Massive Kritik an Produktionsarten Deutsche essen jährlich 60 Kilo Fleisch

Der weltweite Fleischkonsum steigt - immer noch. Doch Maßnahmen gegen jahrelang kritisierte Tierhaltung oder Umweltschäden durch Tierhaltung haben kaum etwas verändert. Das zeigt der Fleischatlas 2013, der jedes Land in Sachen Fleisch genau unter die Lupe nimmt.

Zehn Fakten aus dem Fleischatlas 2014
Unser täglich FleischWar Fleisch noch vor zehn, zwanzig Jahren ein Luxusgut, das sich nicht jeder leisten konnte, gehört inzwischen für immer mehr Menschen weltweit, auch in den Schwellenländern, Fleisch täglich auf den Tisch. In der EU ist vor allem Schweinefleisch beliebt: Durchschnittlich 32,3 Kilogramm Schweinefleisch wurden zwischen 2010 und 2012 pro Kopf und Jahr konsumiert. Es folgt Geflügelfleisch mit 20,8 Kilo und Rind bzw. Kalb mit 11,1 Kilo. Abgeschlagen mit 2,0 Kilo ist das Fleisch von Schafen und Ziegen. Hier gibt es den aktuellen Fleischatlas zum Download Quelle: dpa
Hochleistungsrassen überleben nur mit PharmazeutikaDie Nutztiere in der industriellen Landwirtschaft sind so hochgezüchtet, dass sie anfällig für Schädlinge, Krankheiten und Wetterextreme werden. Heute kontrollieren zum Beispiel drei Unternehmen 95 Prozent des Marktes für Brathähnchen; zwei Unternehmen beherrschen 94 Prozent des Zuchtbestandes an Legehennen. Diese genetisch einheitlichen Hochleistungsrassen können ohne spezielle eiweißreiche Ernährung, teure Medikamente und klimatisierte Umgebung nicht überleben. Langfristig gefährdet das nicht nur die Nutztierrassen, von denen ein Viertel bereits vom Aussterben bedroht ist, sondern auch die Lebensmittelsicherheit, weil die Handlungsmöglichkeiten bei künftigen Umweltproblemen, schwierigen Marktsituationen und dergleichen erheblich eingeschränkt werden. Quelle: dpa
Boomländer haben großen FleischhungerDie weltweite Mittelschicht isst zu viel Fleisch - zunehmend auch in China, Indien und anderen Boomländern. Hier wird aufgrund der immensen Nachfrage der wachsenden Mittelschicht das größte Wachstum in der Fleischnachfrage entstehen. Der Fleischverbrauch nahm in Brasilien, Russland, China, Indien und Südafrika (das sind 40 Prozent der Weltbevölkerung) von 2003 bis 2012 um 6,3 Prozent pro Jahr zu. Von 2013 bis 2022 soll er nochmal jährlich um 2,5 Prozent wachsen. Zugleich ist in Indien der Vegetarismus tief verwurzelt. Bei Umfragen geben ein Viertel bis ein Drittel der Inder an, Vegetarier zu sein - die Zahl der Fleischesser nimmt dennoch zu. Die Anpassung an die westliche Lebensweise machte den Verzehr von Fleisch zum Statussymbol. Quelle: dapd
Fleischproduktion verbraucht kostbare RessourcenDrei Viertel aller landwirtschaftlichen Nutzflächen werden in irgendeiner Weise für die Tierfütterung beansprucht. Für die Produktion von Nahrungsmitteln direkt für den Menschen wären sie viel effizienter zu verwenden. Weltweit wandern von der Jahresernte an Getreide wie Weizen oder Hafer mehr als 40 Prozent in die Futtertröge. Das sind fast 800 Millionen Tonnen. Hinzu kommen 250 Millionen Tonnen Ölschrote, etwa aus Sojabohnen. Anschaulich lässt sich sagen, dass für ein Gericht wie Curryhuhn etwa 1,36 Quadratmeter Land pro Person benötigt werden. Für einen Hamburger sind es sogar 3,61 Quadratmeter - davon 3,38 nur für das Fleisch. Quelle: dpa
Proteine aus alternativen QuellenUm zu naturgemäßeren Agrarsystemen zu finden, versuchen viele Organisationen und Netzwerke, andere Arten der Ernährung einzuführen. So werden etwa Wasserpflanzen wie Seetang als pflanzliche Protein-Alternativen beworben. In Asien sind sie bereits weit verbreitet: In Südkorea etwa werden 16,5 Kilogramm pro Person und Jahr verzehrt, in China sind es 7,9 Kilogramm. Quelle: dpa
Proteine aus alternativen QuellenEine andere Möglichkeit sind Insekten als Bestandteil der Nahrung. In Industrieländern verhindert allerdings bislang weitverbreiteter Ekel die Einbindung dieser Tiere in den Speiseplan. Einige Unternehmen loten die Möglichkeiten dennoch aus. So hat etwa die New Yorker Firma Exo einen Proteinriegel entwickelt, der Mehl aus Grillen enthält. Das ist clever, denn der essbare Anteil einer Grille beträgt 80 Prozent! Zum Vergleich: Bei Schwein und Geflügel sind es 55, bei Rind sogar nur 40 Prozent. Grillen emittieren zudem 80 Prozent weniger klimaschädliches Methangas als Vieh. Quelle: dpa
Tierseuchen regen ökologisches Bewusstsein anNicht nur in den Industrieländern, auch in weiten Teilen Asiens entwickeln die Menschen angesichts der Folgen der Massentierhaltung wie Vogelgrippe oder toten Schweinen, die in Flüssen entsorgt werden, ein Interesse für ökologische Lebensmittelproduktion. Der Markt für Bio-Produkte, der allerdings nicht zwischen tierischen und pflanzlichen Produkten aufgeschlüsselt wird, wird Prognosen zufolge stark wachsen. Allein in Indien wird bis 2015 mit einer Verfünffachung des Umsatzes kalkuliert. Quelle: dpa
Größter Fleischverarbeiter der Welt…… ist JBS aus Brasilien. Nach mehreren Übernahmen mauserte sich das 1953 gegründete Unternehmen zum weltweit größten Produzenten von Rindfleisch und Geflügel. JBS ist weit verzweigt, liefert in 150 Länder und gehört mittlerweile zu den zehn führenden internationalen Lebensmittel- und Getränkekonzernen. Mit einem Umsatz von 38,7 Milliarden Euro im Jahr 2012 schlägt der Konzern sogar Unilever, Cargill und Danone. Die Schlachtkapazitäten sind gewaltig: Täglich können 85.000 Rinder, 70.000 Schweine und 12 Millionen Vögel geschlachtet werden. Quelle: dpa
Kleine Metzger verlieren an BedeutungDie Metropolen der Welt wachsen so schnell, dass kleine Läden und der Metzger um die Ecke ihre Bedeutung verlieren. Übernommen wird der Fleischverkauf von Supermärkten und Fast-Food-Ketten. Normierte Waren erleichtern den massenhaften Absatz - das verschafft den Lebensmittelketten auch enorme Macht über die Lieferanten, die sich dem Preisdiktat beugen müssen. Durch den Preisdruck haben Produkte aus der Region kaum noch eine Chance: Millionen Kleinhändler weltweit haben durch die Eröffnung von Supermärkten ihre Existenzgrundlage verloren, weil sie nicht umsatzstark genug waren. Quelle: AP
Hormonbehandlungen sind üblichDicht an dicht saugen Ferkel an den Zitzen ihrer Mutter. Sauen in konventioneller Haltung werden systematisch mit Hormonen versorgt. So werfen sie oft 15 Ferkel - bei 14 Zitzen. "Überzählige" Ferkel werden dann meist getötet. Im Gegensatz zu sogenanntem Hormonfleisch von Tieren, die mit Wachstumshormonen behandelt wurden damit sie schneller Gewicht zulegen, ist die Behandlung mit Sexualhormonen in der EU erlaubt. In industriellen Ställen werden die Hormone eingesetzt, um den Zyklus der Sauen gleichzuschalten und so die passende Anzahl Sauen zur gleichen Zeit gebären zu lassen. Nach nicht einmal drei Wochen Säugezeit wird die Sau mithilfe weiterer Hormongaben sofort wieder tragend gemacht - eine "leere" Sau verursacht nur Kosten. Quelle: dpa

Im Durchschnitt isst jeder Deutsche in seinem Leben 1094 Tiere, verteilt auf vier Rinder, vier Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Mit einem jährlichen Fleischverzehr von rund 60 Kilogramm essen die Deutschen doppelt so viel Fleisch wie die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern. In den ärmsten Ländern der Welt liegt der Fleischkonsum unter 10 Kilogramm pro Jahr. Zugleich produzieren deutsche Fleischfabriken etwa 17 Prozent mehr Fleisch als verzehrt wird. Fast zwei Drittel der hiesigen Agrarflächen dienen inzwischen der Erzeugung von Futtermitteln. Diese und viele weitere Zahlen und Fakten enthält ein "Fleischatlas", der in Texten und Grafiken die globalen Zusammenhänge der Fleischerzeugung aufzeigt und von der Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) herausgegeben wurde.

Insgesamt finanzieren sich rund 1,3 Milliarden Menschen durch die Viehzucht. Die große Anzahl von ihnen lebt im Süden und hält die Tiere meist als Haustiere. Je reicher das Land ist, desto geringer wird die Zahl der Personen, die vom Geschäft mit dem Vieh profitieren. Die Umsätze der Fleischmultis sind laut Autoren des Fleischatlas gerade aufgrund der Professionalisierung der Branche stetig angewachsen. Massentierhaltung ist Standard und Zuchtlinien haben traditionelle Tierrassen ersetzt. Der größte Fleischerzeuger der Welt kommt aus Brasilien. Das Unternehmen JBS macht laut Fleischatlas einen Umsatz von 35 Milliarden Dollar. Auch Platz drei und fünf gingen 2011 an den Steak-Weltmeister aus Südamerika. Die USA und die EU sind ebenfalls mit drei Firmen in den Top Ten vertreten. Darunter auch die Deutsche Tönnies-Gruppe.

Die größten deutschen Fleischkonzerne

Dabei kritisiert die Berichterstattung im Fleischatlas stark, dass die Gewinne der großen Konzerne unter anderem auf Kosten von Umweltschäden durch Tierhaltung und staatliche Beihilfen gemacht werden. Dadurch zahlt der  Verbraucher deutlich mehr für sein Fleisch, als nur den Preis, der im Laden abgerechnet wird. „Wir machen Fleisch viel billiger, als es eigentlich ist“, schrieb schon der Schriftsteller Jonathan Safran Foer in seinem Buch „Tiere essen“. Die Argumentation: Wer Fleisch isst, zahlt dreimal dafür: als Käufer, als Steuerzahler und als Umweltnutzer.

Bei den letzten beiden handelt es sich um versteckte Zahlungen, die in Form von Subventionen für die Hersteller geleistet werden. Am schwersten zu berechnen sind laut Broschüre die Kosten, die durch die Umweltbelastung entstehen. Hierzu gehört die Überdüngung, die vor allem durch Massentierhaltung entsteht, sowie der Einfluss auf das Trinkwasser durch die hohe Nitratbelastung der Düngemittel.

Soviel Geld geht vom Staat als Zuschuss in die Produktion tierischer Erzeugnisse. Quelle: Tieratlas 2012/OECD Quelle: Screenshot

Hinzu kommen Subventionen durch milliardenschwere EU-Hilfen, die sowohl für Flächen als auch für Infrastruktur gezahlt werden. Auch Ställe werden aus Brüssel mit bis zu 50 Prozent unterstützt, heißt es weiter. „Wir brauchen eine Kehrtwende in der Agrarpolitik. Das heißt: Subventionen für die intensive Fleischproduktion streichen, Landnahme im Süden verhindern, die kleinbäuerliche Landwirtschaft fördern und das Menschenrecht auf Nahrung endlich ernst nehmen“, forderte Barbara Unmüßig, aus dem Vorstand der Heinrich Böll-Stiftung.

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