WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Meeresforschung Arktische Tiefsee wird zur Müllkippe

Lange galt die arktische Tiefsee als ein vom Menschen nahezu unberührter Lebensraum. Doch jetzt sind Forscher am Meeresgrund auf unerwünschte Zeugnisse unserer Wohlstandsgesellschaft gestoßen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Grafische Darstellung des Kamerasystems, mit dem die Forscher den Tiefseeboden erkundeten. Quelle: Normen Lochthofen, Alfred-Wegener-Institut

Düsseldorf Selbst eine der unzugänglichsten Meeresregionen, die Tiefsee der Arktis, wird vom Wohlstandsmüll in Mitleidenschaft gezogen. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) haben mit Hilfe spezieller Unterwasser-Fotos eine deutliche Zunahme von Plastikmüll auf dem Meeresboden in der arktischen Tiefsee nachgewiesen.

„Der Arktische Ozean und vor allem seine Tiefseegebiete galten lange Zeit als entlegene, nahezu unberührte Regionen der Erde“, berichten die Wissenschaftler. Gerade vor diesem Hintergrund sei der beobachtete Anstieg bedenklich.

Für die Studie untersuchte  AWI-Forscherin Melanie Bergmann rund 2100 Fotoaufnahmen vom Meeresboden am sogenannten „Hausgarten“, dem Tiefsee-Observatorium des AWI in der östlichen Framstraße zwischen Grönland und der norwegischen Insel Spitzbergen. Dort schwebt in einer Wassertiefe von 2500 Metern ein Kamera-System etwa 1,5 Meter über dem Meeresgrund und macht etwa alle 30 Sekunden eine Aufnahme vom Boden unter sich. Seine Aufnahmen dienen den Tiefseebiologen vor allem dazu, Veränderungen in der Artenvielfalt von größeren Tiefseebewohnern wie Seegurken, Seelilien, Fischen und Garnelen zu dokumentieren.

Bergmann verglich die Aufnahmen aus 2011 mit Bildern aus den Jahren 2002, 2004, 2007 und 2008 – und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: „Bei den Aufnahmen aus dem Jahr 2002 finden sich auf rund einem Prozent der Fotos Müllreste, in erster Linie Plastik. Bei den Bildern aus dem Jahr 2011 machten wir dieselbe Entdeckung auf rund zwei Prozent der Fotos. Die Müllmenge am Meeresgrund hat sich also verdoppelt.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen


    Problematisch ist vor allem die lange Lebensdauer

    Ein Ergebnis von zwei Prozent mag im ersten Moment wenig bedrohlich erscheinen. Wie groß das wahre Ausmaß der Verschmutzung jedoch ist, zeigt die Tatsache, dass sich damit in der lange als nahezu unberührt angesehenen arktischen Tiefsee genauso viel Plastikmüll findet wie in einem Meeresgraben unweit der portugiesischen Metropole Lissabon. Und dabei sei noch zu bedenken, dass sich in Tiefseegräben mehr Plastikabfall ansammele als an Hängen wie jenem, an dem sich der „Hausgarten“ befinde, so Bergmann.

    Woher die Müllstücke am „Hausgarten“ stammen, konnten die Forscher nicht bestimmen. Sie vermuten jedoch, dass der Rückgang des arktischen Meereises in dieser Frage eine entscheidende Rolle spielt. „Die arktische Meereisdecke wirkt normalerweise wie eine Barriere. Sie verhindert, dass Wind Müll vom Land aus in das Meer weht und versperrt den meisten Schiffen den Weg. Seitdem die Eisdecke jedoch regelmäßig schrumpft und dünner wird, hat der Schiffsverkehr stark zugenommen“, so Bergmann. Müllzählungen an Stränden Spitzbergens hätten zudem ergeben, dass der dort angespülte Abfall hauptsächlich von Hochseefischern stamme.

    Klar ist aber, dass die zunehmende Verschmutzung auf Kosten der Tiefsee-Bewohner geht. Der Kontakt mit Plastik kann bei Schwämmen und anderen Tiefsee-Bewohnern zu Verletzungen der Körperoberfläche führen. Die Folge: Die Bodenbewohner können weniger Nahrungspartikel aufnehmen, wachsen deshalb langsamer und vermehren sich vermutlich seltener. Auch die Atmung könnte behindert werden. Zudem enthält Plastik auch immer chemische Zusatzstoffe, die auf ganz unterschiedliche Weise giftig wirken.

    Als besonders problematisch sehen die Forscher die Haltbarkeit des Plastikmülls an. „Plastikteile, die in die Tiefsee hinabsinken, zerfallen nicht so schnell in Mikropartikel wie es zum Beispiel am Nordseestrand der Fall ist“, so Bergmann. „Dazu fehlen in 2500 Metern Tiefe sowohl das Sonnenlicht als auch die stärkere Wasserbewegung. Stattdessen ist es dort unten dunkel und kalt. Unter diesen Bedingungen kann Plastikabfall wahrscheinlich Jahrhunderte überdauern.“

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%