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Treibstoffe Müll tanken und los

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China und Irland

Der nächste Stopp der Reise scheint auf den ersten Blick wenig innovativ: Stahlwerke in China. In der Branche tut sich wenig. Hochöfen schmelzen wie eh und je aus Erz das Roheisen, das dann zu Stahl weiterverarbeitet wird. Das Problem: Der Prozess produziert Unmengen an Hochofen- oder Gichtgasen – schädliche Rauchwolken, die neben CO2 auch Stickstoff, Kohlenstoffmonoxid und Wasserstoff enthalten.

Bisher wird das Gas, aus den Hochöfen kommend, einfach abgefackelt oder zur Stromerzeugung verbrannt. Das ist weder effektiv noch umweltfreundlich. Stahlwerke allein sind für rund sieben Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich.

Das neuseeländische Startup Lanza Tech will diese Gichtgase in Zusammenarbeit mit dem Münchner Technikriesen Siemens nutzen – indem es den Abgasmix an speziell gezüchtete Mikroben verfüttert. Dafür leitet das Startup die Gase direkt vom Hochofen in einen Bioreaktor. Im Verdauungsprozess wandeln die patentierten Abfallfresser das Gichtgas in Ethanol um.

„So kann jeder Kraftwerksbetreiber seinen Müll künftig zu Geld machen“, verspricht Lanza-Tech-Chefin Jennifer Holmgren. Das Potenzial ihrer Technik sieht sie weltweit bei mehr als 100 Milliarden Liter Treibstoff pro Jahr – 15 Milliarden Liter mehr, als derzeit produziert werden.

Umwelt



Seit Kurzem betreibt Lanza Tech seine ersten zwei Pilotanlagen in Werken der chinesischen Stahlgiganten Baosteel und Shougang. Sie wandeln einen Teil des Gichtgases in jeweils 300 Tonnen Ethanol pro Jahr um. 2014 sollen zwei weitere Anlagen in China in Betrieb gehen, erstmals im kommerziellen Maßstab. Dann soll Kooperationspartner Siemens helfen, die Technik in die Stahlwerke einzubinden. Schon 2015 will Lanza Tech rund 500 Millionen Liter Abgassprit im Jahr herstellen.

Irland

Unsere Reise entlang der Müllroute endet bei dem Hobbypiloten Jeremy Rowsell. Immer wenn er Australiens Küste abfliegt und aus der Vogelperspektive die wachsenden Plastikmüllberge an den Küsten sieht, denkt er: Was für eine Schande.

Als er vor einigen Monaten von dem irischen Unternehmen Cynar las, war sein Entschluss klar: Er muss ein Zeichen setzen. Cynar hat ein Verfahren entwickelt, das Plastik in Diesel und Kerosin verwandelt. Dafür wird der Kunststoff unter Hitzeeinfluss zuerst in ein sogenanntes Pyrolysegas verwandelt, bevor es zu Sprit wird. Damit will Rowsell von Sydney nach London fliegen und damit der Öffentlichkeit zeigen, dass Plastik kein Müll, sondern ein wertvoller Rohstoff ist.

Schon jetzt hat Cynar Aufträge, um in Europa und Südamerika rund 50 seiner Anlagen zu bauen. Die machen aus einer Tonne Plastik auf einer Grundfläche von 50 mal 30 Metern bis zu 1000 Liter Treibstoff.

Die erste Anlage soll in den nächsten Wochen nahe London in Betrieb gehen. „Wir brauchen aber keinen frischen Kunststoff, sondern nehmen nur das, was nicht mehr recycelt werden kann“, erklärt der Gründer Michael Murray in Dublin. 15 Millionen Tonnen solcher Plastikabfälle kämen jährlich allein in der EU zusammen.

Da der Rohstoff, von Plastikverpackungen über Gehäuse von Elektronikartikeln, für seinen Sprit ansonsten auf der Deponie oder in Verbrennungsanlagen gelandet wäre, bekommt Cynar ihn entsprechend günstig. So kommt der Herstellungspreis von nur 35 Euro-Cent pro Liter Diesel zustande. Damit hat sich eine Spritanlage in weniger als vier Jahren rentiert.

Mit dem ersten Flugzeugbenzin, das Cynar herstellt, will der Hobbypilot Rowsell medienwirksam zu seinem Interkontinentalflug ansetzen. Derzeit sucht er nach Sponsoren, um mit seiner Cessna 172 von Australien mit mehr als ein Dutzend Stopps nach England zu kommen.

Damit wäre endgültig bewiesen: Plastik ist kein Müll – sondern kann als Rohstoff noch zu Sprit werden. Wie so vieles andere, was bisher schlicht als Abfall galt.

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