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Meinungsumfragen zur Energiewende Warum Bürger Sonnenstrom und Braunkohle zugleich wollen

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Wie passt das zusammen?

Ein Erklärungsversuch: Bei jeder Umfrage kommt es auf die Fragestellung an. Wenn ich die Menschen, die vom Kohleabbau leben, frage, ob dieser fossile Energieträger wirtschaftlich notwendig ist, dann kann ich mir die Antwort auch gleich selbst geben. Im rheinischen Revier sehen 60 Prozent der Befragten Braunkohle als notwendig an. In der Lausitz, im ostdeutschen Braunkohlegebiet, sind es sogar 77 Prozent. Überraschend ist das nicht. In diesen strukturschwachen Regionen sind die Menschen abhängig von den Kohle-Arbeitsplätzen. So klaffen die Meinungen zwischen diesen Regionen und dem Rest der Republik logischerweise weit auseinander. Deutschlandweit betrachten nur 35 Prozent die Steinkohle und nur 32 Prozent die Braunkohle langfristig als wichtige und notwendige Energieträger für die Energieversorgung in Deutschland.

Der Auftraggeber dieser Umfrage ist der Energieversorger RWE, genauer gesagt deren Sparte RWE Power, die das Energiegeschäft mit fossilen Energieträgern wie Stein- und Braunkohle betreibt. Nun will niemand unterstellen, dass hier der Auftraggeber der Umfrage ein entsprechendes Ergebnis wünscht.

Die schmutzigsten Kohlekraftwerke Deutschlands
Platz 10: Kohlekraftwerk Schkopau von EonDie Umweltschutzorganisation Greenpeace hat den Schadstoffausstoß der Kohlekraftwerke in Deutschland ausgewertet und die schlimmsten Luftverschmutzer ermittelt. Auf dem zehnten Platz findet sich das Braunkohlekraftwerk Schkopau in Sachsen-Anhalt. Das Werk, das laut Greenpeace jedes Jahr 4770 Tonnen Schwefeldioxid und 3320 Tonnen Stickoxide ausstößt, gehört dem Energieversorger Eon. Der Kraftwerkspark des Unternehmens ist im Vergleich zu seinen Konkurrenten jedoch insgesamt umweltfreundlicher. Acht der neun gesundheitsschädlichsten Kraftwerke gehören Vattenfall und RWE. Quelle: dpa
Platz 9: Kraftwerk Schwarze Pumpe von VattenfallAuf dem neunten Platz rangiert das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe südlich von Cottbus. Es gehört dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Das Kraftwerk stößt jedes Jahr 7060 Tonnen Schwefeldioxid und 4610 Tonnen Stickoxide aus. Solche Schadstoffemissionen verursachen laut Greenpeace Herzinfarkte und Lungenkrebs und führen vermehrt zu Asthmaanfällen und anderen Atemwegskomplikationen. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 8: Kohlekraftwerk Schloven von EonDas Kohlekraftwerk in Gelsenkirchen ist sowohl das einzige Steinkohlekraftwerk unter den Top-10 der größten Luftverschmutzer, als auch nur eines von zwei Kohlekraftwerken unter den größten zehn Dreckschleudern des Eon-Konzerns überhaupt. Konzernchef Johannes Teyssen (Foto) hat in den vergangenen Jahren vielmehr in Gas investiert und verfügt somit nur über einen verhältnismäßig kleinen Kohlekraftwerkspark. Quelle: dpa
Platz 7: Kraftwerk Neurath von RWEAuf dem siebten Platz findet sich wieder ein Kraftwerk von RWE. Es stößt jedes Jahr laut Greenpeace 3190 Tonnen Schwefeldioxid und 11.700 Tonnen Stickoxide aus. Quelle: dpa
Platz 6: Kraftwerk Boxberg von Vattenfall Auch das Kraftwerk Boxberg gehört zu den größten Umweltverschmutzern Deutschlands. Es ist das zweitgrößte Braunkohlenkraftwerk Vattenfalls in Deutschland. Es produziert 15.600 Gigawatt Strom im Jahr und versorgt damit 3,1 Millionen Haushalte. Quelle: dpa
Platz 5: Kraftwerk Frimmersdorf von RWEDas RWE-Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf steht hinter der Gemeinde Gustorf bei Grevenbroich im Kreis Neuss. Jedes Jahr stößt das Kraftwerk 5620 Tonnen Schwefeldioxid, 9070 Tonnen Stickoxide und 257 Tonnen Feinstaub aus. Quelle: dpa
Platz 4: Kraftwerk Weisweiler von RWEDen vierten Platz belegt das Kraftwerk Weisweiler von RWE. Der erste Strom wurde dort bereits 1955 produziert. Bis 1975 wurden acht Blockanlagen in Betrieb genommen. Jedes Jahr verschmutzt das Werk die Luft mit 3060 Tonnen Schwefeldioxid und 12.700 Tonnen Stickoxiden. Quelle: dapd

Aber merkwürdig ist es schon, dass sich ein Versorger von einer Umfrage bestätigen lässt, ja unser Geschäft mit der Braunkohle ist richtig, von den Bürgern gewünscht und wirtschaftlich unabdingbar. Hilft das dem Geschäft? Unbestritten ist, dass die Braunkohle ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Deutschland ist, weil die erneuerbaren Energien noch nicht so weit ausgebaut sind, als dass wir ohne Kohle auskommen können. Muss sich das aber ein Konzern wie RWE in einer Umfrage bestätigen lassen? Und zu welchem Zweck?

RWE ist einer der größten CO2-Emittenten in Europa

Merkwürdig mutet auch die Feststellung in der Umfrage an, nur eine Minderheit der Bevölkerung in Deutschland spräche sich für die Abschaltung der Kohlekraftwerke aus. Gegen die Kohlemeiler habe doch nur eine bestimmte Bürger- und Wählergruppe Vorbehalte. „Die überaus kritische Diskussion über die Braunkohle in Medien und Politik hat klare (negative) Auswirkungen auf das Image der Braunkohle“, heißt es in der Umfrage. Was soll das heißen? RWE setzt doch selbst auf die erneuerbaren Energien. Machen die das nur, weil die Braunkohle so ein schlechtes Image hat? Und an dem schlechten Image sind auch nur die Politik und die Medien Schuld? Da macht es sich RWE aber etwas zu einfach.

Umwelt



 

Fest steht, der Energiekonzern RWE gehört mit seinen Kohlekraftwerken europaweit zu den größten Kohlendioxid-Emittenten. Und dafür, dass der Konzern ab 2017 einige seiner ältesten und damit größten CO2-Produzenten aus dem Verkehr zieht, erhält das Unternehmen eine Entschädigung vom Staat in Millionenhöhe. Offenbar bleibt da genügend Kleingeld übrig, um eine Forsa-Meinungsumfrage in Auftrag zu geben, deren Nutzen sich nicht wirklich erschließt.

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