Studie zum Atomausstieg Stromriesen können von Atomausstieg profitieren

Digitalisierung und Dezentralisierung werden die europäischen Strommärkte radikal verändern. Eine Studie erklärt, warum sich die aktuellen Probleme mit der Energiewende für die Unternehmen als Segen erweisen könnten.

In einer neuen Studie haben Analysten anhand von 40 europäischen Energieunternehmen untersucht, wie Digitalisierung und Dezentralisierung des Strommarktes das Geschäfts der Versorger in den kommenden Jahrzehnten verändern werden und, wie gut die Konzerne auf die erwarteten Umbrüche vorbereitet sind. Quelle: dpa

„Was dich nicht umbringt, macht Dich härter“ – so lassen sich, verkürzt, die Zukunftsaussichten für die deutschen Energieversorger beschreiben, die die Beratungsunternehmen BearingPoint und IDC in einer neuen Studie zu den kommenden Herausforderungen für die Energiebranche skizzieren. In der Untersuchung „Utilities x.0: Time for a reboot?“ haben die Analysten anhand von 40 europäische Energieunternehmen untersucht, wie die Digitalisierung und Dezentralisierung des Strommarktes das Geschäft der Versorger in den kommenden Jahrzehnten verändern werden.

Dabei wurde auch untersucht, wie gut die Konzerne auf die erwarteten Umbrüche vorbereitet sind. Die nämlich werden nach Auffassung der Berater „dramatisch“ sein, weil der Strommarkt künftig unter anderem als Folge des Booms erneuerbarer Energiequellen wesentlich fragmentierter sein wird.

Gut gerüstete Versorger
Welche Versorger seit der Energiewende umdenkenPlatz 10: VattenfallDie Studie der European School of Management (ESMT) analysiert, wie führende europäische Energiekonzerne mit den Herausforderungen der Energiewende umgehen. Der von der Bundesregierung beschlossene Atomausstieg setzt deutsche Unternehmen besonders unter Druck. Gleichwohl ist die gesamte Branche betroffen, denn - so das Ziel der EU - ganz Europa soll umsteigen auf eine nachhaltige, kohlendioxidarme Stromerzeugung. In der Studie wurden die Forschungsaktivitäten der Unternehmen, aber auch Produktivität und Nachhaltigkeit bewertet. Auf Platz 10 im Innovationsindex schafft es der schwedische Konzern Vattenfall. Für Wachstum im Konzern soll zukünftig grüne Energie sorgen. Noch stützen sich die Aktivitäten in Deutschland aber stark auf den Braunkohletagebau. Das Bild zeigt einen Schaufelradbagger im südbrandenburgischen Welzow. Quelle: dpa
Platz 9: EonNachdem sie jahrelang vernachlässigt wurden, rücken die Erneuerbaren Energien immer stärker in den Fokus der deutschen Stromriesen. Nicht der Großkraftwerksbau, sondern Windparks in Nord- und Ostsee oder Photovoltaik-Anlagen im Süden, Geothermie oder Biomasseanlagen gelten als die Geschäftsfelder der Zukunft. Alle 18 Monate, versprach Eon-Konzernchef Johannes Teyssen unlängst, werde das Unternehmen künftig einen neuen Windpark anfahren. Eine Summe von mindestens 7 Milliarden Euro wollen die Düsseldorfer in den kommenden sieben Jahren in Erneuerbare stecken. Ein Projekt ist der Windpark Amrumbank West, wo in drei Jahren 80 Turbinen Windstrom für 300.000 Haushalte produzieren sollen. Im Innovationsindex landet Eon auf Platz neun. Quelle: dpa
Platz 8: EnelDer italienische Energieriese Enel ist mit einem Umsatz von 72 Milliarden Euro der drittgrößte europäische Versorger hinter Eon und GDF Suez, aber noch vor Electricité de France. Vor vier Jahren gelang es Enel den damals größten spanischen Versorger Endesa zu übernehmen, obwohl sich auch Eon monatelang um diesen bemüht hatte. Seitdem hat Enel ein starkes Standbein in Spanien, ebenso in Südamerika. In der Studie schafft es Enel immerhin auf den achten Platz. Quelle: dpa
Platz 7: StatkraftDer norwegische Konzern Statkraft ist der europaweit größte Erzeuger erneuerbarer Energien - und landet im Ranking auf Platz sieben. Der Konzern baut und betreibt Wasser-, Wind-, Gas- und Fernwärmekraftwerke und beschäftigt 3.300 Mitarbeiter in über 20 Ländern. Statkraft betreibt allein in Deutschland zehn Wasserkraftwerke. Das Bild zeigt die Alltwalis Windfarm in Wales.
Platz 6: DongIm Innovationsindex landet der dänische Energieversorger Dong auf Platz sechs. Das Unternehmen betreibt einige der größten Windparks in der Nordsee. Der auf dem Bild gezeigte Windpark - 30 Kilometer westlich von Jütland gelegen - besteht als 91 Windturbinen (Kapazität: 209 Megawatt). Auch vor der deutschen Küste ist Dong aktiv: Das Unternehmen plant für eine Investitionssumme von 1,25 Milliarden Euro den Bau eines Offshore-Windparks vor Borkum. Die Gesamtkapazität soll bei 320 Megawatt liegen; die Strommenge würde ab 2014 den Bedarf von etwa 330.000 Haushalten decken. Quelle: ap
Platz 5: EDPAlle in der Studie untersuchten Energiekonzerne haben die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den vergangenen Jahren stark angehoben - insgesamt um mehr als 40 Prozent. Der portugiesische Stromerzeuger EDP ist in diesem Bereich besonders stark - und landet in der Rangliste der innovativsten europäischen Versorger auf Platz fünf. Doch nicht nur deshalb standen die Bieter Schlange, als der schuldengeplagte Staat seinen 21-Prozent-Anteil an EDP (Energias de Portugal) im November 2011 verkaufte. Mit dem Einstieg bei EDP ist auch der Vorstoß auf den brasilianischen Markt verbunden, wo der portugiesische Konzern stark vertreten ist. Am Ende erhielt der chinesische Investor „China Three Gorges Cooporation“ für 2,69 Milliarden Euro den Zuschlag. Eon ging leer aus. Quelle: Reuters
Platz 4: GDF-Suez Die Grande Nation setzt nur auf Atomkraft? Nein, nicht mehr. In Reihen der französischen Energie-Manager hat ein Umdenken eingesetzt, auch wenn der Vorstandschef von GDF-Suez, Gerard Mestrallet (Bild), den Jahresgewinn von 17 Milliarden Euro noch auf traditionellem Weg eingefahren hat. Derzeit nimmt Frankreichs erster Windpark auf See Gestalt an. GDF Suez bewirbt sich für den Standort vor dem bretonischen Ferienort Saint Brieuc, wo bis zu 500 Megawatt Energie erzeugt werden sollen. Insgesamt sollen nach Angaben der Regierung durch das Zehn-Milliarden-Euro-Projekt vor der französischen Küste bis zu 600 Windräder entstehen, die bis 2015 zusammen drei Gigawatt Strom erzeugen sollen - etwa so viel wie drei Atomkraftwerke. Bis 2020 sind sogar 1200 Windräder mit einer Produktion von sechs Gigawatt geplant. GDF-Suez will kräftig mitmischen und kommt im Innovationsindex auf Platz vier. Quelle: dpa

Laut Studie stehen zwei große Trends an: Erstens werden etwa lokale Versorger, sogenannte Micro-Grids-Betreiber, eine wachsende Konkurrenz für die etablierten Riesen darstellen. Zweitens werden die mit Stromerzeugung, -absatz und Netzsteuerung anfallenden Datenmengen neue IT-Kompetenzen im Umgang mit Big-Data-Analytik bei den traditionell eher industriell ausgerichteten Unternehmen erfordern.

Das Feld der Auswertung großer Datenmenge stellt viele Unternehmen noch vor große Herausforderungen. Studien des Branchenverbandes Bitkom zufolge haben zwar inzwischen auch IT-fremde Branchen das Potential der hauseigenen Daten erkannt. Doch der Umgang mit ihnen fällt den meisten noch schwer.

Zum einen fehlt es an qualitativ hochwertig aufbereiteten Daten, zum anderen an qualifiziertem Personal, das auch einen Mehrwert aus diesen Daten generieren kann.

Entsprechend wird das Potenzial, die im Stromgeschäft anfallenden Informationen auch als Geschäftsmodell zu nutzen, zu neuen Kategorien von Marktteilnehmern führen. Etwa sogenannten Energiedaten-Aggregatoren oder Energie-Managern.

Diesen Funktionen halten zwar laut der Untersuchung alle etablierten Spieler für relevant. Doch längst noch nicht alle Unternehmen sprechen sich selbst die erforderlichen Kompetenzen in erforderlichem Umfang zu.

Outsourcing wird die Folge sein. Denn die rasche Anpassung an den Wandel ist eine der entscheidenden Herausforderungen für die etablierten Riesen, die bisher gewohnt waren in über Jahrzehnte laufenden Projekten zu denken. „Die rasche Veränderung des Marktes, getrieben durch Politik, Technik und Kundenverhalten, erfordert von den Energieversorgen ein schnelleres und innovativeres Agieren“, sagt Jens Raschke, Leiter des Segments Utilities bei BearingPoint.

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Dabei könnten sich Investitionen in Big-Data-Analysen gerade für die aktuell unter der Energiewende leidenden deutschen Stromriesen lohnen. Die Autoren der Studie bescheinigen der Branche, auf lange Sicht zu den Profiteuren des Wandels gehören. Denn anders als Konkurrenten in anderen europäischen Staaten müssten sie sich aufgrund des Kurswechsel der Politik schon jetzt den „komplexitätssteigernden Anforderungen“ eines sich rasch und radikal verändernden Marktes stellen. „Nach einer erschwerenden Ausgangssituation“ hätten sie nach Angaben von Raschke „sicherlich gute Entwicklungsmöglichkeiten“.

Dafür sei allerdings Entscheidungsfreude gefragt. Derzeit mangele es im deutschen Markt noch an der Entschlossenheit, intelligente Stromzähler zu entwickeln und in den Markt zu bringen. Smarte Messgeräte können verbrauchte Mengen sowie die Verbrauchszeiträume messen. Dadurch soll die Stromversorgung von bestimmten Regionen (oder auch Haushalten) gezielter gesteuert werden. Somit kann die Über- oder Unterversorgung vermieden werden.

Der Grund für das Zögern der deutschen Strom-Riesen: Noch sei nicht klar, wer am Ende die Kosten trage. Daher werde laut Studie versucht, die Markteinführung dieser wichtigen Technologie zu vermeiden oder zumindest zu verzögern. Um den gefährlichen Stillstand aufzulösen und Insellösungen zu vermeiden, fordern die Autoren der Studie, die Technik mithilfe einer markt- und anbieterübergreifenden Lösung zu etablieren.

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