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Studie Wie die Energiewende preiswert machbar ist

Sauber, aber teuer – billig, aber schmutzig: Zwischen diesen Extremen muss die Politik einen Weg finden. Mit dem richtigen Konzept kann sie die Stromkunden um Milliarden Euro entlasten. Das zeigt eine Exklusivstudie.

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Alte oder neue Stromproduktion - welche Lösung ist für den Kunden die bessere? Quelle: dpa

Musterschüler der Energiewende – das wollten die Manager des Stadtwerke-Verbunds Trianel in Aachen eigentlich immer sein. Welche Volte die wechselnden Bundesregierungen seit dem ersten Beschluss zum Ausstieg aus der Kernkraft 2002 auch schlugen, die Stadtwerker mühten sich stets, die rasch wechselnden Ideen und Vorgaben der Politik konstruktiv umzusetzen. Doch zur Belohnung gab es immer wieder etwas auf die Finger. Sehr zum Verdruss von Trianel-Chef Sven Becker. „Die Verunsicherung ist groß“, seufzt er.

Der Verbund, dem rund 100 Stadtwerke vorwiegend aus Deutschland angehören, baute für annähernd zwei Milliarden Euro in den nordrhein-westfälischen Kommunen Hamm und Lünen hocheffiziente Gas- und Kohlekraftwerke. Sie sollten mit ihrem relativ niedrigen Ausstoß an Kohlendioxid (CO2) die Umwelt entlasten und mit ihrer flexiblen Stromproduktion einspringen, wenn Wind und Sonne zu wenig elektrische Energie liefern.

Trianel investiert aber auch in grüne Projekte. Für weitere 1,6 Milliarden Euro errichtet das Unternehmen in der Nordsee vor Borkum einen Meereswindpark mit 400 Megawatt (MW) Leistung; in Eisleben, unweit von Halle, übernahm es einen Windpark an Land – ganz im Sinne des Umstiegs auf erneuerbare Energien. Und die Stadtwerker wollten gleich drei neue Pumpspeicherkraftwerke errichten. Die sollen ebenfalls Strom bereitstellen, wenn Wind und Sonne pausieren.

Und was passiert? Die Manager werden für ihren guten Willen bestraft statt belohnt.

Szenario Nummer 1: Öko zero

Das Steinkohlekraftwerk mit 750 MW Leistung in Lünen ging erst vergangenen Dezember zwei Jahre verspätet in Betrieb, weil Umweltverbände erfolgreich gegen eine Teilgenehmigung geklagt hatten. Dann wird es dieses Jahr voraussichtlich einen Verlust von 100 Millionen Euro einfahren. Der Grund: Wegen des wachsenden Angebots subventionierten Ökostroms sind die Großhandelspreise an der Leipziger Strombörse innerhalb weniger Jahre von 50 Euro auf zeitweise weniger als 30 Euro je Megawattstunde gefallen. Zudem fordern die Netzbetreiber den Kohlestrom wegen des Vorrangs für die Erneuerbaren immer seltener an. In diesen Zeiten steht das Kraftwerk still. Nicht besser ergeht es aus dem gleichen Grund dem Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit 850 MW in Hamm. „Der Strommarkt droht zu kollabieren“, klagt Becker.

Kaum weniger Ärger handelte sich Trianel mit seinen grünen Investitionen ein. Der Windpark vor Borkum schickt diesen Sommer – zwei Jahre verspätet – den ersten Strom an Land. Grund für die Verzögerung: Der zuständige Netzbetreiber Tennet brauchte zwei Jahre länger als geplant, um den Netzanschluss fertigzustellen. Die Pläne für den Bau eines Pumpspeicherwerks an der Rurtalsperre unweit von Aachen mussten die Trianel-Manager aufgeben. Sie kapitulierten vor Bürgerprotesten und mangelnder Unterstützung aus der Politik.

Szenario Nummer 2: Öko light

Die Probleme des Stadtwerke-Verbunds sind symptomatisch für den Zustand einer ganzen Branche. Nachdem die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung vor drei Jahren unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima zum zweiten Mal den Ausstieg aus der Atomenergie beschloss, steht die Energiewende heute am Scheidepunkt: Entweder es gelingt Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, das Chaos zu beenden. Oder der grüne Gewaltmarsch droht, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ernsthaft zu gefährden.

Es heißt: hop oder top.

Höchste Zeit also, die Energiewende gründlich neu zu justieren. Und endlich einen grünen Umbau zu konzipieren, bei dem sich die vielen Einzelteile zu einem schlüssigen Gesamtkonzept fügen.

Daran mangelt es bisher völlig, wie eine aktuelle Analyse der Unternehmensberatung Roland Berger zeigt. Ihr Experte Torsten Henzelmann hat gleich 24 Faktoren ausgemacht, welche die Politik für eine erfolgreiche Energiewende berücksichtigen müsste – von der Entwicklung intelligenter Stromnetze über den CO2-Handel bis hin zu Vorgaben zur Energieeffizienz. Doch von einem abgestimmten Handeln fehlt jede Spur. „Das kann nicht zum Erfolg führen“, moniert Henzelmann. Sein Resümee: Die Komplexität der Herausforderung wurde grob unterschätzt.

Gestaltung der Energiepolitik

Wo der Strom herkommt
BraunkohleNoch immer der mit Abstand bedeutendste Energieträger Deutschlands: Im Jahr 2013 ist die klimaschädliche Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Wert seit 1990 geklettert. Mit 162 Milliarden Kilowattstunden macht der Strom aus Braunkohlekraftwerken mehr als 25 Prozent des deutschen Stroms aus. Das geht aus vorläufigen Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hervor. Quelle: dpa
SteinkohleAuch die Stromproduktion in Steinkohlekraftwerken stieg im Jahr 2013 – um 8 Milliarden auf mehr als 124 Milliarden Kilowattstunden. Damit ist Steinkohle der zweitwichtigste Energieträger und deckt fast 20 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. Vor allem Braun- und Steinkohle fangen also offenbar den Rückgang der Kernenergie auf. Quelle: dpa
Kernenergie Die Abschaltung von acht Atomkraftwerken macht sich bemerkbar. Nur noch 97 Milliarden Kilowattstunden stammten 2013 aus Kernerenergie, drei weniger als im Vorjahr. Das sind allerdings noch immer 15 Prozent der gesamten Produktion. Damit ist Atomstrom nach wie vor die drittgrößte Energiequelle. Quelle: dpa
ErdgasDie CO2-arme Erdgasverbrennung ist - anders als Kohle - wieder rückläufig. Statt 76 Milliarden kamen im vergangenen Jahr nur noch 66 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erdgaskraftwerken. Das sind gerade mal zehn Prozent der Stromproduktion. Dabei war Erdgas vor drei Jahren schon einmal bei 14 Prozent. Quelle: dpa
WindkraftDer größte erneuerbare Energieträger ist die Windkraft. Mit 49,8 Milliarden Kilowattstunden in 2013 ist sie allerdings leicht Rückläufig. Insgesamt steigt der Anteil der erneuerbaren Energien jedoch stetig. Zusammengenommen produzierten sie 23,4 Prozent des deutschen Stroms. Quelle: dpa
BiomasseFast genauso viel Strom wie aus Windkraft stammte aus Biomasse. Die Produktion stieg auf 42 Milliarden Kilowattstunden. Damit steht Biomasse auf Platz sechs der bedeutendsten Energieträger. Quelle: ZB
PhotovoltaikEs reicht zwar nur für knapp fünf Prozent der deutschen Stromproduktion, aber Solarenergie ist die mit Abstand am schnellsten wachsende Energieform. Im Jahr 2000 gab es in Deutschland noch gar keinen Sonnenstrom. Und seit 2007 hat sich die Produktion auf 28,3 Milliarden Kilowattstunden in 2013 beinahe verzehnfacht. Quelle: dpa

Doch welche Spielräume hat die Regierung überhaupt noch bei der Gestaltung der Energiepolitik? Nach mehr als zehn Jahren des Durchwurschtelns. Die WirtschaftsWoche hat die Marktforscher von Trendresearch in Bremen gebeten, die verbliebenen Handlungsmöglichkeiten mit zwei Extremszenarien auszuloten.

Das erste Szenario, Öko zero genannt, achtet nur auf Wirtschaftlichkeit ohne Rücksicht auf die Emission von Treibhausgasen. Das zweite, Öko de luxe, zielt auf eine annähernde Vollversorgung mit grünem Strom – abgesichert über Speicher und einige fossile Notfall-Kraftwerke.

Und siehe da! Der Unterschied ist ziemlich gewaltig.

Ohne Rücksicht auf Umwelt und Klima ist eine gesicherte Versorgung mit elektrischer Energie bis 2030 schon für 54 Milliarden Euro an Investitionen zu haben. Sie fließen vor allem in die Modernisierung bestehender und den Bau zusätzlicher Braunkohle-Kraftwerksblöcke. Die Grünstrom-Option schlägt hingegen mit mehr als 238 Milliarden zu Buche – sie ist demnach gut 184 Milliarden Euro teurer (siehe Grafik). Vor allem wegen des massiven Ausbaus teurer Speichertechnik und von Windkraft- und Solaranlagen. Und kostet damit mehr zusätzlich als das geplante Rentenpaket der Regierung.

Szenario Nummer 3: Öko de luxe

Aber selbst wenn die Regierung am Ziel der CO2-Minderung festhält, um das Klima zu schützen, lässt sich viel Geld sparen. Genauer mehr als 60 Milliarden Euro, wenn im Szenario Öko light zum Beispiel statt teurer Speichertechnologien relativ saubere Gaskraftwerke die Versorgung garantieren – zum Teil betrieben mit Biogas. Geld, das der Industrie für die Entwicklung neuer Produkte zur Verfügung stünde und den Verbrauchern für Konsum.

Für Trendresearch-Geschäftsführer Dirk Briese ist die Schlussfolgerung klar: „Die Politik hätte es in der Hand, die Kosten über die Entwicklung der Erzeugungsstruktur zu steuern.“ Und er fordert: „Das Wichtigste jedoch ist, endlich einen Rahmen zu schaffen, auf den sich alle Akteure verlassen können. Die ständigen Reparaturarbeiten müssen ein Ende haben.“

Wohl wahr. Denn die Alarmzeichen sind nicht mehr zu übersehen.

Drei Energiewende-Szenarien im Vergleich. Zum Vergrößern auf die Grafik klicken

Immer mehr Energieversorger wollen konventionelle Kraftwerke ganz oder zeitweise schließen – mangels Wirtschaftlichkeit. Mehr als 12.000 MW wollen sie bis 2018 laut der aktuellen Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur abschalten. Das entspricht in etwa der Leistung der verbliebenen neun Atomkraftwerke, die zusätzlich nach und nach vom Netz gehen.

Die Energieriesen taumeln. Bei E.On brach der Gewinn ein; RWE schrieb sogar erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg einen Verlust. Stadtwerke geraten in Not, weil ihre Investitionen in hochmoderne Gasturbinen über Nacht fast wertlos geworden sind – sie laufen einfach zu selten.

Weil die Sonne scheint, wann sie will, und der Wind bläst, wann es die Tiefdruckgebiete wollen, schwankt das Angebot an Grünstrom unberechenbar. Die Folge: Die Netzbetreiber müssen ihre Leitungen immer öfter vor dem Kollaps schützen. Die privaten Kunden beginnen bei aller Sympathie für die Erneuerbaren gegen die steigenden Strompreise zu rebellieren.

Eine Welle der Deindustrialisierung

Wo die Energiewende besser funktioniert
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz. Quelle: dpa
Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von WindparksDer Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden. Quelle: dpa
China – bessere Nutzung von AbwärmeAbwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie. Quelle: REUTERS
Shanghai – bessere TransformatorenJetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren. Quelle: dpa
Schweden – mehr WärmepumpenEine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen. Foto: "Tourismusverband Westschweden Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
USA – Stromnachfrage besser steuernDie Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken. Quelle: AP
Los Angeles – LED-StraßenbeleuchtungInternational hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden. Quelle: Presse

Aluminium-, Stahl-, Zement- und Chemiehersteller, bei denen der Energieverbrauch bis zu 40 Prozent der Gesamtkosten ausmacht, sehen gar ihre Existenz bedroht. Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), warnt vor „einer Welle der Deindustrialisierung“, sollte der Strompreis für die Industrie weiter emporschießen. Er hat sich innerhalb von zehn Jahren von 6,75 Cent auf 13,49 Cent je Kilowattstunde (kWh) fast verdoppelt.

„Wir müssen die Kosten in den Griff bekommen“, räumt Wirtschaftsminister Gabriel ein. Doch der gerade gefundene Kompromiss zwischen Bundesregierung und Bundesländern zur Reform der Förderung erneuerbarer Energien löst diesen Anspruch nicht ein – im Gegenteil. Vor allem die privaten Stromkunden müssen noch stärker bluten.

Besonders paradox: Obwohl inzwischen fast ein Viertel der Elektrizität aus regenerativen Quellen stammt, stieg der CO2-Ausstoß Deutschlands 2013 auf einen neuen Rekordwert. Grund: Wenn fossile Kraftwerke einspringen, wird vor allem die besonders schmutzige, aber im Vergleich zum saubereren Erdgas preiswertere Braunkohle verbrannt.

Nicht einmal ihrem Klimaziel, dem Ausgangspunkt für die Energiewende, kommt die Regierung also näher.

Energieausbeute

Aufwärts oder Absturz. Von den Entscheidungen am Berliner Kabinettstisch hängt ab, wohin sich unser Wohlstand entwickelt. Das führt auf drastische Weise eine jüngste Untersuchung der internationalen Marktforscher von IHS im Auftrag der hiesigen Industrie vor Augen. Die Manager und Verbandsvertreter wollten von den IHS-Experten wissen, wie es sich auf die Schlagkraft der deutschen Wirtschaft auswirkt, sollten die energieintensiven Industrien nicht länger weitgehend von den Abgaben für den Ökostrom befreit bleiben.

Das Resultat: Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen jedes Bürgers würde im Durchschnitt bis 2030 um 800 Euro sinken, weil Stahl- und Chemieproduzenten Marktanteile verlieren und Produktion ins Ausland verlagern. Das Bruttoinlandsprodukt fiele um fast fünf Prozent oder 174 Milliarden Euro niedriger aus, und rund 1,1 Millionen Jobs ständen auf der Kippe.

Leistung und Stromerzeugung

Zwar bleiben die Privilegien der stromintensiven Industrien größtenteils erhalten. Dieses Zugeständnis hat Wirtschaftsminister Gabriel der EU-Kommission erst vor wenigen Tagen abgerungen. Doch damit ist der Kostenanstieg noch nicht gebremst. Welche Risiken darin stecken, belegen die IHS-Schätzungen.

Was aber tun? Ansatzpunkte für eine wachstumsverträgliche Balance zwischen Chancen und Risiken liefert die Trendresearch-Studie. Sie zeigt Möglichkeiten auf, unter welchen Voraussetzungen die Energiewende deutlich billiger zu haben ist.

Das Ziel, Strom so preiswert wie möglich zu produzieren, wird im ökonomisch optimierten Szenario unter folgenden Annahmen erreicht: Die bestehenden, oft schon abgeschriebenen fossilen Kraftwerke bleiben am Netz und werden teilweise modernisiert; der Zubau beschränkt sich auf Braunkohle, weil sie derzeit der kostengünstigste Energieträger ist. Solar- und Windstrom werden zwar weiter vorrangig eingespeist, aber von sofort an nicht mehr gefördert. Der Zubau käme damit zum Erliegen. Zusätzliche Kosten für den Ausbau der Übertragungsnetze fielen kaum an. Um die industriellen Zentren in Bayern und Baden-Württemberg nach dem Abschalten der dortigen Atommeiler mit ausreichend Strom zu versorgen, müssen die Netzbetreiber nur bestehende Leitungen aus den Braunkohlerevieren im Rheinland und der Oberlausitz verstärken.

Würde die Politik so entscheiden, könnte laut Trendresearch-Chef Briese die EEG-Umlage sofort sinken, aus der die Erneuerbaren finanziert werden. Der Preis der Extremspar-Strategie wäre allerdings ein enorm hoher CO2-Ausstoß.

Klimaschutz voranbringen

Die größten Stromfresser und wie man sie ausschaltet
Ab September müssen Staubsauger ein Energielabel tragen, so wie Waschmaschine und Kühlschrank auch. Die EU-Regelung soll es einfacher machen, energiesparende Geräte zu erkennen. Ab September dürfen die Geräte maximal 1600 Watt verbrauchen, bis 2017 soll diese Grenze auf 900 Watt herabgesetzt werden. Zusätzliche hinweise auf dem Label informieren den Kunden, für welchen Bodenbelag der Sauger geeignet ist. Wichtig ist für Experten allerdings nicht nur die Watt-Zahl, sondern auch die Saugleistung. Muss länger gesaugt werden, ist die Energieersparnis durch geringeren Stromverbrauch hinüber. Deshalb sei das Label kaum mit den Energieeffizienzklassen anderer Geräte zu vergleichen. Wenn Sie vorhaben, sich einen neuen Staubsauger anzuschaffen, achten Sie nicht nur auf den Stromverbrauch, sondern auch auf die Saugleistung. Diese wird durch die Art des Motors, Saugrohr und vorhandene Filter beeinflusst. Viele Händler bieten mittlerweile "Versuchsparcours" an, auf denen man die Staubsaugermodelle testen kann. Staubsauger, die bis Ende des Monats in den Handel kommen, werden das Label vorerst nicht bekommen und dürfen auch ohne dieses verkauft werden. Quelle: dpa
Für Filter-Kaffeemaschinen mit einer Isolierkanne soll der EU zufolge eine Wartezeit von fünf Minuten gelten. Bei Maschinen ohne Isolierbehälter ist eine Wartezeit von maximal 40 Minuten geplant. Die Hersteller können der Kommission zufolge aber entscheiden, ob sie es den Verbrauchern ermöglichen, die automatische Abschaltung der Warmhaltefunktion wieder abzustellen. „Die Einschränkungen für den Verbraucher sind sehr, sehr gering. Kaffee, der 40 Minuten in der Glaskanne steht, schmeckt ohnehin nicht mehr“, sagte Scholz. Vorteile für die Verbraucher seien Einsparungen beim Stromverbrauch und damit bei den Kosten. Der Bund der Energieverbraucher schätzt die Einsparungen auf etwa 60 Euro im Jahr, wenn täglich drei Kannen Kaffee gekocht und diese insgesamt acht Stunden warmgehalten werden. „Existierende Modelle, die automatisch abschalten, kosten kaum so viel wie der Warmhaltestrom eines Jahres“, sagte der Vorsitzende des Verbandes, Aribert Peters der dpa. „Wir bekommen die Energiewende nicht hin, ohne Strom zu sparen.“ Quelle: dpa
Eine Umfrage von TNS Emnid für den Strom- und Gasanbieter E wie einfach hat ergeben, dass 30 Prozent der Bürger nicht wissen, wie viel Strom sie im Alltag tatsächlich verbrauchen. Vor allem ganz junge sowie ältere Menschen kennen ihren Verbrauch nicht. Um Strom zu sparen, geben 81 Prozent der Befragten an, dass sie ihre Akkuladegeräte vom Netz trennen, den Gefrierschrank abtauen (72 Prozent), und auf Energiesparlampen umgestiegen sind (71 Prozent). Doch sind das wirklich die größten Stromfresser im Haushalt? Wer geben zehn Tipps, wo und wie Sie in Zukunft Strom im Haushalt sparen können. Quelle: dapd
Eco-Programme beim Spülen benutzenMit 5,1 Prozent Anteil am gesamten Stromverbrauch landet das Geschirrspülen auf Platz 10 der größten Stromfresser im Haushalt. Laut einer Studie der Universität Bonn ist das Spülen in der Maschine übrigens trotzdem günstiger als Handspülen: Im Geschirrspüler werden sowohl weniger Wasser als auch weniger Energie verbraucht. Voraussetzung ist natürlich, dass die Maschine nur voll beladen eingeschaltet wird und dass das Geschirr nicht zusätzlich von Hand vorgespült wird. Auch sogenannte Spar-, Eco- oder Umwelt-Programme sparen Energie. Bei geringerer Temperatur wird das Geschirr dank längerer Spülzeiten genauso sauber wie in "Normal"-Programmen. Datengrundlage des Rankings: Energieagentur NRW: "Wo im Haushalt bleibt der Strom?"; in der Studie wurde 2011 unter anderem der Stromverbrauch von Ein- bis Sechs-Personen-Haushalten untersucht. Bei allen Punkten gilt: Es handelt sich um Durchschnittswerte. Je nach eingesetzter Technologie, Handhabung, Haushaltsgröße und -zusammensetzung kann der Stromverbrauch im individuellen Zuhause erheblich abweichen.Tipps zum Energiesparen: Eigene Recherche und Umweltbundesamt-Broschüre "Energiesparen im Haushalt", die als PDF heruntergeladen werden kann. Quelle: dpa
Moderne Umwälzpumpen lohnen sichDie elektrisch betriebene Umwälzpumpe der Heizungsanlage landet mit durchschnittlich 6,0 Prozent Anteil am Stromverbrauch auf Platz neun. Sie transportiert das erwärmte Wasser zu den Heizkörpern in der Wohnung. Laut Stiftung Warentest lohnt sich der Ersatz einer alten Pumpe durch eine moderne, energieeffiziente Pumpe schnell; demnach lassen sich so 100 bis 130 Euro Stromkosten pro Jahr einsparen. Von den Stromkosten abgesehen (ein Sonderfall sind alte Nachtstromspeicheröfen) macht das Heizen mit 70 Prozent am Gesamtenergieverbrauch des HAushalts den größten Anteil aus. Ohne große Investitionen in eine neue Heizungsanlage kann man auch hier mit einigen Tricks viel Energie sparen. Ihre Heizung sollten Sie im Idealfall nicht durch Möbel zustellen. Achten Sie beim Lüften darauf, die Heizung immer aus zu machen. Die Raumtemperatur sollte zudem auf maximal 20 Grad Celsius eingestellt sein - jedes Grad weniger spart Energie. Moderne Thermostatventile können die Raumtemperatur auch konstant auf dem gewünschten Wert halten, wenn mal die Sonne durchs Fenster scheint. So wird ein überheizen der Räume und Verlust teurer Heizenergie durch zusätzliches Lüften vermieden. Laut Umweltbundesamt können so vier bis acht Prozent Heizenergie gespart werden. Quelle: dpa
Trocknen: Nichts ist preiswerter als Sonne und WindBeim Trocknen der Wäsche wird das Wasser aus dem Waschvorgang wieder entfernt - das können Sonne und Wind kostenfrei für Sie erledigen, oder eben der elektrische Wäschetrockner. Das Gerät ist allerdings ein wahrer Stromfresser: 6,6 Prozent des Stromverbrauchs entfallen im Durchschnitt auf das Trocknen, das so auf Rang acht landet. Soll ein Trockner zum Einsatz kommen, ist ein Gerät mit Wärmepumpentechnologie besonders Umwelt- und Geldbeutelschonend im Einsatz, die Anschaffungskosten sind allerdings recht hoch. Es gibt auch Trockner, die mit Gas betrieben werden. Beim maschinellen Trocknen gilt: Das Gerät sollte nur gut befüllt zum Einsatz kommen und die Wäsche sollte so gut wie möglich vorgetrocknet, also zuvor in der Waschmaschine oder Wäscheschleuder mit möglichst hoher Schleuderdrehzahl entwässert worden sein. Als Kompromiss kann man auch die Wäsche im Trockner leicht vortrocknen und dann auf der Leine zu Ende trocknen lassen. Auch ein kleiner Ventilator, der vor dem Wäscheständer aufgestellt wird, leistet gute Dienste: Er verbraucht wesentlich weniger Strom, macht die Wäsche aber ebenfalls weich und beschleunigt den Abtransport der Feuchtigkeit durch die permanente Bewegung der vorbeistreichenden Luft. Beim Trocknen der Wäsche im Raum gilt: Der Raum muss unbeheizt und gut gelüftet sein - sonst droht Schimmelbefall. Wäsche im beheizten Wohnraum zu trocknen, ist nicht sinnvoll, denn durch das zusätzliche Stoßlüften um die Feuchtigkeit abzutransportieren geht viel wertvolle Heizenergie verloren. Quelle: dpa
Alte Haushaltsgeräte durch neue ersetzen Diverse elektrische Hausgeräte, darunter zum Beispiel Staubsauger, machen im Durchschnitt 7,7 Prozent des Haushalt-Stromverbrauchs aus und landen sie auf Platz sieben der größten Stromfresser. Bei Staubsaugern gilt: Eine hohe Leistungsaufnahme entspricht nicht einer hohen Saugleistung. Bei der Wahl sollte man also nicht den Sauger mit der höchsten Watt-Zahl auf dem Typenschild wählen, sondern sich über Testergebnisse der tatsächlichen Saugleistung schlau machen. Ab 2014 kommen auch Energieeffizienzklassen-Kennzeichnungen für Staubsauger. Bei diversen Elektro-Kleingeräten, wie elektrischen Dosenöffnern oder Messern, kann man den Einsatz durchaus hinterfragen. In anderen Fällen kann ihr Einsatz aber auch Energie einsparen, denn ein Brötchen lässt sich auf dem Toaster stromsparender aufbacken als im Backofen, ein Liter Wasser für Tee oder zum Nudeln kochen ist im Wasserkocher schneller und effizienter aufbereitet, als auf dem Elektroherd. In der Regel gilt die Devise: Setzen Sie die Verschwender vor die Tür. Gerade bei Haushaltsgeräten macht es sich in Sachen Strombilanz bezahlt, alte Geräte gegen neue Technologien einzutauschen. Quelle: dapd

Anders verwendet könnten die gesparten Milliarden den Klimaschutz dennoch voranbringen. Davon ist der niederländische Umweltökonomen Richard Tol überzeugt. Sein Argument: Schon mit einem kleinen Teil des Geldes ließen sich in armen Ländern weit größere Mengen Kohlendioxid vermeiden. Zum Beispiel, indem die Bundesregierung ihnen hilft, die schlimmsten Dreckschleudern mit effektiver Verbrennungstechnologie sauberer zu machen.

Halten Merkel und Gabriel hingegen daran fest, die CO2-Emissionen bei uns bis 2030 um 55 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu drücken, wird es richtig teuer. Denn dieses Ziel ist nur mit dem 238 Milliarden Euro schweren Öko-de-luxe-Paket zu schaffen. Die gigantische Investition würde die EEG-Umlage laut Trendresearch gleich um drei Cent je kWh erhöhen – und damit nahe an die Zehn-Cent-Marke rücken.

Nicht nur der notwendige massive Ausbau der Fotovoltaik und der Windkraft treibt die Kosten, weil der erzeugte Strom garantiert vergütet wird. Die installierte Leistung der Windräder etwa würde sich mit fast 79.000 MW gegenüber derzeit 34.000 MW mehr als verdoppeln und entspräche der Kapazität von 79 großen Kohlekraftwerken. Zusätzlich müssten die Netzbetreiber mindestens 2800 Kilometer neue Hoch- und Höchstspannungstrassen durchs Land spannen, um den Windstrom vom Norden in die südlichen Verbrauchszentren zu transportieren. Und sie müssten bestehende Leitungen erheblich verstärken. Macht zusammen rund sechs Milliarden Euro, die sich die Betreiber über die Netzentgelte von den Stromkunden zurückholen.

Strompreise

Ein weiterer Kostenturbo im ökologisch optimierten Szenario wäre die notwendige Speicherkapazität von 30.000 MW, um Zeiten schwacher Wind- und Sonnenernte zu überbrücken. Aktuell stehen erst etwas mehr als 8000 MW zur Verfügung, vor allem in Form von Pumpspeicherkraftwerken. Deren Potenzial ist in Deutschland aber ziemlich ausgeschöpft. Andere Verfahren wie die Aufspaltung von Wasser mit überschüssigem Grünstrom zu Wasserstoff, der bei Bedarf zurück in elektrische Energie verwandelt wird, sind mit Kosten von 24 Cent je Kilowattstunde jedoch weit von jeder Wirtschaftlichkeit entfernt. Zum Vergleich: Strom aus Pumpspeichern kostet drei bis sechs Cent je kWh. Zudem haben diese Systeme noch einen hohen Entwicklungsbedarf.

Haben wir also nur die Wahl zwischen teuer oder schmutzig? Nicht ganz. Das Öko-light-Szenario der Trendresearch-Experten zeigt einen Weg auf, der Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit verbindet. Der Kompromiss bestünde darin, dass Gaskraftwerke, kräftig unterstützt von Braunkohleanlagen, die Versorgungssicherheit aufrechterhalten. Das verschlechtert zwar die CO2-Bilanz um jährlich mehr als 200 Millionen Tonnen gegenüber der lupenreinen Ökovariante. Aber immerhin: Sie bessert sich.

Umwelt



Im Gegenzug würden Industrie und Haushalte bis 2030 um rund 62 Milliarden Euro entlastet. Vor allem, weil Wind- und Solaranlagen weniger stark ausgebaut werden und die teuren Speicher entbehrlich sind. Wahrlich kein Pappenstiel. In diesem Fall würde die EEG-Umlage höchstens um zwei Cent je kWh steigen.

Die Bundesregierung hat es also sehr wohl in der Hand, die Ziele Wirtschaftlichkeit, Ökologie und Versorgungssicherheit so auszutarieren, das sie das Wachstum fördern, statt es abzuwürgen.

Trianel-Chef Becker ist nach den vielen Wirren des vergangenen Jahrzehnts fast schon jede Lösung recht. Hauptsache, sie bringt endlich verlässliche Rahmenbedingungen für seine Investitionen. Und ermöglicht es, auch mit hochmodernen Gas- und Kohlekraftwerken wie in Hamm und Lünen wieder eine auskömmliche Rendite zu erzielen.

Die Pointe der Geschichte: Im Moment verdienen die Stadtwerker dort nur mit zwei kleinen Solaranlagen Geld. Die großen Verluste aus dem eigentlichen Kraftwerksgeschäft können die Einnahmen natürlich nicht kompensieren.

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