Umweltschutz Achim Steiner rettet die Welt

Der oberste Klimaschützer der UN ist ein Deutscher - und Wirtschaftsversteher. Achim Steiner glaubt: Gewinnt er die Wirtschaft für seine Pläne, hat auch die Umwelt gewonnen.

Achim Steiner arbeitet an den großen Problemen der Welt. Quelle: Chris Sorensen für WirtschaftsWoche

Die Tage von New York sind stressig. Nach dem Mittagessen mit Investoren in der New York Stock Exchange – bevor das Essen serviert wird, muss Achim Steiner schon weiter – wartet bereits der kalifornische Gouverneur Jimmy Brown auf Steiner. Den französischen Präsidenten François Hollande, die chinesische Delegation und die südafrikanische Oscar-Gewinnerin Charlize Theron wird Steiner später am Tag noch treffen. Dazwischen immer wieder Abstimmungen mit der Bundesregierung, worauf noch zurückzukommen sein wird.

Es sind Tage, die selbst einen wie Steiner manchmal kurz die Orientierung verlieren lassen, so pickepackevoll sind sie. Aber der Mann soll ja auch die Welt retten, zumindest deren Klima; eine Aufgabe, zu deren Lösung Pausen nicht so vorgesehen sind. Seit 2006 leitet Steiner das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP); der Deutsche, geboren in Brasilien, hat „die Stimme der Umwelt“, wie sich die Organisation selbst bezeichnet, zu einem lautstarken Akteur auf der politischen Bühne gemacht.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

Im kommenden Jahr endet Steiners Zeit. Aber zuvor, da hat er noch das eine große Ziel: Der Klimagipfel von Paris Ende des Jahres, er soll gelingen. Die Welt, vor allem die Weltwirtschaft, soll darauf verpflichtet werden, sich auf verbindlichen Klimaschutz zu einigen. Das ist das Ziel, an dem die jetzige Generation an Entscheidern dereinst gemessen werden wird. Das Ziel, an dem Steiner gemessen werden wird.

China sucht Investoren für nachhaltige Ideen

Aufbruch Richtung Wall Street. Der nächste Termin drängt. Ausgerechnet im Finanzzentrum der Welt, wo nur Bares Wahres ist, spricht Steiner vor Bankern und Geldgebern über nachhaltige Investments. „In der Green Economy lässt sich viel Geld verlieren“, sagt er. „Aber auch viel Geld verdienen.“ Was man halt so sagt. Steiner aber fundiert, was andere als grünes Marketing missbrauchen, mit allerlei Substanz. Klimaschutz bei Steiner, das funktioniert wie ein Businessplan.

So soll das deutsche Klimaziel erreicht werden
Energieeffizienz25 bis 30 Millionen Tonnen an Kohlendioxid (CO2) sollen durch mehr Energieeffizienz eingespart werden. Für diesen größten Einzelposten im Aktionsprogramm legte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ (NAPE) vor. Ein Kernpunkt ist mehr Effizienz durch Gebäudesanierung, um den Verbrauch für Heizung und Warmwasser zu senken. Hier sollen mit Hilfe steuerlicher Anreize pro Jahr drei bis vier Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Quelle: dpa
StromerzeugungDie Regierung nimmt auch den Energiesektor in die Pflicht. Zwischen 2016 und 2020 sollen die Unternehmen zusätzlich 22 Millionen Tonnen CO2 einsparen – wie, bleibt ihnen selbst überlassen. Im Aktionsprogramm wird zudem das Ziel bekräftigt, den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch bis 2025 auf mindestens 40 Prozent und bis 2050 auf 80 Prozent zu steigern. Die Kraft-Wärme-Kopplung soll ausgebaut werden. Quelle: dpa
Verkehr IDer Verkehrssektor soll ein Minus von sieben bis zehn Millionen Tonnen CO2-Ausstoß beitragen. Den größten Anteil soll nach Angaben aus Regierungskreisen die Ausweitung der künftig nach Energieverbrauch gestaffelten Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen und ab 2018 auf alle Bundesstraßen bringen. Außerdem soll die Hybridtechnik bei Nutzfahrzeugen gefördert und der Schienengüterverkehr durch Beseitigung von Netzengpässen gestärkt werden. Regionalisierungsmittel für öffentliche Verkehrsmittel sollen erhöht und an Fahrgastzahlen sowie Emissionssenkung gekoppelt werden. Autofahrer sollen Gutscheine für Sprit-Spar-Trainings erhalten. Quelle: dpa
Verkehr IIAußerdem hält die Regierung an dem Ziel fest, den Marktanteil von Elektrofahrzeugen bis 2020 auf deutlich über eine Million Fahrzeuge zu erhöhen. Um das zu erreichen, ist im gewerblichen Bereich beispielsweise für Fuhrparks und Paketdienste die steuerliche Abschreibung vorgesehen. Bislang werden jährlich nur einige tausend E-Autos zugelassen. Quelle: dpa
Industrie, Gewerbe, AbfallwirtschaftAbfallvermeidung soll knapp zwei Millionen Tonnen CO2-Minderung bringen. Geplant ist ein neues Wertstoffgesetz statt der geltenden Verpackungsverordnung. In Kühlanlagen sollen besonders klimaschädliche Gase durch Verordnungen verdrängt werden. Das Äquivalent von mindestens minus zwei Millionen Tonnen CO2 soll die Minderung des Methanausstoßes von Deponien bringen, vor allem durch bessere Belüftung. Quelle: dpa
LandwirtschaftHier sollen 3,6 Millionen Tonnen eingespart werden. Strengere Regeln für den Einsatz von Düngemitteln sollen die Emissionen von Stickoxiden mindern – auch durch gasdichte Lagerung und bessere Ausbringungstechniken. Der Flächenanteil von Öko-Landbau soll erhöht, Grünland-Umbruch soll eingeschränkt und Moore sollen renaturiert werden. Quelle: dpa
Weitere MaßnahmenDaneben setzt das Umweltministerium auf neue Programme zur Förderung energiesparenden Verhaltens von Bürgern und Unternehmen und auf die Vorbildfunktion des öffentlichen Sektors. Auch Programme aus dem Bereich Forschung und Entwicklung sollen zur CO2-Minderung beitragen. Quelle: dpa

Chancen für die Investoren, holt er nun vor selbigen aus, gebe es vor allem in den Schwellenländern. China etwa suche händeringend nach Investoren, berichtet Steiner. Das Land brauche mehr als 300 Milliarden Dollar pro Jahr, um seine Wirtschaft zu transformieren. „Und sie sind bereit, dafür beträchtliche Renditen zu zahlen“, wirbt er.

"Der Umbau der Volkswirtschaften kostet viel Geld"

Der Deutsche spricht neben seiner Muttersprache Englisch, Portugiesisch, Spanisch, Französisch – und die Sprache der Investoren. Der UNEP-Chef setzt nicht auf die apokalyptischen Aussagen der früheren Klimakämpfer, sondern punktet, indem er Ökologie mit Ökonomie verknüpft; nur so könne der Wandel gelingen, ist Steiner überzeugt: „Der Umbau der Volkswirtschaften kostet viel Geld.“ Die Infrastruktur zu schaffen, um etwa erneuerbare Energien zu speichern und über weite Strecken zu transportieren, könne nicht alleine Aufgabe der Steuerzahler sein. „80 Prozent des Geldes muss von der Finanzwirtschaft kommen“, sagt Steiner. Also sucht er Verbündete, wo seine Vorgänger mitunter Gegner sahen.

„Achim Steiner ist eine sehr überzeugende Persönlichkeit“, sagt Klaus Töpfer, bis 2005 Chef des Umweltprogramms der UN, über seinen Nachfolger. „Er hat mit der Green Economy früh ein wichtiges Thema gesetzt. Zu vermitteln, dass sich Wirtschaft und Umweltschutz nicht ausschließen, ist sicher der größte Verdienst von Achim Steiner.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%