Tauchsieder

Der Mensch ist untragbar

Der Datenanalytiker Stephen Emmott hat einen Apokalypse-Reader geschrieben. Seine Nachricht: Wir haben die letzte Chance vergeben. Der "blaue Planet" ist ausgebeutet, überlastet - tot.

Die atemberaubenden Twitterbilder der ISS-Astronauten
Ein aktiver Vulkan auf einer Insel – Astronaut Parmitano sieht am 1. Juni bei einem Rundflug um die Erde gleich zwei davon. Er verrät nicht, wo die Aufnahme entstanden ist. Lesen Sie >>hier, wie die Bilder entstanden sind. Quelle: NASA/ESA
Rauch strömt aus der Spitze des Ätna. Der „sizilianische Gigant“, wie Parmitano den Vulkan in Süditalien nennt, ist immer wieder aktiv. Quelle: NASA/ESA
Sonne und Mond gehen gleichzeitig auf – auch für die Astronauten ein besonderer Anblick. Quelle: NASA
Flüsse des brasilianischen Regenwaldes fließen in den Atlantik, in dem sich die untergehende Sonne spiegelt. Quelle: NASA/ESA
Der große Wagen steht am Firmament – was sich bewegt, ist die Erde. Quelle: NASA
Der Nil und sein Delta. Das von Unruhen geplagte Ägypten – von Bord der ISS sieht es nachts ganz friedlich aus. Quelle: NASA/ESA
Detroit, Cleveland und Toronto leuchten hell bis ins All. Rechts deutet sich der Sonnenaufgang an – in Europa ist es schon hell. Quelle: NASA
„Die sieben Schwestern“, nennt Parmitanos Kollegin Nyberg die Pleiaden. Hier hat sie sie über dem Inselstaat Mauritius fotografiert. Im Indischen Ozean spiegelt sich das Mondlicht. Quelle: NASA
Esa-Astronaut Luca Parmitano schwebt Anfang Juni mit seinem Fotoapparat in der Cupola. Damals ist er seit fünf Tagen an Bord der ISS. „Warte auf ein Foto-Motiv“, schreibt er zu dem Foto von ihm auf Twitter. Quelle: NASA/ESA
Felder in Kansas, USA: „Wie ein Gemälde von Mondrian“, staunt Parmitano. Quelle: NASA/ESA
„Wir fliegen direkt über der Tag-Nacht-Grenze“, schreibt Parmitano. 16 Sonnenauf- und Untergänge sehen die Astronauten jeden Tag. Quelle: NASA/ESA
„Falls Ihr Euch fragt, wie ein Gewittersturm aus dem All aussieht“, schreibt Parmitano – und twittert das passende Bild dazu. Quelle: NASA/ESA
Ende Juli zieht ein Gewittersturm über Asien hinweg. „Die Blitze waren fantastisch“, schwärmt ISS-Astronautin Karen Nyberg auf Twitter. Quelle: NASA
Am 9. August fotografiert Nyberg das japanische Versorgungsmodel HTV4, das gerade an die Raumstation andockt. Rechts der Roboterarm der ISS. Quelle: NASA
Kurz vorher schwebt das Modul (links, mit grünem und rotem Licht) über der nächtlich erleuchteten Stadt Houston in Texas. Quelle: NASA
Kolossaler Schnappschuss: Das Mittelmeer, der Sternhaufen der Pleiaden (über dem Stiefelabsatz Italiens) und ein Gewitter über dem Balkan. Quelle: NASA/ESA
„Wenn Du diese Landmarke siehst, weiß Du, dass Du in Mauretanien bist“, schreibt Parmitano. Es handelt sich nicht etwa um einen Meteroitenkrater, sondern um einen erodierten Vulkan. Quelle: NASA/ESA
Astronautin Nyberg nimmt die gleiche Stelle rund einen Monat später aus einer anderen Perspektive auf. „Das Auge der Sahara“, nennt sie die Landmarke mit einem Anflug von Poesie. Quelle: NASA
Parmitano sieht den Mond aufgehen – hinter dem blauen Schleier der Erdatmosphäre. Quelle: NASA/ESA
Parmitano in der Aussichtskuppel Cupola: Bei einem Weltraumspaziergang vor wenigen Wochen floss dem Italiener Wasser in den Helm, er bekam fast keine Luft mehr. Quelle: NASA/ESA

Es gibt zwei Blicke, die man aus der Perspektive eines Raumfahrers auf unsere Erde werfen kann: den Blick der Versicherung und den Blick der Warnung. Der Philosoph Hans Blumenberg hat uns darauf schon vor gut vier Jahrzehnten aufmerksam gemacht. Seine Sammlung "astronoetischer Glossen" in "Die Vollzähligkeit der Sterne" gehören bis heute zum Bezauberndsten, was der Deutsche Buchmarkt zu bieten hat.

Die Vollzähligkeit der Sterne

Blumenberg war sofort klar, dass das ikonographische Foto des blauen Planeten inmitten nachtschwarzer Unendlichkeit das Selbst-Bewusstsein der Menschen (und ihr Empfinden, ein Teil der "Menschheit" zu sein) verändern würde. Allein die Frage war: In welche Richtung?

Für Blumenberg stand außer Frage, dass die "televisionäre Sensation" der Mondfahrt und der distanzierte Blick auf unsere Erde uns alle zu "Weltanschauern" emanzipiere, zu Erdenbürgern im engen Sinne des Wortes, sprich: zu Lebewesen, die unbedingt wissen, dass ihr Schicksal unauflöslich an ihr Dasein auf der Erde gebunden ist. Die Offensichtlichkeit der Mondwüste und die Erfahrung der "Totalgegenwart" der Erde inmitten einer staubigen, eisigen, toten Allunendlichkeit hätten ein Gefühl für die Kostbarkeit des "blauen Planeten" geweckt: "Als wüssten wir erst jetzt, was wir haben, seit wir wissen, wie es auf dem Mond aussieht."

Ausgestattet mit diesem Bewusstsein, so Blumenberg, werde der Mensch sich nicht nur seiner universalen Nichtigkeit bewusst, sondern rücke mit "seiner" Erde paradoxerweise zugleich wieder in eine Mittelpunktstellung ein, nicht kosmologisch, versteht sich, wohl aber lebenspraktisch - weil er weiß, dass es für ihn keine kosmische, sondern nur eine globale Perspektive gibt: Um diese Erde dreht sich alles. Ihren trivialsten Ausdruck fand die ptolemäische Konterrevolution damals in der "Gleichzeitigkeit von Mondbezwingung und Umweltschutz":

Als Neil Armstrong im Sommer 1969 seinen Fuß aus der "Eagle" setzte, um als erster Mensch den Mond zu betreten, richtete man im deutschen Ministerium des Innern gerade eine neue Abteilung "Umweltschutz" ein. Trefflicher lässt sich nicht kurzschließen, dass wir bei all unseren kosmischen Expeditionen nur einen einzigen Ort entdecken, der "unserer Gattung Aufenthalt von einiger Dauer verspricht", so hat es Hermann Lübbe einmal im Anschluss an Blumenberg formuliert, "nämlich unsere Erde"*.

Die Zivilisationsökumene

Davon allerdings, dass der neue Blick auf die Erde dazu geführt habe, sie dem Menschen als endliche Heimat erscheinen zu lassen, kann wiederum keine Rede sein; auch davor hat Blumenberg schon damals gewarnt, im Gegenteil: "Die Erde sah aus, als gäbe es den Menschen, seine Werke und seinen Unrat, seine Desertifikationen nicht! Keine Spur vom Menschen. Eine Reinheit des Kostbaren, als sei es lupenrein. Und damit auch ein noch unberührbarer und ungenutzter Boden für das fatal dazugedachte Wachstum. Es war eine Versicherung, was man sah, keine Warnung."

Erst 1972, mit dem Bericht des Club of Rome über "Die Grenzen des Wachstums" bekam die melancholisch-existenzielle Ur-Bedeutung des Bildes vom "blauen Planeten" eine ökologisch-kurative Note. Daran hat sich bis heute nichts geändert - wenn man einmal davon absieht, dass die ökologisch-kurative Semiotik des Bildes sich ihrerseits verwandelt und mehr und mehr alarmistisch-nihilistische Züge angenommen hat. Aus der Selbstversicherung des Blickes auf die Erde ist eine Warnung und aus der Warnung eine schlechte Nachricht geworden, genauer: die Nachricht von einem "beispiellosen Notfall planetarischen Ausmaßes". Davon jedenfalls ist Stephen Emmott überzeugt, dessen Bestseller "Zehn Milliarden" soeben als Taschenbuch erschienen ist.

Zehn Milliarden

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