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Werner knallhart

Greenpeace plädiert für massenhafte Tötung von Karpfen

Welchen Fisch darf man bedenkenlos essen? Greenpeace hat dazu wieder eine haarfeine Übersicht zu jedem handelsüblichen Speisefisch erstellt. Ergebnis: keinen. Außer einem, der nicht schmeckt. Wollen die uns verarschen?

Welche Fische auf den Teller dürfen
Fische Quelle: dpa
Greenpeace Fisch-Einkaufsratgeber Quelle: dpa
Greenpeace Fisch-Einkaufsratgeber Quelle: dpa
Fischzucht Forellen und Störe Quelle: dpa/dpaweb
lachs Quelle: AP
Karpfen Quelle: AP
Dorade Quelle: dpa

Stellen Sie sich mal einen Berlin-Reiseführer vor, der zu folgender Quintessenz kommt:

1. Brandenburger Tor: überbewerteter Touristenmagnet im Spionage-Zentrum der Amerikaner und Briten

2. Potsdamer Platz: auf dem Reißbrett entworfene Retortenstadt. Der Todesstreifen hatte mehr Esprit

3. KaDeWe: Pseudo-Schick für fette Neureiche aus östlichen Schwellenländern

4. Mitte: Hier verwahrlost die Jugend mit MacBook auf dem Schoß

5. Fernsehturm auf dem Alexanderplatz: die Aussicht von oben macht das ganze Elend in seinem Ausmaß erst erfassbar

Würden Sie nach der Lektüre auf eine Reise nach Berlin verzichten oder einfach einen anderen Reiseführer kaufen? Ich würde Berlin trotzdem besuchen. Und deshalb esse ich auch noch Fisch.

Obwohl Greenpeace dringend davon abrät. Im aktuellen Fischratgeber 2014 hat die Organisation 46 gängige Speisefische bewertet. Welche darf man ohne schlechtes Gewissen genießen? Antwort: keinen einzigen. Entweder wegen Überfischung, wegen zerstörerischer Fangmethoden, wegen zu viel Beifang, der halbtot ins Meer zurück gekippt wird, oder schlicht, weil die Fischerei illegal ist. Ergebnis: 45 darf man nicht ohne Bedenken essen. Und einen darf man zwar sehr wohl ohne Bedenken essen, kann ihn aber eben nicht genießen. Weil er nicht schmeckt. Der Karpfen. Ausgerechnet der Karpfen. Und gerade der Karpfen.

Sein Bestand ist wohl deshalb nicht gefährdet, weil ihn kaum einer mag. Man würgt ihn sich doch höchstens aus Tradition an Weihnachten oder Silvester rein.

Viele Feinschmecker halten den Karpfen für einen geschmacklosen Fisch, oder noch schlimmer: für einen schlammig modrig schmeckenden Fisch, durchzogen von außergewöhnlich vielen Gräten. Mmmmm! Muffig lehmigen Matsch im Mund, den man nicht wegschlucken kann, weil es in ihm nur so vor feinen Nadeln wimmelt.

Diesen Fisch dürfen wir also ohne Hemmungen essen. Die schmackhaften Arten aber unter keinen Umständen. Keine Makrele! Keine Seezunge! Keinen Alaska-Seelachs! Keinen Aal! Keinen Rotbarsch! Keinen Red Snapper! Keinen Steinbeißer! Niemals und weltweit ohne Ausnahmen!

Andere Fisch-Arten wiederum sind offenbar nur erlaubt, wenn die Tiere dem Angler persönlich bekannt waren: Kabeljau ist laut Greenpeace nur erlaubt, wenn er aus dem Nordost-Atlantik (Fanggebiet FAO 27) stammt, aber nur aus dem Sub-Fanggebiet Barentssee und nur, wenn er mit der Langleine gefangen wurde.

Sagen Sie das mal Ihrer freundlichen Fischverkäuferin bei Kaisers. Ich habe das gestern mal getan:

"Haben Sie Lachs aus dem Nordwestpazifik, Fanggebiet 61 oder aus dem Nordostpazifik Fangebiet 67?"

"Ouh, Pazifik weiß ich jetzt nicht. Ich weiß nur, dass der aus Norwegen kommt."

Jeder Fisch im Handel hat seine eigene Geschichte

Beliebte Speisefische
Zuchtlachs Quelle: dpa
Fischer säubert seine Quelle: AP
Juwelen-Zackenbarsch Quelle: dpa
Heringsnetz Quelle: AP
Blue-fin tuna Quelle: Reuters
Krabben auf einem Kutter vor Quelle: dapd

Um als Kunde die ganzen Anforderungen im Handel abfragen zu können, muss laut Greenpeace jeder Fisch mit Informationen in den Handel geschickt werden wie in diesem Beispiel:

Handelsbezeichnung: Alaska-Seelachs

Lateinische Bezeichnung: Theragra chalcogramma

Produktionsmethode: Wildfisch (Meer)

Fangart: Pelagisches Schleppnetz

Fanggebiet: Pazifischer Ozean (FAO 67)

Subfanggebiet: Nordostpazifik (Beringsee/ Golf von Alaska)

Fangzeittraum: siehe Aufdruck Seitenlasche

Fangschiff: siehe Aufdruck Seitenlasche

Anlandehafen: siehe Aufdruck Seitenlasche

Stellen Sie sich solch ein Etikett mal für Schwein auf einer Bi-Fi vor.

Aber ohne diese Informationen kann ein umweltbewusster Verbraucher keinen Fisch kaufen. Denn Dorade, Forelle, Heilbutt, Hering, Lachs, Jakobs- und Miesmuschel, Shrimps, Pangasius, Sardelle und Sardine, Schellfisch, Scholle, Seehecht, Seelachs, Thunfisch, Tintenfisch und Zander kann man nur kaufen, wenn man all solche Daten mit dem Ratgeber auf dem Handy vergleichen kann. Fischkauf ist für Greenpeace eben nicht Vertrauenssache, sondern eine hochwissenschaftliche Angelegenheit. Ja, glauben die Umwelt-Aktivisten wirklich, dass Verbraucher, die unseren Planeten lieben, jetzt nur noch modrige Karpfengräten essen oder beim Fischhändler jede Woche eine Umwelt-Razzia veranstalten?

Ich bin mir sicher: nein. Aber Greenpeace ist nur konsequent. Und zeigt uns, wie unfassbar kompliziert es ist, als Verbraucher an guten Fisch zu kommen. Weil wir von der Politik im Stich gelassen werden. Die Gesetzgeber in Europa überlassen es uns, die Produkte zu durchkämmen, wie es so eigentlich nur der Zoll kann.

Stellen Sie sich einen solchen Etikettierungs-Wahnsinn mal in anderen Bereichen vor:

Handelsbezeichnung: Herren-Jeans

Produktionsmethode: Maschinen- und Handnähung

Arbeiter-Kategorie: Kind (Untergruppe Mädchen 10-12 Jahre)

Produktions-Bedingungen: Mo-So, 14 Stunden tägl.

Lohn/Woche: 90 Eurocent

Schulausbildung: nicht möglich

Fertigungsgebiet: Bangladesch (Internationaler Fertigungs-Code 002)

Sub-Fertigungsgebiet: Dhaka

Nähort: Massenfertigungs-Barracke 653, 3. Stock

In Arbeit
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Zum Glück undenkbar. Es gibt zwar leider massenhaft Kinderarbeit und das ist eine schlimme Schande. Aber keiner fordert ernsthaft, den Verbraucher selber entscheiden zu lassen, ob er Kinderarbeit ächten möchte oder nicht.

Jetzt wo Justiz und Verbraucherschutz in Deutschland zusammengehören: Wo bleiben knallharte Schutzgesetze zum Schutz von Fisch und Fischessern? Wann können wir einfach guten Gewissens im Supermarkt zugreifen? So wie wir es bei Mineralwasser, Babyspielzeug und Toastern auch können. Bundesverbraucherschutzminister Heiko Maas, überlassen Sie es nicht Müttern mit der Greenpeace-Fischtabelle auf dem Smartphone und Kind im Einkaufswagen, die Ozeane zu retten.

Machen Sie in Europa mobil für nachhaltige Fischerei in unseren Gewässern und für den wohldosierten Import von Fisch aus aller Welt. Erretten Sie uns vom Karpfen. Und erretten Sie den Karpfen von seiner Rolle als stummer Sündenbock.

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