Wölfe breiten sich aus Der Mensch muss sich an den Wolf gewöhnen

Der Wolf breitet sich weiter aus. In Sachsen und Sachsen-Anhalt haben sich im vergangenen Jahr neue Rudel gebildet. Wolfsschützer sind begeistert - Kritiker warnen vor einer unkontrollierten Ausbreitung.

200 Jahre nach Ausrottung der Art wird Deutschland wieder

„Für den Wolf war es sicherlich ein positives Jahr.“ Helene Möslinger vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz muss es wissen - hier laufen alle Informationen über das Vorkommen der streng geschützten Tiere zusammen. Vor gut 13 Jahren tauchte der bis dato in Deutschland als ausgerottet geltende Räuber wieder in der Lausitz auf. Mittlerweile gibt es in der Region östlich von Berlin 15 Wolfsterritorien. Im vergangenen Jahr kamen dort in zwölf Rudeln mindestens 45 Welpen zur Welt.

In Deutschland und Polen unter Schutz gestellt, zog der Wolf mehr oder minder ungehindert wieder in seine früheren angestammten Territorien ein - von der Lausitz in Sachsen und Brandenburg nach Sachsen-Anhalt und vielleicht auch schon nach Thüringen. Wolfsrudel oder -paare gibt es außerdem in Mecklenburg-Vorpommern und in Niedersachsen. „Insgesamt spricht man in Deutschland derzeit von 25 Wolfsrudeln beziehungsweise Paaren. Und dann gibt es noch drei weitere Einzelwölfe“, berichtet Möslinger. Natürliche Feinde hat der Wolf hierzulande nicht - bis auf den Menschen. Die weitere Ausbreitung steht deshalb auch für den Wolfsexperten Heinz Baacke, Vizepräsident des Landesjagdverbandes Sachsen, außer Frage: „Die Wölfe haben keine speziellen Habitatansprüche. Ausreichend Nahrung und Rückzugsräume zur Reproduktion genügen.“ Beschränkungen seien nur im vorhandenen Lebensraum und in der Akzeptanzgrenze der Bevölkerung zu sehen. „Beide nehmen mit der Verbreitung der Wölfe nach Westen hin ab“, stellt Baacke fest.

Dass Wölfe nicht von allen gern gesehen sind, zeigt der Fund eines getöteten Welpen Mitte Dezember in der Lausitz. Unbekannte hatten das Tier mit Schrot geschossen und den Kadaver auf einer Wiese liegenlassen. Tierschützer setzten 10.000 Euro Belohnung zur Ergreifung der Täter aus.

Diese Tiere sind vom Aussterben bedroht
Forscher der dänischen Universität Syddansk haben herausgefunden, dass derzeit weltweit 841 Spezies vom Aussterben bedroht sind. Die Studie, die in " Current Biology" veröffentlicht wurde, zeigt, dass ein Großteil dieser Arten geretttet werden könnte. Die Kosten dafür lägen bei 1,3 Milliarden Dollar pro Jahr, um den Lebensraum der Arten zu schützen beziehungsweise wieder aufzubauen. 15 der gelisteten 841 Arten haben jedoch auch dann keine großen Überlebenschancen, wenn man sofort damit aufhören würde, ihren Lebensraum zu zerstören. Dazu gehört unter anderem der Amsterdam Albatross (Diomedea amsterdamensis), der nur auf der Amsterdam-Insel im südlichen Indischen Ozean brütet. Bei einer Zählung im Jahr 2001 gab es nur noch 130 Tiere dieser Art. Foto: Vincent Legendere
Auch der Wilkinsammerfink (Nesospiza wilkinsi) kommt nur auf einer Inselgruppe vor, nämlich der Tristan da Cunha im südlichen Atlantischen Ozean. Dort findet man den Finken auf der Nightingale Island. Foto: Peter Ryan
Vom Tahiti Monarch (Pomarea nigra), der in französisch Polynesien beheimatet ist, leben noch gut 50 Exemplare. Der rund 15 Zentimeter große, schwarze Vogel lebt im Schirm des Marabaumes. Verschwinden die Bäume in seiner Heimat, verschwindet auch der Vogel. Weitere Vögel, die laut den Forschern schon sehr bald ausgestorben sein werden, sind die Ashlerche (Mirafra ashi) aus Somalia, der Madeira-Sturmvogel (Pterodroma madeira) aus Madeira und der Maskarenensturmvogel (Pseudobulweria aterrima) von der Insel La Réunion. Foto: Ron Hoff
Der Physalaemus soaresi oder Santa Cruz Zwergfrosch gehört wie auch der Campo Grande Baumfrosch (Hypsiboas dulcimer) zu den stark bedrohten Arten Brasiliens. Auch der Zorro Blasennestfrosch (Pseudophilautus zorro) aus Sri Lanka gehört zu den Fröschen, die es schon bald nicht mehr geben wird, weil ihr Lebsnraum verschwindet. Foto: Ivan Sazima
Mit ihnen verschwinden der brasilianische Frosch Perereca Bokermannohyla izecksohni (im Bild), eine türkische Salamandergattung namens Lyciasalamandra billae und den kolumbischen Frosch Allobates juanii. Doch auch Säugetiere stehen auf der Liste der 15 Arten, die es bald nicht mehr geben wird. Darunter ist eine Maus ( Lophuromys eisentrauti) aus Kamerun, eine mexikanische Rattengattung ( Tylomys bullaris) sowie nordamerikanische Flachland-Taschenratten ( Geomys tropicalis). Gerade Vögel, Amphibien und kleine Nager fallen der Urbanisierung zum Opfer. Kommen die Städte, müssen sie weichen. So manches große Tier steht dagegen auch wegen seinem Fell oder seiner Zähne auf der Liste der bedrohten Arten... Foto: Ivan Sazima
Für die vom Aussterben bedrohten Tiger in Indien gibt es eine neue tödliche Gefahr: Mehrere der Großkatzen wurden positiv auf das Staupevirus getestet. Das Virus tritt häufig bei Hunden auf, für andere Fleischfresser ist es nach Expertenangaben tödlich. Im vergangenen Jahr erlagen dem Virus im Norden und Osten Indiens mindestens vier Tiger und mehrere andere Tiere, wie Rajesh Gopal von der nationalen Tigerschutzbehörde sagt. Jeder tote Tiger werde nun auf das Virus getestet, sagt Gopal. Außerdem werde eine groß angelegte Impfkampagne für Hunde erwogen. „Wir können natürlich nicht jeden Hund impfen“, erklärt Gopal. „Aber schon 50 Prozent der Hunde in den Zonen um die Schutzgebiete würden helfen.“ Für Großkatzen gibt es keinen Impfstoff. In Indien lebt mehr als die Hälfte der weltweit schätzungsweise 3200 Tiger. Trotz Dutzender Schutzgebiete schwand ihre Zahl von etwa 5000 bis 7000 in den 90er Jahren, als ihr Lebensraum noch mehr als doppelt so groß war. Die Wilderei, getrieben von der Nachfrage nach Tigerteilen in der traditionellen chinesischen Medizin, stellt eine große Gefahr dar, ebenso wie die Abholzung von Wäldern und das Wachstum von Städten. Dadurch kommen die Großkatzen menschlichen Siedlungen immer näher und geraten in Konflikt mit Dorfbewohnern, die Angriffe auf sich selbst oder ihr Vieh fürchten. Einige Experten halten den Versuch, die Krankheit einzudämmen, angesichts des hohen Bevölkerungsdrucks für sinnlos. Stattdessen sollte sich das Land ihrer Ansicht nach auf bewiesene Gefahren für die Tiger wie die Wilderei konzentrieren. Quelle: dpa
Der World Wildlife Fond (WWF) hat seine Schätzungen, wie viele Tiger heute noch leben, dramatisch nach unten korrigieren müssen. Im Jahr 2000 ging der WWF noch von 5000 bis 6000 Raubkatzen in ganz Asien aus, mittlerweile leben nur noch etwa 3.200 der Großkatzen in freier Wildbahn. 70 Prozent aller Tiger leben in Zoos und Wildparks. Unterarten wie der der Java- oder der Bali-Tiger sind bereits ganz ausgestorben, weiße Tiger gibt es nur noch in Zoos. Gründe für das Verschwinden des Tigers sind neben Trophäenjagd und organisierte Wilderei der Raubbau am Lebensraum der Tiere: Ihr einstiges Verbreitungsgebiet erstreckte sich vom Kaukasus über Indien und China bis nach Sibirien. Um 1900 gab es schätzungsweise noch 100.000 Tiger in ganz Asien. Mittlerweile haben die freilebenden Tiger noch rund 100.000 Quadratkilometer Lebensraum, wenn man alle Gebiete zusammenrechnet. Das entspricht der Fläche der Insel Neufundland vor der kanadischen Nordküste. Quelle: REUTERS

Weiter westlich, bei Meißen, erregte wenig später die angebliche Beteiligung von Wölfen an einem schlimmen Unfall die Gemüter. Eine Herde Pferde war in Panik von der Koppel ausgebrochen und auf eine Bundesstraße gelaufen. Alle neun Tiere verendeten, zwei Menschen wurden schwer verletzt. Mehrere Wölfe hätten die Tiere vermutlich aufgeschreckt, hieß es. Ortsansässige Jäger verlangten in einem Brandbrief ein staatliches Eingreifen. „Wir brauchen klare, funktionierende Regelungen zum Umgang mit dem Wolf und keine weiteren "Gummiparagraphen"“, heißt es darin. Bislang ist kein Rudel in dem Gebiet bekannt.

Möslinger meint, dass sich die Menschen erst an die Rückkehrer gewöhnen müssten. „Das erlebt man immer wieder in Gebieten, wo der Wolf neu auftritt: Da ist die Aufregung einfach groß. Die Leute wissen nicht recht, was bedeutet das jetzt. Kann ich noch in den Wald gehen, kann ich noch Pilze sammeln gehen?“ Natürlich könne man in einer Wolfsregion auch Wölfen begegnen. „Das ist aber selten. Sie gehen den Menschen aus dem Weg. Es gibt auch hier in der Region, in der es seit 13 Jahren Wölfe gibt, durchaus noch Menschen, die noch nie einen gesehen haben.“

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Auch Baacke kann keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit durch den Wolf erkennen. Konflikte in urbanen Räumen seien aber vorprogrammiert. Und darauf sollten sich Politik und Verwaltung einstellen, meint er. Es brauche Antworten. Kaum ein Tier löst so viel Emotionen bei den Menschen aus wie der Wolf. Entsprechend hart verlaufen die Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Wiederansiedlung.

Damit auch das neue Jahr positiv für den Wolf verläuft, wünscht sich Möslinger, dass er in Deutschland am besten ein Teil der Natur wird. „Dass die Bevölkerung einfach auch sieht, dass man damit Leben kann.“ Baacke zitiert Umberto Eco, um die Situation zu beschreiben: „Die Legenden von ehedem übertrieben es mit dem bösen Wolf. Die Legenden von heute übertreiben es mit den guten Wölfen.“ Legenden nützten den Wölfen wenig, bemerkt Baacke - weder die positiven noch die negativen.

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