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Sonnenenergie Solarbranche: Leben auf dem Sonnendeck

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Amerikaner vorn

Ammer konzentriert Conergy auf das Solargeschäft, stößt Rand- und Auslandsbeteiligungen ab, denkt über den Verkauf der Fabrik in Frankfurt/Oder nach. Die Preise für Silizium sind dramatisch gefallen, aus dem Rohstoffengpass, der die Produktion anfangs hemmte, ist ein Überangebot geworden; Conergy zahlt auf der Basis seines langfristigen Vertrags viel zu viel für seine Siliziumblöcke – und ist nicht konkurrenzfähig.

Erst als Ammer den Vertrag mit MEMC auf Eis legt, sich später mit dem Zulieferer vergleicht und den Vertrag auf ein Zehntel des ursprünglichen Volumens zusammenstreicht, gewinnt die Fabrik eine Perspektive. Seit Oktober 2009, so Werkschef Michael Erler, sei man endlich profitabel: sinkende Rohstoffpreise, Fixkostendegression, Prozessoptimierung – das Ruder sei herumgerissen. Erler zeigt stolz seine Lieblingsfolie, die mit der Kostenentwicklung: Ausgangswert 100 im Januar 2009, runter auf 42 im März 2010.

Heute, sagt Ammer, sei das Werk in Frankfurt die Visitenkarte des Unternehmens, die gläserne Fabrik der neuen Conergy – der perfekte Ausdruck des hohen Qualitätsanspruchs, den man als Hersteller und Händler von Solarmodulen an sich selbst stelle. Einen Ausbau der Produktion in Deutschland sieht Ammer nicht. Conergy werde seine besonders hochwertigen Produkte in Frankfurt/Oder herstellen, das ist alles – und das Handelsgeschäft im Übrigen mit einem möglichst hohen Anteil von Produkten aus Lizenzfertigungen im Ausland bestücken.

Entschlossenes Schweigen

Und das Unternehmen? Alles wieder in Butter? Weit gefehlt. Ammers Bilanz ist nicht fleckenlos. Conergy hat die Vorlage seiner Bilanz um etliche Wochen verlegt, weil sich die Gespräche mit den Banken zur Verlängerung von Kreditlinien in Höhe von 600 Millionen Euro hinziehen – und die Bilanz schließlich ohne Testat der Wirtschaftsprüfer vorgelegt. Großinvestor Happel hat seine Beteiligung am Unternehmen nicht auf 25 Prozent erhöht, wie geplant, sondern ist mit Verlust ausgestiegen – ein neuer Ankeraktionär wird dringender denn je gesucht.

Die Commerzbank, die 37 Prozent der Anteile hält, hat erst vor wenigen Wochen von der Europäischen Kommission grünes Licht für eine Übernahme erhalten, ist aber offensichtlich nicht interessiert, im Gegenteil: Sie möchte ihre Anteile loswerden, heißt es. Viel schlimmer ist, dass die Umstände eines Aktienverkaufs am 30. März 2007 noch immer nicht geklärt sind: Rüter hat damals Anteilsscheine im Wert von 16 Millionen verkauft – und Ammer, Chef des Aufsichtsrates, rund 11 Millionen erlöst.

Den im Raum stehenden Vorwurf des Insiderhandels und der Bilanzmanipulation weist Ammer weit von sich: Er habe nichts von einem drohenden Geschäftseinbruch geahnt; er finde es beschämend, verdächtigt zu werden, der Vorstand sei damals zuständig gewesen, nicht er – mehr wolle er dazu nicht sagen, das Verfahren schwebe noch. Mit Rüter habe er im Moment jedenfalls keinen Kontakt, sagt Ammer – und sein entschlossenes Schweigen spricht Bände: Mit dem bin ich fertig. Mit Happel aber, sagt Ammer, verbindet ihn weiterhin eine ganz gute Freundschaft. Trotz allem.

Veränderte Risikobewertung

Aber warum, um Himmels willen, hat der Aufsichtsrat Dieter Ammer die Katastrophe nicht bemerkt, die der Sanierer Ammer soeben noch verhindern konnte? Es ist diese Frage, die ihn nicht loslässt, die ihn vermutlich nie loslassen wird, die sein Selbstbild und seinen guten Buddenbrook-Ruf beschädigt: Ammer hat weggesehen, als Rüter den Konzern in die Katastrophe steuerte.

Es stimmt ja nicht, sagt Ammer, er habe nicht weggesehen, er habe die Wirtschaftsprüfer aufgefordert, sehr genau zu prüfen – und uneingeschränkte Testate vorgelegt bekommen.

Wissen Sie, sagt Ammer, man muss unterscheiden, was man damals unter Risiko verstand und was man heute darunter versteht; da liegen Welten zwischen. Und ein moderner Manager, der lebt immer nur in einer dieser Wirtschaftswelten – und blendet die jeweils andere aus? Der riskiert zu viel, weil alle zu viel riskieren – bis es zu spät ist? Vielleicht ist es so, sagt Ammer und zuckt die Schultern. Sein Problem ist es nicht mehr. Es ist genug, er hat seinen Teil getan, Conergy ist gerettet. Sicher?

Na ja, was ist schon sicher, sagt Ammer, aber bitte: Schreiben Sie’s nicht! Das sage ich ganz allgemein, als lebenserfahrener Exmanager – und nicht als Chef von Conergy!

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