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Wettrüsten in den Alpen Skifahren um jeden Preis

Der Klimawandel erzwingt schon bald das Ende des Skitourismus in den deutschen Gebirgen. Trotzdem investieren die Gemeinden in gigantische Projekte, um bis zum letzten Tag dabei zu sein.

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Die wichtigsten Streitpunkte der Klimakonferenz
Temperaturziele Quelle: AP
LastenteilungHistorisch haben vor allem die Industrieländer Emissionen in die Luft gepumpt. Doch längst spielen aufstrebende Schwellenländer wie Indien und China eine entscheidende Rolle, wenn man den Temperaturanstieg eindämmen will. Die pochen aber auf ihr Recht, wirtschaftlich zu den reichen Staaten aufzuholen. Einige Experten meinen: Wenn die Konferenz scheitert, dann an diesem Punkt. Quelle: AP
US-Außenminister John Kerry Quelle: REUTERS
Kühltürme Kohlekraftwerk Quelle: dpa
Indien Quelle: AP
Flut in Mosambik Quelle: AP

Der erste Schnee ändert alles. Ein paar Tage sind es noch, bis die ersten Gäste kommen, und plötzlich sind all die hässlichen Wunden unter dem weißen Mäntelchen verschwunden. Statt des massiven Betonkanals, der später mal die Schmelzwasserfluten ins Tal tragen wird, sieht man nur eine weiß getupfte Mulde. Die grob geschotterte Lastwagenpiste, die eben noch den sanft gewundenen Wanderweg durchtrennte – verschwunden unter einem Mantel aus unbeflecktem Weiß. Die Schneekanonen, die gerade noch wie illegal entsorgte Flutlichtmasten am Waldesrand standen, auf einmal rahmen sie einen glühend weiß glitzernden Schneeteppich.

Der Schnee verändert alles. Wenn er kommt ebenso wie wenn er wegschmilzt. Oberjoch, Wiege des deutschen Skitourismus. Hier stand vor gut 70 Jahren einer der ersten Skilifte Deutschlands, jetzt haben sie bald den größten. „Wir bauen die erste Achtersesselbahn in Deutschland“, sagt Adalbert Martin. Er ist Bürgermeister der Marktgemeinde Hindelang, zu der Oberjoch gehört, und Aufsichtsratschef der Liftgesellschaft in einem, eine ebenso übliche wie komplizierte Kombination, aber dazu später mehr.

Aktuelle Investitionen in deutsche Skigebiete

Wenn Marktvorsteher Martin am 18. Dezember die Skisaison eröffnen wird, hat Oberjoch den jüngsten Schub einer Investitionslawine hinter sich, die seit Jahren durch die Alpen rollt. Jedes Jahr werden Millionen in die öffentliche Hand genommen für neue Lifte, neue Schneekanonen, neue Teiche zur Versorgung derselben, Pistenwalzen, Generatoren, Gaudihütten und was man sonst alles braucht für so ein Skigebiet.

Millionen für ein kurzes Vergnügen

Zwischen 2009 und 2015 ist die gesamte in Bayern beschneite Fläche um gut 50 Prozent von 600 auf 900 Hektar gestiegen. Allein die neuen Skilifte für die 1400-Seelen-Gemeinde Oberjoch kosten 23 Millionen Euro. Dabei steht fest: Lange wird der Spuk nicht mehr gehen, auch die größten Schneekanonen werden es nicht ändern.

Zehn ausgefallene Wintersportarten
Pferde SkijoringWer sich auf Skiern von jemanden oder etwas anderem ziehen lässt – etwa von einem Schlitten oder einem Schlittenhund – der darf von sich behaupten, er „skijore“. Nicht weiter ungewöhnlich, es sei denn, man lässt sich dabei von einem Pferd über den Schnee ziehen.  Die haben so viel natürlich Pferdestärke, dass die Skijorer unglaublich hohe Geschwindigkeiten erreichen und dabei bis zu 17 Meter lange Stunt-Sprünge machen können – nur der Skifahrer, versteht sich. Quelle: Redbull
Ski-BallettBallett tanzen ist eine Kunst für sich – selbiges gilt auch für Skifahren. Die Kombination aus beiden, das sogenannte Ski-Ballett, sollte sich in diesem Jahr niemand entgehen lassen. Die ausgefallene Sportart wurde in den 70er Jahren populär und vereint rasante Abfahrten mit eleganten Pirouetten, Rollen und Sprüngen. Wenn möglich sogar im Takt der Musik. Quelle: dpa
Schnee-PoloWer sein Pferd nun ohnehin schon für Skijoring aus dem Stall geholt hat, kann sich ruhig noch eine Runde Schnee-Polo gönnen. Das erste offizielle Match dieser ausgefallenen Sportart fand 1985 auf einem zugefrorenen See in der Schweiz statt. Heutzutage ist Schnee-Polo eine beliebte Sportart in kalten Ländern auf der ganzen Welt. Quelle: dpa
Schnee-KajakfahrenNur weil Schnee liegt, ist das noch kein Grund, das Kajak in der Garage versauern zu lassen. Schnee-Kajakfahren ist genauso spannend wie Extrem-Schlittenfahren und funktioniert sehr ähnlich: Einfach Wachs unter das Kajak schmieren und ab geht die Post, bergabwärts. Gesteuert wird mit dem Paddel, genau wie auf dem Wasser. Quelle: Redbull
Schaufel-RennenDiese Wintersportart ist möglicherweise aus alten Weihnachtsfilmen bekannt, in denen Kinder auf Schaufeln schneebedeckte Hügel herunterrutschen. Aber Schaufel-Rennen sind keineswegs Vergangenheit: Seit über 30 Jahren treffen sich in New Mexiko die Menschen für ein traditionelles Schaufel-Rennen in der Vorweihnachtszeit. Bei diesem Wettbewerb fetten die Teilnehmer – meist Erwachsene – metallene Schaufeln ein und düsen damit Skipisten mit bis zu 70 Kilometern pro Stunde herunter. Quelle: Redbull
Eis-JachtenJachten – das klingt nach Schickeria, viel Sonne und schönen Frauen im Bikini. Eis-Jachten hat damit jedoch nicht viel zu tun. Die Sportart, die vor allem in den Niederlanden und in Finnland beliebt ist, ist eine Mischung aus Windsurfen und herkömmlichem Segeln. Die Sportler nutzen dabei traditionelle Segel-Techniken, während Kufen unter dem Boot wie Schlittschuhe funktionieren und das Boot über zugefrorene Seen oder Flüsse bewegen. Quelle: Redbull
Speed-FliegenIrgendwann in der Geschichte haben sich wohl Fallschirmspringer und Gleitschirmflieger zusammen getan, um diese abgefahrene Wintersportart zu entwickeln. Wichtig ist dabei die Kombination aus Fallschirm und Skiern.  Auf einem Berg gelandet, kommen diese zum Einsatz um die Speed-Flieger sanft die Piste hinunter zu tragen. Quelle: Redbull

Anders als bei vielen anderen Folgen der Erderwärmung , die „wahrscheinlich“, „unter bestimmten Voraussetzungen“ oder „wenn wir nichts dagegen tun“ gelten, ist die Perspektive des Skitourismus unverrückbar: In ein paar Jahren hat es sich in den Mittelgebirgen ausgecarvt, ein bisschen später sind dann große Teile der deutschen Alpen dran. Mögen die Klimakonferenzen dieser Welt sich einigen, auf was sie wollen. „Ich habe nichts gegen den Skisport“, sagt Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionschef im bayrischen Landtag, „ich verstehe bloß nicht, warum wir die Augen davor verschließen, dass es damit bald vorbei ist.“ Ja warum? Die Antwort auf diese Frage hat ein bisschen mit den Mechanismen der Politik zu tun, etwas mehr mit den Perspektiven ökonomischer Rationalität und ganz viel mit: der Macht lieb gewonnener Gewohnheiten.

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