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Wie Hersteller Spartechniken ausreizen Neue Brummis vermeiden Kostenkeule Diesel

Der größte Kostenblock der Betriebskosten eines Lkw ist der Sprit. Weil die neue Abgasnorm verbrauchsärmere Motoren verhindert, reizen Hersteller andere Spartechniken aus.

Die ständig steigenden Benzinpreise zwingt die Nutzfahrzeugbranche, auf neue Ideen zum Energiesparen zu setzen Quelle: dpa

David Coulthard, Rennfahrer, steht lässig auf einer Bühne und redet über den Treibstoffverbrauch in der Formel 1. Ein blondes Popsternchen namens September trällert „Party in My Head“. 2000 Gäste warten Anfang September in der Scandinavium Arena in Göteborg auf einen giftgrünen, neuen Volvo-Lastwagen namens FH mit bis zu 750 PS, mit denen er dann 100 Tonnen ziehen kann. Er ist sauberer und sicherer als alle seine Vorgänger. Doch am allerwichtigsten: Er ist auch um fünf Prozent sparsamer.

Der Volvo FH ist einer der Stars der 354 Weltpremieren, die vom 20. September an auf der weltgrößten Nutzfahrzeugmesse in Hannover zu sehen sind. Die Liste der Neuheiten reicht von verbesserten Erdgasantrieben über Hybridfahrzeuge, bei denen ein herkömmliches Verbrennungsaggregat und ein Elektromotor zusammenarbeiten, bis hin zu aerodynamisch optimierten Fahrzeugen. 1.900 Aussteller kommen nach Hannover, davon 857 aus Deutschland sowie 152 aus China.

Trucker haben ihre Lieblings-Brummis gewählt
Wie 2011 hieß der Sieger bei den Fernverkehrs-Lkw Mercedes-Benz Actros. Der Actros siegte auch bei den Kippern bis 32 Tonnen.
Mercedes gewann außerdem mit dem Sprinter (Transporter/Lkw bis 3,5 Tonnen) ... Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler
... und dem Tourino in der Kategorie Midibusse.
Auch der Mercedes Citaro lag bei den Stadtlinienbussen vorne. Foto: Auto-Medienportal.Net/Daimler
MAN siegte zusammen mit der Tochter Neoplan in den Kategorien Transporter/Lkw bis 7,5 Tonnen (MAN TGL) ... Foto: Auto-Medienportal.Net/MAN
... und Verteiler-Lkw (MAN TGM).
In der Kategorie Überlandbusse siegt der MAN Lion’s Regio. Foto: Auto-Medienportal.Net/MAN

Das sieht nach guter Stimmung aus. So soll laut Verband der Automobilindustrie der Weltmarkt für Lastwagen über sechs Tonnen 2012 um fünf Prozent auf 3,27 Millionen Stück steigen – vor allem dank der Nachfrage in den USA, Russland und Indien. Und die Unternehmensberatung McKinsey prognostiziert, dass alleine der Weltmarkt für schwere Lastwagen bis 2020 von derzeit rund 120 Milliarden Euro auf rund 190 Milliarden Euro wachsen wird.

Die Sorgen der Branche

Trotzdem drücken Sorgen die Branche. Denn die Transporteure verlangen weniger Treibstoffverbrauch. Die durchschnittlich 32 Liter Diesel auf 100 Kilometer, die ein großer Lkw schluckt, fressen bei Preisen von 1,50 Euro pro Liter zunehmend die Gewinne. Denn Sprit macht mehr als ein Drittel der Kosten eines Fuhrunternehmens aus. Ein einziger Cent Preiserhöhung schlägt mit Mehrkosten von 320 Euro pro Jahr zu Buche, bei einer Flotte von 20 Lastwagen summiert sich das auf 6.400 Euro. „Wir reden aber heute über Tagessprünge, die oft 10 bis 15 Cent je Liter ausmachen“, sagt Heinz-Jürgen Löw, Chef der Renault-Lastwagensparte. Dann werden aus 6.400 Euro schnell fast 100.000 Euro.

Was die IAA an LKW-Neuheiten bringt
Iveco Trakker Quelle: Presse
Die Preise „Truck of the Year“, „Bus of the Year“ und „Van of the Year” für Lkw, Busse und Transporter vergibt am 18. September eine internationale Jury aus Fachjournalisten. Die Wahl fällt im Rahmen einer Presseveranstaltung zur IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. Die Messe öffnet vom 20. bis 27. September ihre Pforten für die Öffentlichkeit. Quelle: Presse
Auf Probefahrten mit Trucks, Bussen und Transportern können die Besucher der 64. IAA Nutzfahrzeuge in Hannover (20. bis 27. September) gehen. 28 konventionelle und erstmalig auch sechs elektrisch betriebene Nutzfahrzeuge stehen zur Verfügung. Die Anmeldung erfolgt vor Ort an den Ständen der Aussteller. Startpunkt für die konventionellen Fahrzeuge ist in der Nähe des Eingangs West 1, westlich der Halle 27. Die Fahrten mit den elektrischen Fahrzeugen starten südlich des Convention Centers und führen über eine auf dem Gelände liegende Teststrecke. Zur Verfügung stehen zwei Busse von Bombardier und Ziehl-Abegg Automotive, zwei Mercedes Vito Transporter, ein Leicht-Transporter der Paragon AG und der Kleintransporter "BOmobil" von der Hochschule Bochum. Quelle: Presse
Für jeweils einen Tag stehen außerdem drei der größten Nutzfahrzeugländer auf der IAA im Mittelpunkt: Vorträge und Info-Programme beleuchten Markt- und Kooperationsperspektiven, zeigen Förderungs- und Produktionschancen auf und bringen Fakten, Daten und Überblicke zu den jeweiligen Märkten. Für diese Länderveranstaltungen zu Indien, Türkei und China hat der Verband der Automobilindustrie (VDA) hochrangige Fachleute und Politiker für Reden und Diskussionen gewinnen können. Die drei ausgewählten Länder gehören zu den ersten Fünf in der Nutzfahrzeug-Weltrangliste. So ist China der größte Nutzfahrzeughersteller der Welt, produzierte im Jahr 2011 rund 6,2 Millionen Fahrzeuge, was einem Weltmarktanteil von 44 Prozent entspricht. Der "China-Day "findet am Mittwoch, 26. September von 10.00 bis 13.00 Uhr statt. Der IAA-Türkei-Tag ist am 24. September 10.00 bis 14.00 Uhr) und der IAA-Indien-Tag am 21. September,12.00 bis 16.00 Uhr. Quelle: Presse
Der Weltmarktführer Daimler war schon frühzeitig vorgeprescht, er hat seine Messeneuheiten bereits gelüftet. Der Star der Marke Mercedes-Benz heißt Actros, der bereits bekannte Fernverkehrs-Truck ist in zahlreichen Varianten zu sehen. Ihm zur Seite steht der schlankere Antos, der alle schweren Aufgaben des Nah- und Mittelstreckenverkehrs übernehmen soll. Seine Kabinenformate, wahlweise kurz oder mittellang, werden künftig auch die neue Baugeneration zieren, die erst zur Bauma debütiert. Unter den neuen Kabinen sitzen ausnahmslos neue Motoren aus der Weltmotorengeneration des Konzerns. Den Mercedes-Kunden erwartet ein breites Spektrum an Motorleistungen, er bekommt für seinen Truck die Leistung, die er wünscht oder braucht. Für leichtere Transportaufgaben genügt der brandneue 7,7-Liter-Reihensechszylinder mit der Bezeichnung OM 936, der mit Leistungen von 175 kW/238 PS bis 260 kW/354 PS aufwartet. Die hochmodernen Dieselmotoren ziehen alle Register des modernen Maschinenbaus – mit obenliegenden Nockenwellen, Common-Rail-Hochdruckeinspritzung und der weltweit ersten verstellbaren Auslassnockenwelle in einem Dieselmotor. Quelle: Presse
Bereits zur Heavy-Duty-Klasse zählt der Reihensechszylinder mit 10,7 l Hubraum, er hört auf den Namen OM 470 und basiert auf den schweren Actros-Motoren. Der kompakte Motor, die goldene Mitte des Angebots, verdient sich seine Lorbeeren auch mit seinem Gewicht – er zählt zu den leichtesten Aggregaten dieser Leistungsklasse. Seine Leistungswerte reichen von 240 kW/326 PS bis 315 kW/429 PS, die maximalen Drehmomente von 1 700 Nm bis 2 100 Nm. Verlangen schwere Transportgewichte oder Topografien hohes Anfahrvermögen oder enorme Dauerleistung, empfiehlt der Hersteller die schweren OM 471-Motoren. Die haben sich mit 310 kW/421 PS bis 375 kW/510 PS bereits einen guten Namen gemacht. Unisono entsprechen alle Motoren bereits der Abgasnorm Euro 6. Sie arbeiten alle mit Common-Rail-Einspritztechnik plus Abgasrückführung. Die Abgasnachbehandlung übernehmen SCR-Katalysatoren plus Oxikat und Partikelfilter.
Der Newcomer Antos trägt ein markant-kantiges Profil zur Schau, die Verwandtschaft zum großen Bruder ist augenfällig. Der Auftritt ist schlanker, leichter und nicht zuletzt niedriger – die große Schau der Supertrucks ist nicht sein Revier. Zahlreiche Stopps und Abladestellen verlangen nach einem niedrigen und sicheren Einstieg, das moderne Cockpit bietet die Annehmlichkeiten der Actros-Fernverkehrstrucks. Quelle: Presse

Das bringt die Lkw-Bauer in die Bredouille. Denn die neuen Techniken zur Einhaltung der strengen Euro-6-Abgasnorm ab 2014 „haben technische Lösungen erzwungen, die einer weiteren Absenkung des Kraftstoffverbrauchs entgegenwirken“, sagt Georg Pachta-Reyhofen, Chef des Nutzfahrzeugeherstellers MAN.

Technik zum Energiesparen

Den Herstellern bleibt da nur, den Verbrauch über viele andere Stellschrauben zu senken. Dies sind neue Fahrassistenzsysteme mit dem Fokus auf Spritverbrauch, verbesserte Aerodynamik, die Elektrifizierung und Erdgasantriebe. Die meisten Hersteller setzen darauf, die Energie, die einmal in das Fahrzeug gesteckt wurde, so gut und so lange wie eben möglich zu nutzen. Volvo hat diese Strategie mit dem System I-See umgesetzt. Das funktioniert wie ein Autopilot, indem es an Steigungen und Gefällen das ideale Zusammenspiel von Gas, Bremse und Gangwechsel selbstständig regelt. Dabei nutzt das Fahrzeug den natürlichen Schwung bestmöglich aus.

Im Unterschied zu den Konkurrenzsystemen CCAP von Scania und PPC von Daimler greift Volvo nicht auf Straßenkarten zurück, die im System gespeichert sind. I-See misst während der ersten Fahrt die tatsächlich gefahrenen Kilometer sowie die tatsächlichen Steigungen und Gefälle, speichert die Daten und nutzt sie via GPS-Ortung bei der nächsten Fahrt über die gleiche Strecke. Die Volvo-Entwickler halten es für besser, wenn der Lkw nicht auf Karten angewiesen ist. Das mache das System verlässlicher, da es immer die neuesten Informationen sammele. Volvo verspricht dadurch eine Senkung des Kraftstoffverbrauch um bis zu fünf Prozent. Der Wert stamme von Simulationen sowie Tests auf öffentlichen Straßen.

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