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Londoner U-Bahn wird 150 Wenn sich fünf Millionäre einen Quadratmeter teilen

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„Eine Form milder Folter“

Eine eigens für die Feierlichkeiten restaurierte Dampflok fährt in die „Baker Street“ ein. Quelle: REUTERS

Doch egal, ob die Passagiere im Wagen der ersten oder dritten Klasse saßen, sie kämpfen alle mit den gleichen Tücken: der Hitze und der Erstickungsgefahr, denn die Betreiber setzen am Anfang Dampfloks ein. Einige Passagiere starben an Rauchvergiftung.

„Die Luft war eine Mischung aus Schwefel, Kohlenstaub und dem schmutzigen Rauch der Öl-Laternen. Als wir Moorgate Street erreichten, war ich vor Erstickung und Hitze fast tot“, so beschreibt einer der Nutzer in einem alten Zeitungsartikel die Höllenfahrt. Ein anderer erzählte einem Times-Reporter Ende des 19. Jahrhunderts: „Eine U-Bahn-Fahrt war eine Form von milder Folter.“

Premierminister Lord Palmerston gehörte daher nicht zu denen, die sich darauf einließen. In seinem Alter wolle man so lange wie möglich über Tage bleiben, soll der 79-Jährige gesagt und die Einladung, einmal mit der U-Bahn zu fahren, abgelehnt haben.

Bis heute sind einige der Stationen der Metropolitan Railway fast so erhalten, wie sie sich 1863 den ersten U-Bahn-Nutzern präsentierten – etwa die Baker-Street-Haltestelle. Die Backsteinmauern sind zwar kräftig nachgedunkelt. Einige Einkerbungen und Löcher erinnern daran, dass hier mal Schilder eingedübelt und wieder entfernt oder durch Überwachungskameras und Werbeplakate ersetzt wurden. Ansonsten sieht es hier aber aus, als wäre die Zeit stehen geblieben: In Nischen, halb versteckt, schmiegen sich Holzbänke an die Mauern. Sie sehen genauso aus wie die auf historischen Bildern von diesem Ort. Auch die runden Lampen, die von der Decke hängen, sind erhalten geblieben – genauso wie die breiten Lichtschlitze dazwischen, die früher mal Tageslicht durchließen.

Pünktlich zu den Olympischen Spielen funktionierte die „Tube“ einwandfrei. Die Londoner zeigten sich beeindruckt. Quelle: dapd

Überirdisch stehen Touristen für das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds und das Sherlock-Holmes-Museum Schlange. Unterirdisch gibt es zu einem Bruchteil der Museumseintrittspreise Zugang zu einer der größten Ingenieurleistungen des Viktorianischen Zeitalters.

Heute, 150 Jahre später, gibt es in weltweit fast 200 Städten eine U-Bahn. Doch für London bleibt das Verkehrssystem eines der prägendsten Elemente der Stadtentwicklung, Sozialgeschichte und Architektur. „Shanghai hat zwar ein größeres Netz, Paris und New York mehr Haltestellen und die U-Bahn in Paris und Moskau ist auch deutlich belebter“, schreibt Andrew Martin, Autor eines Buches über die Geschichte der Londoner Tube, „aber weil die U-Bahn in London nie richtig geplant wurde, sondern sich einfach ausbreitete und man 140 Jahre an ihr baute, sagt sie deutlich mehr über die Stadt aus als alle anderen U-Bahnen der Welt.“

Nur wenige Monate nach ihrer Eröffnung hat das Wirtschaftsmagazin „Economist“ in einem Leitartikel gefordert, es bräuchte noch mehr solcher unterirdischen Bahnlinien, um London voranzubringen und das Verkehrschaos auf den Straßen zu beseitigen. Gleichzeitig sagten die Journalisten damals voraus: Das Projekt werde mit Sicherheit bald profitabel.

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