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Valley Talk

Hüllenlos im Netz

Matthias Hohensee Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Matthias Hohensee Korrespondent (Silicon Valley)

Facebooks neue Lebenszeitleiste ist wie eine Sauna – nur ohne Nacktbilder und enthüllende Tatsachen.

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Matthias Hohensee: Wird das Geld für neue Ideen und Produkte knapp? Quelle: Gabor Ekecs für WirtschaftsWoche

Es passierte einer Bekannten bei einem Hotelaufenthalt in Atlanta. Sie saß nackt und allein in der Hotelsauna, als eine Schulklasse männlicher Teenager hineinstürmte und ihr mit weit aufgerissenen Augen Gesellschaft leistete. Natürlich alle züchtig mit Badehose bekleidet – so wie es sich in Amerika gehört. Sie riskierte nur deshalb keine Anzeige, weil sich der Hotelmanager nicht vorstellen konnte, dass eine junge Frau wirklich eine Schulklasse belästigen wollte. Obwohl er nicht glauben wollte, dass man in Deutschland tatsächlich nackt in der Sauna sitzt. Typisch Amerika!

Für Jeff Jarvis ist es hingegen ein Beleg, wie sonderlich die Deutschen sind. In seinem jüngsten Buch „Public Parts“ beschreibt der New Yorker Medienprofessor unter anderen den in seinen Augen typisch deutschen Widerstand gegen das Eindringen von Internet-Diensten in private Lebensbereiche. Auf der einen Seite, wundert sich der populäre Blogger, präsentieren die Deutschen sogar in der gemischten Sauna ohne Scham ihre ganz privaten Körperteile, private parts, wie die in den USA heißen. Andererseits kämpfen sie für das Verpixeln ihrer Häuser in Googles Kartenservice.

Altmodisch und rückschrittlich

Was er unterschlägt: Keiner wird gezwungen, in eine Sauna zu gehen. Google dagegen späht ganz selbstverständlich, ohne zu fragen per Satellit in den Garten und knipst das Haus. Doch wer sich dagegen wehrt, gilt in den USA als so altmodisch und rückschrittlich wie einer, der sich in Deutschland mit Badehose in die Sauna setzt.

Nun flammt der deutsch-amerikanische Kulturkonflikt mit Facebooks frisch präsentiertem Dienst Timeline wieder auf. In der Zeitleiste sollen Facebook-Nutzer ihr Leben präsentieren, von der Wiege bis kurz vor der Bahre, vom Babybild bis zur Heirat und der (möglichen) Scheidung, garniert mit Vorlieben für Literatur, Küche und Autos.

Im Netzwerk eingebrannt

Im Gegensatz zur deutschen Sauna wird nicht alles offengelegt. Nacktbilder sind nicht erlaubt und wirklich enthüllende Tatsachen auch kaum zu erwarten. Jeder Nutzer kann sie – wenn auch zeitraubend – per Klick filtern, ganz so, wie er sein Leben Freunden und Bekannten präsentieren will.

Im Rückblick peinlich scheinende Momente bleiben trotzdem in Facebooks Datenzentren eingebrannt. Das Netzwerk weiß noch besser als schon jetzt über seine 800 Millionen Nutzer Bescheid, bis hin zu deren aktuellen Gefühlslage. Und für seine Anzeigenkunden ist es das Eldorado. Denn die können finanzstarke Konsumenten so noch besser von Habenichtsen unterscheide – eine neue Form der digital divide.

Timeline wird das neue Gesicht von Facebook. Wer es nicht mag, sagt Technikchef Brad Taylor, wird aufs Nebengleis abgeschoben. Damit sein Team „moderne Software“ schreiben und Facebook weiterentwickeln könne. Das klingt, als wäre die Bereitschaft, sein Leben im Netz zu offenbaren, eine Wahl zwischen dem hoffnungslos veralteten Windows 95 und dem kommenden Windows 8.

Nun muss niemand Facebook-Mitglied werden. Aber der soziale Druck, sich digital zu repräsentieren, ist immens. Künftig wird es noch mehr Zeit kosten, sein sozial akzeptiertes Leben zu zimmern, digital zumindest. So wie heute Unternehmen Experten für das Befüllen von Facebook anheuern, werden künftig auch Privatnutzer diese Dienste nutzen, um ihre ganz persönliche Marke aufzupolieren.

Kein Widerstand erwartet

Trotz aller Kritik setzt sich Timeline wohl durch. In Amerika jedenfalls ist kein Widerstand zu erwarten. Da gerade der Präsidentschaftswahlkampf anläuft, wird sich kein US-Politiker mit dem populären Netzwerk anlegen. Gefahr dürfte Facebook allenfalls von Newcomern drohen. Die, immerhin, könnte es geben. Denn das größte Risiko für das soziale Netzwerks ist, dass eine Gegenbewegung entsteht.

Vielleicht gar aus Europa. Eine Online-Opposition, die sich nicht ums Geldverdienen schert und deshalb erfolgreich ist. Genau wie Mark Zuckerberg vor sieben Jahren – bis er seine Nutzer vermarkten musste, um den Gratis-Dienst zu finanzieren.

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