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Urbanisierung Der Reichtum der Städte

Die Urbanisierung ist nicht aufzuhalten – und das ist gut so. Der Harvard-Ökonom Edward Glaeser beschreibt, warum uns die Stadt reicher, gesünder und glücklicher machen wird.

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Stau am Schalter - Um die Zuwanderung zu verkraften, brauchen Städte wie Peking leistungsfähige Verkehrssysteme. Quelle: dapd

Die Städte der USA machen nur drei Prozent der gesamten Landesfläche aus, doch auf diesen drei Prozent leben dicht gedrängt 243 Millionen Amerikaner. 36 Millionen Menschen wiederum leben im Großraum Tokio, der Metropolregion mit den weltweit höchsten Produktivitätsraten. Und mindestens zwölf Millionen Menschen wohnen in der indischen Megastadt Mumbai. Die Einwohnerzahlen chinesischer Wirtschaftszentren wie Shanghai sind fast ebenso hoch.

Was sagt uns das? Das Platzangebot auf unserem Planeten ist riesig – die Menschen aber rücken in riesigen, städtischen Ballungszentren immer näher zusammen. In den Entwicklungsländern ziehen jeden Monat fünf Millionen neue Zuwanderer in die Metropolen – mehr als jeder zweite Mensch lebt mittlerweile in der Stadt.

Diese wachsenden Ballungszentren sind die treibende Kraft für Neuerung – und das schon seit Plato und Sokrates, die auf den Plätzen Athens ihre Lehren verbreiteten. Die Gassen und Wege von Florenz wiederum waren die Wiege der Renaissance, und in den Straßen von Birmingham entfaltete sich die industrielle Revolution.

Wachstum der Mega-Metropolen
Platz 10: N.Y.-Newark (USA)Bereits 1960 lebten rund 14 Millionen Menschen im Großram New York- Newark. Laut Prognosen sollen es 2020 über 20 Millionen sein. Das würde einem Wachstum von 44 Prozent entsprechen. (Quelle: UN) Quelle: dapd
Platz 9: Tokio (Japan)Um 122 Prozent soll Japans Hauptstadt zwischen den Jahren 1960 und 2020 wachsen. Schon 1960 lebten in Tokio 16,5 Millionen Menschen - 2020 sollen es aber fast 38 Millionen sein. Zwar reicht es mit dieser Wachstumsprognose nur für einen der hinteren Plätze - allerdings wäre Tokio mit dieser Bevölkerungszahl 2020 die weltweit größte Stadt! Quelle: Reuters
Platz 8: Shanghai (China)Fast 20 Millionen Menschen sollen im Jahr 2020 in Shanghai leben - 1960 belief sich die Zahl der Einwohner noch auf 6 Millionen. Dieser Anstieg würde einem Wachstum von 180 Prozent entsprechen. Quelle: Reuters
Platz 7: Kalkutta (Indien)Knapp 6 Millionen Menschen lebten im Jahre 1960 in Kalkutta. Die Zahl der Einwohner soll bis 2020 um 227 Prozent steigen - dann soll die Stadt laut Prognosen Platz für über 18 Millionen Menschen bieten. Quelle: Reuters
Platz 6: Mexiko-Stadt (Mexiko)Ein Wachstum von 309 Prozent hat Mexiko-Stadt zu erwarten. 4,5 Millionen Menschen lebten hier 1960 - im Jahr 2020 sollen es bereits über 20 Millionen sein. Quelle: dapd
Platz 5: São Paulo (Brasilien)Noch stärker fällt der Wachstum mit 445 Prozent in Brasiliens größter Stadt aus. 2020 sollen in São Paulo fast 22 Millionen Menschen Platz finden - 1960 belief sich die Zahl der Einwohner auf "nur" 4 Millionen. Quelle: Reuters
Platz 4: Mumbai (Indien)Mit stolzen 484 Prozent Wachstum muss eine der wichtigsten Hafenstädte Indiens rechnen. Auch Mumbai fasste im Jahr 1960 nur knapp 4 Millionen Einwohner. Allerdings soll die Stadt 2020 fast 24 Millionen Menschen Platz zum Leben bieten. Quelle: dapd

Die Stadt triumphiert

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    In den wohlhabenden Ländern der westlichen Welt gingen die Städte aus den Entwicklungen des industriellen Zeitalters hervor und sind heute reicher, gesünder und attraktiver denn je. In den ärmeren Ländern expandieren die Ballungsräume in atemberaubendem Tempo, weil die urbane Dichte den Menschen am ehesten Chancen bietet, der Armut zu entfliehen.

    Die Welt ist nicht flach, sie ist asphaltiert. Die Stadt hat triumphiert. Sie steht für ein Minimum an räumlicher Distanz zwischen Menschen und Unternehmen. Städte bedeuten Nähe, Dichte und direkten Kontakt. Sie schaffen die Bühne, auf der Menschen zusammen arbeiten, leben und sich vergnügen. Ihren Erfolg verdanken sie dem Bedürfnis nach Nähe und Zusammenhalt.

    In den USA verdienen Arbeiter urbaner Ballungsräume 30 Prozent mehr als Arbeiter fernab der Metropolen. In anderen reichen Ländern ist das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land um nichts geringer. Noch größer ist der Abstand in ärmeren Ländern. Die hohen Löhne werden zwar durch höhere Lebenskosten wettgemacht, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass hohe Löhne Ausdruck höherer Produktivität sind.

    Innovationstreiber Stadt

    Bangalore, die fünftgrößte Stadt Indiens, wächst in rasendem Tempo weiter - inzwischen ist die Stadt zum Synonym für den wirtschaftlichen Erfolg der ganzen Nation geworden. Quelle: REUTERS

    Unternehmen sehen sich im urbanen Raum mit höheren Arbeitskosten und Grundstückspreisen konfrontiert. Diesen Nachteil nehmen sie aber in Kauf, weil Städte Produktivitätsvorteile schaffen, die die Mehrkosten ausgleichen.

    Urbanisierung und Wohlstand stehen deshalb in nahezu perfektem Zusammenhang: Wenn der Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung eines Landes um zehn Prozent steigt, erhöht sich die Pro-Kopf-Leistung der betreffenden Volkswirtschaft um durchschnittlich 30 Prozent. In Ländern, in denen der Großteil der Bevölkerung in Städten lebt, ist das Pro-Kopf-Einkommen fast vier Mal so hoch wie in ländlich geprägten Staaten.

    In Amerika und Europa fungieren die Städte als Innovationstreiber, weil sie die klugen Köpfe auf engem Raum zusammenbringen. Eine noch bedeutendere Rolle spielen die Städte in den aufstrebenden Staaten, wo sie die Brücke zwischen Märkten und Kulturen bilden.

    Verkehrsmittel der Zukunft
    In der Stadt von Morgen wird es keine festen Wege mehr für Autos, Radfahrer und Fußgänger geben. Alle Verkehrsteilnehmer werden sich künftig flexibel einen Weg durch die Stadt suchen – das glauben zumindest Forscher, die sich mit Städten der Zukunft befassen. Illustration: Javier Martinez Zarracina
    In den künftigen Megacities muss es gelingen auf gleichem Raum mehr Menschen zu transportieren. Indische Städte wie Delhi und Gurgaon planen Roboter-Taxis einzuführen. Die computergesteuerten Kabinen für vier bis sechs Personen warten an Haltestellen auf ihre Fahrgäste. Per Lasertechnik werden die Kabinen durch die Stadt gelotst, die Haltestellen können dann je nach Bedarf angesteuert werden – getrennt vom restlichen Verkehr. Illustration: Javier Martinez Zarracina
    In Jakarta bringt ein Zug namens Aeromovel die Fahrgäste ohne Lärm und Abgase ans Ziel – angetrieben von Druckluft. Die Erfindung neuer Transportmittel, die ohne Kraftstoff auskommen wird in Zukunft immer wichtiger werden.  Illustration: Javier Martinez Zarracina
    In Medellin befördern seit 2004 Seilbahnen Passagiere umweltfreundlich durch die Stadt. Die ersten europäischen Städte ziehen nun nach. Seilbahnen sollen künftig auch in London und Hamburg sowohl CO2 als auch Platz sparen. Illustration: Javier Martinez Zarracina
    In São Paulo kommen auf rund 19 Millionen Einwohner etwa sieben Millionen Autos. Städte wie Istanbul, Bogotá oder Santiago de Chile ersetzen Autospuren durch Schnellbuslinien. Auf diesen Bus Rapid Transits rollen Riesenbusse im Minutentakt an allen Staus vorbei. 900 000 Istanbuler nutzen solche Busse bereits Tag für Tag. Weitere 80 Städte wollen nachziehen. Illustration: Javier Martinez Zarracina
    Nicht nur Menschen müssen zukünftig Platz- und Ressourcen sparend durch die Stadt transportiert werden. Gerade der Schwerlastverkehr mit Lastwagen gehört zu den größten Luftverschmutzern. In Bochum setzt das Unternehmen CargoCap daher auf computergesteuerte Kapseln, die Paletten durch Rohe unter der Erde ans Ziel bringen. Eine oberirdische Teststrecke gibt es in Bochum bereits. Die Kosten für dieses System: geringer als der Bau einer Autobahn. Laut CargoCap kostet eine Röhre mit zwei Fahrsträngen pro Kilometer 6,4 Millionen Euro, ein Kilometer Autobahn in Deutschland das Vielfache. Illustration: Javier Martinez Zarracina
    In Zukunft werden auch platzsparende Autos gefragt sein. Eine Antwort darauf könnte das Hiriko-Citycar geben. Den Elektrozweisitzer entwickelten Forscher am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology. Das Auto lässt sich zum Parken einfach zusammenklappen und benötigt nur ein Drittel der Standfläche eines Smarts. Im Jahr 2013 sollen 20 Modelle auf den Markt kommen, so die Unternehmensberatung Frost & Sullivan. Auch andere Ideen sorgen für Aufsehen… Illustration: Javier Martinez Zarracina

    Bangalores Aufstieg

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      Noch 1990 hätte der Durchschnittsamerikaner oder -europäer im Zusammenhang mit Indien an Armut und Unterentwicklung gedacht. Heute denkt die gleiche Person voll Unbehagen an die Gefahr, dass sein oder ihr Job schon demnächst in die südindische Technologiehochburg Bangalore ausgelagert werden könnte. Indien ist zwar noch immer arm, aber es wächst in rasendem Tempo, und Bangalore, die fünftgrößte Stadt Indiens, ist zum Synonym für den wirtschaftlichen Erfolg der ganzen Nation geworden.

      Bangalore verdankt seine Erfolgsgeschichte nicht seiner industriellen Stärke, sondern seinem Ruf als Ideenschmiede für High-Tech-Produkte. Die hohe Konzentration von Talenten an einem Ort schafft die Bedingungen, in denen sich das vorhandene Wissen rasch vervielfältigt.

      Die Stadt als Nährboden für Gemeinschaftsleistungen ist nichts Neues. Seit Jahrhunderten werden in dicht bevölkerten Städten neue Ideen von Person zu Person weitergegeben. Der Erfolg einer Stadt steht und fällt mit ihrer Innovationsfähigkeit – dies gilt für New York und London genauso wie für Bangalore. Die Verbreitung von Wissen von Ingenieur zu Ingenieur, Designer zu Designer, Händler zu Händler hat eine ebenso fruchtbare Wirkung wie der Ideenaustausch zwischen Künstlern.

      Nicht jede Stadt wächst

      Detroit, einst die fünftgrößte Stadt Amerikas, hat seit Jahren mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen - als Resultat verpasster Chancen für den Anschluss an die Quellen urbaner Erneuerungskraft. Quelle: REUTERS

      Die vitale Kraft, die New York und Bangalore auszeichnet, bedeutet jedoch noch lange nicht, dass jeder Stadt ein ähnlicher Erfolgsweg vorgezeichnet ist. Im Jahr 1950 war Detroit mit 1,85 Millionen Einwohnern die fünftgrößte amerikanische Stadt. 2008 war sie zahlenmäßig um fast die Hälfte geschrumpft, und der Bevölkerungsschwund geht weiter. Acht der noch 1950 größten US-Städte haben seither mindestens ein Fünftel ihrer Einwohner verloren.

      Der Niedergang von Detroit und anderen alten, industriellen Zentren ist nicht ein Zeichen der Schwäche von Städten im Allgemeinen, sondern ein Symptom für die Sterilität einiger Metropolen, die den Anschluss an die Quellen urbaner Erneuerungskraft verloren haben. Die speist sich vor allem aus der Bildung ihrer Bürger, einer vielseitigen Industrie und kleinen, innovativen Unternehmen. Statt dies zu fördern, verschwenden gerade diese Städte häufig Geld für Prestigeprojekte.

      Die besten Städte für Radfahrer
      Tausende Fahrradfahrer überqueren die Köhlbrandbrücke im Hafen in Hamburg Quelle: dpa
      Screenshot der Homepage von Dublin Quelle: Screenshot
      Screenshot der Homepage Montréal Tourisme Quelle: Screenshot
      Eine Fahrradverleihstation in Paris Quelle: dpa
      Eine Spaziergängerin und ein Radfahrer überqueren die Isar in München Quelle: dpa
      Fahrradroboter "Murata Boy" in Chiba bei Tokio Quelle: dapd
      Ein Radfahrer fährt in Berlin an einer Regenpfütze vorbei, in der sich das Brandenburger Tor spiegelt. Quelle: dpa

      Wahre Hölle

      Aber selbst Armut muss nicht notwendigerweise ein Zeichen für Stagnation sein. Der Zustrom sozial schwacher Zuwanderer in Städte von Rio bis Rotterdam ist nicht Ausdruck von Schwäche, sondern der Stärke dieser urbanen Räume.

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        Städtische Armut lässt sich nicht eins zu eins urbanem Reichtum gegenüberstellen. Sie muss vor dem Hintergrund der Armut in ländlichen Regionen im Einzugsgebiet der jeweiligen Städte gesehen werden. Die Slums von Rio sind im Vergleich mit einem wohlhabenden Vorort von Chicago die wahre Hölle, aber die Armutsrate in Rio ist wesentlich niedriger als im ländlichen Nordosten Brasiliens.

        Einen schnellen Weg zum Reichtum mag es für die Armen nicht geben, aber sie haben die Wahl zwischen Stadt und Land, und viele wählen die Stadt – und das aus gutem Grund. Die städtischen Ballungsräume beziehen ihre Dynamik aus dem Zuzug von Reichen und Armen.

        Räumliche Nähe erhöht mitunter aber auch die Ansteckungsgefahr durch Krankheiten. Seuchen, Kriminalität und verstopfte Straßen sind die Probleme wachsender Metropolen. Doch die lassen sich lösen. In den amerikanischen Städten beispielsweise verbesserte sich die Lebensqualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisch, weil die Stadtväter enorme Summen für die Versorgung mit sauberem Trinkwasser aufwendeten. Diese Entwicklung zu mehr Lebensqualität dürfte sich in den Großstädten der aufstrebenden Dritten Welt im 21. Jahrhundert wiederholen.

        Nur für Reiche bezahlbar

        Das Wohnen in Paris, einst Anlaufstelle für Hunger leidende Künstler, ist heute den Reichen vorbehalten. Quelle: REUTERS

        Es war der Sieg der Städte über Krankheit und Kriminalität, der sie erst zu Orten persönlichen Wohlbefindens und wirtschaftlicher Produktivität machte. Die durch eine lebenswerte Umwelt und ökonomische Vitalität geschaffene Nachfrage erklärt gemeinsam mit dem knappen Raumangebot den stetigen Anstieg der Preise in attraktiven Städten. New York, London und Paris schränken die Neubautätigkeit indes zunehmend ein, wodurch diese Städte immer teurer werden.

        Tatsächlich gibt es in unseren Städten viel erhaltungswürdige Substanz – aber die Erhaltung historischer Bausubstanz hat einen hohen Preis.

        Ein gutes Beispiel ist die wohlgeordnete Schönheit von Paris. Das Stadtbild besticht durch seine Ordnung: die breiten geraden Boulevards, beidseits gesäumt von eleganten Bauten aus dem 19. Jahrhundert. Wir können die großartigen Kulturdenkmäler bestaunen, weil sie nicht hinter gigantischen Neubauten verschwinden.

        Neue Technologien zur Energiegewinnung
        Solarzellen gehören in der Stadt von Morgen zu den wichtigsten Technologien bei der Energiegewinnung. Die Integration in die Gebäudehüllen spart Material und verbilligt den Sonnenstrom. Illustration: Javier Martinez Zarracina
        Strom erzeugende Straßen gehören zu der Vision des amerikanischen Startup Solar Roadways. Die Oberfläche besteht aus einem extrem harten Glas, darunter befinden sich Solarzellen. Im US-Bundesstaat Idaho wurde so der erste Strom erzeugende Parkplatz aus Solarmodulen gebaut. Illustration: Javier Martinez Zarracina
        Durch transparente Farbstoffsolarzellen können zusätzlich Fassadenflächen zur Energiegewinnung genutzt werden. Das australische Solarunternehmen Dyesol und der US-Glashersteller Pilkington wollen bereits in wenigen Jahren damit beginnen, Glas mit Solarzellen aus Farbstoffen zu bedrucken. Illustration: Javier Martinez Zarracina
        Einzelne Haushalte können sich zukünftig durch Kleinwindräder, die sich leicht auf Hausdächern und an Balkonbrüstungen montieren lassen, mit Strom versorgen. Der Branchenverband RenewableUK rechnet damit, dass in England bis 2020 Kleinwindräder mit einer Gesamtleistung von 1,3 Gigawatt installiert sein werden - so viel wie ein großes Atomkraftwerk derzeit produziert. Illustration: Javier Martinez Zarracina
        Elektroautos könnten in den zukünftigen Megacities direkt am Parkplatz aufgeladen werden - durch Windenergie. Sanya Skypump heissen diese Windturbinen, die vom New Yorker Kleinwindanlagen-Startup Urban Green Energy entwickelt wurden. Illustration: Javier Martinez Zarracina
        Selbst Biomasse lässt sich in den Städten zur Energiegewinnung nutzen. Durch Fermentierungsanlagen wird aus dem angefallenen Müll Biogas erzeugt - womit sich wiederum gasbetriebene Fahrzeuge antreiben lassen. Zudem... Illustration: Javier Martinez Zarracina
        ...lässt sich das gewonnene Biogas problemlos in das Gasleistungsnetz mischen. So können auch hocheffiziente Blockheizkraftwerke betrieben werden, die dann in den Kellern von Gebäuden Wärme und Strom erzeugen. Illustration: Javier Martinez Zarracina

        Seine beeindruckenden Sichtachsen verdankt Paris der Tatsache, dass jeder geplante Neubau ein langwieriges Verfahren durchläuft, wobei die Erhaltung bestehender Substanz grundsätzlich Priorität hat. Dieser restriktive Ansatz hat dazu geführt, dass Wohnen in Paris – das einst berühmt war als Zuflucht für Hunger leidende Künstler – nur noch für Reiche bezahlbar ist.

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          Selbstschädigende Politik

          London legt ähnlich großen Wert auf die Erhaltung historischer Bausubstanz. Und ihre Abneigung gegen hohe Bauten haben die Engländer offenbar auch nach Indien exportiert. Allerdings haben die Bau- und Höhenbeschränkungen dort wenig Sinn und richten sogar ziemlichen Schaden an. Mumbai hat eine der restriktivsten Bauordnungen in der Dritten Welt. Die im Zentrum der Stadt errichteten Neubauten hatten im Durchschnitt gerade einmal 1,3 Stockwerke. Was für ein Wahnsinn – eine für Vorstadtlagen typische Bebauungsdichte im urbanen Zentrum dieser pulsierenden indischen Metropole!

          Diese selbstschädigende Politik hat eine Reihe negativer Folgen: überhöhte Wohnungspreise, zu kleine Wohnungen, Verkehrsstaus, Zersiedelung, Slums und Korruption. Die Boomstadt Shanghai wächst noch schneller als Mumbai, aber das Leben in der chinesischen Millionenstadt ist weit erschwinglicher, weil das Wohnungsangebot mit der Nachfrage Schritt hält.

          Energiesparer Stadt

          Durch den engeren Lebensraum und bessere Erreichbarkeit ist der CO2-Ausstoß alter Metropolen relativ gering - in New York etwa fährt nur jeder Dritte mit dem Auto zur Arbeit. Quelle: dapd

          Baubeschränkungen fördern die Zersiedelung, weil Entwicklungsvorhaben an ökologisch ungünstigere Standorte im Umland abgedrängt werden: Die wirklich umweltfreundlichen Lagen sind nicht die Vororte, sondern Manhattan und die Zentren von London und Shanghai. Naturliebhaber, die umgeben von Bäumen und Wiesen wohnen, konsumieren weit mehr Energie als die Bewohner der städtischen Zentren.

          Der ökologische Fußabdruck eines durchschnittlichen Vorstadthauses entspricht in etwa einem Wanderschuh der Größe 15, jener eines Apartments in New York hingegen einer zierlichen Damensandalette der Größe 6.

          Der CO2-Ausstoß alter Metropolen ist in der Regel gering, weil relativ wenige Menschen ihre privaten Autos nutzen. Weniger als ein Drittel der New Yorker fährt mit dem Auto zur Arbeit. Aber 86 Prozent der amerikanischen Pendler benutzen das Auto. Tatsächlich liegt der Pro-Kopf-Benzinverbrauch der New Yorker deutlich unter dem Durchschnitt der US-Ballungszentren.

          Wie Sensornetze das Leben in der Stadt erleichtern können
          Intelligente AbfalleimerDie Müllentsorgung lässt sich mit neuen technischen Möglichkeiten in großem Maße optimieren. In Philadelphia werden aktuell solarbetriebene Mülleimer aufgestellt, die mit einer eingebauten Müllpresse ausgestattet sind. Sobald sie voll sind, wird den Abfallbetrieben via Mobilfunk eine Nachricht geschickt - und der Müllwagen rückt an. Illustration: Javier Martinez Zarracina
          Intelligente StraßenlaternenEine der größten finanziellen Belastungen für Großstädte stellt die Beleuchtung da - daher gilt es: Strom sparen. Die Uni Delft hat Straßenlaternen entwickelt, die mit Bewegungsmeldern ausgestattet sind. Befindet sich kein Atuo, Radfahrer oder Fussgänger in der Nähe einer Laterne, dimmt sie sich automatisch. Illustration: Javier Martinez Zarracina
          Schlauer BürostuhlAuch der Energieverbrauch von öffentlichen Gebäuden kann durch Sensoren gesenkt werden. So hat das nordrhein-westfälische Elektronikunternehmen IQfy einen Bürostuhl entwickelt, der dank eines eingebauten Sensors in der Sitzfläche registriert, ob eine Person auf ihm sitzt oder nicht. Verlässt der Mitarbeiter längere Zeit seinen Arbeitsplatz, schaltet der Sensor automatisch Beleuchtung, Monitor und Klimaanlage ab. Illustration: Javier Martinez Zarracina
          Regenwasser sammelnNeben Strom lässt sich durch etwas Technik auch Wasser sparen. So kann Regenwasser gesammelt und in Tanks gespeichert werden, um es für die Toilettenspülung wieder zu verwenden. Illustration: Javier Martinez Zarracina
          Wassersprinkler mit FühlernAuch auf anderem Wege lässt sich der Wasserverbrauch von Städten weiter senken. In der nordspanischen Stadt versucht man es mit Wassersprinklen, die durch einen im Boden installierten Fühler registrieren, ob der Boden zu trocken ist und bewässert werden muss. Illustration: Javier Martinez Zarracina
          Software gegen den FeinstaubDurch Sensortechnik kann man Städte nicht nur sparsamer, sondern auch gesünder machen. So testet IBM derzeit eine Software, die Daten aus Luftmessstationen und Verkehrssensoren auswertet, und so die Feinstaubbelastung für einzelne Straßen berechnen kann. Steigt die Belastung zu stark an, kann der Verkehr umgeleitet oder die Grünphasen der Ampelanlagen verlängert werden. Illustration: Javier Martinez Zarracina
          Kameras und InduktionsschleifenVerkehrsstöme steuern und damit Stau vorbeugen - mit der Kombination aus Induktionsschleifen, Kameras und der Positionsdaten der Mobiltelefone der Autofahrer ist das möglich. Auf diese Weise kann der Verkehr für jede Straße zu jeder Zeit präzise vorausgesagt werden. Illustration: Javier Martinez Zarracina

          Weniger Emissionen durch Armut

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            Derzeit sind die Inder und Chinesen mehrheitlich noch zu arm, um sich einen autoabhängigen Lebensstil leisten zu können. Selbst die CO2-Emissionen der grünsten US-Ballungsräume übersteigen die Emissionen einer durchschnittlichen chinesischen Metropole noch immer um mehr als das Zehnfache.

            Aber wenn der Wohlstand der Inder und Chinesen steigt, wird die Bevölkerung vor einer möglicherweise folgenschweren Wahl stehen. Werden sie dem amerikanischen Vorbild folgen und in die autointensiven Vorstädte ziehen, oder entscheiden sie sich für die wesentlich umweltfreundlichere innerstädtische Variante?

            Sollten die CO2-Emissionen in China und Indien aber tatsächlich auf das Niveau in den USA steigen, würde dies einen Anstieg der globalen CO2-Emissionen um 139 Prozent bedeuten. Die Motorisierung und Urbanisierung in diesen Ländern dürfte zu einem der wichtigsten Umweltthemen des 21. Jahrhunderts werden.

            Abbruch niedriger Häuser

            Für ein gesundes Umweltbewusstsein heisst es zukünftig, stärker verdichtete Formen des Lebens zu fördern - das Eigenheim im Grünen bleibt da außen vor. Quelle: dpa

            Ein gesundes Umweltbewusstsein drückt sich darin aus, dass die Stadtoberen bauen, wo Bauten den geringsten ökologischen Schaden anrichten. Eine umweltbewusste Haltung erfordert eine höhere Bereitschaft zum Abbruch niedriger Häuser in den Stadtzentren und zum Bau neuer Hochbauten sowie eine härtere Gangart gegenüber Aktivisten, die sich einem emissionsmindernden Städtewachstum entgegenstellen.

            Es ist an der Zeit, dass die Regierungen ihre Strategie ändern: Nicht die protzigen, grünlandfressenden Fertigvillen in den Vorstädten gilt es zu fördern, sondern stärker verdichtete Formen des Wohnens in mittelgroßen, städtischen Gebieten. Wenn wir unsere Städte verstehen und klare Entwicklungsperspektiven schaffen wollen, müssen wir uns diese Wahrheiten vor Augen führen und schädliche Mythen über Bord werfen.

            Schmutziges Wachstum
            Brasilien Quelle: dpa
            Platz 12: ChinaVeränderung CO2-Ausstoß (zum Vorjahr): +10,4% Zuwachs Bruttoinlandsprodukt: +10,3% Quelle: dpa
            Platz 11: IndienVeränderung CO2-Ausstoß (zum Vorjahr): +9,1% Zuwachs Bruttoinlandsprodukt: +9,7% Quelle: dapd
            Südkorea Quelle: AP
            Japan Quelle: AP
            Russland
            USA Quelle: Reuters

            Urbanes Denken fördern

            Im Grünen leben und dafür kämpfen, dass die Städte in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben, hat nichts mit echtem Umweltbewusstsein zu tun. Wir müssen aufhören, das Eigenheim im Grünen und das dörfliche Leben zu idealisieren. Damit leistet man dem Bau von Vorstadtsiedlungen Vorschub und versäumt es, die Vorzüge des urbanen Lebens und verdichteter Wohnformen zu erkennen.

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              Wir sollten endlich Abschied nehmen von der simplizistischen Auffassung, man könne mit der Verbesserung der Kommunikationsmedien das Bedürfnis nach physischer Nähe reduzieren oder diese Nähe gar überflüssig machen. Vor allem aber müssen wir uns klar werden, dass die Stadt nicht aus Beton besteht und es nicht die Gebäude sind, die eine Stadt ausmachen. Städte sind aus Fleisch und Blut gemacht, und sie pulsieren und gedeihen dank der dort lebenden Menschen.

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