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Umstrittene Chemikalie EU verschärft Grenzwert für Bisphenol A

Bisphenol A steckt etwa in Plastikgeschirr oder Kassenbons. Forscher streiten seit Langem über die Gefahr, die von der Chemikalie ausgeht. In Babyflaschen ist sie bereits verboten. Nun senkt die EU den Grenzwert.

Kassenbons sind oft mit dem umstrittenen Stoff Bisphenol A beschichtet. Quelle: dpa

Der empfohlene Grenzwert für die umstrittene Chemikalie Bisphenol A (BPA) ist deutlich verschärft worden. Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA setzte den Wert des Stoffes, der unter anderem in Kassenbonbeschichtungen und Mehrweg-Plastikgeschirr steckt, von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag auf nur noch 4 Mikrogramm herab.

Der Wert sei vorläufig, solange die Ergebnisse einer Langzeitstudie noch ausstünden, teilte die EFSA am Mittwoch in Parma mit. BPA ist ein hormonähnlicher Stoff und steht im Verdacht, Erkrankungen des Hormonsystems sowie des Herzkreislauf- und Nervensystems auszulösen.

In der neuen Bewertung, wie gefährlich BPA ist und wie stark Menschen dem Stoff ausgesetzt sind, kamen die Experten zu dem Schluss, „dass BPA bei der derzeitigen Verbraucherexposition für keine Altersgruppe ein Gesundheitsrisiko darstellt“. Die Aufnahme über Ernährung oder eine Kombination verschiedener Quellen wie Staub, Kosmetika und Thermopapier von Kassenbons liege deutlich unterhalb der sicheren Obergrenze.

Neue Studien zeigen Gefahr für Leber und Niere

„Das Gremium beschloss, die Sicherheit von BPA aufgrund der Veröffentlichung einer überwältigenden Zahl neuer Forschungsstudien in den letzten Jahren neu zu bewerten“, erklärte Trine Husøy von der BPA-Arbeitsgruppe. Der Stoff sei demnach schädlich für Leber und Niere. Die Konzentration müsse dann allerdings um mehr als das Hundertfache über der neuen Obergrenze liegen.

Von welchen Kassenbons Sie besser die Finger lassen
Vor einem Jahr hatten die Umweltschützer von Greenpeace schon einmal die unscheinbaren Kassenbons genauer unter die Lupe genommen und untersucht, welche Firmen die umstrittene Chemikalie nutzen. Damals verwendeten sieben von acht getesteten Firmen im Thermopapier für Kassenbons giftige A-Bisphenole (BPA). Jetzt zeigt der Folgetest, wer reagiert hat - und wer noch immer den als gesundheitsschädlich eingestuften Stoff nutzt. Quelle: dpa
EdekaDer neue Test zeigt, dass in den Kassenbons von Edeka noch immer die Chemikalie BPA drinnen steckt. Studien zufolge wirkt sie ähnlich wie das weibliche Sexualhormon Östrogen. Auf Nachfrage des „Sterns“ gab Edeka an, bereits in der Vergangenheit zu Bisphenol-freiem Papier gewechselt zu haben. Jedoch sei nicht auszuschließen, dass „in einigen Märkten noch alte Ware aufgebraucht wird“. Quelle: dpa
Kaiser'sAuch die Supermarktkette Kaiser's setzt eine umstrittene Chemikalie in ihrem Thermopapier ein: das „kaum weniger kritische Bisphenol S “, so die Umweltschützer in ihrer Analyse. Studien zufolge wirkt der Ersatzstoff ähnlich stark hormonell wie BPA. Gegenüber dem „Stern“ erklärte Kaiser's, man sei dabei, auf Bisphenol-freie Bonrollen umzustellen. Quelle: dpa
Aldi NordDer Lebensmitteldiscounter Aldi Nord setzt den Ersatzstoff Pergafast 201 ein - der allerdings auch nicht „risikofrei“ sein soll. Ins Blut gelangen die Substanzen, die sich als Farbentwickler an der Oberfläche Bons befinden, über die Haut beim Anfassen. Quelle: dapd
Deutsche BahnAuch die Deutsche Bahn setzt für ihre Quittungen auf den Ersatzstoff Pergafast 201. Schwedische Forscher haben erst kürzlich herausgefunden, dass sich die hormonelle Wirkung schon „bei sehr geringen Dosen“ zeige. Quelle: dpa
ReweAuch der Lebensmittelhändler Rewe benutzt einen Ersatzstoff für seine Kassenbons: Die Chemikalie D-8. Der Stoff wurde neben 15 anderen möglichen BPA-Alternativen von der US-Umweltbehörde EPA untersucht und ist zwar für den Menschen weniger bedenklich als BPA, aber auch nicht risikofrei. D-8 ist BPS strukturell ähnlich, laut kalifornischer Umweltbehörde hat es eine „eindeutig hormonell aktive Wirkung“. Quelle: dpa
Galeria KaufhofLaut Greenpeace verwendet die Warenhauskette Kaufhof höchstwahrscheinlich auch den Ersatzstoff D-8. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat inzwischen eine neue Risikobewertung angekündigt und auch das Umweltbundesamt will prüfen, „ob das Risiko für Mensch und Umwelt möglicherweise unterschätzt wird.“ Quelle: dpa

Studien, die Bisphenol A als Ursache für andere Krankheiten nennen, sind laut EFSA weniger aussagekräftig, heißt es weiter. Folgen für die Fortpflanzungsorgane, das Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf-, Nerven- und das Immunsystem „werden derzeit nicht als wahrscheinlich erachtet“, könnten aber nicht ausgeschlossen werden. Das gelte auch für Krebs.

Grund für den Richtungswechsel bei dem Grenzwert war, dass bei der letzten Bewertung im Jahr 2006 weniger Daten zur Verfügung standen. Die EFSA will den Grenzwert nochmals überprüfen, wenn die Ergebnisse einer Langzeitstudie mit Ratten in zwei bis drei Jahren vorliegen.

BPA ist in Babyflaschen verboten

Bisphenol A ist in der Europäischen Union bereits in Babyflaschen verboten. Die EFSA liefert für die EU-Kommission und die EU-Länder Risikobewertungen, erlässt aber selbst keine Verbote oder Ähnliches. Dies machen die Kommission oder die jeweiligen Länder. Diese müssen nun entscheiden, was aus der EFSA-Bewertung folgen soll.

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„Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, er reicht aber nicht aus“, kommentierte Ann-Katrin Sporkmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Nötig sei ein generelles Verbot von BPA in Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen.

„Im Allgemeinen ist die Belastung für Kinder geringer als die 4 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht und Tag“, bestätigte Chemikalien-Experte Andreas Gies vom Umweltbundesamt in Dessau. In einer europäischen Studie mit 600 Kindern sei der Wert nur in zwei Fällen überschritten worden. Dennoch sollte man Bisphenol A möglichst meiden.

„Hauptquellen sind Innenbeschichtungen von Konservendosen sowie Polycarbonat im klaren Plastik, das in DVDs, Plastikgeschirr und Möbeln vorkommt.“ Es stecke aber auch im Thermopapier von Kassenbons. „Ich rate, es zu vermeiden und etwa auf Konserven zu verzichten. Kassenbons sollten nicht in Kinderhände gelangen und nicht in Taschen zerknüllt werden.“

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