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Werner knallhart
Ist Cultured Meat der nächste Trend? Quelle: imago images

Labor-Fleisch: Verschläft Deutschland das nächste große Ding?

Haaaa! Schön Fleisch essen! Wenn kein Schwein, Rind oder Vogel leiden musste, dann spricht aus Tierschutzgründen nichts dagegen. Weltweit wird geforscht. Aber in Deutschland herrscht wieder „Och-erstmal-gucken“-Stimmung.

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Veganer und Vegetarier sind ja oft deshalb so, wie sie sind, weil Tiere und Klima leid tun.

So gesehen könnten Vegetarier und Veganer ihre Zähne wahrscheinlich schon in ein paar Jahren wieder hemmungslos in eine pralle Knackwurst schlagen. Weil dafür weder ein Tier leiden oder gar sterben musste. Und weil die Umwelt-Bilanz einfach wunderbar sein wird.

Ich spreche von Fleisch aus dem Reaktor. Aus der Retorte. In-Vitro-Fleisch. Fleisch ganz ohne Tier. Klingt künstlich. Aber: Labor-Fleisch ist keine Alternative zu Fleisch. Es ist Fleisch.
Und das geht so:

1.  Dem lebenden Tier werden Stammzellen entnommen.
2.  Die Zellen werden im Labor millionenfach vermehrt und ernährt.
3.  Die einzelnen Zellen verbinden sich zu einem Gewebe.
4.  Olivenöl heiß machen, anbraten, guten Appetit!

Einziger ethischer Knackpunkt derzeit: Die Zellen werden mit Proteinen aus Blutserum ernährt und dafür müssen etwa ungeborene Kälber als lebende Serumspender am Herzen angezapft werden. Das passt nicht zum Image des Weltenretter-Fleischs. Deshalb lautet die Lösung hier auf kurz oder lang: Die Eiweiße müssen aus Pflanzen gewonnen werden. Dann hätten die Tiere endgültig ihre Ruhe. Lassen wir deshalb die Fleischforscher in Ruhe dran bruddeln. Sie meinen es ja offenbar gut mit dem lieben Vieh.

Nun gehen bei Verbrauchern Marke „Ich will alles so wie in meiner Kindheit“ natürlich die Warnlampen an: Wenn das Fleisch nicht aus einem toten (im schlimmsten Fall halbtoten) Tier herausgeschnitten wurde, ist es kein richtiges Fleisch. Das esse ich nicht!

Das wäre aber ein schlimmer Fehler. Auch ganz egoistisch betrachtet. Denn: Es handelt sich um echtes tierisches Gewebe. Aber eben nicht im Leib herangewachsen, sondern im Fleisch-Reaktor. Dies miesepetrig als künstlich abzulehnen, wäre so, als würde man sich weigern, Kresse zu essen, die auf Watte gezogen wurde. Die Kressezellen wachsen auch auf Watte in einer künstlichen Aufzuchtumgebung aus ihren Samen. Es ist aber dennoch echte gesunde Kresse.

Und so hat Fleisch aus der Retorte lauter Vorteile:

Kein Tierleid (einsperren auf besudelten Spaltböden, Schnäbel kürzen, ohne Betäubung kastrieren,…), keine Abholzung von Regenwäldern für Weideflächen (99 Prozent Flächenersparnis, sagt die Tierschutzorganisation PETA), ohne Verklappung von Abermillionen Tonnen Gülle, Fleisch für alle auch bei wachsender Weltbevölkerung, kein Einsatz von Antibiotika und enorme CO2-Ersparnis im Vergleich zu Schlachtfleisch. „Clean Meat“ eben.

Übrigens auch, was Keime angeht. Wer auf Schlachtfleisch besteht, weil er „Clean Meat“ eklig findet, der will Fleisch von Tieren, die oftmals in ihren eigenen Fäkalien stehend auf ihren Tod gewartet haben. In Schlachtfleisch finden sich regelmäßig gesundheitsschädliche Keime. Stichwort Durchbraten. Labore können hingegen keimfrei gehalten werden. Keine Krankheiten, kein Kot, kein Urin, kein Ungeziefer. Ich finde das ganz und gar nicht eklig.

Allein im Silicon Valley machen etliche Forscher Tempo mit dem Clean Meat. Weil sie die Welt für uns alle besser machen und damit ordentlich Geld verdienen wollen.

In Israel auch. Und auch Indien hat erkannt, welches Potenzial in Fleisch ohne Tieren steckt.

Der erste Burger mit „Clean Meat“ hatte 2013 noch 250.000 Euro gekostet. Aber die Preise rauschen derzeit in den Keller und Experten sagen: Das dauert nur noch wenige Jahre, dann ist dieses Fleisch zu konkurrenzfähigen Preisen herstellbar.

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