortmund auf einem alten Industriegelänge entsteht. 

Was konkret planen sie da?
Ziel ist, im Verbund mit vielen Partnern aus Forschung und Industrie den Einsatz von Robotersystemen bei der Gefahrenabwehr in menschenfeindlichen Umgebungen voran zu bringen. Wir konzentrieren uns auf vier große Szenarien: Feuer, Einsturz und Verschüttung, Erkennung von Gefahrstoffen und Hochwasser. Auf unserem Versuchsgelände bauen wir ein sogenanntes „Living Lab“ auf, also ein Labor, auf dem wir den Robotereinsatz in realistischen Testumgebungen prüfen können.

Was unterscheidet denn die Anforderungen der Feuerwehr beim Einsatz von Drohnen von denen professioneller Drohnenpiloten?
Zunächst einmal profitieren wir enorm davon, dass die Technik durch den zivilen Einsatz in kurzer Zeit so viel leistungsfähiger und zugleich so viel günstiger geworden ist. Zudem sind die Innovationszyklen viel kürzer als in unserer Rettungswelt. Allein bis eine Norm für ein Löschfahrzeug überarbeitet ist, braucht es oft Jahre. Also müssen wir schauen, dass wir das, was von der Industrie kommt, an unseren Bedarf anpassen. Im Fall der Drohnen haben wir kürzlich erlebt, wie die zivile Technik an Grenzen stieß. Bei den Wald- und Flächenbränden im April an der deutsch-niederländischen Grenze hatten Kollegen eine Drohne zur Luftaufklärung im Einsatz. Die lieferte zwar Luftbilder, aber die Positionsbestimmung anhand der hinterlegten Karten versagte, weil der Boden keine Konturen mehr zeigte, sondern einheitlich schwarz verbrannt war. Solche speziellen Probleme beispielsweise wollen wir mit unseren Projektpartnern am DRZ lösen. 

Finden Sie überhaupt das Personal, das Sie für die digitale Zukunft der Rettung brauchen? Bisher hatte man ohne handwerkliche Ausbildung oder ein Chemie-, Physik oder Maschinenbaustudium doch kaum Chancen eine Stelle bei der Feuerwehr zu bekommen.
Die Zeiten sind vorbei, dass wir nur solche Berufe gesucht haben. Inzwischen schauen wir viel breiter und stellen, neben den traditionellen Qualifikationen, auch Menschen mit ganz anderen Ausbildungen ein – vom Kaufmann bis zur Informatikerin. Das hilft uns, für die Zukunftsaufgaben fit zu werden. Aber es ist ein langwieriger Prozess.

Wagen Sie mal eine Prognose: Wann werden denn autonome Rettungsgeräte – Drohnen oder Roboter – bei deutschen Feuerwehren zur Ausrüstung gehören, wie heute Leitern oder Strahlrohre?
Sicher nicht, bis ich in acht Jahren in Ruhestand gehe. Aber ich denke auch gar nicht, dass es das Ziel sein muss, dass jede Feuerwehrfrau und jeder Feuerwehrmann mit digitalen Assistenten arbeitet. Und erst recht nicht, dass die Maschinen die Menschen in der Rettung ersetzen. Wichtiger ist, dass wir die anspruchsvolle Technik grundsätzlich für die Feuerwehren erschließen und sie etwa in spezialisierten Einheiten verfügbar machen. So wie das heute beispielsweise schon bei den Teams der Analytischen Taskforce ATF für Chemieeinsätze der Fall ist.

Was machen die?
Die gibt es bundesweit an mehreren Berufsfeuerwehren mit speziellem Gerät und besonders geschulten Einsatzkräften. Die werden dann etwa bei Chemieunfällen gerufen. Genau sowas stelle ich mich auch in der Rettungsrobotik vor: Ein bundesweites Netz von Expertinnen und Experten, die eine Robotik-Taskforce bilden und die jede Feuerwehr anfordern kann, wenn sie besonderes autonomes Rettungsgerät braucht. Sowas würde ich in den kommenden Jahren gerne noch als aktiver Feuerwehrmann erleben.

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