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Werner knallhart

Wir sind zu blöd für das Mindesthaltbarkeitsdatum

Der Ernährungsminister will Joghurt-Becher mit Computerchips, mit neuen Verfallsdaten und einige Lebensmittel ganz ohne Grenze einführen. Müssen wir jetzt alle sterben?

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Biomüll, Lebensmittel Quelle: dpa

Hier, unser Landwirtschaftsminister, Dings, wie heißt der nochmal? Irgendwas mit - ach ja, Schmidt. Der ist vielleicht einer. Der will Kükenschreddern erst dann verbieten, wenn es die Möglichkeit gibt, das Geschlecht der armen Hähnchen schon im Ei zu erkennen um sie dann ungeschlüpft zu vernichten. Die Hähnchen leben zu lassen - diese Idee kommt ihm gar nicht in den Sinn. Zack, weg. Nur, weil diese Hähnchen keine Eier legen würden und so wenig Fleisch ansetzen. Dabei ist die Hähnchenhaut doch auch lecker.

Naja, dank der offenbar bald marktreifen Durchleucht-Methode kann man die Küken im Ei zukünftig sozusagen unausgepackt wegwerfen.

Ich kapier das nicht, denn sonst findet Herr Schmidt Lebensmittel wegwerfen gar nicht gut und will das reduzieren. Was ja sympathisch ist. Denn unsere dekadente nordwestliche Überfluss-Mentalität (Motto: "Ich könnte platzen aber Nachtisch geht immer") offenbart sich nirgends so widerlich wie in unseren bis oben mit Essen vollgestopften Mülltonnen.

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    81,6 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger im Schnitt pro Jahr weg. Jedes achte gekaufte Lebensmittel. Zwei volle Einkaufswagen! 235 Euro! Jeder!

    Das entspricht:

    - über 13 Monaten Rundfunkbeitrag

    - knapp einem Jahr Training bei McFit

    - einem halben Jahr lang jede Woche ins Kino gehen

    - einem 3-Gang-Menü-Lunch im Zwei-Sterne-Restaurant von Tim Raue für fünf Personen

    - einer Übernachtung für zwei Erwachsene und zwei Kinder im Vier-Sterne-Hotel im Europapark.

    Legen Sie 20 Euro drauf und Sie bekämen für das Geld eine BahnCard 50 für ein Jahr.

    Das Geld pfeffern wir einfach so zum Fenster raus. Was für ein katastrophales Missmanagement in den eigenen vier Wänden.

    Die größten Ernährungsmythen
    Verlängern Chili-Schoten das Leben? Quelle: REUTERS
    Schokolade Quelle: dpa
    Je mehr Vitamine desto besser Quelle: dpa
    Brot macht dick und ist ungesundGerade für die Verfechter kohlehydratarmer Nahrung steckt der Teufel im Brot: Es mache dick und trage sogar Mitschuld an Diabetes. Das ist so allerdings nicht richtig: Gerade Vollkornbrot (echtes Vollkornbrot, kein mit Malz eingefärbtes Weißbrot) hat sehr viel Ballaststoffe. Die sind gesund und machen satt. Außerdem liefert es verschiedene Vitamine sowie Iod, Flur, Magnesium und Zink. Quelle: dpa
    "Light", "Leicht" oder "Fettarm" - das ist gut für die schlanke LinieDie Lebensmittelindustrie hat den Trend zu bewusster Ernährung entdeckt und nutzt ihn mit Fitness- und Wellness-Begriffen gezielt aus. Doch die Verbraucherorganisation Foodwatch warnt: Oft werden so Lebensmittel beworben, die alles andere als kalorienarm sind. Der Verein hat das Nährwertprofil von sogenannten Fitness-Müslis, Wellness-Wasser oder Joghurt-Drinks überprüft und kam zu dem Ergebnis, dass die scheinbar "gesunden" Lebensmittel Softdrinks oder Fast-Food-Snacks beim Zucker-, Salz- oder Fettgehalt oftmals in nichts nachstehen. Bei fettarmen Produkten wird der Geschmacksmangel häufig durch zahlreiche andere Inhaltsstoffe, etwa Stärke und Zucker, ausgeglichen - der Kaloriengehalt unterscheidet sich kaum, ist manchmal durch den hohen Zuckergehalt sogar höher - und gesund ist das Light-Produkt noch lange nicht. Quelle: dpa
    Kartoffeln machen dick Quelle: dpa
    Öko-Lebensmittel sind gesünder Quelle: dpa

    Und all das liegt an unserem gestörten Verhältnis zu Lebensmitteln. Eine Kollegin saß einmal neben mir in der Kantine und schnitt ihr Steak auf. Ich sagte: "Ui, das ist ja noch ganz schon blutig."

    Da legte sie das Besteck beiseite, wischte ihre beleidigte Flunsch mit der Serviette ab und quakte: "Danke das war's. Keinen Hunger!"

    "Hä, was ist denn?"

    "Musst du mir sagen, dass das blutig ist, wenn ich es gerade essen will? Das ist doch zum Kotzen."

    Ja, das Steak stammt aus dem Wams eines Rindes. Das meiste, was wir essen und trinken, war definitiv mal Teil der Flora oder Fauna. Ist so. Mir fallen nur zwei natürliche Ausnahmen ein: Salz und Wasser. Okay und diese prolldekadenten hauchdünnen Gold-Fetzen auf der Deko von Mousse au chocolat.

    Die zehn größten Trends in der Ernährung
    Clean Eating Quelle: AP
    Paleo Quelle: dpa
    Pulver Quelle: dpa
    Frei von Quelle: dpa
    Roh Quelle: dpa
    Vegan Quelle: obs
    Veggan Quelle: dpa

    Aber organische Zutaten können verderben. Und vielleicht ist es unsere Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, die es uns unmöglich macht hinzunehmen, dass wir alle verwesen werden wie ein Fischstäbchen in der Sonne. Und so verkraften wir es nicht, einen abgelaufenen Joghurt zu öffnen, um zu prüfen, ob der noch gut ist, ob er grüne Flecken hat oder hefig riecht.

    Denn hier kommt schon die nächste Horror-Zahl: 65 Prozent aller von uns weggeworfenen Lebensmittel waren laut einer Studie des Bundesernährungsministeriums noch vollkommen in Ordnung. Sie hätten ohne Bedenken gegessen werden können.

    Wobei, eigentlich ist das ja eine tolle Zahl. Denn wir könnten sofort unsere Lebensmittelverschwendung um 65 Prozent senken.

    Doch dem steht eins entgegen: Wir begreifen nicht, was noch essbar ist.

    Ersatz für das Mindesthaltbarkeitsdatum

    Mit 43 Prozent ist das abgelaufene Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) einer der wichtigsten Gründe, warum wir Essen wegwerfen.

    Laut einer Umfrage der Europäischen Kommission denken nur 51 Prozent der Deutschen, dass man Lebensmittel nach dem Ablauf des MHD noch essen kann, wenn auch unter Umständen mit eingeschränkter Qualität. Muss ich hier noch feststellen, dass damit 49 Prozent von uns irren?

    Wiederum 42 Prozent denken, dass man Lebensmittel nach Ablauf des Verfalls-Datums (ungleich MHD) tatsächlich noch essen kann. Dabei kann rohes Fleisch oder geräucherter Fisch danach echt gefährlich ungesund werden.

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      Alternative Ernährungsformen

      Und weil es uns gesamtheitlich nicht beizubringen ist, wie das geht mit dem MHD, soll es jetzt weg. Stattdessen soll folgendes kommen:

      1. Essen, dass nicht verdirbt, wie Salz, Nudeln oder Zucker, bekommt ein Herstellungsdatum und kein MHD mehr.

      2. Verderbliche Produkte bekommen kein MHD mehr, sondern eine Art Information, was ab einem bestimmten Datum bei dem Produkt dran sein kann.

      3. Produkte, die gesundheitsschädlich werden, wenn sie verderben, wie rohes Fleisch, bekommen ein Verfallsdatum, nach dem man sie nicht mehr essen soll.

      4. Wo technisch möglich und finanziell vertretbar, sollen Verpackungen mit chemischen oder elektronischen Etiketten das Lebensmittel überwachen und den Verbraucher warnen.

      Kann man alles so machen. Wenn man das durchkriegt. Die Lebensmittelindustrie wird an all dem zumindest kein Interesse haben. Zu früh weggeworfene Lebensmittel müssen schließlich vom Verbraucher nachgekauft werden. Warum sonst setzen etwa die Molkereien in Eigenregie auf MHDs, die einen Joghurt verdammen, Monate bevor er wirklich verdirbt? Ich habe vor ein paar Tagen einen verschollenen Vanillejoghurt im Büro-Kühlschrank gefunden, der war im November abgelaufen und schmeckte noch wunderbar.

      Aber je früher ein Produkt seine zugesicherten Eigenschaften nicht mehr haben muss, nämlich nach Ablauf des MHD, desto komfortabler ist das für Hersteller und Handel. Wann ist schon mal ein richtig gelagertes Produkt vor Ablauf des MHD vergammelt?

      Dazu kommt: Ein Großteil der weggeworfenen Lebensmittel sind loses Brot, Obst und Gemüse. Also Lebensmittel ganz ohne MHD und Verfallsdatum.

      Und: Verpackungen mit eingebauten Chips machen gelben Müll zu Elektroschrott.

      Wenn es um die Wurst geht, ist guter Rat teuer
      Fleischkonsum Quelle: dpa
      Tierhaltung Quelle: dpa
      Soja Quelle: dpa
      Grundwasser Quelle: AP
      Amazonasgebiet Quelle: REUTERS
      Bioland Quelle: dpa
      Ökologische und tiergerechte Landwirtschaft Quelle: dpa/dpaweb

      Es gibt daher nur eine effiziente Möglichkeit, ab sofort durchschnittlich 235 Euro pro Jahr zu sparen: Indem wir beim Einkaufen einfach die Vernunft einschalten und genau so viel in den Einkaufswagen legen, wie wir schaffen aufzuessen und auszutrinken, bevor es schlecht wird.

      Dass eine Banane im Rucksack verfault, kann ja mal passieren. Wer aber so einkauft, dass er ständig die tagelang geöffnete Milch nicht austrinkt, bevor sie sauer wird. Oder Kartoffeln in derartigen Mengen vorhält, bis sie im Gemüsefach des Kühlschranks anfangen in ihrer eigenen Siffe zu keimen, der hat es finanziell offenbar so dicke, dass er es auch mühelos bewältigen kann, wenn das Bier um die Ecke 30 Cent teurer wird. Schließlich wirft er diesen Preisanstieg durchschnittlich 783 mal freiwillig in den Müll.

      Hach, uns geht es offenbar einfach wunderbar. Im Durchschnitt.

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