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Treibstoffe Müll tanken und los

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USA und Brasilien

Wie so häufig, wenn man von Europa in die USA fliegt, wird dort alles größer, spektakulärer, ambitionierter. Das gilt auch für Abfallbenzin. Der Plan von Mike Cheiky, der in den Achtzigerjahren als Pionier in der Computerindustrie Millionen verdiente, ist kühn: Mit seinem Startup Cool Planet aus der Nähe von Los Angeles will er bis 2020 in den USA 400 kleine Biotreibstofffabriken errichten. Später sollen weltweit 1600 weitere hinzukommen. Zehn Prozent des globalen Spritbedarfs will Cheiky so decken.

Was Cool Planet von Projekten wie dem in Karlsruhe und Straubing unterscheidet? Mike Rocke, Vize-Chef von Cool Planet, sagt ganz unbescheiden: „Wir stellen den ersten Treibstoff der Welt her, der das Klima schützt.“ CO2-negativ nennt er das Produkt. Dafür spaltet das Verfahren die langen Kohlenwasserstoffketten in Biomasseabfällen oder Energiepflanzen wie Präriegras und Schilf unter Ausschluss von Sauerstoff bei großer Hitze in kürzere Ketten. Die erdölähnliche Flüssigkeit, die bleibt, lässt sich laut Cool Planet mit Benzin mischen. Eine erste Pilotanlage hat seit Dezember 10 000 Liter Biokraftstoff geliefert.

Aber das Besondere ist weniger der Sprit, „sondern die Biomasse, die am Ende des Prozesses übrig bleibt“, sagt Rocke: Rund 200 Gramm sind es bei jedem Liter. Den Feststoff verarbeitet Cool Planet zu Biokohle weiter. Auf Feldern vergraben, soll sie auf Dauer rund ein Drittel des Klimagases CO2, das die Biomassepflanzen bei ihrem Wachstum aus der Atmosphäre aufnahmen, für Jahrhunderte unter die Erde befördern. Damit entzieht das Cool-Planet-Verfahren der Atmosphäre nach und nach CO2 – und hält so die Erderwärmung auf. Aber nicht nur das Klima will Cool Planet schonen, sondern auch den Geldbeutel: mit Kosten von 30 Cent pro Liter Benzin.

Wie viele Ökoautos auf deutschen Straßen fahren
Elektro-Autoabsatz gesamt:2012 wurden insgesamt 3438 Autos mit reinem Elektro- oder Plug-In-Hybride-Antrieb zugelassen. Das entspricht einem Marktanteil von 0,11 Prozent. CAR-Leiter Ferdinand Dudenhöffer gehrt für 2013 von einer weiter schleppenden Entwicklung aus. Die Zahl der Neuzulassungen von E-Fahrzeugen wird nach seiner Hochrechnung auf 3700 steigen, das entspräche einem Anteil von 0,13 Prozent am Gesamtmarkt. Und hier die Entwicklung nach Marken... (Im Bild zu sehen, dass Volkswagen-Modell XL1 - das erste 1-Liter-Auto des Konzerns) Quelle: dpa
BMWDie Bayern wollen in diesem Jahr mit dem i3 voll durchstarten. Er fährt 160 Kilometer rein elektrisch und kostet ca. 35.000 Euro (geschätzt). Der i3 kommt im Herbst zu den Händler. Bisher hatte BWM in puncto Plug-In-Technologie und Elektroantrieb wenig zu bieten. So kommt es auch, dass zwischen Januar und April 2013 nur 23 Fahrzeuge des bayerischen Autobauers in der Zulassungsstatistik auftauchen. Nach einer Hochrechnung des CAR Center Automotive Research könnten es bis zum Jahresende 500 Fahrzeuge sein. Foto: Steffen Jahn/BMW Quelle: dpa
OpelMit dem Ampera legte Opel 2012 ganz schön vor: 828 Zulassungen auf Opel-Modelle mit Elektro-/Hybrid-Antrieb zählten die Zulassungsbehörde. Bis April 2013 wurden aber nur noch 100 Opel-Modelle mit Elektroantrieb neu zugelassen - zum Jahresende könnten es rund 300 sein. Opel scheint sich etwas neues einfallen lassen zu müssen, will die GM-Tochter vom Elektro-Trend profitieren. Quelle: Opel
SMARTDie Elektromodelle der Mercedes-Tochter erfreuen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit. 2011 wurden über 300 Smart-Modelle mit Elektro- bzw. Plug-In-Technologie zugelassen, 2012 waren es schon deutlich über 700 und von Januar bis April 2013 zählte die offizielle Statistik schon 666 Zulassungen. Das CAR-Institut rechnet bis Jahresende mit 1300 neuzugelassenen Öko-Autos von Smart. Quelle: dpa
MitsubishiMit dem iMiev startete Mitsubishi relativ erfolgreich. 2011 wurden insgesamt 683 Elektro-Modelle der Marke in Deutschland zugelassen, doch 2012 ebbte das Interesse merklich ab. Nur noch 96 Neuzulassungen auf Ökomodelle von Mitsubishi weist die Statistik aus. Bis April 2013 kamen 39 dazu. Das CAR-Institut rechnet mit nicht mehr als 126 Modellen bis zum Jahresende. Quelle: Presse
213 Elektro- oder Hybrid-Modelle wie der Kangoo Rapid wurden nach Angaben des Automobilexperten Ferdinand Dudenhöfer 2012 in Deutschland zugelassen. Bis April 2013 folgten weitere 61 Renault-Modelle. Ab 8. Juni ist der Renault Zoe (Foto) ab 21.700 Euro auf dem deutschen Markt zu haben. Er könnte den Franzosen zum neuen Schwung beim Absatz verhelfen. Quelle: Renault
CitroenMit Modellen wie dem Berlingo First Electric schafften es die Franzosen vor allem mittelständische Betriebe wie Handwerker oder Pflegedienste für einen Stromer zu begeistern. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt mehr als 454 Citroen-Modelle mit emissionsarmen Antrieben in Deutschland zugelassen. In den ersten vier Monaten des aktuellen Jahres sind es 262. Nach der Hochrechnung des CAR-Instituts schaffen die Franzosen die Vorjahresmarke nicht mehr und müssen sich bis Jahresende mit 350 verkauften Stromern zufrieden geben. Quelle: Citroën

Bei solchen Plänen könnte man den Gründer Mike Cheiky mit seiner Siebzigerjahre-Frisur und Nerd-Brille für einen Spinner halten. Aber er hat Geldgeber wie den US-Technikriesen General Electric, die Ölkonzerne BP und ConocoPhillips sowie Google davon überzeugt, ihm und seinen 100 Mitarbeitern 30 Millionen Dollar Anschubfinanzierung zu geben. Die Ölkonzerne hätten das Verfahren auf Herz und Nieren geprüft, sagt Cheiky – und für machbar befunden. Inzwischen hält Cool Planet 14 Patente für seine Technik.

Derzeit fliegen die Chefs des Startups um die Welt, um weitere 70 Millionen Dollar einzusammeln. 2014 soll die erste kommerzielle Anlage in Betrieb gehen, die zwischen 40 und 200 Millionen Liter Kraftstoff und bis zu 50 Tonnen Biokohle jährlich produziert. Baukosten: 20 Millionen Dollar.

Brasilien

Wer von den USA auf der Innovationsroute des Mülltreibstoffs nach Süden in den heiß-trockenen Nordosten Brasiliens reist, kann dort ein weiteres erstaunliches Abfallprojekt besichtigen. Der Deutsche Hans-Jürgen Franke, ehemaliger Entwicklungshelfer und Technikexperte, fand in Südamerika genau das, was er für sein Projekt brauchte: CO2-Abgase einer Zuckerfabrik, Sonne satt und einen risikobereiten Partner – das auf Algen spezialisierte Unternehmen See Algae Technology (SAT).

Und so installiert Franke jetzt 60 Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Recife die weltweit erste großtechnische Biodieselproduktion aus Algen. Die grünen Spritlieferanten wachsen dabei in Rekordtempo in fünf Meter hohen Silos heran. Der entscheidende Trick: Die direkte CO2-Fütterung mit Abgasen beschleunigt das Wachstum enorm. Aus zwei Tonnen Kohlendioxid wird so eine Tonne Algen.

Nach der Ernte presst eine Maschine das Öl aus den Algen, das eine Raffinerie zu Biodiesel macht. Die Algenreste eignen sich ideal als Tierfutter mit einem doppelt so hohen Proteingehalt wie Mais.

Was Frankes Verfahren anderen Algenprojekten voraus hat: Mit einem Preis von rund 30 Cent pro Liter Algenöl ist es sehr billig. 40 Cent wird der weiterverarbeitete Liter Biodiesel kosten. Andere Algenunternehmen kommen auf mehrere Euro. Franke produziert so günstig, weil er das notwendige Licht für das Algenwachstum mit Solarsammlern fängt und mit Glasfaserkabeln in die Tanks leitet. So wachsen die Algen im ganzen Reaktor, statt nur an der Oberfläche wie bei anderen Verfahren.

„Wir können in ganz Brasilien grüne Gürtel um Stahlwerke, Thermokraftwerke oder eben Zuckerfabriken bauen“, sagt Rafael Bianchini, Chef von SAT in Brasilien. Anfang 2014 soll Frankes Algenfarm nahe Recife betriebsfertig sein.

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