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Leonardo Maugeri "Es ist eine dramatische Machtverschiebung"

Der Harvard-Energieexperte warnt, dass große Ölkonzerne durch strategische Fehler und neue Konkurrenten in Schwierigkeiten geraten werden.

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Die größten Ölreserven der Welt
Eine Frau trocknet Wäsche auf einer Erdöl-Pipeline Quelle: ASSOCIATED PRESS
Libyen Quelle: REUTERS
Logo von Rosneft Quelle: ITAR-TASS
Ölraffinerie in den Vereinigten Arabischen Emiraten Quelle: AP
Ktar Quelle: REUTERS
Kuwait Quelle: REUTERS
Irak Quelle: REUTERS

Herr Maugeri, wenn Sie Manager bei einem Ölkonzern wären, was würde Ihnen derzeit mehr Sorgen machen: schwindende Ölreserven oder strengere Klimagesetze?

Keines von beiden. Ich hätte Angst vor sinkenden Ölpreisen. Denn der hohe Ölpreis garantiert derzeit hohe Umsätze. Sie verdecken aber die gravierenden Fehler, die ExxonMobil, Shell, BP und die anderen in den vergangenen Jahren gemacht haben. Schon 2014 könnten die Ölpreise einbrechen, weil die Produktionskapazitäten viel höher sind als die Nachfrage.

Mit dieser Meinung stehen Sie ziemlich allein da. Der Aktienkurs von ExxonMobil steigt seit Jahren. Gerade erst hat sich Starinvestor Warren Buffett für drei Milliarden Dollar bei dem Unternehmen eingekauft.

Ich hätte das an seiner Stelle nicht gemacht. Die Förderraten der Ölkonzerne sinken kontinuierlich, und sie produzieren vermehrt den falschen Rohstoff, nämlich Erdgas. Die Förderung ist teuer, und die Gewinnmargen sind im Gegensatz zum Öl winzig.

Harvard-Energieexperte Leonardo Maugeri

Erdgas wird aber von vielen Experten als klimafreundliche Energiequelle der Zukunft gepriesen. Klingt nach einer guten Strategie.

Es ist aber keine Strategie, sondern Zwang. Die Unternehmen finden immer weniger Öl, weil sie mittlerweile nur noch fünf Prozent der weltweiten Vorkommen kontrollieren. Im Jahr 2000 waren es noch sieben Prozent. Der große Rest gehört staatlichen oder halbstaatlichen Gesellschaften wie Rosneft, Petrobras oder Saudi Aramco. Die Felder, die Shell und die anderen neu entdecken, enthalten vornehmlich Erdgas. Wenn der Ölpreis einbricht, stirbt die Cashcow der Unternehmen. Und ganz ehrlich: Ich kenne keinen CEO im Ölgeschäft, der sich für den Klimawandel interessiert.

Und weniger Umsatz beim Öl bedeutet, dass die Unternehmen noch weniger neue Vorkommen finden?

Ja, es würde noch komplizierter. Ein großes Ölunternehmen gibt im Durchschnitt pro Jahr rund 15 Milliarden Euro für die Suche nach neuen Rohstoffquellen aus. Das ist selbst für die Großen viel Geld. Fehler werden da ziemlich teuer. Ein Beispiel: Shell fand vor einigen Jahren vor Indien ein Ölfeld. Die Geologen des Unternehmens sagten aber, es sei zu klein, um es wirtschaftlich auszubeuten. Shell hat es daraufhin für wenig Geld an ein kleines englisches Unternehmen verkauft – das Feld stellte sich dann als großer Fund heraus. Solche Fehleinschätzungen gab es zuhauf in den vergangenen Jahren.

Wo haben die Ölunternehmen noch Fehler gemacht?

Sie haben in der Vergangenheit zu viel auf die Unternehmensberater gehört, die sagten, sie müssten Kosten senken und Personal abbauen. Das hat zu einem Verlust von Talenten in den Unternehmen geführt. Außerdem haben sie inzwischen viele technische Aufgaben an andere Unternehmen ausgelagert. Dadurch haben sie ihre Technologieführerschaft eingebüßt.

Machtverschiebung im Ölgeschäft

Umwelt



Und das zeigt sich wo?

Den Schieferölboom zum Beispiel haben die Großen völlig verschlafen. Vor ein paar Jahren machte man in den Vorstandsetagen noch Witze über Gas und Öl aus Schiefergestein. Da fehlten die strategische Vision und das Know-how.

Dafür dominieren auf Ölfeldern heute Technik- und Serviceunternehmen wie Halliburton oder Schlumberger.

Richtig. Es ist eine dramatische Machtverschiebung, die derzeit im Ölgeschäft stattfindet. Das hat aber auch damit zu tun, dass die Ölmultis immer weniger Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben. Serviceunternehmen oder kleine spezialisierte Ölförderer haben dadurch inzwischen mehr Expertise. Die Folge: Staatliche Ölgesellschaften in Russland oder Saudi-Arabien müssen sich Wissen nicht mehr unbedingt von den Supermajors einkaufen.

Dennoch fehlt keines der großen Ölunternehmen bei komplizierten Offshore-Projekten auf der See.

Ein Lob ist das nicht. Offshore-Projekte sind riskant und kapitalintensiv. Sich billigere Vorkommen wie das Schieferöl zu erschließen haben die großen Unternehmen verpasst.

Wenn der Ölpreis tatsächlich einbricht und damit die Gewinne, was können die Unternehmen dann tun?

Erst mal sollten sie ihre unrentablen Investitionen in Erdgas zurückfahren.

Reicht das?

Sicher nicht, denn die Goliaths sitzen in einer Falle aus zu hohen Kosten und abnehmenden Ölreserven. Das Einzige, was ihnen bleibt, ist sehr viel Kapital. Sie werden versuchen, kleinere spezialisierte Unternehmen zu übernehmen. Das muss aber im richtigen Moment passieren. ExxonMobil zum Beispielhat 2009 das Schiefergasunternehmen XTO für 41 Milliarden Dollar gekauft. Im Jahr darauf brachen die Erdgaspreise ein.

Wäre es ein Ausweg für die Supermajors, mehr Geld in erneuerbare Energien zu investieren?

Vielleicht, aber die Top-Manager ignorieren dieses Thema völlig. Es gab Versuche, aber die haben Shell, BP und ExxonMobil zum größten Teil eingestellt. So, wie es derzeit aussieht, wird kein Ölunternehmen bei sauberen Energieträgern künftig eine Rolle spielen.

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