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Treibstoffe Müll tanken und los

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Deutschland

So sparen Sie bis zu 20 Prozent Kraftstoff

In einem turnhallengroßen Raum in Eggenstein am Stadtrand von Karlsruhe riecht es wie in der Scheune eines Bauern. Und es sieht auch beinahe so aus: An einer Wand stapeln sich dutzendfach große, goldgelbe Strohballen. Was weniger zu Landwirtschaft passt, ist der Maschinenpark gegenüber: ein Häcksler, der Stroh zerkleinert, und ein Reaktor, der es unter Luftabschluss bei einer Temperatur von rund 500 Grad Celsius in eine ölige Flüssigkeit umwandelt. Sie wird in drei weiteren Prozessschritten zu Benzin und Diesel.

Maschine und Stroh zusammen sollen eine der Ölquellen der Zukunft sein. Denn der Prozess soll die energiereichen Stoffe Lignin und Zellulose aus den Pflanzen in tankfähigen Sprit umwandeln.

Billig ist das Zukunftsprojekt nicht: Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Bundesregierung, der Großanlagenbauer Lurgi und das französische Chemieunternehmen Air Liquide haben in ihre Entwicklung gut 60 Millionen Euro gesteckt. Doch die Investition könnte sich lohnen.

Allein mit Stroh aus Weizen, Mais und Gerste, das in Deutschland anfällt und nicht als Viehfutter oder Ackerdünger taugt, ließen sich mehr als vier Millionen Autos jährlich antreiben, haben die KIT-Forscher ausgerechnet. „Schon 2014 wollen wir das Stroh erstmals in Treibstoffe verwandeln“, sagt KIT-Vizepräsident und Forschungskoordinator Peter Fritz. Der Bioliq genannte Prozess soll auch mit Forstabfällen und Grünschnitt funktionieren. Was den Preis für sein Strohbenzin angeht, will Fritz sich nicht festlegen. Bioliq-Sprit könnte aber mit herkömmlichen Treibstoffen konkurrieren, wenn der Gesetzgeber Steuervergünstigungen schafft.

Weltweit, so hat es der Technologieberater und Experte für erneuerbare Energien Dirk Volkmann aus Düsseldorf recherchiert, entwickeln derzeit mehr als 60 Unternehmen Verfahren, um aus Pflanzenabfall Sprit zu machen.

Wie viel Sprit Ihr Auto wirklich schluckt
Erschütterndes TestergebnisVon den 91 geprüften Fahrzeugen lag der im Unterschied zu den Herstellerangaben festgestellte Mehrverbrauch bei 55 Wagen teils deutlich über der Marke von zehn Prozent. Diese Grenze muss laut herrschender Rechtsprechung überschritten werden, wenn der Autokaufvertrag erfolgreich angefochten werden soll. Voraussetzung dafür ist in aller Regel auch das Gutachten eines anerkannten Sachverständigen, der die besagte Verbrauchsdifferenz bestätigen muss. Die Bildergalerie zeigt die Testergebnisse ausgewählter Fahrzeuge: Die erste Ziffer gibt immer den Spritverbrauch laut Hersteller an. Die zweite den tatsächlichen Verbrauch im Rahmen des ACE-Tests. Quelle: dapd
Ford FocusFocus 1.6 Ti-VCT: Werksangabe: 6,6 Liter Super - ACE-Test: 7,9 Liter Focus 1.6 TDCi TREND: Werksangabe: 5,1 Liter Diesel - ACE-Test: 5,2 Liter Focus 2.0 TDCi: Werksangabe 4,9 Liter Diesel - ACE-Test 5,1 Liter Quelle: obs
Opel CorsaCorsa 1.7 CDTI Cosmo: Werksangabe: 4,8 Liter Diesel - ACE-Test: 5 Liter Quelle: obs
Audi Q3Q3 2.0 TDI Quattro S tronic: Werksverbrauch: 5,9 Liter Diesel - ACE-Test: 7,9 Liter Quelle: obs
Audi A4 A4 1.8 TFSI: Werksangabe: 7,1 Liter Super - ACE-Test: 8,1 Liter A4 2.7 TDI Avant Multitronic: 6,4 Liter Diesel - ACE-Test; 6,5 Liter Quelle: obs
Audi A6 AvantA6 Avant 2.0 TDI: Werksangabe: 5,8 Liter Diesel - ACE-Test: 6,7 Liter A6 Avant 3.0 TDI quattro: Werksangabe: 5,8 Liter Diesel - ACE-Test: 6,9 Liter Quelle: obs
Škoda RapidRapid 1.9 TDI: Werksangabe: 4,4 Liter Diesel - ACE-Test: 4,6 Liter Quelle: dpa

Aber nicht alle Unternehmen setzen wie Bioliq auf chemische Prozesse. In einer Demonstrationsanlage im bayrischen Straubing, im Süden der Republik, nutzt das Schweizer Chemieunternehmen Clariant Mikroorganismen, um aus Feldabfall Ethanol zu machen. 1000 Tonnen des Alkohols, der E10-Benzin beigemischt wird, liefert die Anlage pro Jahr.

In dem biotechnischen Prozess kommen zunächst Enzyme zum Einsatz. Diese sogenannten Biokatalysatoren stammen aus Holz verdauenden Baumpilzen. Ihnen gelingt, was normale biotechnische Produktionsorganismen wie Hefen oder Mikroorganismen nicht schaffen: Sie lösen in einem Bioreaktor die wertvollen Zuckermoleküle aus dem klein gehäckselten und gegarten Stroh und Holz heraus.

Derart appetitlich vorverdaut, können nun auch Mikroorganismen mit den Zuckern aus Abfallstoffen etwas anfangen: Sie vergären die Zuckermoleküle in einem zweiten Schritt zu Ethanol. Auch mit den in den USA und Südamerika üblichen Ernteabfällen aus dem Mais- und Zuckerrohranbau funktioniert das Verfahren, wie Clariant jetzt zeigte. Der Konzern will die sogenannten Sunliquid-Anlagen nun weltweit an andere Unternehmen verkaufen.

Doch Enzyme und Anlagen sind teuer. Deshalb rüstet das Schweizer Startup Butalco gewöhnliche Brauhefe mit den entsprechenden Genen im Labor gerade so auf, dass sie direkt auch Abfallstoffe wie Holz, Grünschnitt oder Stroh verwerten können. Ideengenerator ist der Frankfurter Biochemiker und Butalco-Mitgründer Eckhard Boles. Er hat die Hefen zudem so getrimmt, dass sie statt Ethanol Butanol herstellen. Den großen Bruder des Ethanols handeln Experten als Biotreibstoff der Zukunft, weil er eine höhere Energiedichte hat, die normalem Benzin entspricht.

Auch ein weiteres Problem des Sprits aus Pflanzenresten ist nun gelöst: Wegen ihrer geringen Energiedichte lohnt es sich nicht , sie per Lkw über Hunderte Kilometer zu Großanlagen zu schaffen. Deshalb kann die kleine Anlage der KIT-Forscher aus Karlsruhe auch lokal eingesetzt werden. Bis zu 200 Anlagen dieser Art könnten in Deutschland gebaut und aus einem Umkreis von 25 Kilometern beliefert werden.

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