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Rezension „Klimafakten“ Ein Wetterfrosch erklärt das Klima

Nach dem Abgang von Jörg Kachelmann ist Sven Plöger der bekannteste Wetterexperte der TV-Republik. Passend zum neuen IPCC-Bericht ist sein Buch „Klimafakten“ erschienen, in dem er mit vielen Missverständnissen aufräumt.

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Seit dem Abgang von Jörg Kachelmann ist Sven Plöger Deutschlands bekanntester Wetterfrosch. Quelle: dpa

Düsseldorf Nicht jeder Fernsehmann vor einer Wetterkarte ist gelernter Meteorologe. Zudem geben gerade private TV-Sender verstärkt knapp bekleideten weiblichen Schönheiten den Vorzug. Sven Plöger steht für Qualität. Der studierte Meteorologe berichtet seit 1999 in Funk und Fernsehen über das Wetter und ist seit dem Abgang von Jörg Kachelmann Deutschlands bekanntester „Wetterfrosch“.

Nun hat Plöger gemeinsam mit Frank Böttcher, dem Chef des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, ein hilfreiches Buch geschrieben. Der Titel „Klimafakten“ könnte langweiliger kaum sein, gibt aber einen Hinweis auf die nüchterne Aufräumarbeit, die hinter dem Projekt steht. Plöger ist Journalist und als solcher so objektiv, wie es ein Buchautor eben sein kann. Das gilt auch für den Wissenschaftler Frank Böttcher.

Wie wichtig das gerade beim Thema Klimawandel ist, erklären die Autoren gleich zu Beginn des Buches: „Die einen sagen, dass der Klimawandel eine Katastrophe ist, die wir Menschen verursachen. Die anderen sagen, dass der Klimawandel von der Sonne verursacht wird.“ Nicht-Wissenschaftler würden in dieser Gemengelage der eloquenten Fachleute leicht zu falschen Eindrücken kommen.

Diesem Urteil kann man nicht widersprechen und entsprechend lesenswert ist dieses Buch, eben weil es Unwissenheit zugibt, wo es keine klaren Antworten gibt. Plöger vereinfacht komplizierte Dinge nicht über Gebühr - trotz einer verständlichen Sprache. Das Buch soll ein „Wegweiser durch die Stimmenvielfalt“ sein, aber kein „allumfassendes Klimabuch“. Diesem Anspruch wird genüge getan.

Zunächst machen die Autoren deutlich, dass wir über unsere Verhältnisse leben: Weil wir etwa alljährlich die nachwachsenden Ressourcen von 1,4 Erden verbrauchen. Handeln tun also not, aber auch weh. Denn irgendwer muss die Energiewende („wird sicher kommen“) bezahlen. Und wer zahlt schon gern für etwas, wovon er nichts hat, sondern erst die Nachkommen?


Warum sich manche Menschen den Klimawandel wünschen

Die Autoren kennen die falschen Eindrücke sehr genau, die sich bei den Menschen festgesetzt haben, die ihr Klima-Wissen allein aus Massenmedien beziehen. Wenn 97 Prozent der Wissenschaftler davon ausgehen, dass der Mensch am Klimawandel eine wesentliche Mitschuld trägt, dann wird in der Talkshow dennoch ein Vertreter der Drei-Prozent-Minderheit eingeladen. Und so entsteht leicht der Eindruck, dass es eher 50:50 zugeht unter den Fachleuten.

Schnell aber verlassen die Autoren diese allgemeine Ebene und erklären stattdessen die Klimafakten bis ins Detail. Manche Passagen muss man zweimal lesen, aber es ist ja eben auch eine komplizierte Materie – manch ein vorgängerwerk war schon unpräziser. So erfährt der Leser zum Beispiel, was der anthropogene Treibhauseffekt ist, welche Rolle Wasserdampf und Kohlendioxid wirklich spielen und dass die vermeintliche Häufung von Unwettern in den vergangenen Jahren keineswegs eine Folge des Klimawandels sein muss, sondern dies alles Schwankungen sein können.

Schön zu lesen ist das Kapitel über die Aussage, dass sich viele Deutsche den Klimawandel sogar wünschen. Schließlich seien wir geprägt durch das „Urwetter“ und fänden Temperaturen zwischen 23 bis 25 Grad ideal. Und von solchen Tagen würden wir infolge des Klimawandels wohl mehr abbekommen als bisher. Entsprechend werben die Autoren für „mehr Freude über kühleres Wetter“.

Die Autoren streifen lebensnahe Themen wie die Höhe des Strompreises, saubere Luftfahrt oder den Smog in China. Doch meist beantworten sie Fragen, die viele Leser umtreiben dürften: Wie gehen Erderwärmung und kalte Winter zusammen? Gibt es in Deutschland bald mehr Tornados? Was passiert, wenn das Eis schmilzt? Oder welche Folgen das Artensterben und die Rodung des Regenwaldes haben.

Am Ende bleibt dem Leser kein Punch - keine klare Aussage, mit der er beim Stammtisch die Streitenden zum Verstummen bringt, wohl aber viele Falschaussagen richtig stellen kann. Die Autoren bleiben im Vagen präzise: „Kein seriöser Wissenschaftler wird heute sagen können, wie sich die globale Temperatur in den kommenden Jahren und Jahrzehnten genau entwickeln wird.“

„Unaufgeregtes“ Handeln mahnen die Autoren an. Es gibt Klimaveränderungen und der Mensch hat daran seinen Anteil. Mit diesem Resümee schafft man es nicht auf die Seite 1 der Bildzeitung, aber genau das wollen Plöger und Böttcher ja auch nicht. Und gerade deshalb lohnt sich die Lektüre dieses schmalen Buches –  gerade an einem kühlen, verregneten Herbsttag.

Sven Plöger/Frank Böttcher

Klimafakten

Verlag Westend176 Seiten/12,99 Euro
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