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Naturschutz In unserem Papier steckt illegales Tropenholz

Trotz Verbots verkaufen auch deutsche Anbieter Schreibwaren aus illegal geschlagenem Tropenholz. Eine Analyse zeigt: Betrügerische Zulieferer haben es leicht, denn die Kontrollen sind zu lasch.

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Raubbau an der Natur: Ein Arbeiter in Indonesien fällt illegal tropische Bäume. Durch lasche Kontrollen gerät das Holz auch nach Deutschland und findet sich zum Beispiel in Papier. Quelle: Reuters

Bei Heinz-Joachim Schaffrath hat die Begeisterung Tradition. In seiner Kindheit nahm ihn sein Vater, ein ostfriesischer Papiermacher, oft zur Arbeit mit. Dort sah er, wie sich Berge von Altpapier stapelten. In der Fabrik verwandelten sie sich wieder in glatte, neue Bögen. „Seitdem fasziniert mich dieser Wertstoff“, erzählt der 52-Jährige.

Heute leitet er das Labor für physikalische Papierprüfung an der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Er testet das Material dort nicht nur auf Qualität oder Reißfestigkeit. Wie ein Kriminalist spürt er zudem der Herkunft des Stoffes nach. Anhand von Fasern und Zellen erkennt er, von welcher Baumart sie stammen – und stößt immer wieder auf Hölzer aus tropischen Naturwäldern.

Bewirtschaften die Besitzer sie nachhaltig, etwa nach den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC), ist das in Ordnung, sagt Johannes Zahnen, Papierexperte der Umweltorganisation WWF. Doch das sei die Ausnahme. „Die Papierindustrie betreibt in den Tropen oft einen hemmungslosen Raubbau – auch illegal.“

Dabei ist die Rechtslage klar: Seit März 2013 verbietet die Holzhandelsverordnung der Europäischen Union (EUTR) Importe einer Reihe von Produkten aus illegal geschlagenem Holz.

Holzarten werden gemischt, um Herkunft zu vertuschen

Trotzdem belegen Recherchen der WirtschaftsWoche, dass noch immer solche Schreibwaren, Büro- und Geschenkartikel nach Deutschland gelangen. Grundlage sind Untersuchungen mehrerer Papierprodukte, die die TU Darmstadt im Auftrag des WWF zwischen März und Juni 2014 durchgeführt hat. Immerhin fast jede fünfte Probe – 18 Prozent von 144 Tests – mussten die Forscher beanstanden. Ein Muster, das durchscheint: Die Hersteller mischen nicht deklarierte Holzarten mit legalen und versuchen, sie so reinzuwaschen.

Rückgang der Waldfläche zwischen 2000 und 2010

Die deutschen Importeure beziehen ihre Waren meist aus China, wo sie günstig produzieren lassen können. Auch darum ist das Land mittlerweile größter Zellstoffimporteur der Welt. Einer der bedeutendsten Lieferanten für Chinas Papierfabriken ist Indonesien, das seit Jahren wegen der Abholzung von Wäldern in der Kritik steht.

Großteil des Holzes aus illegalen Quellen

Die Vereinten Nationen schätzen, dass dort und in anderen Tropenregionen bis zu 90 Prozent des Holzes aus illegalen Quellen stammt. Artensterben, Klimawandel – die Natur zahlt einen hohen Preis. Holz aus illegalem Raubbau zählt laut Interpol neben Drogenhandel und Produktpiraterie zu den wichtigsten Einnahmequellen der organisierten Kriminalität.

Ziel der EU war, das mit der EUTR einzudämmen. Importeure müssen Holzart und -herkunft nachweisen und berücksichtigen, dass illegal geschlagene Stämme etwa durch Korruption in die Lieferkette geraten. Wer Gesetzesverstöße „nicht weitestgehend ausschließen“ könne, dürfe das Produkt nicht vermarkten, heißt es bei der Kontrollbehörde, der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

Den Worten von Lieferanten kann man nicht vertrauen

So weit die Theorie. Die Analysen der TU Darmstadt zeugen von einer anderen Praxis: Das Unternehmen Depesche etwa, ein führender Anbieter von Gruß- und Geschenkartikeln in Europa aus Geesthacht nahe Hamburg, bezieht viele Produkte aus China – und unterliegt den EUTR-Vorgaben. Dennoch fand Forscher Schaffrath in seinen Analysen in acht Artikeln Tropenholz aus Naturwäldern – in Anteilen von 7 bis 35 Prozent. Zu Zellstoff verkocht, sei der Tropenholz-Nachweis nicht einfach, sagt er. „Wenn Unternehmen mit Raubbau Geld verdienen wollen, ohne dass man ihnen auf die Schliche kommt, müssen sie es verdünnt einführen.“

Die Verantwortlichen bei Depesche konnten auf Nachfrage keine Legalitätsnachweise vorlegen, behaupten aber, seit 2014 nur noch Produkte mit dem FSC-Siegel zu beziehen. Die untersuchten Produkte seien davor importiert worden, sagt Sprecherin Wiebke Wolf. Zudem hätten die Lieferanten versichert, die Produkte stammten nicht aus Raubrodungen tropischer Wälder. „Diesem Wort haben wir vertraut.“ Doch Vertrauen allein – da ist die EUTR eindeutig – reicht nicht.

Wer bei der Nachhaltigkeit punktet
Gelsenkirchen Quelle: obs
Oberhausen Quelle: dpa/dpaweb
Krefeld Quelle: AP
Herne Quelle: dpa/dpaweb
Hamm Quelle: dapd
Mönchengladbach Quelle: dpa/dpaweb
Essen Quelle: AP

Kein Legalitätsnachweis

Beispiel Iden: Die Berliner Unternehmensgruppe hatte im Oktober 2013 eine Geschenktüte von der chinesischen Fujian Jiamei Group Corporation eingeführt. Laut Laborbericht der TU Darmstadt enthält deren Innenseite zwölf Prozent illegales Tropenholz aus Naturwäldern. Auch Iden legte auf Nachfrage keinen Legalitätsnachweis vor, ließ stattdessen durch seinen Anwalt Thorsten Feldmann mitteilen, die Tüte enthalte überwiegend Eukalyptus und sei FSC-zertifiziert. Letzteres ist falsch.

Denn mit dem FSC-Siegel dürfen sich nur Produkte schmücken, wenn alle Zulieferer zertifiziert sind. Die Fujian Jiamei Group Corporation ist das erst seit dem 10. November 2014 – war es zum Zeitpunkt der Geschenktüten-Lieferung also noch nicht.

FSC Deutschland reagiert verärgert. „Der seit 2012 zertifizierten Firma Iden hätte dieser Umstand bekannt sein müssen“, sagt Geschäftsführer Uwe Sayer. „Wir behalten uns vor, gegen solche falschen Aussagen rechtliche Schritte einzuleiten.“

"Ohne Stichproben geht es nicht"

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Iden hat Konsequenzen gezogen. „Um Problemen bei der Wahrnehmung unserer Produkte in der Öffentlichkeit vorzubeugen“, teilt Feldmann mit, habe man auf FSC-Qualität umgestellt. Zudem hat Iden ein System etabliert, das Zulieferer verpflichtet, Herkunftsnachweise zu unterzeichnen und sich durch externe Zertifizierer kontrollieren zu lassen. Die BLE habe Iden im September 2014 überprüft und nichts beanstandet, so der Anwalt.

Den Papierexperten Zahnen erstaunt das nicht. Der WWF beklage seit Jahrzehnten, dass Dokumente aus Ländern wie China das Papier nicht wert seien, auf das sie gedruckt sind. „Da kann es doch nicht sein, dass die BLE sich mit abgehefteten Papieren zufrieden gibt. Ohne Stichproben und kritisches Hinterfragen geht es nicht.“

Doch selbst wenn es härtere Kontrollen gäbe, würde illegales Tropenholz weiter nach Deutschland gelangen. Die EUTR hat befremdliche Lücken: Produkte wie ein Gartentisch fallen unter die Verordnung, Gartenstühle, Bücher oder Musikinstrumente sind dagegen ausgenommen.

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