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Umwelttechnik Müll als Rohstoffquelle

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Schatzsuche im Müll

Doch auch bei anderen Abfallstoffen klingelt inzwischen die Kasse. Interesse haben die professionellen Schatzgräber vor allem an Metallen aller Art, die in vielen Müllverbrennungsanlagen aussortiert werden, ehe der stinkende Abfall im Ofen landet. Vor allem bei größeren Teilen wie Dunstabzugshauben, Fernsehern und Computern hat es die Branche leichter, weil diese meist getrennt gesammelt werden. Weltweit fallen jährlich rund 50 Millionen Tonnen an – das ist das Fassungsvermögen von mehr als einer Million schwerer Lastzüge. In Deutschland sind es jedes Jahr 1,8 Millionen Tonnen.

Elektroschrott enthält winzige Mengen an Gold, Palladium, Silber, Aluminium, Wismut, Blei oder Kupfer. Trotzdem werde in Europa bestenfalls ein Fünftel des anfallenden Schrotts gesammelt, ergab eine Studie der United Nations University (UNU) in Tokio. Um die Quote zu verbessern, hat sie unter dem Motto „Solving the E-Waste Problem“ (StEP) eine Initiative zur Verbesserung des Elektroschrott-Recyclings angestoßen. „Die internationale StEP-Partnerschaft setzt sich dafür ein, diese zunehmend wertvollen Ressourcen wiederzuverwerten und zu verhindern, dass sie die Umwelt verschmutzen“, erläutert UNU-Forscher Rüdiger Kühr.

Neben den Edelmetallen interessieren die Sammler auch seltene Elemente, die bei der Herstellung elektronischer Bauteile eine immer wichtigere Rolle spielen. Beispielsweise Indium, ein Nebenprodukt des Zinkabbaus, das jährlich in mehr als einer Milliarde Elektroprodukten wie Flachbildschirmen und Handys verwendet wird.

Weil die Indiumvorräte langsam zur Neige gehen, ist der Preis in den letzten fünf Jahren am Weltmarkt um das Sechsfache gestiegen – inzwischen ist das weiche, leicht formbare Schwermetall, das in geringen Mengen bei der Aufbereitung von Zink- oder Cadmium-Erzen gewonnen wird, teurer als Silber. Der Preis für das noch seltenere Ruthenium, verwendet in Festplattenlaufwerken und elektrischen Widerständen, ist sogar um das Siebenfache gestiegen – in einem einzigen Jahr.

Nach dem Motto „Abfall – Rohstoff von morgen“ bereiten sich die Japaner auf die Zukunft vor und kaufen systematisch Elektroschrott auf. In den nächsten Jahren wollen sie neue Techniken entwickeln, um die Wertstoffe kostengünstig herauszulösen und sie in 20 oder 30 Jahren industriell zu nutzen. Armin Rockholz vom deutschen Industrie- und Handelskammertag sieht das mit Sorge: „Wir müssen den Müll in Europa behalten, sonst fehlen uns bald wertvolle Rohstoffe.“

„Der teilweise massive Preisanstieg führt uns vor Augen, dass unsere Versorgung mit seltenen Elementen nicht auf ewig sichergestellt ist. Wir brauchen gut funktionierende Recyclingverfahren“, warnt UNU-Forscher Kühr. Dazu gehört das sogenannte Haloclean-Verfahren, das am Forschungszentrum Karlsruhe entwickelt wurde. Komplette Platinen werden hier unter Luftabschluss erhitzt. Dabei entstehen ein brennbares Öl und ein Gas, aus dem sich beispielsweise wertvolle Halogene wie Brom gewinnen lassen. Andere Wertstoffe wie Gold, Palladium, Blei und Zink bleiben als Festkörper zurück und können bequem aussortiert und in Scheideanstalten getrennt werden.

Selbst Altdeponien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren gelten inzwischen als Rohstoffquelle, wie etwa die 85 Hektar große Müllkippe Wicker der Rhein-Main- Deponie zwischen Frankfurt und Wies-baden. Von den elf Millionen Tonnen Abfall, die dort zwischen 1968 und 1998 deponiert wurden, werden nun im Rahmen einer Sanierungsmaßnahme jährlich bis zu drei Millionen Tonnen auf Wertstoffe hin untersucht und zu etwa 85 Prozent wieder verwertet, vor allem im Straßenbau.

Sogar Altpapier gilt in Deutschland mittlerweile als rare Ressource: 2007 lag der Verbrauch bei 15,75 Millionen Tonnen – eine halbe Million Tonnen mehr als im Vorjahr. Dazu kommt der wachsende Bedarf vor allem in China. Dort lassen sich besonders hohe Preise erzielen.

Dagegen ist die eingesammelte Menge alter Zeitungen, Zeitschriften, Prospekte und Akten kaum gestiegen. Mancherorts ist darüber ein regelrechter Altpapierkrieg ausgebrochen. Viele Bürger kriegen von mehreren Entsorgern blaue Tonnen vor die Haustür gesetzt. In Düsseldorf wollen private Händler das Papier wieder selbst einsammeln. Der Kreis Mettmann, der bis 2004 noch für die Entsorgung von Papierabfällen zahlen musste, macht damit selbst inzwischen gute Geschäfte – bis zu 80 Euro zahlt die Papierindustrie für die Tonne Altmaterial. „Bei manchen Reststoffsorten konnten wir unsere Erlöse innerhalb von zwei Jahren um 100 bis 200 Prozent steigern“, sagt der Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft, Peter Hoffmeyer.

„Irgendwann wird sich die Abfallwirtschaft selbst tragen“, prophezeit der Kasseler Abfallprofessor Wiemer. Dann muss der Bürger keinen Pfennig mehr für die Entsorgung bezahlen. Vielleicht verteilen die Müllmänner eines Tages sogar Bares, wenn sie die grauen, gelben, blauen, nassen oder trockenen Wundertüten entleeren dürfen.

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