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Kosmetik enthält noch immer viel Mikroplastik Leere Versprechen der Industrie

Vor einem Jahr erklärte der europäische Kosmetikverband, auf ganz feines Plastik in seinen Produkten zu verzichten. Eine Untersuchung kommt zu dem Ergebnis: Es hat sich wenig getan.

Kosmetik wie diese enthält noch immer viel Mikroplastik. Quelle: dpa

Die freiwillige Erklärung vieler Kosmetikhersteller, in ihren Produkten auf Mikroplastik zu verzichten, ist einer Untersuchung zufolge bislang weitgehend wirkungslos. Mikroplastik aus Polyethylen etwa ist nach wie vor in fast jedem dritten Gesichtspeeling enthalten, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Untersuchung der Verbraucherplattform Codecheck hervorgeht. Das Umweltbundesamt (Uba) hält die Aussagen des Papiers für verfrüht - teilt jedoch seine Intention.

Die Mitglieder des europäischen Kosmetik-Verbands Cosmetics Europe hatten sich im Oktober 2015 dazu verpflichtet, die Verwendung von Mikroplastik in ihren Produkten bis 2020 auszuschleichen. Marcus Gast, Uba-Experte für Wasch-, Reinigungs- und kosmetische Mittel, hält eine Aussage zur Umsetzung der Selbsterklärung deshalb noch nicht für möglich. Es könne bis zu zwei Jahre dauern, bis die Produktion umgestellt sei und die neuen Kosmetika ins Supermarktregal kämen. „Wir halten die Aussagen für verfrüht.“

Auch nach Auskunft von Codecheck wurde in den letzten Wochen des Untersuchungszeitraums festgestellt, dass Polyethylen zunehmend aus den Produkten verschwindet. Häufig werde es jedoch durch anderes Plastik ersetzt.

Was mit unserem Müll passiert
Insgesamt betrug das Abfallaufkommen im letzten Jahr in Deutschland rund 343 Millionen Tonnen, 36,7 Millionen Tonnen davon waren Hausabfälle. Das entspricht also 456 Kilogramm Müll pro Einwohner. Seit dem Jahr 2002 ist das Abfallaufkommen zwar leicht gesunken, jedoch wird laut Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit immer noch zu viel Abfall erzeugt. Immerhin: 14 Prozent der Rohstoffe, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, werden mittlerweile aus Abfällen gewonnen; entsprechend werden der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundenen Umweltbelastungen reduziert. Quelle: dpa
Grund ist die am 8. Mai 1991 beschlossene Verpackungsverordnung, die den Grundstein für die Mülltrennung in Deutschland legte. Von den 456 Kilogramm Müll pro Nase und Jahr sind 164 Kilogramm Restmüll, 113 Kilo Biomüll, und 148 Kilogramm getrennte Wertstoffe, also Papier und Pappe (72 Kilogramm), Glas (24 Kilogramm) und Holz (14 Kilogramm). Pro Einwohner fielen zusätzlich rund 30 Kilogramm Sperrmüll an. Quelle: Statista Quelle: dpa
Die Mülltrennung nutzt aber nicht nur der Umwelt und liefert billige Rohstoffe, sie schafft auch Arbeitsplätze: Fast 200.000 Beschäftigte arbeiten in rund 3.000 Abfallentsorgungs- oder Verarbeitungsbetrieben. Sie machen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro jährlich. Quelle: dpa
Anders als in vielen anderen Ländern landen unsere Abfälle eher selten auf Deponien zum Verrotten. Zuvor müssen sie in irgendeiner Art und Weise verwertet werden. Hausmülldeponien beispielsweise dürfen seit Mitte 2005 nur noch vorbehandelte Abfälle aufnehmen, bei denen organische Bestandteile nahezu völlig entfernt sind. Anders sieht es beispielsweise in Bulgarien, Rumänien, Griechenland oder Polen aus, wo mehr als 70 Prozent der Abfälle auf Deponien landen. Quelle: dpa
Ein großer Teil der Abfälle in Deutschland, nämlich 35 Prozent, werden deshalb in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die Überreste landen dann auf der Deponie. Die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, wird vielfach zur Erzeugung von Strom oder zum Heizen verwendet. Wir heizen also mit unserem Müll. Quelle: ZB
Immerhin 18 Prozent unserer Abfälle kompostieren wir. Quelle: dpa
47 Prozent der kommunalen Abfälle werden recycelt - damit ist Deutschland der Wiederverwertungskönig innerhalb der 28 EU-Staaten. In keinem anderen Land wird ein so großer Anteil der kommunalen Abfälle noch einmal verwendet. Quelle: AP

Gast kritisiert außerdem, dass in der Mikroplastik-Studie viele Thesen aufgestellt werden, die wissenschaftlich bislang nicht ausreichend belegt seien. Es gebe zwar zahlreiche Nachweise von Mikroplastik in Meeresorganismen. Erkenntnisse, in welchem Ausmaß die Partikel die in den Weltmeeren lebenden Organismen tatsächlich gefährden, lägen jedoch noch nicht vor. „Eine realistische chemikalienrechtlichen Abschätzung möglicher Gefahren für die Umwelt ist derzeit nicht möglich“, sagt Gast. Grundsätzlich teile das Uba die Empfehlung der Untersuchung jedoch: Es sollten keine schwer abbaubaren Stoffe in Peelings und anderen Kosmetika enthalten sein.

Laut Studie hat die Verwendung von Polyethylen in vielen Produkten innerhalb der vergangenen zwei Jahre sogar leicht zugenommen. Der Anteil der betroffenen Produkte stieg bei Make-up von 7,9 auf 8,3 Prozent, bei Körperpeeling von 15,0 auf 15,6 Prozent. Die Forscher untersuchten 2014 sowie 2016 bis Ende August insgesamt knapp 103 000 Kosmetikprodukte.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert ein EU-weites Verbot von Mikroplastik in Kosmetika. „Mikroplastikhaltige Kosmetika stellen zwar nur einen kleinen Teil des Plastikproblems in unseren Meeren dar, jedoch ein einfach vermeidbares“, heißt es in der Studie. Mikroplastik lasse sich einfach durch andere Stoffe, etwa Salz, Sand oder Cellulose, ersetzen.

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) sieht die Verwendung von Mikroplastik in Kosmetika weniger kritisch. Ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher ist einem Sprecher zufolge nach jetzigem Kenntnisstand unwahrscheinlich.

Das feine Plastik gelangt laut Codecheck über das Abwasser in Flüsse, Seen und Meere. Dort werde es von Fischen, Krebsen oder Muscheln mit Plankton verwechselt und verzehrt.

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