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Vorbilder Die innovativsten grünen Ideen

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Teilen statt besitzen

Ein mit Sonnenkollektoren ausgerüsteter Kuhstall Quelle: dpa

Als Andrew Hyde die Schule besuchte, teilte er den Traum der meisten Menschen: Eines Tages wollte der blonde Amerikaner ein großes Haus voller schöner Dinge besitzen.

Dann brach der junge Designer im August 2010 zu einer Weltreise auf. Hyde trennte sich von fast allem, was er besaß: Laptop, Rennrad, Bücher, dem Fernseher – selbst von seinem Bett. Nur 15 Gegenstände, von denen er annahm, dass er sie auf der Reise unbedingt brauchte, behielt er, darunter ein Rucksack, ein Smartphone, eine Kamera und diverse Anziehsachen.

Hydes siebenmonatige Reise durch 36 Länder wandelte seine Sichtweise auf Besitz und Reichtum radikal. Er lernte, mit wenig auszukommen und dennoch zufrieden zu sein. Die Einstellung hat sich seit seiner Rückkehr nicht geändert. Heute lebt Hyde in New York und besitzt kaum mehr als während seiner Tour. „Wenn du dich einmal an die Schlichtheit gewöhnt hast, erscheint dir das komplizierte Leben, das andere führen, als waghalsig“, schreibt er in seinem Blog andrewhy.de.

Weniger Konsumverschwendung

So weit gehen zwar nur wenige. Doch zumindest in der wohlhabenden westlichen Welt wenden sich breite Schichten neuen, weniger verschwenderischen Formen des Konsums zu. Sie teilen ihr Hab und Gut mit anderen und leihen Bohrmaschine und Fahrzeuge lieber aus, als sie sich zu kaufen.

Die entsprechenden Plattformen im Internet haben enormen Zulauf: Auf tamyca.de vermieten Menschen ihre Autos. Über carpooling.com organisieren Millionen Europäer Mitfahrgelegenheiten. Auf meine-ernte.de verpachten Grundstückbesitzer Beete an Hobbygärtner. Und auf frents.de verleihen Tausende Deutsche Kameras, Rasenmäher und Spielekonsolen.

Im Jahr 2010 wurden weltweit schon Produkte im Gesamtwert von 36 Milliarden Dollar getauscht und verliehen, so aktuelle Schätzungen. Das gemeinsame Nutzen von Gütern ist längst ein Megatrend. Der Gründer der Bettentauschbörse AirBNB, Brian Chesky, kennt die Motive der Nutzer genau. Für sie sei das Teilen kein Verzicht, sondern im Gegenteil ein Zugewinn: an Geld, sozialen Kontakten und neuen Erfahrungen. Mehr als 100.000 Teilnehmer aus 192 Ländern stellen ihre privaten Unterkünfte bereits auf Cheskys Portal zur Miete bereit.

Bewusster Konsum ist dabei nur eine Facette des wachsenden bürgerschaftlichen Engagements für Nachhaltigkeit. Immer mehr Menschen drängt es, die grüne Zukunft aktiv zu gestalten.

Bundesweiter Aufbruch

Am sichtbarsten wird das bei der Energiewende. Während die Bundesregierung über die Regularien noch streitet, schreiten die Bürger zur Tat und installieren Tausende Solaranlagen, Windräder und Biogasanlagen. Landwirte und Privatpersonen besitzen nach einer Übersicht der Bremer Marktanalysten von Trend:research inzwischen fast zwei Drittel aller Erneuerbarer-Energien-Anlagen in Deutschland. Die vier Energieriesen E.On, RWE, Vattenfall und EnBW steuern ganze 6,5 Prozent bei.

Rüdiger Frey ist darüber glücklich. Die Hände gegen die Kälte tief in die Jackentaschen vergraben, schweift sein Blick auf einer Anhöhe des Städtchens Weissach im Tal, unweit von Stuttgart, über Gemeindehalle, Feuerwehrhaus und Bildungszentrum. Die Dächer sind mit Fotovoltaik-Modulen der örtlichen Energiegenossenschaft vollgepackt, die der Verwaltungswirt vor gut drei Jahren mitgegründet hat. Sein Motiv: Der 64-jährige Atomkraftgegner wollte nicht nur gegen etwas sein, sondern den Ausbau sauberer Energieerzeugung selbst voranbringen. „Auch, um die Macht der Konzerne zu brechen“, schiebt er nach.

Knapp 240 Mitstreiter hat Frey in der 7000-Seelen-Gemeinde gefunden. Viel mehr würden gerne mitmachen, aber erst einmal müssen neue Projekte aufgelegt werden. Die Energiegenossen denken an Windräder und Biogas, auch ein Solarkraftwerk auf einer ehemaligen Müllhalde ist in Planung.

Die Weissacher stehen für einen bundesweiten Aufbruch. Mehr als 300 Energiegenossenschaften zählt die Berliner Agentur für Erneuerbare Energien. Allein vergangenes Jahr sind 111 neu entstanden. Hinzu kommen schätzungsweise einige Hundert Bürgerwind- und Bürgersolarparks .

Weissachs Bürgermeister Ian Schölzel sieht in der Bürgerbewegung eine riesige Chance: „Sie aktiviert jede Menge Kapital, und wo die Bürger beteiligt sind, schwindet der Widerstand gegen Windräder oder neue Stromtrassen.“

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