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Sonnenenergie Solarbranche: Leben auf dem Sonnendeck

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Conergy-Gründer Dieter Ammer

Neulich war Frank Asbeck bei einer bulgarischen Wahrsagerin, 30 Euro kostete das. Die Frau war gut, sagt Asbeck, sie hat ihm gesagt, dass er Probleme mit den Knien habe, dass er mehr Hühnchen essen solle und weniger Brot. Und sie hat ihm erzählt, dass er mit 74 ein gesundheitliches Problem bekommt. Und bis dahin will er weitermachen wie bisher? Kein Gedanke, die Millionen zu genießen und die Firma in die Hände eines Geschäftsführers zu legen? Aber nein, sagt Asbeck, doch nicht jetzt, wo’s richtig losgeht.

Natürlich, manchmal kommt er sich vor wie ein Soldat nach dem Krieg, die Kameraden alle gefallen: Von den Gründern sind ja kaum noch welche übrig, sagt Asbeck; zuletzt musste Anton Milner bei Q-Cells den Hut nehmen, davor Hans-Martin Rüter bei Conergy. Aber Asbeck ist eben Asbeck. Er möchte wissen, wie sich das anfühlt, wenn das Unternehmen erwachsen wird, zum Konzern reift und langsam ergraut. Asbeck möchte bleiben – und eine kleine Dynastie aufbauen. Seine Aktien gehen nach seinem Tod in eine Stiftung, die von seiner Frau oder seinen Kindern geführt wird, so ist es besprochen. Und er selbst will wirklich erst mit 74 Schluss machen? Wieso 74, fragt Asbeck: Ich habe der Wahrsagerin 30 Euro extra gegeben – da hat sie auf 84 erhöht.

Dieter Ammer weiß noch nicht genau, was er am 1. August dieses Jahres tun wird. Sehr wahrscheinlich eine Aspirin schlucken, sagt er und schmunzelt. Ammer steht in seinem Büro am Hamburger Anckelmannsplatz, siebter Stock, sein Blick schweift über das Fleet, in die Ferne, da zieht es ihn jetzt hin, möglichst weit weg von hier. Seine Frau und seine drei erwachsenen Kinder haben ihm vor zweieinhalb Jahren gesagt, er solle sich das gut überlegen. Ammer hat es sich damals gut überlegt – und sich entschieden, sein viertes Kind zu retten, die Conergy AG, ein seinerzeit schlimm pubertierendes Unternehmen, das versprach, zur „Microsoft der erneuerbaren Energien“ aufzusteigen – und das wegen einer Überdosis Größenwahn in akuter Lebensgefahr schwebte.

Der Sanierer

Nun also ist es so weit, Ammer hat sein Kind gerettet, jedenfalls scheint es so, noch liegt es auf der Intensivstation, aber seine Lebensfunktionen sind stabil; es muss jetzt allein zu Kräften kommen. Am 31. Juli ist Schluss für Ammer; am 1. August nimmt seine Abschiedsfeier mit einer Aspirin ihr Ende; am 5. August wird er 60 Jahre alt. Ammer freut sich. Die Zeit ist reif für Rückblicke auf ein erfolgreiches Managerleben, für lange Urlaube in Frankreich, für ein paar Segeltörns – und für viele verweilende Blicke auf die träumerische Unendlichkeit der Landschafts- und Wolkenbilder der amerikanischen Malerin Tula Telfair, mit denen Ammer sich so gerne umgibt.

Dieter Ammer ist Büchsenmacher von Beruf, Glaser und Diplom-Volkswirt. Er hat als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater bei Arthur Andersen gearbeitet, aus ein paar Zuckerrübenbauern die mächtige Nordzucker AG geformt, er hat die Bremer Brauerei Beck geführt und teuer an die belgische Interbrew verkauft, er hat Beiersdorf der Hamburger Tchibo Holding einverleibt – und jetzt, nach alledem, im Januar 2007, will Dieter Ammer seine hanseatische Kaufmannskarriere mit der Vermehrung seines Vermögens krönen.

Ammer hält Anteile an einem Hamburger Papier- und Zellstoffhändler und an einem Schweizer Mineralwasseranbieter, er hat 45 Millionen Euro beim Börsengang der Conergy AG (2005) erlöst und besitzt immer noch 12,7 Prozent der Aktien. So langsam kann die Karriere ausklingen. Wenn, ja wenn Conergy nicht plötzlich am Rand des Ruins stehen würde – ausgerechnet Conergy, das Unternehmen, das er 1998 mitgegründet hat, das Unternehmen, das nicht Ammers Managerkalkül herausfordert, sondern sein Unternehmerherz berührt.

Ohne Dieter Ammer würde es Conergy nicht mehr geben, darin sind sich alle in der Branche einig. Sein Vorgänger Hans-Martin Rüter, ein Enkel der Halbschwester von Ammers Mutter, hat das Unternehmen nach dem Börsengang wild wuchern lassen, es aufgebläht zu einem Mischkonzern ohne Fokus, Ziel und Richtung. Die Conergy AG ist überall dabei und nirgends gewinnbringend unterwegs, sie handelt mit Fotovoltaikprodukten und beschließt den Bau einer 250 Millionen Euro teuren Solarfabrik in Frankfurt/Oder; sie schließt auf dem Höhepunkt der Ressourcenknappheit einen acht Milliarden Dollar schweren Liefervertrag mit dem amerikanischen Siliziumhersteller MEMC ab und versteht sich zugleich als Alleskönnerin, als Unternehmen für Solarstrom und Solarthermie, für Windparks, Biomasse und Wärmepumpen – für eine blühende Zukunft als „grüne Siemens des 21. Jahrhunderts“.

Notfallmedizinische Maßnahmen

Im Vorstandszimmer des alerten Rüter stehen ein Stepper und eine Liege; manchmal sieht man den braungebrannten Chef auf einem Segway über die Flure flitzen, er grüßt nach links und grüßt nach rechts: Hallo, hier kommt Hans-Martin. Man kennt sich, und man duzt sich bei Conergy, die Stimmung ist ein bisschen Google – und so fällt es kaum auf, dass der Solarmodulhändler Conergy seine Waren nicht beim Solarmodulproduzenten Conergy kauft, weil die Konkurrenz viel billiger produziert. Das Ergebnis: Conergy schließt 2007 bei einem Umsatz von 706 Millionen Euro mit einem Minus von 248 Millionen Euro ab.

Im November kommt Ammer und räumt auf, er macht es nicht gern, das merkt er schon nach ein paar Wochen. Wenn man zu lange saniert, wird man zynisch, sagt er heute, alles Graue werde schwarz. Einem, der die Klinge mit sichtbarer Freude kreisen lässt, kündigt Ammer nach fünf Monaten; er kann beim Streichen von 1000 Arbeitsplätzen den Anblick von Freude nicht ertragen.

Zunächst verschafft Ammer dem Unternehmen Liquidität, sein guter Name zählt in Hamburg, die Banken räumen Conergy einen Brückenkredit ein, Ammers Freund Otto Happel, früher Großaktionär des Maschinenbauers Gea, lässt sich zum Einstieg überreden, Andreas und Thomas Strüngmann, die mit dem Verkauf des Generikaherstellers Hexal an Novartis reich geworden sind, beteiligen sich ebenfalls. Nach diesen ersten, notfallmedizinischen Maßnahmen sucht Ammer, sich mit MEMC zu vergleichen und seine Nachfolge zu regeln: Er gewinnt Andreas von Zitzewitz, den ehemaligen Chef des Halbleiterherstellers Infineon – wegen Bestechlichkeit verurteilt, sagt Ammer, ich weiß – aber wenn es nicht so wäre, hätte ich ihn vielleicht niemals nach Hamburg locken können.

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